Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) wurde im November 1982 an der Technischen Universität (TU) Berlin dank der Initiative des damaligen TU-Historikers Prof. Dr. Reinhard Rürup[1], des damaligen TU-Präsidenten Rolf Berger sowie dem damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, gegründet. Mit dem Institut sollte auf wissenschaftlicher Ebene zu den Themen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, die damals wie heute einen breiten Raum in der gesellschaftlichen Diskussion einnahmen, geforscht und gearbeitet werden. Man kann sich nun fragen, warum dieses geisteswissenschaftliche Institut ausgerechnet an der Technischen und nicht an der Freien Universität angesiedelt wurde: Nach dem Zweiten Weltkrieg war es für die neugegründete TU Berlin erklärtes Ziel, eine inhaltliche Neuausrichtung anzustreben und die technischen Wissenschaften mit geisteswissenschaftlichen Fächern zu koppeln, um die (technische) Forschung mit ethischen Gesichtspunkten zu verbinden. Aus diesem Grunde war die geisteswissenschaftliche Fakultät I der TU Berlin relativ umfassend und groß. Nach der Wende 1989 wurden Institute aufgelöst, da sie an der Humboldt-Universität vertreten waren und Berlin nicht an allen drei Universitäten Geisteswissenschaften im selben Umfang anbieten wollte. Das bis dahin etablierte ZfA blieb erhalten und ist bis heute ein wichtiger Teil der Fakultät I der TU Berlin.
Von 1982 bis 1990 leitete Prof. Dr. Herbert Strauss das ZfA. Er konnte 1943 aus Deutschland in die Schweiz fliehen, wo er drei Jahre lebte. 1946 wanderte er in die USA aus. Um die Leitung des ZfA zu übernehmen, kehrte er von 1982 bis 1990 nach Deutschland zurück.
Von 1990 bis 2011 wurde das Institut von Prof. Dr. Wolfgang Benz geführt. Er öffnete das thematische Spektrum der Einrichtung und installierte unter anderem 1999 die »Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus« am Zentrum. Unter Leitung von Prof. Benz gab das ZfA zahlreiche Publikationen heraus und konnte verschiedene Forschungskolloquien am Institut beherbergen.
Seit 2011 leitet Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum die Einrichtung und öffnet die Forschung hin zu Geschlechter- und Emotionsforschung. Unter ihrer Leitung wurde zum WS 2014/15 der MA-Studiengang »Interdisziplinäre Antisemitismusforschung« eingerichtet, an dem zur Zeit ca. 75 Studierende immatrikuliert sind. Dieser Studiengang ist pädagogisch ausgerichtet und soll zur Arbeit in der Erwachsenenbildung, in Gedenkstätten und Museen, in internationalen Organisationen sowie im Journalismus befähigen.
Das Institut verfügt über zwei feste Professuren, seit dem WS 2017/18 sind eine Heisenbergprofessur für fünf Jahre, besetzt mit Prof. Dr. Uffa Jensen, sowie eine Gastprofessur für zwei Jahre, besetzt mit Prof. Dr. Samuel Salzborn, hinzugekommen. Schwerpunkt der Heisenbergprofessur ist die Emotionsforschung, die erforschen soll, wie z.B. antisemitische Bilder (Karikaturen, Postkarten, Gemälde etc.) negative Gefühle evozieren können und so den Antisemitismus auf emotionaler Ebene verstärken[2]. Grundlage dieser Forschungen ist die »Sammlung Langerman« des Belgiers Arthur Langerman, geboren 1942 in Antwerpen. Seine Eltern wurden 1944 nach Auschwitz deportiert, nur seine Mutter kehrte zurück. Er überlebte diese Zeit von seinen Eltern getrennt in einem niederländischen Waisenhaus. Nach der Befreiung fand ihn seine Mutter wieder, erzählte aber nie von ihrer Zeit im Lager. 1961, im Zuge des Eichmann-Prozesses, begann Arthur Langerman sich für die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten zu interessieren und legte den Grundstock für seine Sammlung. Diese besteht aus mehr als 9 000 antisemitischen Flugblättern, Plakaten, Postkarten, Karikaturen und Gemälden und ist eine der wohl größten Sammlungen dieser Art weltweit. 2017 hat Arthur Langerman begonnen, die Artefakte zu digitalisieren und wird die Digitalisate dem Zentrum für Antisemitismusforschung für Forschungs- und Bildungsarbeit zur Verfügung stellen.
Die zweijährige Gastprofessur am Zentrum für Antisemitismusforschung wird vom Berliner Senat finanziert und ist – das erste Mal in der Geschichte der Antisemitismusforschung in Deutschland – mit einem Politologen besetzt. Hier soll der aktuelle Antisemitismus in seinen vielschichtigen Facetten in den Blick genommen werden. Das Land Berlin will mit der Finanzierung dieser Professur ausdrücklich die Forschung zum Antisemitismus stärken, um die wissenschaftlichen Ergebnisse in die Politik einfließen zu lassen.
Die 1999 gegründete »Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus« stellt eine Schnittstelle zwischen der politischen/pädagogischen sowie der wissenschaftlichen Arbeit dar: Sie soll zum einen mit ihren Forschungen über rechtsextreme Milieus, Gruppen, Erscheinungsformen etc. Hintergrundwissen erarbeiten, zum anderen praktisch in die Gesellschaft wirken und z.B. in Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Rechtsextremismus informieren sowie Pädagogen und Bildungseinrichtungen in ihrer Arbeit mit dem Rechtsextremismus unterstützen.
Neben den vier Professor*innen arbeiten zahlreiche Wissenschaftler*innen, Fellows und Doktorand*innen am Zentrum. Viele Forschungsarbeiten und Dissertationen sind am ZfA entstanden, verschiedene Tagungen und Forschungskolloquien fanden unter der Ägide des ZfA statt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind regelmäßig Teilnehmer*innen an Diskussionsveranstaltungen und Mitglieder in politischen Gremien, die zum Thema Antisemitismus tätig sind. Am Zentrum wird seit 27 Jahren das »Jahrbuch für Antisemitismusforschung« im Metropol-Verlag herausgegeben, seit zwei Jahren die Reihe »Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart« im Wallstein-Verlag.
Die Bibliothek des ZfA wurde 1983 eröffnet, um die Wissenschaft am ZfA und darüber hinaus mit Literatur zum Thema Antisemitismus zu unterstützen. 3 500 antiquarisch erworbene antisemitische Schriften des 17.–20. Jahrhunderts sowie Klassiker der Antisemitismusforschung bildeten das Fundament, auf dem der heutige Bestand von 40 000 Medieneinheiten aufgebaut wurde. Von 1983 bis 2015 leiteten hintereinander zwei promovierte Wissenschaftlerinnen die Bibliothek und stellten in dieser Zeit eine hervorragend sortierte Sammlung verschiedenster Medien zum Thema Antisemitismus zusammen. Es finden sich grundlegende antisemitische Publikationen zur Frage der Judenemanzipation aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Schriften des Anti-Antisemitismus sowie Grundlagenschriften aus der Zeit des beginnenden rassistischen Antisemitismus. Die Übernahme eines geschlossenen Bestands mit 750 Büchern aus dem aufgelösten »Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik« in Berlin ergänzte die Bibliothekssammlung um wichtige und seltene Titel zum Sammelschwerpunkt Rassismus im Nationalsozialismus.
Weitere besondere Bestände sind zahlreiche jiddische Zeitschriften aus der Zeit zwischen 1919 und 1932 sowie eine umfangreiche Sammlung alter Periodika auf Mikrofilm – beide Angebote werden intensiv genutzt. Ergänzende Sammelschwerpunkte der Bibliothek bezogen auf das 20. und beginnende 21. Jahrhundert sind der Holocaust und dessen Aufarbeitung nach 1945, Schriften von Holocaustleugnern, Rechtsextremismus, Rassismus, Vorurteilsforschung und Literatur zu Minderheiten. Sowohl Bücher als auch aktuelle Zeitschriften und Zeitungen spiegeln dieses breite Spektrum wider.
Ein ebenfalls sehr gut genutztes Angebot der Bibliothek war das Visual History Archive der »USC Shoah Foundation. The Institute for Visual History and Education«, das weltweit umfangreichste Videoarchiv mit ca. 55 000 Interviews von Holocaust-Überlebenden[3]. Leider ist es nicht mehr am ZfA zugänglich, weil die USC Shoah Foundation die Datenbank an den amerikanischen Anbieter Pro Quest verkauft hat, der die Interviews nun kommerziell vertreibt. Für das ZfA ist der Preis für die Datenbank so hoch, dass es das VHA nicht mehr anbieten kann.
Alle Bestände der Bibliothek sind katalogisiert und somit im Bibliothekskatalog nachgewiesen und auffindbar. Der ZfA-Bibliothekskatalog ist Teil des Kataloges der Universitätsbibliothek der TU Berlin[4], darüber hinaus ist er Teil des Kataloges der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken (AGGB)[5] sowie Teil des Judaica-Portals im KOBV Berlin-Brandenburg[6].
Als Bestand in einer Freihand- und Präsenzbibliothek sind die meisten der Bibliotheksbücher frei zugänglich und, weil sie nicht entliehen werden können, an ihrem Platz. Eigentlich würden die Bibliotheksnutzer*innen die Bücher, die sie brauchen gerne ausleihen, erkennen dann aber die Vorteile einer Präsenzbibliothek, die ermöglichen, mit allen Büchern zum Arbeitsthema direkt vor Ort arbeiten zu können, eben weil sie nicht entliehen sind. Genutzt werden die Medien von den am Institut Arbeitenden und Studierenden, von Wissenschaftler*innen anderer Universitäten sowie von privat oder beruflich am Thema Interessierten.
Als kleine Spezialbibliothek mit einer bibliothekarischen Vollzeitkraft, einem Bibliothekar, der einen Tag in der Woche in der ZfA-Bibliothek arbeitet sowie einem studentisch Beschäftigten mit zehn Stunden in der Woche ist es unerlässlich, bibliothekarische und fachlich-inhaltliche Netzwerke zu knüpfen, auf die man zurückgreifen kann, wenn man Unterstützung benötigt. Die Bibliothek des ZfA ist Mitglied in verschiedenen Arbeitskreisen: in der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken (AGGB), der Arbeitsgemeinschaft der Spezialbibliotheken (ASpB), der Association of Jewish Libraries (AJL), der AG Jüdische Sammlungen sowie dem One-Person-Libraries (OPL) Arbeitskreis Berlin-Brandenburg. Diese unterschiedlichen Arbeitskreise befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Arbeit in der Bibliothek des ZfA und sind deshalb für alle relevant und sehr hilfreich.
Als Teil der Technischen Universität Berlin ist die ZfA-Bibliothek eine Fachbibliothek der TU Universitätsbibliothek, die sich in eigenen Räumen im ehemaligen Telefunkenhochhaus am Ernst-Reuter-Platz in Berlin-Charlottenburg befindet. Die Leitungsstelle der Bibliothek des ZfA war von August 2014 bis Oktober 2016 vakant und in dieser doch recht langen Zeit wurde intensiv verhandelt, ob es besser wäre, die Bibliothek räumlich in die UB zu integrieren, weil es das Ziel der TU UB ist, alle ihre Bibliotheken in einem Haus zu vereinigen. Letztendlich fiel die Entscheidung zugunsten des Zentrums für Antisemitismusforschung und die Bibliothek blieb am Institut. Die Vorteile für das Zentrum liegen auf der Hand: die Bibliothek ist ein zentraler, häufig genutzter Bestandteil aller am Institut Beschäftigten und Studierenden und diese können mit kurzen Wegen die Literatur, die sie benötigen, erreichen und nutzen. Fast alle Bücher stehen in Freihand systematisch geordnet in den Regalen. Ausleihen in die eigenen Büros der Mitarbeitenden sind möglich und gleichzeitig können die anderen externen Bibliotheksnutzer*innen auf die intern ausgeliehenen Bücher zurückgreifen, weil diese bei Bedarf vom Bibliothekspersonal ohne Wartezeiten in die Bibliothek geholt werden können. Darüber hinaus hat sich die Bibliothek zu einem integralen Anlaufpunkt des Instituts entwickelt, an dem sich die Mitarbeitenden und Studierenden treffen, wo sie sich auf fachlicher Ebene austauschen können. Wäre die ZfA-Bibliothek in die UB der TU integriert worden, wären die Bücher zwar ausleihbar und wegen der deutlich längeren Öffnungszeiten der UB länger zugänglich gewesen – diese Argumente wiegen aber die o.g. Vorteile für die ZfA-Angehörigen nicht auf.
Trotz der räumlichen Trennung ist die Bibliothek des Zentrums eine Fachbibliothek der Universitätsbibliothek und arbeitet mit dieser eng zusammen. Für die ZfA-Bibliothek ist diese Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen eine wichtige Unterstützung, von der sie sehr profitiert. Die UB und alle Bereichs- und Fachbibliotheken der UB arbeiten mit dem Bibliotheksprogramm ALMA, der technische Support liegt jedoch größtenteils in der UB, sodass die ZfA-Bibliothek partizipieren kann, ohne selbst technisches Know-how einbringen zu müssen. Alle individuellen technischen Spezifikationen der einzelnen Bibliotheken werden zentral erstellt, etwaige Schulungen und Fortbildungen zentral angeboten, Störungen zentral bearbeitet. Dadurch, dass diese doch sehr zeitintensiven Arbeiten von der Bibliothek des ZfA ferngehalten werden, wird dieser Zeit für andere wichtige inhaltliche Aufgaben geschenkt.
Auch bibliothekarische Projekte, die vom ZfA initiiert werden, aber der Hilfe einer größeren Universitätsbibliothek bedürfen, werden ohne große Umstände von der UB betreut. In Sitzungen und Besprechungsrunden der UB, an denen auch die ZfA-Bibliothek teilnimmt, kommen für die UB und ihre Teilbibliotheken wichtige inhaltliche Informationen und Fragen zur Sprache, die wiederum an die Mitarbeitenden und Studierenden des ZfA weitergegeben werden können. Gleichzeitig erfahren die UB-Mitarbeitenden in den Sitzungen interessante Themen aus der ZfA-Bibliothek, sodass beide Seiten von der engen Zusammenarbeit profitieren.
Das Zentrum für Antisemitismusforschung ist eines der weltweit renommiertesten Institute zum Thema Antisemitismus und wirkt mit seinen Forschungen und seiner Öffentlichkeitswirksamkeit in Wissenschaft, Politik und Pädagogik hinein. Die Bibliothek des Instituts leistet mit ihrer Zur-Verfügung-Stellung relevanter Materialien und Informationen sowohl für die Wissenschaftler*innen als auch die Studierenden einen kleinen Beitrag zu dieser erfolgreichen Arbeit.
Irmela Roschmann-Steltenkamp leitet seit 2016 die Bibliothek des ZfA. Vorher hat sie die Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors aufgebaut und geleitet.
[1] Wolfgang Schieder hebt in seinem Nachruf auf den leider im April d.J. verstorbenen Prof. Dr. Rürup dessen Initiative zur Einrichtung des ZfA an der TU Berlin besonders hervor. S. »Geschichte und Gesellschaft« 44.2018, 2 S. 319.
[2] Diese Fragen sollen im »Forschungsverbund Hate Pictures« erforscht werden und in Forschungsprojekte, Dissertationen und Lehrveranstaltungen einfließen.
[4] https://tu-berlin.hosted.exlibrisgroup.com/primo_library/libweb/action/search.do?vid=TUB
[5] https://aggb-katalog.de/vufind/
[6] judaica.kobv.de