Bildungsarbeit in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen

Besucherzahlen und Angebote - Personal und Organisation - Probleme und Herausforderungen
03/2021Gedenkstättenrundbrief 190, S. 16-24
Stephanie Bohra

In der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen treffen Besucherinnen und Besucher auf einen Ort, an dem verschiedene historische Schichten miteinander verbunden sind: die Geschichte der Konzentrationslager Oranienburg und -Sachsenhausen (1933–1945), des Sowjetischen Speziallagers Nr. 7/Nr. 1 (1945–1950), der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte (1961–1990) und der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen (seit 1993). Der Ort hat in den vergangenen 25 Jahren einen grundlegenden Prozess der Neukonzeption und Neugestaltung zu einem zeithistorischen Museum mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben durchlaufen, der weitgehend verwirklicht, wenn auch noch nicht abgeschlossen ist. Die erhaltenen Gebäude und Relikte wurden mehrheitlich denkmalgerecht restauriert und saniert. Gleiches gilt für die Mahnmalsanlage der DDR, die nur dort zurückgenommen wurde, wo die DDR-Gestal-tung in Konkurrenz zu den ursprünglichen baulichen Strukturen und Relikten getreten war, wie zum Beispiel an der ehemaligen »Station Z«, dem Bereich der Vernichtungsanlagen des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Darüber hinaus wurde und wird die Geschichte des Ortes schrittweise wissenschaftlich aufgearbeitet und im Rahmen eines dezentralen Museumskonzepts mit Dauer- und Wechselausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert.1 Für die Bildungsarbeit ist die Vielschichtigkeit des historischen Ortes, der durch die unterschiedlichen Nutzungen und Musealisierungsprozesse zahlreiche bauliche Veränderungen aufweist, eine besondere Herausforderung. Genau diese Veränderungen stehen nämlich häufig im Widerspruch zu den hohen Erwartungen der Besucherinnen und Besucher an Originalität und scheinbare Authentizität des historischen Ortes. Diesen Erwartungen zu begegnen, sie quasi zu irritieren und dabei das Interesse an der Geschichte des Ortes zu bewahren und zahlreiche Fragen aufzuwerfen, ist eine wesentliche Aufgabe der Pädagoginnen und Pädagogen. Dabei hilft die Arbeit mit den 13 modernen Dauerausstellungen, die die erhaltenen Gebäude und Relikte in die Darstellung einbeziehen. Anhand von zahlreichen Exponaten – Dokumenten, Fotos, Zeichnungen, Zeitzeugeninterviews und Artefakten – können sich sowohl Individualbesucherinnen und -besucher als auch betreute Gruppen verschiedenen Aspekten der Geschichte nähern. So thematisiert die Ausstellung »Medizin und Verbrechen« in den ehemaligen Revierbaracken beispielsweise die medizinische Versorgung im Konzentrationslager und medizinische Versuche an KZ-Häftlingen. Die Ausstellung »Ereignisse und Entwicklungen« in der ehemaligen Häftlingsküche behandelt unter anderem die Entwicklung der sogenannten Häftlingsgesellschaft im KZ Sachsenhausen und das Thema KZ-Zwangsarbeit. Schließlich gibt es in der ehemaligen KZ-Inspektion, dem Turm A und dem Kommandantenhaus drei Ausstellungen, die sich den KZ-Tätern widmen – ihren Verbrechen, Motiven, Handlungsspielräumen und ihrer strafrechtlichen Verantwortung.

Besucherzahlen und pädagogische Angebote

In den letzten Jahren ist in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen ein kontinuierlicher Besucheranstieg zu verzeichnen. 2017 kamen schätzungsweise mehr als 700 000 Besucherinnen und Besucher. Damit hat sich die Zahl seit dem Jahr 2006 verdoppelt. Sachsenhausen verzeichnet somit nach der Gedenkstätte Dachau das zweithöchste Besucheraufkommen unter den KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der zunehmende Berlin-Tourismus, dessen Besucherzahlen sich im gleichen Zeitraum ebenfalls nahezu verdoppelt haben.2 Entsprechend ist auch die Zusammensetzung der Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte in den letzten Jahren sehr viel internationaler geworden. Eine große Zahl an Gästen kommt aus dem spanisch- und englischsprachigen Ausland. Angesichts fehlender aktueller Besucherforschung ist der Anteil der ausländischen Gäste jedoch schwer zu schätzen, tendenziell scheinen deutlich mehr ausländische als deutsche Gäste die Gedenkstätte zu besuchen. Das erstaunt umso mehr, als anreisende Touristen, die sich in der Regel zwei bis drei Tage in Berlin aufhalten, zumeist mehr als einen halben Tag für einen Besuch in Sachsenhausen einplanen müssen. Das bedeutet, dass die Mehrheit der ausländischen Berlin-Besucher anders als zum Beispiel im Falle der »Topographie des Terrors« oder des »Denkmals für die ermordeten Juden Europas« sich zumeist langfristig und bewusst auf die nicht einfache An- und Abreise mit der S-Bahn und ohne Buszubringer einstellen müssen.

Fast die Hälfte der rund 700 000 Besucherinnen und Besucher wurde im Rahmen von Führungen und Studientagen zur Geschichte des Ortes betreut oder erhielt spezifische Informationen durch einen Audioguide. Der pädagogische Dienst der Gedenkstätte Sachsenhausen begleitete 2017 rund 2 700 Gruppen mit etwa 61 300 Teilnehmenden im Rahmen von Führungen und Studientagen. Bei den Teilnehmenden handelte es sich überwiegend um Schüler- und Jugendgruppen sowie Studierende. Der Anteil der fremdsprachig betreuten Teilnehmenden lag bei etwa 38 Prozent. Für die Durchführung der Angebote werden moderate Entgelte erhoben. Ungeachtet dessen übersteigt die Nachfrage bei weitem das Angebot, das durch die personellen und teilweise auch räumlichen Ressourcen der pädagogischen Abteilung limitiert ist. Der Besucherdienst muss daher regelmäßig anfragenden Gruppen absagen. Dies gilt nicht zuletzt auch für Schulklassen. Das am stärksten nachgefragte pädagogische Format ist immer noch die in mehreren Sprachen angebotene Führung zur Geschichte des Ortes, die angesichts des weitläufigen Gedenkstättengeländes zwischen zwei und drei Zeitstunden dauert. 2017 wurden 2 369 Führungen durchgeführt. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf Wunsch der Teilnehmenden in der Regel auf der Geschichte des Konzentrationslagers, wenngleich das Sowjetische Speziallager und die Zeit der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte in der DDR ebenfalls immer Erwähnung finden. Führungen mit anderen Themenschwerpunkten, zum Beispiel zur Geschichte des Sowjetischen Speziallagers oder einzelnen Häftlingsgruppen im Konzentrationslager, werden deutlich seltener nachgefragt.

Um den zahlreichen interessierten touristischen Gästen aus dem Ausland trotz einer angespannten Personalsituation ebenfalls eine persönliche Betreuung und nicht nur den Audioguide anbieten zu können, hat sich die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten 2011 entschieden, kommerziellen Unternehmen und freiberuflichen Gästeführern die Durchführung von Führungen auf dem Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen zu erlauben. Zu diesem Zweck wurde ein kostenpflichtiges Qualitätssiegel eingeführt. Die sogenannte Zertifizierung soll auch bei kommerziellen Führungen qualitative Standards gewährleisten, die sich an jenen des pädagogischen Dienstes orientieren. Entsprechend müssen die externen Guides an einer verpflichtenden zweitägigen Schulung zur Geschichte der unterschiedlichen historischen Phasen (Grundkurs) teilnehmen und regelmäßig Fortbildungskurse absolvieren. Bei der Durchführung der Kurse wird der Besucherdienst maßgeblich durch das wissenschaftliche Personal der Gedenkstätte Sachsenhausen unterstützt. Im Anschluss an diese Zertifizierung können die entsprechend geschulten Guides ein Qualitätssiegel erwerben, das sie gegenüber ihren Teilnehmenden als von der Gedenkstätte geprüfte Anbieter ausweist. Inzwischen wurde mehr als 500 externe Guides zertifiziert, von denen jährlich mehr als 200 aktiv in der Gedenkstätte tätig sind. Die Führungen der externen Anbieter stoßen bei den Berlin-Touristen auf außerordentliches Interesse, was in den letzten Jahren ebenfalls in stetig steigenden Gruppen- und Teilnehmerzahlen zum Ausdruck kommt. 2017 wurden in diesem Rahmen 7 124 Gruppen mit 143 335 Personen geführt. Das bedeutet bei der Zahl der Teilnehmenden eine Steigerung um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Führungen fanden vorwiegend in spanischer und englischer, aber auch in zahlreichen anderen europäischen Sprachen statt. Hinzu kommen 16 111 norwegische Schülerinnen und Schüler, die von den Organisationen »Aktive Fredsreiser« und »Hvitte Busser« betreut wurden. Neben den externen Guides bietet aufgrund der großen Nachfrage auch der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen Führungen in der Gedenkstätte an. Die in seinem Auftrag tätigen Guides nehmen ebenfalls an den Zertifizierungskursen teil. Im vergangenen Jahr begleiteten sie 882 Gruppen mit 13 772 Gästen. Bei der Audioführung, deren Entleihung ein Fremdanbieter verantwortet, wurden 95 430 Entleihungen registriert.

Die Durchführung ein- und mehrtägiger Studientage obliegt in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen allein den festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des pädagogischen Dienstes sowie den dort tätigen Guides, weil hierfür vertieftes zeithistorisches Fachwissen und gedenkstättenpädagogische Erfahrung erforderlich sind. Gegen die unglaubliche Gesamtzahl von insgesamt mehr als 10 000 Führungen mutet die Zahl von 314 Studientagen, die 2017 durchgeführt wurden, allerdings außerordentlich gering an, wenngleich der pädagogische Dienst die Zahl gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent steigern konnte und Studientage nicht für alle vom pädagogischen Dienst betreuten Gruppen von Interesse sind. Wie bei den Führungen gilt, dass vorrangig Angebote zur Geschichte des Konzentrationslagers nachgefragt werden, die Geschichte des Sowjetischen Speziallagers spielt eine untergeordnete Rolle. In diesem Jahr soll jedoch ein neues Format zum Thema entwickelt werden, dass sich dann hoffentlich größerer Nachfrage erfreut. Zur Geschichte des Konzentrationslagers sind bereits 2013/14 im Rahmen eines von der Europäischen Union geförderten Projekts neue interaktive Formate für Studientage entwickelt worden, die sich an Jugendliche ab 15 Jahren richten und inzwischen regelmäßig von deutschen und internationalen Gruppen genutzt werden. Für die Durchführung der Formate müssen allerdings wenigstens fünf Zeitstunden eingeplant werden.

Die angebotenen Studientage und Mehrtagesseminare orientieren sich an den Ideen des Lernens am historischen Ort, des forschenden und aktiven Lernens, der Multiperspektivität und der Kompetenzorientierung. Es gibt Überblickseminare, bei denen das forschende Lernen mit historischen Quellen, wie Fundstücken, Häftlingszeichnungen und Fotos, einen Schwerpunkt bildet. Die Beschäftigung mit den unterschiedlichen Quellen in Ausstellungen und anhand von Materialmappen soll eine Annäherung an die Geschichte des Ortes und die Lebensbedingungen der Häftlinge ermöglichen und zugleich quellen- bzw. medienkritisches Arbeiten, multiperspektivische Geschichtsbetrachtung und historisches Denken schulen.3 Darüber hinaus gibt es verschiedene thematische Seminare, zum Beispiel einen Biografie-Studientag, der die vielfältigen Verfolgungsgründe im Nationalsozialismus ins Bewusstsein der Jugendlichen rücken soll. Die Lebensgeschichten ehemaliger Häftlinge dienen dabei als Ausgangspunkt, um sich mit Hilfe unterschiedlicher Quellen den Stationen ihres Lebens zu nähern und verschiedene Verfolgungsschicksale vergleichend zu betrachten. Daneben können Studientage zu verschiedenen Häftlingsgruppen gebucht werden, zum Beispiel zu den Sinti und Roma. Sie behandeln spezifische Aspekte von Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung der einzelnen Gruppen, arbeiten mit Biografien ehemaliger Häftlinge und diskutieren nach Möglichkeit gegenwartsrelevante Fragen, wie die fortgesetzte Diskriminierung von Roma in Europa. Auch der Studientag »Stadt und Lager«, der sich mit den vielfältigen Beziehungen zwischen dem KZ Sachsenhausen und der Stadt Oranienburg beziehungsweise der Gemeinde Sachsenhausen während der NS-Zeit beschäftigt, wirft Fragen nach dem heutigen Umgang der Stadt mit ihrem historischen Erbe auf. Ähnliches gilt für den Studientag »Medizin und Verbrechen«, der nicht nur den Missbrauch von KZ-Häftlingen für medizinische Experimente thematisiert, sondern Bezüge zu medizinethischen Debatten herstellen kann, wie zum Beispiel zur Diskussion über die Durchführung klinischer Studien an Demenzkranken, die nicht mehr einwilligungsfähig sind und selbst keinen persönlichen Nutzen aus den an ihnen getesteten Medikamenten ziehen können.

Seit 2006 verfügt die Gedenkstätte Sachsenhausen auch über eine internationale Jugendbegegnungsstätte, das »Haus Szczypiorski«. Das nach dem polnischen Schriftsteller und ehemaligen Häftling des KZ Sachsenhausen Andrzej Szczypiorski (1928–2000) benannte Gästehaus verfügt über 32 Betten, Seminarräume und Freizeitmöglichkeiten. Es erlaubt einzelnen Schulklassen oder internationalen Jugendgruppen, sich über mehrere Tage intensiv mit der Geschichte des Ortes zu beschäftigen, unterschiedliche (nationale) Perspektiven zu beleuchten und sich darüber zu verständigen. Die mehrtägigen Seminare können sich modulartig aus einzelnen Komponenten der genannten Studientage zusammensetzen oder einen kultur- oder medienpädagogischen Schwerpunkt haben.4 Exemplarisch sei ein mehrtägiges Projekt zur Arbeit mit Lochbildkameras erwähnt, bei dem sich die Jugendlichen mit Hilfe von selbst gebauten Lochbildkameras auf eine fotografische Spurensuche in die Gedenkstätte Sachsenhausen begeben. Mithilfe der Fotografie dokumentieren sie ihre individuellen Fragen und Gedanken zur Geschichte des Ortes, interviewen Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte oder zeigen historische Relikte, die sie besonders berührt oder zum Nachdenken gebracht haben. Mit den Lochbildkameras lernen die Jugendlichen außerdem viel über die Entstehungsbedingungen und den Konstruktionscharakter von Fotos und diskutieren anhand historischer Fotos die Besonderheit der Fotografie als historische Quelle. Ihre unterschiedliche Perspektiven auf den Ort und seine Geschichte präsentieren die Teilnehmenden abschließend auf einem Blog, der kontinuierlich fortgeschrieben wird.5

Personal und Organisation

Der pädagogischen Abteilung stehen insgesamt zehn Planstellen in Vollzeit zur Verfügung, die derzeit mit 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt sind. Das Team setzt sich aus zwei Leitern in Teilzeit sowie sechs Gedenkstättenpädagoginnen und -päda-gogen zusammen, davon zwei in Vollzeit und vier in Teilzeit. Dazu gehören ferner zwei Sachbearbeiterinnen in Vollzeit, die abwechselnd mit der Gruppenanmeldung und -verwaltung und mit der Besucherinformation im Eingangsbereich der Gedenkstätte betraut sind und dort durch weitere fünf Teilzeitkräfte unterstützt werden. Hinzu kommen rund 60 studentische und freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit einer unterschiedlichen Zahl an Wochenstunden als Guides Führungen und Studientage durchführen. Überdies gibt es drei Lehrkräfte, die vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg als Gedenkstättenlehrerinnen und -lehrer mit insgesamt 40 Unterrichtsstunden abgeordnet sind und in der Hauptsache Brandenburger Schülerinnen und Schüler unentgeltlich betreuen.

Zu den Kernaufgaben der festangestellten Pädagoginnen und Pädagogen gehören die konzeptionelle Entwicklung, Evaluation und Durchführung gedenkstättenpädagogischer Angebote, die fachliche Beratung von Lehrkräften und Guides sowie die Durchführung von Fortbildungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Daneben haben alle noch besondere Arbeitsschwerpunkte oder Aufgaben, beispielsweise die Unterstützung der Anmeldung bei Besuchergruppen mit vertieften Programmwünschen, organisatorische und inhaltliche Begleitung der internationalen Workcamps, die fachliche und pädagogische Betreuung von Freiwilligen und Praktikanten, die Ausbildung, Fortbildung und Beratung von Guides, die Organisation und Begleitung mehrtägiger Seminare und Jugendbegegnungen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte »Haus Szczypiorski« sowie die Organisation der Grund- und Fortbildungskurse für die externen Gästeführer und deren Betreuung. Trotz der in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegenen Besucherzahlen und den erhöhten Anforderungen an das pädagogische Personal, beispielsweise durch die mit der Zertifizierung verbundenen Aufgaben, blieb der Personalschlüssel in all den Jahren konstant. Erst im vergangenen Jahr wurde der Gedenkstätte Sachsenhausen – wie den meisten anderen großen KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik – eine zusätzliche Stelle genehmigt und besetzt, die sich künftig der bisher vernachlässigten Erwachsenen- und Berufsbildung widmen und entsprechende Formate entwickeln soll, etwa für Studierende, Auszubildende sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Polizei, Justiz und medizinischen Berufen.

Um der gestiegenen Nachfrage nach pädagogischen Angeboten auch in verschiedenen Sprachen nachkommen zu können, hat die Gedenkstätte Sachsenhausen in den letzten Jahren verstärkt studentische und freiberufliche Guides ausgebildet, die vor allem im Führungsbetrieb eingesetzt werden. Einmal jährlich wirbt die Gedenkstätte mit einer Ausschreibung um interessierte Bewerberinnen und Bewerber, zudem sind Initiativbewerbungen möglich. Die meisten Guides sind Studierende oder Absolventen eines geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studienfachs. Viele sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, die anderen kommen zum Beispiel aus Frankreich, Luxemburg, Italien, Dänemark, Russland und Japan. Auch wenn das Team sprachlich breit aufgestellt ist, ist mit Blick auf die immer vielfältiger werdende Bevölkerung in der Bundesrepublik und das internationale Publikum eine größere Diversität unbedingt erforderlich. Bisher ist es der Gedenkstätte jedoch nicht gelungen, Kolleginnen und Kollegen mit einem Migrationshintergrund beispielsweise aus Südosteuropa, der Türkei oder arabisch- sowie persischsprachigen Ländern zu gewinnen. Hier müssen die Anstrengungen trotz mancher Bemühungen sicher noch verstärkt werden.

Die Ausbildung der Guides erfolgt in mehreren Schritten und verfolgt das Ziel, die angehenden Guides zu befähigen, ein eigenes Führungskonzept und -narrativ zu entwickeln, das sich klar an den historischen Ereignissen und Entwicklungen orientiert, aber auch genügend Raum für eigene Schwerpunktsetzungen und die Interessen der Besucherinnen und Besucher lässt. Die Ausbildung beinhaltet die Teilnahme an zwei Workshops, einem pädagogisch-methodischen Workshop, der zweieinhalb Tage dauert und sich unter anderem mit Aspekten von NS-Täterschaft, Subjekt- und Objektzentrierung, Dialogorientierung und selbstreflexiven Übungen befasst, und einem Workshop zur Geschichte des Ortes. Hierbei handelt es sich um den oben genannten Grundkurs, den auch die externen Gästeführer im Rahmen der Zertifizierung besuchen. Daneben erhalten die angehenden Guides einen Reader mit einschlägigen wissenschaftlichen Texten zum historischen Ort und bekommen die Gelegenheit, bei erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu hospitieren. Wenn sie ihr Konzept fertiggestellt haben, absolvieren sie an verschiedenen ausgewählten Orten eine Probeführung. Nach bestandener Prüfung können sie Führungen in der Gedenkstätte Sachsenhausen übernehmen und mit etwas Erfahrung auch Studientage durchführen. Der pädagogische Dienst versucht, regelmäßig Fortbildungen zu neuen Ausstellungen oder pädagogischen Themen anzubieten. Die Teilnahme ist nicht verpflichtend, aber unbedingt erwünscht und das Angebot wird meist gut angenommen. Da inzwischen viele Guides auch bei anderen Einrichtungen in Berlin, wie der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas oder der Topographie des Terrors, tätig sind, gibt es auch einrichtungsübergreifende Weiterbildungen, die von der Koordinatorin der Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum (Stäko) und den pädagogischen Leiterinnen und Leitern initiiert und organisiert werden.

Probleme und Herausforderungen

Das derzeit kontinuierlich große Besucherinteresse ist außerordentlich erfreulich, denn darin kommt nicht nur ein besonderes Interesse für zeitgeschichtliche Themen zum Ausdruck, sondern auch eine Wertschätzung der Gedenkstättenarbeit in Sachsenhausen. Besucherinnen und Besucher äußern sich unter anderem in Besucherbüchern, per Mail, auf Facebook oder Tripadvisor zumeist sehr positiv über ihren Besuch der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, den sie als sehr lohnend beschreiben. Sie zeigen sich beeindruckt über die Fülle an aufbereiteten Informationen, die sie durch den Audioguide, die verschiedenen Ausstellungen oder von Guides zur Geschichte des Ortes erfahren haben. Gerade die in den letzten Jahren professionalisierte Ausbildung der internen und externen Guides dürfte hierzu beigetragen haben. Dennoch sieht sich der pädagogische Dienst in Sachsenhausen vor diverse Probleme und Herausforderungen gestellt, von denen ich drei grundsätzliche abschließend kurz umreißen möchte:

Die personellen Ressourcen des pädagogischen Dienstes haben mit dem außerordentlichen Besucheranstieg in den letzten Jahren nicht im Mindesten Schritt gehalten. Das fest angestellte pädagogische Personal muss einen wesentlichen Teil seiner wöchentlichen Arbeitszeit organisatorisch-administrativen Aufgaben widmen, etwa der Gruppenorganisation, Aus- und Weiterbildung von Guides und logistischen Erfordernissen rund um die Zertifizierung. Das wirkt sich in erster Linie auf die konzeptionelle und praktische Arbeit aus und damit zu Lasten von betreuungsintensiven Formaten, wie Studientagen und mehrtägigen Seminaren. Hier wäre eine personelle Verstärkung unbedingt erforderlich, um die weiterhin dringend benötigte Entwicklung, regelmäßige Evaluation und Anpassung pädagogischer Formate verstärkt auch mit eigenem, erfahrenen Personal bewältigen zu können. Damit einhergehen sollte auch eine bessere Bezahlung der gedenkstättenpädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in Brandenburg meist in TVL 9 eingruppiert sind. Angesichts ihrer universitären Ausbildung und der zu bewältigenden Aufgaben sowie mit Blick auf die angestrebte Besserstellung von Grundschullehrerinnen und -lehrern und nicht zuletzt auch von Erzieherinnen und Erziehern wäre eine höhere Eingruppierung eine wichtige Anerkennung der Arbeitsleistung.

Die Infrastruktur der Gedenkstätte ist dem hohen Besucheraufkommen ebenfalls nicht gewachsen. Das Besucherinformationszentrum (BIZ), das ursprünglich für die Hälfte der Besucherzahlen geplant war, ist für die oftmals zeitgleich ankommenden Besucherströme zu klein, die Toilettenanlagen und der Bereich der Besucherinformation überlastet, so dass sich Warteschlangen im Eingangsbereich bilden. Das Ausstellungsmobiliar und die -technik sowie die Toiletten sind oft stark beansprucht und müssten entsprechend häufiger gewartet, repariert und gereinigt werden, was angesichts begrenzter Mittel kaum möglich ist. Darüber hinaus fehlen an manchen Tagen die räumlichen Kapazitäten, um bei der parallelen Betreuung von mehreren Schulklassen in Kleingruppen zu arbeiten.

Die hohe Auslastung bei den durch den Besucherdienst betreuten Gruppen illustriert, dass die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen kein Nachfrageproblem hat. Allerdings beschränkt sich diese in der Hauptsache auf kurzzeitige pädagogische Formate, die zwischen zwei und vier Zeitstunden umfassen. Dies lässt die seitens der Politik und auch von Lehrkräften vielfach geäußerten Erwartungen an Gedenkstättenbesuche, sie mögen präventive Wirkung gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung entfalten, noch weniger realistisch erscheinen, als sie es wohl ohnehin sind. Ungeachtet dessen wäre eine Ausweitung von mehrstündigen Studientagen und Mehrtageseminaren, die eine vertiefende, kritische und vielleicht auch nachhaltigere Auseinandersetzung mit dem Thema erlauben, erstrebenswert. Dieses Anliegen scheint aber häufig mit schulstrukturellen Erfordernissen – Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, fehlende Finanzierung – zu kollidieren. Hier wäre eine stärkere Unterstützung und Förderung der außerschulischen Bildungsarbeit durch die Bildungsverwaltungen der Länder geboten.

 

Stephanie Bohra hat bis zum 31. März 2018 als Elternzeitvertretung die Pädagogischen Dienste der Gedenkstätte Sachsenhausen und die Internationale Jugendbegegnungsstätte »Haus Szsczypiorski« geleitet.

 

1 Vgl. Günter Morsch, Die Transformation der historischen Orte. Sanierung, Rekonstruktion und Neugestaltung am Beispiel von Sachsenhausen, in: Gabriele Hammermann, Dirk Riedel (Hrsg.), Sanierung, Rekonstruktion, Neugestaltung. Zum Umgang mit historischen Bauten in Gedenkstätten, Göttingen 2014, S. 74–96 sowie derselbe, Zum Wandel der Gedenkstätten nach der Deutschen Einheit, in: Museumsblätter. Mitteilungen des Museumsverbandes Brandenburg 10 (2007), S. 10–14.

2 Zur Entwicklung der Berliner Tourismuszahlen seit 1996 vgl. www.berlin.de/sen/wirtschaft/wirtschaft/branchen/tourismus/artikel.110610.php (Zugriff am 26. 4. 2018).

3 Vgl. hierzu Martin Schellenberg, Lernen mit Fundstücken am historischen Ort, in: Commitment without Borders. Ein deutsch-türkisches Handbuch zu Antisemitismusprävention und Holocaust Education, hrsg. v. Aycan Demirel/Derviş Hızarcı im Auftrag der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.), Berlin 2016, S. 45–47.

4 Einen Überblick über die kulturpädagogischen Seminarformate findet sich in: kunst – raum – erinnerung. Künstlerische und kulturpädagogische Strategien in KZ-Gedenkstätten, hrsg. v. Bildungsverbund für die Internationale Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen e.V., Potsdam 2010, www.vielfalt-mediathek.de/data/bildungsverbund__kunst_raum_erinnerung_vielfalt_mediathek.pdf (Zugriff am 29. 4. 2018).

5 Vgl. https://pinholecameraphotos.wordpress.com (Zugriff am 29. 4. 2018).