Geschichtsort Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager

07/2022Gedenkstättenrundbrief 206, S. 22-32
Thomas Altmeyer und Gottfried Kößler

Die Adlerwerke waren ein Traditionsunternehmen in Frankfurt am Main.[1] Etwa 120 Jahre lang prägte die Fabrik das Leben und Arbeiten im Frankfurter Stadtteil Gallus. Gegründet im Jahre 1880 als Heinrich Kleyer GmbH (später AG), schrieb die Firma Industriegeschichte: die ersten deutschen Niederfahrräder mit Luftreifen kamen aus Frankfurt am Main. Auch die ersten Schreibmaschinen in Deutschland wurden hier produziert. Mit Motorrädern und Automobilen vergrößerte sich die Bedeutung und die Produktpalette dieses Unternehmens. 1914 kamen 20 Prozent der im Deutschen Reich zugelassenen zivilen Pkws aus der burgähnlichen Fabrik zwischen dem Frankfurter Haupt- und Güterbahnhof. In den 1930er-Jahren stritten die Adlerwerke mit der Daimler-Benz AG um den dritten Platz beim PKW-Verkauf im Deutschen Reich. Das Firmenlogo wurde vom ehemaligen Direktor des Bauhauses, Walter Gropius, neu kreiert. Auch Adler-Fahrzeuge wurden von Gropius entworfen.

Die Adlerwerke waren ein wichtiger Arbeitgeber in Frankfurt. In den 1920er-Jahren beschäftigten sie 10 000 Menschen. Die Belegschaft war klassenbewusst und politisch links organisiert. Der Stadtteil war Standort einer der ersten Konsumgenossenschaften im Deutschen Reich. Nach einem Arbeitsplatzabbau in Folge der Wirtschaftskrise profitierte die Firma von der NS-Wirtschaftspolitik und konnte 1938 wieder insgesamt etwa 7500 Menschen beschäftigten. In Frankfurt waren es etwa 4500, der Rest in den 13 Zweigniederlassungen.

Zu dieser Erfolgsgeschichte gehörte bereits im Ersten Weltkrieg die Beteiligung an der Rüstungsproduktion und die Ausbeutung von Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte. Im Zug der Aufrüstung nach 1933 und erst recht im Zweiten Weltkrieg wurden Fahrzeuge für die Wehrmacht produziert. Die Adler-Produkte fanden wie andere Rüstungsgüter Verwendung an den zahlreichen Fronten in Europa.

Ab 1938 erweiterten die Adlerwerke ihr Fabrikgelände. Dabei profitierten sie von der Vertreibung der als Juden Verfolgten aus dem Deutschen Reich. Sie übernahmen die Grundstücke, die sich zwischen zwei Produktionsstandorten in der Kleyerstraße befanden, von vier jüdischen Unternehmern. Die Aktionäre der Adlerwerke waren also direkte Nutznießer der »Arisierungspolitik« des NS-Staates.

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Adlerwerke eng in die Rüstungswirtschaft der NS-Diktatur eingebunden. Sie produzierten vor allem Halbkettenfahrzeuge, Motoren und Fahrzeugteile für die Wehrmacht. Als durch den Krieg der Mangel an Arbeitskräften immer problematischer wurde, versuchte die Werksleitung zunehmend durch die Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern die Produktion weiterzuführen. Seit 1941 mussten ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene im Werk arbeiten. Im August 1944 wurde auf dem Werksgelände das KZ Katzbach als Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof eingerichtet. Der Tarnname »Katzbach« bezieht sich auf eine Schlacht während der Befreiungskriege gegen die französische Vorherrschaft unter Napoleon in Europa. An der Katzbach in Schlesien schlugen die Truppen unter General von Blücher die napoleonischen. Die Redewendung »Der geht ran wie Blücher an der Katzbach!« verweist auf ein energisches und entschlossenes Vorgehen. Das KZ Katzbach in den Adlerwerken sollte durch Produktionssteigerung die Kriegswende beziehungsweise den »Endsieg« befördern.

Am 22. August 1944 kamen die ersten 200 KZ-Häftlinge aus dem KZ Buchenwald als Baukommando. Kurze Zeit später fuhr der Arbeitseinsatzingenieur der Adlerwerke, Viktor Heitlinger, in das KZ Dachau, um 1000 KZ-Häftlinge für Frankfurt auszuwählen.

Insgesamt mussten 1616 KZ-Häftlinge für die Adlerwerke arbeiten. Der größte Teil dieser Männer stammte aus Polen, wurde während des Warschauer Aufstands 1944 festgenommen und anschließend in deutsche Konzentrationslager verschleppt. Weitere Gefangene stammten aus der Sowjetunion, Deutschland, Österreich, Jugoslawien, Frankreich und der Tschechoslowakei. Ein Drittel der Häftlinge starb in Frankfurt, weitere nach den Verlegungen in andere Konzentrationslager oder auf dem Todesmarsch in Richtung des KZ Buchenwald.

Erinnerung

Das zivilgesellschaftliche Engagement für eine Gedenk- und Bildungsstätte an das KZ Katzbach glich lange einem »Kampf gegen Windmühlen« (Marco Brenneisen).[2] Der erste Anstoß kam durch ein schulisches Spurensuche-Projekt, das später in den gemeinsamen Forschungen des Sozialarbeiters Ernst Kaiser und des Lehrers Michael Knorn mündete.[3] Seit Anfang der 1990er-Jahre forderten Initiativen und Überlebende regelmäßig einen dauerhaften Gedenk- und Lernort. Adressat waren zunächst die Firma Adlerwerke oder genauer die Anteilseigner der Firma. Der Produktionsstandort im Stadtteil Gallus wurde nach mehreren Eigentümerwechseln 1993 an einen Immobilieninvestor verkauft. 1998 wurde auch die verbliebene Restproduktion an einem anderen Standort endgültig eingestellt. Die Aktivitäten für das Erinnern an die NS-Verbrechen waren in den 90er-Jahren mit dem Kampf gegen die Schließung der Adlerwerke eng verknüpft. Zu den wichtigen Akteuren zählten daher die ehemaligen Betriebsräte der Adlerwerke und der Verein »Leben und Arbeiten in Griesheim und Gallus« (LAGG). Dieser wurde von Beschäftigten der Adlerwerke 1992 gegründet. Er setzt sich neben dem Gedenken an das KZ Katzbach auch für soziale Belange der Bewohnerinnen und Bewohner in den Stadtteilen ein. Später arbeiteten die Claudy-Stiftung, Gewerkschaften, der Verein »Zeichen der Hoffnung«, die Geschichtswerkstatt Gallus auf verschiedenen Ebenen für die Einrichtung eines Ortes der Erinnerung und des Gedenkens. Seit 2015 bündelte ein neuer »Förderverein für die Errichtung einer Gedenk- und Bildungsstätte KZ-Katzbach/Adlerwerke« die unterschiedlichen Akteure für dieses Erinnerungsprojekt.

Veranstaltungen, Demonstrationen, Aktionen, Gedenktafeln und mehrere – in erster Linie privat, teilweise auch mit städtischer Unterstützung organisierte – Einladungen an Überlebende hielten die Forderung und die Erinnerung lebendig. Nicht zuletzt kämpften diese Akteure für eine Entschädigung der Opfer. Die Konflikte drehten sich insbesondere um den »Stellenwert der Erinnerung […] im Kontext der gesamten städtischen Erinnerungskultur«, um die Verantwortungsübernahme der Dresdner Bank als ehemaligen Hauptaktionär der Adlerwerke sowie um »rein praktische Fragen der Finanzierbarkeit des materiellen und personellem Aufwands sowie der zu erwartenden Wahrnehmbarkeit und Positionierung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte innerhalb der an Kultur–, Forschungs- und Bildungseinrichtungen reichen Großstadt.«[4]

In den 1990er-Jahren zahlte die Stadt Frankfurt am Main Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – in einem umstrittenen Verfahren. Über einige Jahre bewilligte das städtische Dezernat für Kultur und Wissenschaft außerdem begrenzte Mittel für Kunstaktionen im öffentlichen Raum, die auf das KZ Katzbach aufmerksam machten. Aber die Bemühungen um eine feste Einrichtung in der ehemaligen Fabrik wurden abgeschmettert. Dort war inzwischen ein Bürokomplex entstanden. Erst als 2016 Ina Hartwig das Dezernat für Kultur und Wissenschaft für die SPD übernahm, öffnete sich ein politischer Raum für die Verwirklichung einer Gedenk- und Bildungsstätte. Eine neue wissenschaftliche Studie zum KZ Katzbach wurde von Seiten des Dezernates für Kultur und Wissenschaft beim Fritz Bauer Institut in Auftrag gegeben. Sie erschien 2021.[5] Im Jahr 2020 sagte die Stadt Finanzmittel für die Konzeption einer Ausstellung für eine künftige Gedenk- und Bildungsstätte zu. In einem Kooperationsprojekt des Fördervereins KZ Katzbach/Adlerwerke mit dem Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 wurde daraufhin in 15 Monaten eine Dauerausstellung und die Strukturen der Gedenk- und Bildungsstätte entwickelt. Die Stadt Frankfurt am Main mietete einen Raum in den ehemaligen Adlerwerken und beauftragte den Studienkreis mit der Realisierung der städtisch geförderten Einrichtung.

Geschichtsort Adlerwerke

Auf den ersten Blick mag die Wahl des Namens »Geschichtsort Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager« ungewöhnlich sein. Die Bezeichnung als »Geschichtsort« bietet Vorteile bei der Kommunikation in den Medien und folgt den Debatten und Entwicklungen der Gedenkstättenpädagogik der letzten Jahre. Die Bedeutung des Begriffes »Gedenkstätte« umfasst vor allem Rituale des Gedenkens, wie sie in den Jahren nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durchgesetzt wurden. Das waren – und sind häufig noch immer – Veranstaltungen, die nach festen Regeln verlaufen und allen Beteiligten einen Halt geben. Die pädagogische Nutzung der NS-Verbrechensorte ist heute dagegen von der Grundannahme geprägt, dass hier eine Verunsicherung über die grundlegenden Werte und Überzeugungen der demokratischen Gesellschaft erfolgen kann. Denn das erzählen die Erinnerungen der Überlebenden und die Dokumente der Täter ebenso wie die Akten aus den Ermittlungsverfahren. Geschichte ist gerade an Orten wie den ehemaligen Adlerwerken ein Material, an dem politische Bildung entwickelt werden kann, indem die Fakten erschlossen werden.

Nun verbindet sich in den ehemaligen Adlerwerken eine Schichtung von mehreren historischen Themen. Diese Fabrik war seit ihrer Gründung ein Ort der Arbeitsmigration. Dieses Thema ist auf hochproblematische Weise mit dem Thema Zwangsarbeit und dem KZ auf dem Werksgelände verbunden. Die Frage nach der Bedeutung der Erfahrung von Begegnungen zwischen Einheimischen und Fremden am Arbeitsplatz zunächst in der NS-Zeit unter Zwang und Terror – und dann seit den 1950er-Jahren in der Zeit der »Gastarbeiter« und der Entwicklung der Migrationsgesellschaft seither ist ein eigenes Thema des neuen Geschichtsortes.

Ein eher klassisches Thema für einen Ort der historisch-politischen Bildung ist die Geschichte des KZ Katzbach, also eines KZ-Außenlagers mitten in der Stadt. Die Frage, wer die Häftlinge waren und was wir heute über die Wachmannschaften und die Verantwortlichen in der Betriebsleitung der Adlerwerke wissen, führt zu der Dynamik von Identifikation und Abgrenzung. Wessen Geschichte ist das? Die der polnischen Häftlinge, die in der Mehrheit waren? Oder die der deutschen Arbeitskräfte, die mit den Häftlingen in der Fabrik arbeiteten und im Luftschutzkeller saßen? Der »Geschichtsort Adlerwerke« wird diese Vielfalt der historischen Perspektiven nutzen, um multiperspektivische Zugänge zu dem historischen Thema Zwangsarbeit zu eröffnen und aktuelle Fragen im Kontext von Arbeit, Zwang und Machtverhältnissen zu diskutieren.

Zwangsarbeit soll im neuen Geschichtsort ausgehend von den Adlerwerken für die gesamte Stadt Frankfurt dokumentiert werden. Dieses Thema wird derzeit für die historisch-politische Bildung entdeckt. Es bringt zum einen die alten Fragen der Beschäftigung mit der NS-Zeit mit sich: Wer waren die Akteure, wer hat profitiert, wer hat sich menschlich verhalten – und warum? Zum anderen ist die Zwangsarbeit das Verbrechen, das mitten im Alltag stattfand. Auch die Deportationen der als Juden Verfolgten fanden vor aller Augen statt. Aber die Zwangsarbeit prägte das Leben im Deutschen Reich während des gesamtes Zweiten Weltkriegs bis weit in die Familien hinein. Eine Distanzierung war kaum möglich. An diesem Thema sollen sich viele Rechercheprojekte anschließen, für deren Dokumentation die Ausstellung im Geschichtsort Raum bietet.

Der Geschichtsort Adlerwerke erzählt die Geschichte des KZ Katzbach als Teil der Geschichte des KZ-Systems und der Zwangsarbeit. Die KZ-Häftlinge kamen, als die NS-Wirtschaft das Reservoir der ausländischen Zivilarbeiterinnen und Zivilarbeiter, sowie der Kriegsgefangenen erschöpft hatte. Der Untertitel »Fabrik – Zwangsarbeit – Konzentrationslager« greift diesen Fakt auf und erweitert das Thema Zwangsarbeit auf den gesamten städtischen Raum. In der öffentlichen Wahrnehmung ist dieses Thema bislang kaum präsent, obwohl es immer mehr Einrichtungen gibt, die an das Verbrechen der Zwangsarbeit erinnern. Allein in Frankfurt am Main hat es etwa 50 000 ausländische Zivilarbeiterinnen und Zivilarbeiter, sowie Kriegsgefangene gegeben. Da die Adlerwerke gleichzeitig ausländische Zivilarbeiterinnen, Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte – und schließlich auch KZ-Häftlinge für sich arbeiten ließen, ist dieser Ort geradezu dafür prädestiniert, die Geschichte der Zwangsarbeit in Frankfurt insgesamt, als auch die des KZ Katzbach im Besonderen darzustellen.

Historisch-politische Bildung kann in der Arbeit zum Thema Zwangsarbeit vielfältige Anforderungen realisieren. Zum einen gibt es große Wissenslücken. Die Ergebnisse der jüngsten (repräsentativen) Memo-Studie unterstreichen: Die in dieser Studie Befragten unterschätzten die Anzahl der Zwangsarbeiter im Deutschen Reich deutlich. Auf die Frage, ob Vorfahren Zwangsarbeit für sich in Unternehmen, Haushalten oder auf Bauernhöfen nutzten, verneinten 81,4 % explizit. 13,3 % der Befragten gaben an, dass Vorfahren selbst zur Arbeit für das NS-Regime gezwungen wurden.[6] Die Vermittlung von Wissen über die Geschichte der Zwangsarbeit im Deutschen Reich ist ein Feld, auf dem die Diskussion um die internationale, hier zunächst europäische, Perspektive auf die NS-Verbrechen seit wenigen Jahren neue Themen offen legt.[7] Es geht um Multiperspektivität, um die bewusste Wahrnehmung von Differenz bei der Aneignung von Geschichte. Und es geht um Menschenrechte.

Die Ausstellung

Der Geschichtsort Adlerwerke versteht sich als ein interaktiver und partizipativer Lernort. Das ehemalige Fabrikgebäude wird heute als Bürohaus genutzt. Der Eingang zum Geschichtsort führt zunächst in einen Vorraum. Hier wird ein Überblick über die Geschichte der Adlerwerke im Stadtteil Gallus gegeben. Es geht dabei um Industrialisierung, die Entwicklung der Belegschaft und des Stadtteils.

Unter dem Titel »Zwangsarbeit – Ein Verbrechen mitten im Alltag« beginnt die Ausstellung dann mit dem Thema Zwangsarbeit von ausländischen Zivilarbeiterinnen, Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen. Die verschiedenen Muster der Gewinnung von ausländischen Arbeitskräften werden vorgestellt. Sie reichten von Werbung über Druck bis hin zur Verschleppung. So unterschiedlich die Wege der ausländischen Arbeitskräfte waren, so unterschiedlich wurden sie behandelt. Die Hierarchie folgte der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus. Polnische und sowjetische Arbeitskräfte, sowie italienische Militärinternierte wurden im Alltag am stärksten diskriminiert und hatten die schlechteste Chance, überleben. Unabhängig von ihrer Nationalität waren als »Juden« oder »Zigeuner« Verfolgte immer vom Tod bedroht.

Vom System Zwangsarbeit profitierten große und kleine Unternehmen, Handwerksbetriebe und Privathaushalte. Untergebracht wurden die Arbeitskräfte in großen Sammellagern, Gemeinschaftsunterkünften in Gaststätten und Sporthallen bis hin zur privaten Unterbringung im Haushalt. Ihre Einsatzorte und ihre Unterbringungsorte verteilten sich über die ganze Stadt. Das System Zwangsarbeit war zugleich geprägt von der bürokratischen Alltagsarbeit auch der kommunalen Behörden, der Arbeitsämter, der Kranken- und Sozialversicherungen, des Finanzamts, der Deutschen Arbeitsfront und des Reichsnährstands, sowie durch die Ortspolizei und die Gestapo. Dieses Netzwerk zeigt die Ausstellung am Beispiel der Stadt Frankfurt am Main. Die Zwangsarbeit in Frankfurt verbindet die Stadt auch mit vielen anderen Orten in Hessen bis hin nach Rheinland-Pfalz. Die Bürokratie des Gauarbeitsamts in Frankfurt führt zum Durchgangslager Kelsterbach, dem Lager Pfaffenwald bei Bad Hersfeld, zur NS-Euthanasie-Tötungsanstalt in Hadamar bis hin zu Zwangsarbeit in Darmstadt, Dillenburg, Gießen, Hanau, Limburg, Mainz, Niederlahnstein, Offenbach, Wetzlar, Wiesbaden und Worms. Die nach Frankfurt gebrachten Kriegsgefangenen kamen aus dem Stalag IX b, das sich an der Wegscheide in Bad Orb befand. Von dort wurden Kriegsgefangene nicht nur ins Rhein-Main-Gebiet, sondern auch in den Odenwald und die die Wetterau zur Arbeit gebracht.

Grundlage der Ausstellung sind Dokumente. Sie belegen und veranschaulichen diese Beteiligung von Unternehmen und Behörden am System der Zwangsarbeit. Die Ausstellung versteht sich aber nicht als eine reine Dokumentenausstellung. Das Rückgrat dieser auf das gesamte Stadtgebiet bezogenen Vermittlung der Allgegenwart von Zwangsarbeit ist ein Medientisch mit einem interaktiven Stadtplan zum Thema, dessen Inhalt dem Geschichtsort vom Historischen Museum Frankfurt zur Verfügung gestellt wurde. An dieser topographischen Medienstation können Orte der Zwangsarbeit in Frankfurt recherchiert werden. Die elektronische Karte interagiert mit der gegenüberliegenden Ausstellungswand zum Thema Zwangsarbeit. Beides kann und soll ergänzt und erweitert werden.

Die Perspektive der ausländischen Arbeitskräfte wird an exemplarischen Biografien von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gezeigt. Hier wird die Vielfältigkeit der Erfahrungen und Bedingungen der Zwangsarbeit in Frankfurt ablesbar.

Die Ausstellung ist dafür angelegt, auf technisch unaufwändige Weise ergänzt zu werden. Sie sieht eine Erweiterung durch Elemente vor, die im Rahmen von Workshops oder Projekten in den Stadtteilen entstehen können. Sowohl die Biografien, als auch die Dokumentation zu den Einsatzorten und Unterkünften der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sind in der Gestaltung so konzipiert, dass sie flexibel ergänzt und ausgetauscht werden können.

Den Einstieg zur Darstellung des KZ Katzbach in den Frankfurter Adlerwerken bildet eine Namenswand, die an alle 1616 Gefangenen des KZ-Außenlagers erinnert. Exkurse zum Warschauer Aufstand, zur Entwicklung des KZ-Systems und zum KZ-Komplex Natzweiler liefern den Hintergrund, auf dem sich dann die Geschichte des KZ Katzbach entfaltet. Die Beteiligung des Managements der Adlerwerke wird hier ebenso dargestellt, wie die SS-Wachmannschaften. Aber die Häftlinge stehen im Zentrum der Darstellung des KZ Katzbach. Die Gestaltung stellt vier Zeichnungen des Überlebenden Zygmunt Świstak in den Mittelpunkt, die jeweils ein Kapitel der Erzählung markieren. Es gibt zu diesen vier Themen vertiefende Darstellungen: Lebensbedingungen, Arbeitseinsatz, Gewalt, der sie ausgesetzt waren und Beziehungen zwischen KZ und Stadtteil.

Hörstationen bringen die Biografien von KZ-Häftlingen und Tätern näher, in Videointerviews erzählen überlebende KZ-Häftlinge von ihren Erfahrungen. In einem die Entwicklung der Ausstellung begleitenden Uni-Seminar entstand ein Animationsfilm, der eine Geschichte von zwei Kindern im KZ erzählt. Sie ist Teil der Ausstellung geworden und zwei weitere Animationen sind bereits in Arbeit.

Der Todesmarsch von Frankfurt nach Hünfeld, ein besonders gewalttätiges Kapitel dieses Außenlagers, wird auf einer Karte gezeigt. Berichte darüber, wie die Bewohner der Region diesen Todesmarsch wahrnahmen und auf die Häftlinge reagierten, zeigen die Beteiligung der deutschen Bevölkerung an diesem Verbrechen in den letzten Tagen des Krieges.

Die Nachkriegsgeschichte wird in einem eigenen Teil der Ausstellung dargestellt, der zum Workshop-Bereich des Raumes gehört. Zunächst geht es um die juristische Aufarbeitung der Verbrechen, die früh begann, aber zu keinerlei Verurteilungen führte. Dem Kampf um die Erinnerung wird sich ein Ausstellungsbereich widmen, der nach der Eröffnung kollaborativ mit den Akteuren dieser 30-jährigen Bemühungen entwickelt wird.

Pädagogische Perspektiven

Das KZ Katzbach steht exemplarisch für die Explosion des Außenlagersystems in die Fläche und an die Orte der (Rüstungs-)Produktion. Das KZ lag mitten in der Fabrik und in der Stadt. Hier wurden KZ-Häftlinge als letztes Arbeitskräftereservoir ausgebeutet. Viele Verbrechen waren für die Beschäftigten in den Adlerwerken, die Nachbarschaft oder die Anwohnenden an der Strecke des Todesmarschs gut wahrnehmbar. Sie haben auch in das Geschehen eingegriffen, sowohl durch Denunziation, als auch durch Hilfe. Das führt zu Fragen nach Handlungsspielräumen und -möglichkeiten, auch für die Gegenwart. Gleiches gilt für den Umgang mit den ausländischen Zivilarbeitskräften und Kriegsgefangenen.

Die Themen des Geschichtsorts Adlerwerke haben enge Verbindungen mit den Themen Arbeit und Migration. Exemplarisch lässt sich dies an dem Zwangsarbeitslager in der Froschhäuser Straße in Frankfurt-Griesheim aufzeigen. Nachdem die Adlerwerke hier ein Zwangsarbeitslager für 2000 Menschen betrieben hatten, wurde das Lager nach der Befreiung eine Unterkunftsstätte für sogenannte Displaced Persons (DP), dann Lager für Flüchtlinge aus der DDR und später Wohnort für »Gastarbeiter«.

Arbeit und Migration eröffnen als Längsschnitt-Themen zeitgemäße Perspektiven für die politische Bildung und ermöglichen thematisch vielseitige Angebote an verschiedene Besuchergruppen. Die veränderbaren Stationen und die kollaborative Weiterentwicklung der Ausstellung sollen nicht nur die Besucherinnen einbinden und pädagogische Arbeit ermöglichen. Sie sollen Impulse für weitere (notwendige) Forschungen geben und Forschungsergebnisse aufnehmen können. Ein großer Vertiefungsbereich mit Lernkisten und variablen Möbeln kann für Workshops oder andere Veranstaltungsformate genutzt werden. Der zivilgesellschaftliche Kampf um Erinnerung wird aktuell in einem eigenständigen Teilprojekt gemeinsam mit den beteiligten Akteuren für die Ausstellung vorbereitet. Der Geschichtsort Adlerwerke soll die künftige Entwicklung der Erinnerungskultur zum Thema Zwangsarbeit und zur Stadtteilgeschichte – nicht nur im Nationalsozialismus – aktiv gestalten.

Organisation und Team

Der Geschichtsort Adlerwerke ist aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement vieler Frankfurter Einzelpersonen und Initiativen entstanden. Er versteht sich als eine lebendige Gedenk- und Bildungsstätte, die auf die Beteiligung und Unterstützung der Zivilgesellschaft angewiesen ist. Neben der Förderung durch das Dezernat Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main wird der Geschichtsort auch in Zukunft ehrenamtliches Engagement sowie Spenden und Drittmittel benötigen, um erfolgreich arbeiten zu können. Dabei soll die Zusammenarbeit mit Gedenkstätten, Museen, Akteuren der Erinnerungsarbeit und Stadtteilarbeit intensiviert und fortgeführt werden. Betrieben und verwaltet wird der Geschichtsort Adlerwerke vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 e.V. Ausgestattet ist er zunächst mit einer halben Leitungsstelle, einer halben Stelle für die Pädagogik sowie einer 0,3 Stelle für die administrative Arbeit. Daher ist er für die Garantie weiträumiger Öffnungszeiten sowie umfangreiche pädagogische Angebote auf Honorarkräfte und ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Der Förderverein KZ Katzbach/Adlerwerke und das Dezernat für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main bilden gemeinsam mit dem Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 den »Verwaltungsrat«, der das Jahresprogramm, den Wirtschaftsplan und die mittelfristige Finanzplanung beschließt und sich über die künftige Entwicklung des Geschichtsorts Adlerwerke austauscht.

Das zivilgesellschaftliche Engagement vieler wird weiter den Geschichtsort prägen. Die Zusammenarbeit mit diesen Vereinen und Akteuren, die gegenseitige Unterstützung und die Entwicklung gemeinsamer Projekte sollen die künftige Arbeit prägen. So unterstützte der Geschichtsort Adlerwerke bereits vor der Eröffnung die Gedenkaktion am 19. März 2022, bei der individuell an alle 1 616 KZ-Häftlinge am Frankfurter Mainufer erinnert wurde, und führte eine gemeinsame (digitale) Veranstaltung mit der Geschichtswerkstatt Gallus und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt am Main zum Thema »Geschichte von Arbeit und Migration im Stadtteil« durch.

Um diese Zusammenarbeit mit diversen Akteuren zu verstetigen, wird der Geschichtsort Adlerwerke einen Beirat einrichten, in dem thematisch ähnlich arbeitende Institutionen, Vereine und Einzelpersonen sich austauschen, engagieren und gemeinsam Projekte entwickeln und vor allem auch neue Impulse für unsere Arbeit geben können.
 

Thomas Altmeyer ist Leiter des Geschichtsort Adlerwerke: Fabrik, Zwangsarbeit, Konzentrationslager und wissenschaftlicher Leiter des Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945. Er ist Lehrbeauftragter am Seminar für Didaktik der Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Gottfried Kößler ist als Kurator an Ausstellungen des Fritz Bauer Instituts, des Jüdischen Museums Frankfurt und am »Stadtlabor« des Historischen Museums Frankfurt beteiligt und koordiniert das Weiterbildungsangebot für Gedenkstättenpädagoginnen und -pädagogen »Verunsichernde Orte«.

Thomas Altmeyer und Gottfried Kößler haben die Ausstellung im Geschichtsort Adlerwerke kuratiert.

 

[1]    Zur Firmengeschichte und zur Geschichte der NS-Verbrechen an diesem Ort siehe: Andrea Rudorff: Katzbach – Das KZ in der Stadt. Zwangsarbeit in den Adlerwerken Frankfurt am Main 1944/45. Göttingen 2021 sowie Ernst Kaiser und Michael Knorn: »Wir lebten und schliefen zwischen den Toten«. Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adlerwerken. Frankfurt am Main 1998.

[2]    Vgl. Marco Brenneisen: Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen. Die »zweite Geschichte« der südwestdeutschen Außenlager des KZ Natzweiler seit 1945. Stuttgart 2020, S. 557–578; Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim e.V.: KZ »Katzbach«. Das Konzentrationslager in den Adlerwerken in Frankfurt am Main. Geschichte und Aufarbeitung. Frankfurt 2020.

[3]    Ernst Kaiser und Michael Knorn: »Wir lebten und schliefen zwischen den Toten«. Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adlerwerken. Frankfurt am Main 1998.

[4]    Vgl. Marco Brenneisen: Schlussstriche und lokale Erinnerungskulturen. Die »zweite Geschichte« der südwestdeutschen Außenlager des KZ Natzweiler seit 1945. Stuttgart 2020, S. 558.

[5]    Andrea Rudorff: Katzbach – Das KZ in der Stadt. Zwangsarbeit in den Adlerwerken Frankfurt am Main 1944/45. Göttingen 2021

[6]    www.stiftung-evz.de/assets/1_Was_wir_f %C3 %B6rdern/Bilden/Bilden_fuer_lebendiges_Erinnern/MEMO_Studie/MEMO_4_2021/EVZ_Studie_MEMO_2021_dt.pdf.

[7]    Vgl. Michele Barricelli: Zum Gedenken an das Unrecht der NS-Zwangsarbeit als Aufgabe der Erinnerung in Deutschland. In: Patrick Wagner (Hg.): Erinnern! Aufgabe, Chance, Herausforderung. Magdeburg (Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt) 2012, S. 70–82.

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