Internationale Konferenz zur Geschichte und Erinnerung der nationalsozialistischen Konzentrationslager, 18.–21. Mai 2021

12/2021Gedenkstättenrundbrief 204, S. 32-35
Kolja Buchmeier, Lara Raabe

Vom 18. bis 21. Mai 2021 veranstaltete die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zusammen mit der AG der KZ-Gedenkstätten in Deutschland in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Bundeszentrale für politische Bildung die Internationale Konferenz zur Geschichte und Erinnerung der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Die ursprünglich für September 2020 geplante Konferenz fand schließlich pandemiebedingt im Mai 2021 digital über die Plattformen Zoom und Wonder statt.[1]

Schon bei der Zusammensetzung der veranstaltenden Institutionen wird ein Kernanliegen der Konferenz deutlich: Die Verzahnung von Wissenschaft und Forschung auf der einen und gedenkstättenpädagogischer Praxis auf der anderen Seite. So wurden während des viertägigen Programms neueste Erkenntnisse aus der historischen Konzentrationslagerforschung von renommierten internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern präsentiert. Gleichzeitig wurden die Erkenntnisse spätestens in den Diskussionen auch immer wieder mit der aktuellen Praxis der Gedenkstätten verknüpft. Neben einem bilanzierenden Blick auf ein mittlerweile stark ausdifferenziertes Forschungsfeld ermöglichte dieser Austausch auch die Eröffnung und Diskussion neuer Perspektiven und Herausforderungen sowohl für die Forschung als auch für die Bildungsarbeit.

Eine dieser Herausforderungen stellt zweifellos die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft und die damit verbundene Transformation der historischen Bildungsarbeit dar. Spätestens seit dem Ausbruch der weltweiten Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 und den damit verbundenen Einschränkungen für die Gedenkstätten zeigt sich die Notwendigkeit, neue digitale und innovative Formate für die Vermittlungsarbeit zu entwickeln. Wie genau die zahllosen medialen Möglichkeiten eingesetzt werden sollten, um dabei die Vielschichtigkeit und Authentizität des historischen Ortes nicht aufzugeben, bleibt freilich eine offene Frage.

In seinem Beitrag Jenseits des Bilderverbots. Die Holocaust-Erinnerung nach dem Ende der Unsichtbarkeit zum Panel ZugŠnge und Diskurse adressierte Habbo Knoch die oben genannte Komplexität der Verwendung digitaler Formate. Knoch wies darauf hin, dass die Frage nach der Darstellbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen in den Hintergrund gerückt sei. Dies sei zugunsten eines Primats der Sichtbarmachung zum Beispiel durch Fotos oder (virtuelle) Simulationen geschehen. Ein Gegenwartsbezug, bei dem sich die Differenz von Geschichte und Gegenwart auflöse, sei symptomatisch für mediale Auseinandersetzungen mit den NS-Verbrechen. Ferner würden Defizite auf der Seite der Rezipierenden analysiert und zur Grundlage der Pädagogisierung der Holocaust-Erinnerung gemacht werden. Knoch plädierte jedoch dafür, die Grundlage vielmehr in dem historischen Gegenstand selbst und seiner strukturellen Komplexität zu sehen und warnte so gleichermaßen vor der Verwendung erinnerungskulturell geronnener Geschichtsbilder und somit auch davor, die Geschichte zu trivialisieren. Knoch sprach in diesem Zusammenhang davon, dass das gegenwärtige posthistorische Gedächtnis, welches durch das Zeitalter der Digitalisierung erwuchs, geprägt sei von einer neuen Form von Erinnerung, die sich durch Flüchtigkeit, Gleichzeitigkeit und Instabilität historischer Informationen definiere.

Während Knoch die Herausforderungen der Holocaust-Erinnerung und seiner Pädagogisierung, zu einer Zeit, in der es scheint, als könne alles sichtbar gemacht werden, hervorhob, wurden in dem Workshop Digitalisierung und Erinnerung drei unterschiedliche Projekte vorgestellt, die sich Digitalisierung für die Bildungsarbeit zunutze machen. So präsentierte Agathi Bazani eine digitale Stadtkarte Thessalonikis, auf der an unterschiedlichen Stellen Marker gesetzt sind, die zu mehrsprachigen literarischen Texten führen, die sich mit der Verfolgung der Juden an dem jeweils ausgewählten Ort auseinandersetzen. Ziel des Projekts sei eine dezidierte Digitalisierung der Erinnerung dadurch, dass unsichtbare Orte der Verfolgung digital sichtbar gemacht werden sowie die Verflechtung von Geschichte und Literatur.

Ein weiteres, interaktives Projekt stellten Anja Ballis und Markus Gloe vor. Für Lernen mit digitalen Zeugnissen (LediZ) werden durch Befragung von Überlebenden der NS-Verbrechen 3D-Zeugnisse erstellt. Aus den Antworten auf rund 1 000 Fragen werden anschließend Antwortsamples generiert, die für Fragen zur Verfügung stehen, die den Hologrammen der Überlebenden im virtuellen Raum individuell gestellt werden können.[2] Zielgruppe von LediZ seien Schulen, Museen und Gedenkstätten, die nun auch auf die Online-Variante der Zeugnisse zugreifen könnten, die nicht zuletzt wegen der Covid-19-Pandemie entwickelt worden seien.

Kerstin Hofmann führte in das digitale Projekt Every Name Counts der Arolsen Archives ein, bei dem Freiwillige zu der Digitalisierung von Dokumenten der Verfolgung beitragen, in dem sie Angaben aus den Dokumenten in eine Datenbank über die Opfer einspeisen. So entstünde einerseits ein digitales Denkmal in einem Ausmaß, das analog schlicht nicht zu erreichen wäre. Andererseits würden Menschen so aktiv in den Prozess des Forschens und Gedenkens mit einbezogen werden.[3]

Sicherlich konnte dieses große Thema im Rahmen der Konferenz nicht ausschöpfend behandelt werden. Umso erfreulicher ist es, dass zahlreiche Institutionen eigene Projekte zur Entwicklung und Erprobung digitaler Formate initiiert haben. So erforscht das auf vier Jahre angelegte Projekt SPUR.lab der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Kooperation mit der Filmuniversität Babelsberg die narrativen Möglichkeiten von Augmented Reality in der Vermittlung von NS-Geschichte.[4] Die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte widmete sich dem Thema Digital Memory am 25. und 26. November in einer eigenen Online-Konferenz.[5]

Während sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei den oben skizzierten Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung recht einig waren, wurde ein weiteres Kernthema der Konferenz - die Transnationalität - besonders kontrovers diskutiert. Dass der Nationalsozialismus als Besatzungsregime nicht nur Europa gewaltvoll geprägt hat, sondern auch die Gesellschaften in den besetzen Gebieten nachhaltig transformierte, sollte in der Forschung heute Konsens sein. Von einer europäischen Erinnerungskultur, die dieser transnationalen Bedeutung der NS-Verbrechen gerecht wird, sind wir allerdings weit entfernt. Um so wichtiger ist es zu betonen, dass KZ-Gedenkstätten schon immer Orte von Verständigung und Konfrontation über nationale Grenzen hinaus waren und sind. Eindrücklich schilderte Timo Saalmann dies in seinem Beitrag zu Gedenkpraktiken in Flossenbürg. Im Workshop Raum und Erinnerung beschrieb Saalmann die Entwicklung der KZ-Gedenkstätte an der deutsch-tschechischen Grenze zu einer transnationalen, dezentralisierten Erinnerungslandschaft. Dieser Wandel sei auch darauf zurückzuführen, dass es eine Verzahnung und Wechselwirkung der multinationalen Häftlingsgesellschaft auf der einen und der transnationalen Erinnerungsgemeinschaft der Überlebenden und deren Nachfahren auf der anderen Seite gebe. Freilich ermöglichte erst der Fall des Eisernen Vorhangs den osteuropäischen Überlebenden, die einen wesentlichen Teil der Häftlingsgesellschaft ausmachten, an der Erinnerungsgemeinschaft Teil zu haben.

Doch das System des Nationalsozialismus und der von NS-Deutschland losgetretene Krieg weisen über europäische Grenzen hinaus. Nicht nur in der historischen Forschung wird in den letzten Jahren deutlich, dass postkoloniale und vergleichende Perspektiven für das Verständnis des 20. Jahrhunderts unentbehrlich sind. Auch erinnerungspolitisch wird aktuell der Anspruch formuliert, durch Multiperspektivität und die Einbindung verschiedener Narrative der Diversität unserer Gesellschaften gerecht zu werden. Es stellt sich die Frage, wie sich die KZ-Gedenkstätten dieser Aufgabe annehmen sollen und welche Gefahren dies birgt.

In der Podiumsdiskussion Politik und Zeitgeschichte wies Elke Gryglewski auf bis heute bestehende blinde Flecken in Bezug auf die globale Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen hin. Kaum eine Region der Erde, so Gryglewski, weise keine Bezüge zur NS-Geschichte auf. Aufgabe der Gedenkstätten sei es, diese globale Perspektive stärker in die Bildungsarbeit einzubeziehen. Solch eine Erweiterung des Blicks wäre aber keineswegs mit Beliebigkeit von Inhalten gleichzusetzen. So gäbe es durchaus Anknüpfungspunkte für eine Globalgeschichte an Orten ehemaliger Konzentrationslager selbst. Beispielsweise wären im KZ Bergen-Belsen auch nordafrikanische Häftlinge interniert gewesen. Grundsätzlich gäbe es also keinen Grund anzunehmen, dass Menschen mit Migrationshintergrund keinen familiären Bezug zum Nationalsozialismus hätten.

Dagegen wies Andreas Wirsching auf die Gefahr hin, durch die Einordnung des Holocaust in eine allgemeine Gewaltgeschichte den Blick für dessen besondere Qualität zu verlieren. Er warnte vor einer Überlastung der Gedenkstätten und möglichen Missverständnissen, welche entstehen könnten, wenn die spezifische Kommemoration an deutsche Verbrechen durch ein beliebiges Gedenken an globale Gewalt und Genozide ersetzt würde. Dagegen plädierte er dafür, die Arbeit von Gedenkstätten daran zu orientieren, was am Ort selbst geschah.

Auch Brigitte Faber-Schmidt betonte die Bedeutung des Ortes für die Auswahl der zu vermittelnden Themenkomplexe. Von außen formulierte Ansprüche könnten nicht beliebig an jeder Gedenkstätte umgesetzt werden. Stattdessen müssten die Themen glaubwürdig sein, um von den Rezipierenden auch angenommen zu werden. Einig waren sich die Diskutierenden mit der Auffassung, dass bei der notwendigen Hinwendung zu einer globalen Gedenkkultur der Blick für den deutschen Ursprung der NS-Verbrechen und die weitgehend deutsche Täterschaft nicht verwischt werden dürfe.

Obwohl die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager keinesfalls als ausgeforscht gelten kann, scheinen die Tage der großen historiografischen Kontroversen zumindest vorläufig vorbei zu sein. Die drängenden Fragen und Dissense, das macht diese Konferenz einmal mehr deutlich, beziehen sich auf den Bereich des Gedenkens und Vermittelns von Geschehenem. Nicht zuletzt das Ableben der letzten Überlebenden als lebendige Zeugen des Verbrechens verdeutlicht, wie essenziell die historischen Orte für diese Vermittlung sind. Ihre Bedeutung als materielle Zeugnisse und Beweise für das begangene Unrecht ist ungebrochen. Aber was ist mit den Orten, an denen es schlicht keine Spuren mehr gibt? In der Sichtbarmachung des Unsichtbaren besteht sicher einer der größten Chancen der neuen digitalen Werkzeuge, auf deren Entwicklung die Pandemie wie ein Katalysator einwirkte. Die damit möglicherweise einhergehende Verschiebung von Realität und Fiktion und die potenzielle Beliebigkeit der Inhalte bei gleichzeitig suggerierter Authentizität bleiben ernst zu nehmende Probleme.

 

Kolja Buchmeier war Projektkoordinator der Internationalen Konferenz zur Geschichte und Erinnerung der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Lara Raabe ist Tutorin am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin sowie freie Mitarbeiterin des Bildungsforums gegen Antiziganismus/Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

 

[1] Ein Tagungsbericht erschien bereits im August bei H-Soz-Kult.

www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9017, aufgerufen am 11. 11. 2021.

[2]www.lediz.uni-muenchen.de, aufgerufen am 11. 11. 2021.

[3]https://enc.arolsen-archives.org, aufgerufen am 11. 11. 2021.

[4]www.spurlab.de, aufgerufen am 11. 11. 2021.

[5]www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/nachrichten/news/online-tagung-digital-memory/, aufgerufen am 11. 11. 2021.

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