Der Tag ist symbolträchtig, und deshalb war er auch gewählt worden: Am 1. September 2009, dem 70. Jahrestag des Überfalls der Deutschen Wehrmacht auf Polen, wurde von der Stadt Köln ein Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz eingeweiht. Eine Woche später rehabilitierte der Deutsche Bundestag mit den »Kriegsverrätern« endlich auch die letzte Gruppe der ehemaligen Wehrmachtsoldaten, die sich dem Krieg verweigert hatten und deshalb in der Bundesrepublik jahrzehntelang als »Feiglinge« und »Verräter« diskriminiert worden waren.
Die Denkmalsetzung in Köln war mit einer mehr als dreijährigen Recherche- und Diskussionsphase, drei Ratsbeschlüssen und einem internationalen Kunstwettbewerb vorbereitet worden. Damit gelang, was in anderen Städten so noch nicht funktioniert hat: In zentraler Lage erinnert nun ein ungewöhnliches Kunstwerk an die lange missachtete und auch heute noch in Teilen der Bevölkerung ungeliebte Opfergruppe.
Der Bericht schildert den Prozess der Vorbereitung des Denkmals, gibt einen Überblick über die anderen Deserteur-Denkmale in der Bundesrepublik und würdigt das von Ruedi Baur geschaffene Kunstwerk.
Seit 1996 findet regelmäßig am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, in der Kölner Antoniterkirche eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes statt. Diese Veranstaltung geht auf die Initiative einzelner Bürgerinnen und Bürger zurück. Sie wird inzwischen von einem breiten Bündnis verschiedener Gruppen, Parteien und Organisationen getragen, die sich trotz unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Ansichten einig sind im Gedenken an die NS-Opfer. Die Veranstaltung gedenkt aller Opfer, stellt aber in jedem Jahr eine Opfergruppe in den Mittelpunkt und informiert über die Verfolgungsgeschichte durch die Lesung aus persönlichen und offiziellen Textquellen, mit Bildpräsentationen und, sofern möglich, auch mit Berichten von Überlebenden.
Im Jahr 2006 standen die Opfer der NS-Militärjustiz im Mittelpunkt des Gedenkens. Zwei Biographien von Kölner Deserteuren konnten auf dieser Veranstaltung vorgestellt werden, außerdem einige wenige Fakten, die etwa über die zentrale Hinrichtungsstätte im Kölner Gefängnis Klingelpütz recherchiert worden waren. Ludwig Baumann, der selbst als Deserteur zum Tode verurteilt worden war und zehn Monate in der Zelle auf seine Hinrichtung wartete, bis er erfuhr, dass er begnadigt worden war, beeindruckte besonders. Er schilderte auch, wie er nach 1945 unter der Diskriminierung gelitten hatte und wie er als Vorsitzender der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz um die Rehabilitierung dieser Opfergruppe kämpfte.
Den Wunsch, für diese Opfergruppe einen Erinnerungsort zu schaffen, griff die PDS-Fraktion im Kölner Stadtrat auf. Ein von ihr eingereichter Ratsbeschluss fand am 28. September 2006 mit den Stimmen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen eine Mehrheit. Der Rat beschloss, für »Deserteure, ›Wehrkraftzersetzer‹ und Kriegsdienstverweigerer der Nazi-Herrschaft« ein Denkmal zu errichten. Der Standort, so heißt es in dem Beschluss, soll sich in die »bisherigen Gedenkstätten für die Opfer der Naziherrschaft« eingliedern. Die Art des Denkmals sollte mit betroffenen Organisationen und Personen besprochen werden, wobei sowohl eine einfache Gedenktafel als auch eine anspruchsvollere künstlerische Umsetzung als möglich angesehen wurde. Der Rat stellte für das Denkmal einen Betrag von 50.000 Euro zur Verfügung, appellierte aber auch dafür, zusätzlich Spenden einzuwerben.
Das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln wurde als Teil der städtischen Verwaltung mit der Umsetzung des Ratsbeschlusses beauftragt. Es lud daraufhin alle am Gedenktag beteiligten Initiativen, Parteien und Einzelpersonen dazu ein, an der Entwicklung von Vorschlägen für dieses Denkmal teilzunehmen. Aus diesem Kreis bildete sich eine dem Verein EL-DE-Haus e.V. (Förderverein des NS-Dokumentationszentrums) angeschlossene »Projektgruppe ›Kriegsgegner/innen als Opfer der NS-Militärjustiz in Köln‹«. Diese Projektgruppe traf sich fortan regelmäßig im NS-Dokumentationszentrum und bereitete alle Schritte des Verfahrens mit vor. Drei Jahre lang blieb ein »harter Kern« von fünf Personen aktiv bei der Sache: Malle Bensch-Humbach, Elvira Högemann, Willi Hölzel, Jochen Kaufmann und Anne Schulz.
Drei Fragen waren zu klären, bevor dem Rat der Stadt ein Vorschlag für ein Denkmal unterbreitet werden konnte. Erstens: Was lässt sich über Kölner Deserteure sagen? Zweitens: Wo gibt es vergleichbare Denkmale in Deutschland und wie sehen die aus? Und schließlich drittens: Was wäre ein angemessener Standort?
Im NS-Dokumentationszentrum waren zu Beginn des Projektes nur bruchstückhafte Informationen zu einzelnen Opfern der NS-Militärjustiz vorhanden. Die Projektgruppe recherchierte daher über einen längeren Zeitraum in den Akten des Bundesarchivs/Militärarchiv in Freiburg. Auf diese Weise fanden sich Hinweise auf über 100 gebürtige Kölner, die auf verschiedene Arten versucht hatten, sich dem Krieg zu entziehen. Für viele ließ sich jedoch anhand der Akten nicht klären, ob der »Fall« zu Kriegszeiten überhaupt noch abgeschlossen worden war. Einer realistischen Quantifizierung der Fälle stand auch das Problem im Wege, dass Kölner Soldaten, wie einige Zufallsfunde zeigten, an vielen verschiedenen Orten der Fronten hingerichtet worden waren, und dass solche Fälle nicht systematisch zu recherchieren waren. Hinzu kam die Frage, an wen das Denkmal erinnern sollte. Natürlich auch an die Soldaten, die im Kölner Gefängnis Klingelpütz hingerichtet worden waren, denn dies war die zentrale Hinrichtungsstätte der Wehrmacht im Rheinland. Die meisten dieser Opfer waren aber keine Kölner. Umgekehrt stellte sich die Frage, ab wann jemand als »Kölner« zu bezeichnen ist. Da viele Akten nur über die Geburtsorte zu recherchieren waren, entgingen die Fälle, bei denen von anderswo nach Köln zugezogene Männer betroffen waren.
Anhand der Akten wurde, zum Teil zur Überraschung der Recherchierenden, auch deutlich, dass das heroische Bild vom Deserteur, der aus politischen Gründen von der Fahne geht, nicht zutreffend ist. Die Projektgruppe fasste ihre Befunde so zusammen: »Das Bild des Deserteurs nimmt beim Studium der Akten immer mehr Konturen an. Es zeigt einen Menschen, der sich nicht mehr instrumentalisieren lassen will, der leben statt sterben will, der alles andere als feige ist, sondern begriffen hat, dass ihm nicht das Vaterland, für das er sterben soll, nahe steht, sondern die Menschen, die er liebt. Es zeigt einen Menschen, der in der Bevölkerung des Feindeslandes sich selbst erkennt, ein Mensch, der seinen ganzen Mut und seine Fähigkeiten dafür einsetzt, um zu überleben.«
Nach der Aktenrecherche wurde sehr intensiv darüber diskutiert, für wen das Denkmal errichtet werden soll. Der nationalsozialistische Krieg war ein »totaler Krieg«; er bezog die »Heimatfront« vollständig in die Kriegführung mit ein. Infolgedessen urteilten auch Zivilgerichte und Sondergerichte gegen Zivilistinnen und Zivilisten nach einem Kriegsstrafrecht, das selbst kleinste Delikte mit der Todesstrafe ahnden konnte. Das Denkmal sollte auch der zivilen Kriegsgegnerinnen und –gegern gedenken, jenen Männern und Frauen, die aus der »Heimatfront« ausscherten, weil sie diesen Krieg ablehnten oder nicht mehr unterstützen wollten, und dadurch Opfer der NS-Unrechtsjustiz wurden.
Aus allen diesen Überlegungen heraus wurde der Widmungstext entworfen, der für die Denkmalsfindung eine inhaltliche Basis darstellte: Wir gedenken der Menschen, die sich dem nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieg verweigert und widersetzt haben. Als Deserteure, »Wehrkraftzersetzer«, Kriegsdienstverweigerer oder »Kriegsverräter« in der Wehrmacht oder als zivile Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner scherten sie aus Front und Heimatfront aus. Allein 30.000 Soldaten und Zivilisten wurden von der NS-Militärjustiz zum Tode verurteilt, 20.000 davon hingerichtet. Ihr Mut verdient unseren Respekt.
Parallel zu den Aktenrecherchen wurde eine Bestandsaufnahme von Denkmalen für diese Opfergruppe in der Bundesrepublik erarbeitet. Sie ist – wie auch der ausführliche Bericht der Projektgruppe und weitere Informationen zum Denkmalsprojekt – auf der Internetseite des NS-Dokumentationszentrums (www.nsdok.de) unter »Projekte« (Deserteurdenkmal) zu finden. Es wurden Informationen zu den in Berlin-Charlottenburg, Bernau, Braunschweig, Bremen-Vegesack, Erfurt, Göttingen, Hannover, Karlsruhe, Kassel, Lehrte-Sievershausen, Mannheim, Marburg, Potsdam, Stuttgart und Ulm vorhandenen Denkmalen zusammengetragen.
Die meisten dieser Denkmale entstanden aufgrund des Engagements von Einzelnen oder Gruppen aus der Friedensbewegung. Sie wurden oft erst nach jahrelangen und erbitterten Debatten gegen starke Widerstände innerhalb der Lokalpolitik durchgesetzt – oder noch nicht einmal das. Viele stehen weiterhin im Abseits: Sie befinden sich lediglich auf kirchlichem oder privatem Grund, weil die Kommune eine Aufstellung ablehnt. Damit bleibt ihnen der Weg in den offiziellen städtischen Erinnerungsraum verschlossen. Hinzu kommt eine oft eher laienhafte künstlerische Umsetzung, die auf Plakativität und Figürlichkeit setzt. Allein das Denkmal in Berlin-Charlottenburg, 2002 von der Künstlerin Patricia Pisani an der ehemaligen Wehrmachterschießungsstätte Ruhleben realisiert, ging aus einem Künstlerwettbewerb hervor.
Mit der Festlegung eines Standortes werden bereits wichtige Grundlagen für das spätere Denkmal geschaffen. Deshalb wurde sich dieser Frage besonders intensiv zugewandt. Mehrere mögliche Standorte, die als authentische Orte (Tatorte) gelten können oder einen historischen Bezug zu Justiz und Militär aufweisen, wurden besichtigt. Alle Orte wurden fotografiert und einzeln in ihren Vor- und Nachteilen gewürdigt. Allzu abgelegene Standorte (etwa ein ehemaliger Schießplatz im rechtsrheinischen Köln) oder Orte, die nur einen kleinen Ausschnitt zum Thema ansprechen, etwa weil sie nur zeitweilig und eher zufällig Sitz einer Teilstreitkraft waren, oder weil sie sich »nur« auf die desertierten und widerständigen Soldaten und nicht auf Zivilisten und Zivilistinnen beziehen ließen, wurden als nicht hinreichend bewertet. Auch ein Standort vor einer der heutigen Kasernen wurde verworfen, weil das Thema als eine Angelegenheit für die gesamte Gesellschaft verstanden wurde.
Der Klingelpütz galt zunächst als der Standort, der sich aus historischer Sicht am ehesten aufdrängte. Doch die Besichtigung ergab, dass die dort bereits bestehenden Denkmale dem entgegenstehen: Das neue und die alten Denkmale würden sich gegenseitig »entwerten«. Auch wurden im Klingelpütz viele andere Opfergruppen gequält und ermordet, so dass eine Heraushebung einer einzelnen Opfergruppe als nicht angemessen erschien. Als bester Standort erwies sich der Platz, der zuletzt besichtigt worden war: Das Justizgebäude am Appellhofplatz. Hier war während der NS-Zeit der Sitz des Sondergerichtes, vor dem Zivilisten, die sich während des Krieges in den Augen des Regimes verweigerten, verurteilt wurden. Am Appellhofplatz befindet sich außerdem das EL-DE-Haus, in dem die Gestapo unter anderem Menschen inhaftierte und folterte, die sich dem Krieg verweigerten – etwa, indem sie Parolen gegen den Krieg an Häuserwände malten oder Deserteure versteckten. Und dort liegt auch das Stadtmuseum, in dem die Kölner Stadtgeschichte präsentiert wird. Außerdem gibt es eine Sichtachse zum Dom – prominenter kann ein Standort in Köln nicht sein.
Alle diese Vorarbeiten – die historischen Recherchen, die Übersicht über die Denkmale und die Suche nach einem möglichen Standort – wurden im Jahr 2007 mehrfach der Öffentlichkeit vorgestellt, unter anderem im Rahmen des Begleitprogramms zu der Ausstellung »Was damals recht war …« Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten der Wehrmacht. Die von der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas übernommene Wanderausstellung konnte das NS-Dokumentationszentrum vom 11. August bis zum 21. Oktober 2007 als erste Station nach Berlin zeigen. Der Durchbruch kam schließlich mit der Einbeziehung des Kunstbeirates der Stadt Köln und seiner Vorsitzenden Barbara Hess in die vorbereitenden Diskussionen. Der Kunstbeirat sprach sich nach Würdigung der vorliegenden Recherchen einhellig dafür aus, ein anspruchsvolles Kunstwerk als Denkmal an dem zentral gelegenen Standort Appellhofplatz anzustreben, und regte an, den Betrag, der für das Denkmal vorgesehen war, erheblich aufzustocken, um dies zu ermöglichen.
Im Sommer 2008 bereitete eine vom NS-Dokumentationszentrum geleitete Arbeitsgruppe mit Vertretungen aus dem Kunstbeirat, dem Stadtplanungsamt, dem Kulturdezernat und der Projektgruppe den zweiten Ratsbeschluss vor, in dem erstens über den Standort, zweitens über die Ausrichtung eines Einladungswettbewerbes nebst den Auslobungsunterlagen und drittens über eine Aufstockung des Budgets für das Denkmal auf 133 000 Euro entschieden werden sollte. Nach der Bezirksvertretung Innenstadt und dem Kulturausschuss legte dann der Rat der Stadt Köln am 13. November 2008 die Grundlagen für den Wettbewerb. Die Beteiligung der Projektgruppe erwies sich auch in dieser Phase als wichtig, weil sie zusagte, sich an dem Denkmal durch eine Spendensammlung zu beteiligen und mindestens 10 000 Euro aufbringen wollte. Sie setzte sich außerdem dafür ein, dass fünf nicht etablierte Künstler/innen eingeladen werden, also Künstler/innen, deren Examen noch nicht länger als fünf Jahre her war.
Die Auswahljury, bestehend aus Katia Baudin-Reneau (stell. Direktorin im Museum Ludwig), Barbara Hess (Vorsitzende des Kunstbeirates der Stadt Köln), Willi Hölzel (Projektgruppe), Anja Nathan-Dorn (stellv. Direktorin im Kölnischen Kunstverein) und Karola Fings (NS-Dok) begann unmittelbar nach dem Ratsbeschluss mit ihrer Arbeit. Es wurden 14 Künstler und Künstlerinnen eingeladen, 13 von ihnen gaben schließlich Arbeiten ab: Ruedi Baur (Zürich), Theo Boettger (Berlin), Bogomir Ecker (Düsseldorf), Kerstin Ergenzinger (Köln), Horst Hoheisel/Andreas Knitz (Ravensburg/Kassel), Philipp Lachenmann (Köln/Los Angeles), Manuela Leinhoß (Köln), Lada Nakonechna (Kiew), Bojan Šarčevič (Berlin/Paris), Julia Scher (Köln/New York), Gregor Schneider (Mönchengladbach-Rheydt), Rosemarie Trockel (Köln) und Luca Vitone (Mailand).
Es muss betont werden, dass weder das zu erwartende Honorar noch die zeitlichen Rahmenbedingungen für die beteiligten Künstler und Künstlerinnen besonders attraktiv waren. Sie nahmen, so lässt sich aus den Rückmeldungen schließen, vor allem deshalb teil, weil ihnen das Thema am Herzen lag und die Schwierigkeit der Fragestellung sie reizte. Am 23. Januar 2009 fanden das Preisrichter- und das Rückfragenkolloquium statt, und bereits am 24. April 2009 entschied die Jury über die eingereichten Arbeiten.
Der Jury gehörten an: Dr. Stefanie Endlich (Vorsitzende, Universität der Künste, Berlin) und Prof. Marcel Odenbach (stellv. Vorsitzender, Kunsthochschule für Medien, Köln), Ludwig Baumann (Vorsitzender der »Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz«, Bremen), Friederieke van Duiven (Künstlerin, Köln), Prof. Dr. Ulrich Krempel (Sprengel Museum Hannover), Manfred Osthaus (Staatsrat i.R., Bremen), Prof. Dr. Stefan Römer (Kunstakademie München), Prof. Kasper König (Ludwig Museum Köln), Dr. Werner Jung (Direktor des NS-Dokumentationszentrums), Anne Luise Müller (Leiterin des Stadtplanungsamtes), Carola Blum (CDU-Fraktion), Monika Möller (SPD-Fraktion), Dr. Astrid Reimers (Fraktion Bündnis 90/Die Grünen) und Lorenz Deutsch (FDP-Fraktion).
Die Jury unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Stefanie Endlich empfahl in ihrer Sitzung am 24. April 2009 nach intensiver Diskussion einstimmig die Realisierung des Entwurfes, den der Künstler und Grafikdesigner Ruedi Baur (Zürich/Paris) in Zusammenarbeit mit Denis Coueignoux eingereicht hatte: »Eine Pergola als Denkmal«. Baur und Coueignoux hatten die schwierige Aufgabe überzeugend und souverän gelöst. Sie schrieben in ihrem Erläuterungsbericht: »Es geht darum, die kleinen und großen Akte der Zivilcourage positiv zu symbolisieren und die tausende von Todesurteilen und Diskriminierungen, die solchen Haltungen folgten, in Erinnerung zu bringen. Meistens individuell, häufig aus der Situation heraus, nicht selten intim und leise zeigte sich diese Courage in Handlungen des Alltags. Das Denkmal sollte dieser Diskretion und Natürlichkeit entsprechen…«.
Das Kunstwerk wird im Stadtraum zunächst als Pergola wahrgenommen, die sich, leicht schräg auf dem Platz positioniert, bis zum U-Bahn-Eingang erstreckt. Das Dach der Pergola wird durch eine Sequenz von farbigen Aluminiumlettern gebildet, die einen als Hommage formulierten Text ergibt. Dieser »Kettentext« verweist auch auf die Kettenreaktion unserer Gesellschaft: »Die Zivilcourage beginnt ganz klein und kann zu heroischen Akten führen«, schreiben die Verfasser in ihrem Erläuterungstext. »Das eine greift in das andere, verwebt sich zu einem neuen Horizont…«.
Die Jury schrieb in ihrer Empfehlung: »Die Jury ist von der klaren und souveränen Formensprache des Entwurfs beeindruckt und von dem Widmungstext berührt. Die ›Pergola‹ besetzt nicht den für das Denkmal vorgesehenen Platz, sie vereinnahmt und überformt ihn nicht, sondern schafft einen imaginären Erinnerungsraum, der vielfältige Gedanken und Assoziationen zulässt. Der Text hat den Charakter einer poetischen Hommage der heutigen Generation an die Menschen, die sich damals verweigert und Mut gezeigt hatten und dafür verurteilt und hingerichtet wurden oder Schlimmes erlitten, auch noch nach Kriegsende, bis in die Gegenwart.
Die künstlerische Handschrift ist zeitgemäß und löst sich von traditionellen Mahnmalsformen und Symbolismen. Leichtigkeit und Farbigkeit der Lettern drücken Hoffnung aus und weisen in die Zukunft. Das Denkmal macht keinen düsteren, erschreckenden Eindruck, sondern erleichtert die Annäherung auch für Menschen, denen das Thema fremd ist. Es drängt die Besucher nicht, sich vor einer Inschrift im Boden zu verneigen, sondern richtet den Blick nach oben, in den Himmel, und gibt Anstoß zu individueller Reflexion.
Die Jury ist froh, dass mit diesem Entwurf ein dem schwierigen Thema angemessenes Denkmal realisiert werden kann. Sie formuliert zugleich die Hoffnung, dass möglichst bald auch die letzten Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz rehabilitiert werden.«
Am 30. Juni 2009 verabschiedete der Rat der Stadt Köln seinen dritten Beschluss zum Denkmal, indem er die Realisierungsempfehlung der Jury annahm. Weitere positive Unterstützung für das Denkmal wäre unbedingt zu nennen, etwa die Tatsache, dass das Baudezernat den Platz für das Denkmal aus eigenen Mitteln mit einer neuen Plattenumlage versehen hat, oder dass der Präsident des Verwaltungsgerichts auf Parkplätze an seinem Gebäude verzichtet, damit ein angemessenes Umfeld geschaffen werden kann. Sowie das Bürgerfest, das die Projektgruppe zur Einweihung initiierte und an dem sich viele Kölner Künstlerinnen und Künstler ehrenamtlich beteiligten. Alles dies war nur dank eines langen Vorlaufs möglich, bei dem viele Akteurinnen und Akteure aus Politik, Verwaltung und Bürgerschaft Gelegenheit hatten, das Projekt kennenzulernen und sich aktiv in die Gestaltung einzubringen. Ohne diese positive und breite Unterstützung hätte der Zeitplan sicher nicht eingehalten und manche Schwierigkeit nicht aus dem Weg geräumt werden können. Hinzu kam das hohe Engagement des Künstlers Ruedi Baur nebst Team (Denis Coueignoux, Verena Kockot, Karim Sabano) sowie den an der Ausführung beteiligten Firmen, insbesondere AN-Lux (Petr Nevyhoštěný) aus Tschechien.
Am 1. September 2009 konnte das Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz in Köln mit mehr als 800 Gästen von der Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes und Ludwig Baumann eingeweiht werden. Für Ludwig Baumann, der seit 2006 den Fortgang des Projektes verfolgte, ging mit dem Kölner Denkmal »ein langer Traum in Erfüllung«. Dr. Werner Jung, der Direktor des NS-Dokumentationszentrums, betonte bei der Einweihung, dass Ruedi Baurs Kunstwerk ein »Denkmal von nationalem Rang mit einer bundesweiten Ausstrahlung« sei. Schon allein der zentrale Standort signalisiere, dass diese Opfergruppe aus den Randzonen der Erinnerung in die Mitte des Gedächtnisses der Stadt gerückt werde. Die Formensprache des Denkmals zeuge nicht von Betroffenheitsästhetik, sondern sei offen für eine persönliche Aneignung.
Das Denkmal wird, so lässt sich bereits jetzt sagen, sehr gut angenommen. Jeden Tag – vom NS-Dokumentationszentrum aus ist dies gut zu sehen – bleiben viele Menschen unter der Pergola stehen, schauen in die bunten Buchstaben in den Himmel und verfangen sich mit ihren Gedanken in dem Kettentext.
Eine ausführlichere Dokumentation inklusive der Entwürfe aller beteiligter Künstlerinnen und Künstler ist in Vorbereitung. Eine Fotoreportage zur Einweihung des Denkmals ist auf der Internetseite der Arbeiterfotografie Köln zu sehen.
Dr. Karola Fings ist stellvertretende Direktorin im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und war in dieser Funktion mit der Umsetzung des Denkmalsprojektes betraut.