Projektbeschreibung:
Seit 1994 bildet der jährlich stattfindende „Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager“ ein überregionales, mittlerweile internationales Forum für junge, noch nicht etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Tagung bietet die Möglichkeit, Forschungsprojekte zu präsentieren sowie kollegial zu beraten, und dadurch aktuelle Tendenzen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu diskutieren. Geplant und organisiert wird der Workshop von Doktorandinnen und Doktoranden..In Zusammenarbeit mit der Universität des Saarlandes und der „Initiative Neue Bremm“ wird der diesjährige Workshop vom 1.- 5. November 2006 in Saarbrücken stattfinden. Zum Programm gehören Exkursionen zu den Gedenkstätten Natzweiler-Struthof/ Elsaß, Hinzert/ Hunsrück und Neue Bremm/ Saarbrücken. Mit dem Tagungsort Saarbrücken wird bewusst die Nähe zu Belgien, Frankreich und Luxemburg gesucht..Der Workshop nimmt erstmals nationalsozialistische Lager im Westen Europas in den Blick, nachdem in den letzten Jahren bereits die vom Dritten Reich besetzten und annektierten Gebiete im Osten Europas einbezogen wurden. Daraus ergibt sich die zeitliche Schwerpunktsetzung auf die Dauer der deutschen Besatzung in Belgien, Frankreich und Luxemburg. Inhaltlich ist der Workshop auf die vergleichende Diskussion verschiedener Lagertypen ausgerichtet: .Das Lager Neue Bremm in Saarbrücken war ein Erweitertes Polizeigefängnis, das in den Jahren1943/44 von der Gestapo geführt wurde. Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof wurde im Mai 1941 in den Vogesen fertiggestellt und unterlag ab 1942 der Zuständigkeit des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes. Das SS-Sonderlager Hinzert wurde 1939 im Hunsrück als Polizeihaft- und Erziehungslager für „straffällig“ gewordene Arbeiter gegründet. Ab 1940 diente es sowohl als Durchgangslager für Häftlinge in andere KZ, als auch als Arbeitserziehungs- und Wiedereindeutschungslager. .Deutsche Besatzungspolitik und Deportation sollen zudem mit Blick auf das Schicksal der Häftlinge aus Belgien, Frankreich und Luxemburg thematisiert werden. Die Verortung in der Grenzregion gibt Anlass, sich mit gruppenspezifischen und national verschiedenen Gedenk- und Erinnerungskulturen auseinander zu setzen sowie Etablierung und Gestaltung von Erinnerungsstätten in unterschiedlichen Ländern zu diskutieren. ..Insgesamt sind drei Themenkomplexe geplant:.1. Die „Endphase“ nationalsozialistischer Herrschaft, ihre verschiedenen Lagertypen und die Situation der französischen, belgischen und luxemburgischen Häftlinge..2. Gedenkstättenkonzeptionen und Erinnerungskultur in Luxemburg, Frankreich, Deutschland und Belgien .3. Methodische Reflexionen: Zur Interdisziplinarität in der Konzentrationslagerforschung...1. Der Schwerpunkt Lagertypen in der „Endphase“ zielt auf zwei Desiderate in der bisherigen Nationalsozialismusforschung: Zum einen fehlt es an wissenschaftlichen Arbeiten, welche die Spezifika von Lagertypen in den letzten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft beschreiben; zum anderen an dem Versuch, den gesamten „Kosmos“ der in Funktion und Organisation ganz unterschiedlichen Haftstätten systematisch zu vergleichen, historisch zu definieren und in Verbindung zu Ansprüchen und Zielen nationalsozialistischer Herrschaft zu setzen. Wie lassen sich also die unterschiedlichen Strukturen der Verfolgung analytisch systematisieren? Was sagen sie über die Verfasstheit des Regimes aus? Die Fokussierung unterschiedlicher Haftstättentypen lenkt darüber hinaus den Blick auf die Lebensumstände und Handlungsräume von Opfern und Tätern. Welche Auswirkungen hatten die Unterschiede hinsichtlich Verwaltung, Personal, Aufbau und Funktion der einzelnen Lagertypen auf die Haftsituation der gefangenen Männer und Frauen? .Die Frage nach unterschiedlichen Lagertypen, die sich während der nationalsozialistischen Herrschaft herausbildeten und beständig veränderten, ermöglicht gleichzeitig, Probleme der Periodisierung des Dritten Reiches zu thematisieren. Wie veränderten sich die Verfolgungsstrukturen im Verlauf des Krieges? Wie wirkte sich die deutsche Annexions- und Besatzungspolitik auf die Verfolgung aus? Wie arbeitete der deutsche Polizeiapparat in den annektierten und besetzten Gebieten zwischen Kollaboration und Widerstand der Bevölkerung? Können die Veränderungen im System der nationalsozialistischen Lager während der Besatzungszeit als Indikatoren für eine Periodisierung der „Endphase“ angesehen werden?..2. Ebenfalls vergleichend soll die Rezeptionsgeschichte der Lager und Gedenkstätten thematisiert werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Grenzregion. Die besuchten Gedenkstätten Neue Bremm in Saarbrücken, Hinzert in Rheinland-Pfalz und der Centre Européen du Résistant Déporté in Natzweiler-Struthof repräsentieren unterschiedliche Trägerschaften und Ansprüche: lokal und regional, national und europaweit. Wie wirken sich solche Faktoren auf die Gestaltung dieser und anderer Gedenkorte aus, wie beeinflussen sie deren Geschichtsvermittlung? Hebt die Darstellung der jeweiligen Lagergeschichte und des Lagertypus’ Besonderheiten hervor oder verschreibt sie sich einem verallgemeinernden Diskurs? Welche Zugeständnisse werden an national dominante Sichtweisen gemacht? Inwieweit sind diese der gesellschaftlichen Präsenz verschiedener Häftlingsgruppen geschuldet? Welchen Stellenwert messen Mahnmale und Ausstellungen Widerstandstätigkeiten in der Gesellschaft und unter den Häftlingen zu? Welche Bedeutung haben geschlechtsspezifische Unterschiede? Wie werden sie - hinsichtlich Haftbedingungen, Selbstverständnis und Fremdzuschreibungen - thematisiert? Welche Rolle kommt einer literarischen und künstlerischen Verarbeitung in der Gedenkstättenkonzeption und in der breiten Öffentlichkeit zu? Inwieweit sind Gedenk- und Erinnerungskulturen vereinheitlicht, inwiefern partikularisiert? In welcher Weise verbinden Gedenk- und Erinnerungskulturen die Kriterien Häftlingsgruppe und Geschlecht mit regionalen, nationalen oder internationalen Elementen? Welche Bedeutung hat Interdisziplinarität in der Gestaltung von Gedenkorten sowie in der Analyse von Erinnerungskulturen?..3. Der Workshop soll eine Reflexion methodischer Zugänge benachbarter Disziplinen für die Konzentrationslagerforschung anregen. Welche neuen Perspektiven auf Lageralltag eröffnet die Rezeption von Konzepten aus der Soziologie, Sozialanthropologie und Philosophie? Welche Möglichkeiten bieten Überlegungen der Kulturgeschichte, um einerseits Lebensumstände und Handlungsräume spezifischer Häftlingsgruppen in den verschiedenen Lagertypen zu erfassen und andererseits Täterprofile zu diskutieren? Inwieweit können Arbeiten zur Baugeschichte und Ökonomie der Haftstätten zur Systematisierung und zum historischen Vergleich der Lagertypen beitragen? Welche Modelle aus Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte eignen sich zur Annäherung an schriftliche, mündliche und künstlerischen Selbstzeugnisse? Wie erfolgt der Umgang mit juristischen Quellen?.In Hinblick auf Gedenkstättenkonzeptionen und Erinnerungskulturen bleibt ebenfalls die Forderung einer wechselseitigen Interdisziplinarität einzulösen. Mit welcher Architektur, mit welchen Vorstellungen von Denkmälern wird Geschichte und Erinnerung repräsentiert? Wie lassen sich aus der Perspektive der Kommunikationswissenschaft und Kulturgeschichte die Diskurse um Erinnerung und Gedenken in der Öffentlichkeit analysieren und beschreiben?..Die Vorträge sollen den Charakter von Impulsreferaten haben und zwanzig Minuten nicht überschreiten. Sie sollen auf die übergreifenden Fragestellungen des Workshops Bezug nehmen. An jeden Vortrag schließt sich eine etwa vierzigminütige Diskussion an. .Der Call for Papers richtet sich an alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Forschungsgegenstand „Konzentrationslager“ auseinandersetzen. Wir fordern ausdrücklich ausländische, insbesondere aus Frankreich, Luxemburg und Belgien kommende Studierende und Promovierende auf, sich mit ihren Forschungsprojekten am Workshop zu beteiligen. Voraussetzung ist, dass die deutsche Sprache sowohl passiv als auch in weiten Teilen aktiv beherrscht wird. Um frankophonen Vortragenden die Teilnahme an der Veranstaltung zu erleichtern, sollen die Diskussionen von Übersetzerinnen und Übersetzern begleitet werden. .Der Workshop besitzt einen Werkstattcharakter. Die Diskussion von offenen Fragen steht im Vordergrund. ..Die Beiträge der Referentinnen und Referenten des Workshops werden in einem Tagungsband veröffentlicht. Folgende Publikationen liegen bereits vor: Petra Haustein, Rolf Schmolling, Jörg Skriebeleit (Hgg.): Konzentrationslager. Geschichte und Erinnerung. Neue Studien zum KZ-System und zur Gedenkkultur, Ulm 2001; Sabine Moller, Miriam Rürup, Christel Trouvé (Hgg.): Abgeschlossene Kapitel? Zur Geschichte der Konzentrationslager und der NS-Prozesse, Tübingen 2002; Ulrich Fritz, Silvija Kavèiè, Nicole Warmbold (Hgg.): Tatort KZ. Neue Beiträge zur Geschichte der Konzentrationslager, Ulm 2003; Ralph Gabriel, Elissa Mailänder-Koslov, Monika Neuhofer, Else Rieger (Hgg.): Lagersystem und Repräsentation. Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Konzentrationslager, Tübingen 2004. Der Tagungsband des Workshops in Blaubeuren bei Ulm und der Tagungsband des letzten Treffens in Lublin sind in Vorbereitung, vgl. dazu die Tagungsberichte: Karsten Wilke, Tagungsbericht „Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager, 11.-14.11.2004 Blaubeuren“, www.hsozkult.de/tagungsberichte; Juliane Brauer Tagungsbericht „Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager, 26.-30.10.2005, Lublin“,.http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2005/131-05.pdf ..Wir bitten alle Interessierten, bis zum 15. Mai 2006 ein kurzes Abstract ihres Referatsvorschlages (ca. eine Seite) sowie eine Kurzbiographie an folgende E-Mail-Adresse zu senden:.neuebremm2006@gmail.com..Das Organisationsteam..Juliane Brauer, Janine Doerry, Alexandra Klei, Elisabeth Thalhofer, Karsten Wilke.
Kontakt
eMail: neuebremm2006@gmail.com