Sicherung, Professionalisierung und Vernetzung der Gedenkstättenarbeit

Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland
11. Oktober 2022

1998 beschloss der Deutsche Bundestag die erste Gedenkstättenkonzeption des Bundes. Seither ist die Gedenkstättenarbeit in Deutschland stark ausgebaut worden und hat sich zu einem zentralen Resonanzraum des Umgangs mit der NS-Vergangenheit entwickelt, der jährlich mehrere Millionen Menschen erreicht. Zugleich wurde die Gedenkstättenarbeit professionalisiert und institutionalisiert. Gedenkstätten, die an Opfer der NS-Verbrechen erinnern, sind heute nicht nur Orte der Trauer und des Gedenkens, sondern auch moderne Bildungseinrichtungen und zeithistorische Museen, für die entsprechende wissenschaftliche Standards gelten.

Angesichts der sich verändernden finanziellen Rahmenbedingungen ist das Erreichte nunmehr akut gefährdet. Aufgrund der derzeitigen Kostensteigerungen (Personal-, Energie und Unterhaltungskosten) können die Gedenkstätten ihren bildungspolitischen Auftrag nur noch unzureichend oder gar nicht mehr erfüllen. In vielen Gedenkstätten kann mangels personeller und räumlicher Ressourcen jetzt schon nicht mehr die Nachfrage nach Bildungsprogrammen abgedeckt werden. Ohne eine deutliche Steigerung der Zuwendungen wird der Anteil der Gruppen, denen abgesagt werden muss, weiter zunehmen.
Zugleich stehen die Gedenkstätten vor der großen Herausforderung einer adäquaten Reaktion auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Nicht nur der russische Angriff auf die Ukraine bedeutet eine geschichtspolitische „Zeitenwende“. Autokratische und antiliberale Tendenzen zeigen sich überall auf der Welt, extrem rechte Parteien sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch; die Verbreitung von Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus und systematischer Desinformation vor allem im Internet hat sich während der Corona-Pandemie noch einmal verstärkt. Zugleich wird der zeitliche Abstand zum Nationalsozialismus immer größer. Überlebende der NS-Verbrechen, die gegen den zunehmenden Antisemitismus und Rassismus intervenieren könnten, gibt es fast nicht mehr.

In dieser Situation können und müssen die Gedenkstätten der Gesellschaft Orientierung bieten sowie der Desinformation und der Instrumentalisierung von Geschichte eine wissenschaftlich und ethisch fundierte sowie quellengestützte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entgegensetzen – an den historischen Orten, aber mittels innovativer Formate auch im digitalen Raum.

Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung wurde folgerichtig die Aktualisierung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, die Verstetigung des Förderprogramms „Jugend erinnert“ und die auskömmliche Finanzierung der Gedenkstättenarbeit vereinbart. Im Folgenden nimmt die Arbeitsgemeinschaft KZ-Gedenkstätten dazu Stellung, welche Schritte zur Sicherung der Gedenkstättenarbeit in Deutschland notwendig sind. Die Arbeitsgemeinschaft erklärt sich bereit, im politischen Diskurs über die Ausgestaltung neuer Ansätze der Erinnerungskultur auf Bundesebene ihre Expertise einzubringen.

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