Zum 70. bundesweiten GedenkstättenSeminar
Als Thomas Vogel, der Anfang 1983 bei der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) als Gedenkstättenreferent angefangen hatte, im Sommer desselben Jahres eine damals noch sehr überschaubare Anzahl von »Gedenkstätteninitiativen und -organisationen« zum ersten bundesweiten GedenkstättenSeminar in Hannover einlud, formulierte er dessen Zielsetzung wie folgt: »In diesem Seminar sollen Erfahrungen ausgetauscht werden, die Sie in ihrer Arbeit machen.« Im Kern solle es dabei um eine Verständigung über »Chancen und Probleme« der Vermittlungsarbeit zu den NS-Verbrechen gehen.
Zwar ist aus einem kleinen Netzwerk, das sich 1983 noch in kompakten Adresslisten abbilden ließ, zwischenzeitlich eine Gedenkstättenlandschaft von über 300 Einrichtungen geworden. An der prinzipiellen Zielsetzung des bundesweiten GedenkstättenSeminars, das in diesem Jahr zum 70. Mal stattfindet, hat sich allerdings nichts geändert. Und auch das Gedenkstättenreferat, das 1993 von Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste zur Stiftung Topographie des Terrors wechselte, nimmt bei dessen Ausrichtung, Koordination und Organisation nach wie vor eine zentrale Rolle ein.
1981/82: Erste Initiativentreffen in Hamburg und Dachau
Die Entstehung des Gedenkstättenreferats ist eng mit der Genese des GedenkstättenSeminars verwoben. Im Sommer 1981 forderten die Initiative Dokumentationsstätte Neuengamme (INDONEU) und die Hamburger ASF-Regionalgruppe – beide Organisationen wurden durch den damals 24-jährigen Erinnerungsaktivisten Detlef Garbe vertreten – den Vorstand und die Geschäftsführung von ASF dazu auf, »eine bundesweite Koordination der im Bereich der Gestaltung und Schaffung von Dokumentations- und Gedenkstätten arbeitenden Gruppen und Organisationen zu initiieren.«
So sollte sich ASF in einem »ersten Schritt« an einem Initiativentreffen beteiligen, dass die INDONEU anlässlich der Eröffnung eines Dokumentenhauses am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme im Oktober 1981 in Hamburg plante. Auf dieses erste Treffen folgte bereits im Mai 1982 ein zweites in Dachau, das erneut von ASF und erstmals auch durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) unterstützt wurde. Im Protokoll des Dachauer Treffens ist vermerkt: »Aktion Sühnezeichen in Berlin erwägt die Einrichtung einer Stelle für Gedenkstättenarbeit.«
1983: Gründung des Gedenkstättenreferats und erstes GedenkstättenSeminar
Das Projekt einer solchen bundesweiten Koordinierungsstelle beim West-Berliner ASF-Büro wurde insbesondere aus Hamburg mit einigem Nachdruck vorangetrieben. Als Detlef Garbe Anfang Februar 1983 noch keine Einladung für das nächste Initiativentreffen bekommen hatte, das für März avisiert worden war, hakte er energisch nach: »Sollte […] es so sein, daß noch überhaupt keine Einladungen verschickt worden sind, so halte ich das für einen Skandal. ASF Berlin hatte sich bereit erklärt (und war durch die letzte Mitgliederversammlung auch dazu aufgefordert worden), die Koordination der Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik zu übernehmen. Gerade das […] Seminar bietet m.E. eine große Chance, mit der Erörterung der anstehenden Fragen (Didaktik, Wirkungen von Gedenkstättenbesuchen, abzusehender Verlust von Zeitzeugen, uvm) zu beginnen.«
Just in diesen Tagen nahm der eingangs bereits erwähnte Thomas Vogel seine Arbeit als Gedenkstättenreferent bei ASF im Rahmen eines Sondervikariats auf. Im Mai 1983 versandte er den ersten GedenkstättenRundbrief und stellte darin ein Seminar im Herbst in Aussicht. Dieses Seminar, das heute als erstes »GedenkstättenSeminar« gezählt wird, fand schließlich vom 13. bis 15. Oktober 1983 in Hannover statt und wurde erneut von der bpb unterstützt.
Unter der Überschrift »›Das Vergangene ist nicht vergessen…‹ – Gedenkstättenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland« besprachen die Teilnehmer:innen vier Tage lang aktuelle Fragestellungen und Rahmenbedingungen der Gedenkstättenarbeit. Methodisch wurden auch damals schon längere Vorträge, Kurzinputs, Ortserkundungen und Phasen der Kleingruppenarbeit miteinander kombiniert. Wie heute war auch Zeit für informellen Austausch eingeplant.
Kommunikation stärken, gemeinsame Anliegen aufgreifen
Im Februar 1984 stellte sich der damals 27-jährige Thomas Lutz im GedenkstättenRundbrief als neuer Gedenkstättenreferent bei ASF vor: »Im Moment bin ich damit beschäftigt[,] im Büro in Westberlin die bisherigen Arbeitsergebnisse zu sichten. Ein […] guter Einstieg für mich wird sicherlich das GedenkstättenSeminar im April in Berlin werden, das Thomas Vogel noch mitveranstalten wird.«
Thomas Lutz war gekommen, um zu bleiben. Im Mai 1984 präsentierte er einen systematischen Überblick über die künftige Arbeit des Gedenkstättenreferates. Als Kernthema definierte er, »die Kommunikation der Gruppen untereinander zu verbessern und übergreifende Anliegen aufzugreifen.« Die »Veranstaltung von Seminaren […] mit für die Gedenkstättenarbeit wichtigen Themen« erklärte er folgerichtig zu einem seiner zentralen »Aufgabenbereiche«.
In diesem Sinne hat Thomas Lutz von 1984 bis 2023 insgesamt 65 bundesweite GedenkstättenSeminare mitorganisiert – jedes Mal an einem anderen Ort und zu einem neuen Thema, bei unterschiedlichen Finanzierungsmodellen und mit einer wachsenden Teilnehmer:innenschaft. Bis 2011 fanden die GedenkstättenSeminare zweimal jährlich statt, seither werden sie einmal im Jahr veranstaltet. Als langfristige Wegbegleiterinnen haben sich dabei über viele Jahre die Friedrich-Ebert-Stiftung und insbesondere die bpb erwiesen, die das GedenkstättenSeminar von Beginn an bis in die Gegenwart verlässlich unterstützt. Seit Gründung der AG Gedenkstättenpädagogik im Jahr 2000, an der Thomas Lutz maßgeblich beteiligt war, fungiert auch diese in regelmäßigen Abständen als Mitveranstalterin.
Ein »zentrales Medium der Verständigung«
Über Struktur, Ausrichtung und Teilnehmer:innenschaft der bundesweiten GedenkstättenSeminare wird seit jeher rege diskutiert: Wie oft sollen sie stattfinden? Wie lange dürfen sie dauern? Wer kann sie ausrichten? Wer darf beim Programm mitreden? Wer soll am Seminar teilnehmen? Geht es um historische oder um gedenkstättenpädagogische Fragen? Um Input »von außen« oder Erfahrungsaustausch im Kolleg:innenkreis? In welchem Verhältnis sollen Theorie und Praxis stehen?
In einer 2001 verfassten Zwischenbilanz charakterisierte Angela Genger, langjährige Teilnehmerin und damals Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, die GedenkstättenSeminare als »zentrales Medium der Verständigung« im Feld der Gedenkstättenarbeit: »Sie bringen heterogene Institutionen und Teilnehmer in einen Dialog und bieten ein Podium zur Weiterbildung.«
Diese Agenda ist für das Gedenkstättenreferat auch 25 Jahre später noch aktuell. Jenseits dessen haben sich die bundesweiten GedenkstättenSeminare ebenso wie ihre Themenstellungen, Ausrichter:innen, Mitwirkenden und Teilnehmer:innen seit 1983 immer mit der Zeit bewegt – und das werden sie zweifellos auch weiterhin tun.
Julana Bredtmann leitet seit 2023 das Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors.
Cornelia Siebeck ist seit 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gedenkstättenreferat.