Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Jugoslawien bekam der Loiblpass eine hohe militärstrategische Bedeutung. 1941 startete die Kärnten NS-Gauleitung die ersten Vorbereitungen für den Ausbau der Loiblstraße und für die geplante Untertunnelung der Passhöhe auf einem Niveau von ca. 1 000 Meter ü.d.M. Im Mai 1941 wurden Projektierungsverträge zwischen zivilen Baufirmen und der staatlichen NS-Bauleitung geschlossen. Danach begannen die Vermessungs- und Straßenbauarbeiten unter der staatlichen Bauleitung der »Organisation Todt« (OT). Unterhalb des Loiblpasses wurde auf der Südseite im Städtchen Neumarktl/Tržič ein Zivilarbeitslager, das »OT Wohnlager Neumarktl«, eingerichtet. Im Sommer 1941 führten bewaffnete deutsche Polizei- und Gendarmerieeinheiten Razzien durch, die sich in erster Linie gegen die Widerstands- und Partisanengruppen der slowenischen Befreiungsfront OF (Osvobodilna Fronta) richteten.
Im Juli 1942 begannen die Terrassierungsarbeiten auf der Kärntner Seite des Loiblpasses und am 27. September 1942 erfolgte die »Proklamation« des Gauleiters von Kärnten, Dr. Friedrich Rainer, der als Chef der Zivilverwaltung auch die Okkupationsbehörden der Region Oberkrain (heute Gorenjska) unter sich hatte und mit Kärntner NS-Funktionären besetzte. In seiner Proklamation verfügte Gauleiter Rainer die Wehrpflicht im besetzten Oberkrain und die Regelung der zwangsweisen Arbeitsdienste. Dies verband er mit der Ankündigung des Ausbaus der Nord-Südverbindungsstraße über den Loibl. Damit war auch das Tunnelprojekt am Loiblpass angesprochen.
Am 11. März 1943 kam es zum Vertragsabschluss zwischen der staatlichen Bauleitung und dem Generalunternehmer »Universale Hoch- und Tiefbau AG«. Der Generalunternehmer verpflichtete seinerseits zivile Baufirmen zur Ausführung bestimmter Arbeitsaufgaben. Die Gauleitung ihrerseits sorgte dafür, dass das »Menschenmaterial« aus dem KZ Mauthausen bereitgestellt wurde.
Ende März 1943 begannen zivile Bauarbeiter und Mineure am Südportal den Tunnelanschlag. Am 3. Juni 1943 traf der erste Häftlingstransport mit 330 Häftlingen auf der Südseite des Loiblpasses ein, darunter 316 Franzosen, die im KZ Mauthausen für das so genannte »Kommando X« ausgewählt worden waren. Inzwischen waren die drei Lagerbereiche installiert: Das Zivilarbeiterlager für die Angehörigen der staatlichen Bauaufsicht und der zivilen Baufirmen, das SS- und Polizeilager für die KZ-Aufseher und zwei Konzentrationslager, eines auf der Südseite und eines auf der Nordseite des Loiblpasses. Die Verlegung in das Nordlager auf der Kärntner Seite galt als Strafverschärfung. Wegen der extremen Lage (niedrige Temperaturen und hoher Schnee im Winter, Hitze und Wassermangel im Sommer) und wegen der besonderen Brutalität der Aufseher wurde das Loibl KZ Nord zum Inbegriff der »Hölle in den Bergen«. Wegen der langen, schneereichen Wintermonate hieß das KZ Nord auch »das Gefängnis im Schnee«.
Ende Juni 1943 begannen Techniker der Baufirmen und Häftlingskommandos den Tunnelvortrieb von beiden Seiten aus. Fast jeden Monat trafen neue Häftlingstransporte am Loibl ein: Polen, Russen, Jugoslawen, Tschechen, Deutsche, Norweger, Luxemburger, Spanier, Ungarn und Häftlinge anderer Nationalität.
Die von Andreas Baumgartner und seinem Team ermittelte Gesamtzahl, die auch mit Namens- bzw. Transportlisten nunmehr vollständig belegt ist, beläuft sich auf 1 636 KZ-Häftlinge, die in den Jahren 1943 bis 1945 auf den Loibl deportiert wurden. Hinzu kommen über 50 Häftlinge aus dem Geiselgefängnis Begunje.[2]
In den Jahren zwischen 1943 und 1945 fand ein unterschiedlich starker »Häftlingsaustausch« statt. Die Häftlingstransporte, die nach Mauthausen zurückgingen, waren mit abgearbeiteten, erschöpften und erkrankten Häftlingen gefüllt. Einige Häftlinge wurden als »Strafmaßnahme« nach Mauthausen zurückgebracht, was zumeist einem Todesurteil gleichkam. Im Sommer 1944 erreichten die beiden Konzentrationslager am Loiblpass ihre maximale Belegungszahl mit insgesamt ca. 1 300 Häftlingen.
Am 4. Dezember 1943 fand in Anwesenheit von Gauleiter Rainer, SS-General Rösener, KZ-Kommandant Winkler und zahlreichen Führern der staatlichen Bauleitung, die alle hochrangige NSDAP-Mitglieder waren, der Durchbruch des Tunnelstollens statt. Am 4. Dezember 1944, genau ein Jahr nach dem Tunneldurchbruch, konnten die ersten Wehrmachtsfahrzeuge den 1 542 Meter langen Loibltunnel provisorisch befahren. Zu dieser Zeit konnte man schon folgende »Bilanz« ziehen:
Die beiden Lager waren die höchst gelegenen Außenlager des Mauthausen-Systems (1 000 Meter ü.M.) und hatten deshalb extreme klimatische Bedingungen, wobei das Nordlager auf der Kärntner Seite in Bezug auf Kälte, Abgeschiedenheit, Brutalität und Unmenschlichkeit das Südlager übertraf.
Das Loibl KZ Süd lag als einziges Mauthausen Außenlager in einem von den Nazis eroberten und besetzten Gebiet – im heutigen Slowenien, das damals »Oberkrain« hieß und von der Kärntner Gauleitung verwaltet wurde.
Die beiden Lager waren die einzigen Außenlager von Mauthausen, die von Beginn an direkt im Operationsgebiet der slowenischen Widerstandsbewegung lagen. Dadurch gab es die Möglichkeit, dass (slowenische) Zivilarbeiter und entflohene Häftlinge zu den Partisanen überliefen. Abgesehen davon hatte die Widerstandsbewegung auch »U-Boote« unter den Zivilarbeitern, die für Sabotage, Agitation und Kontakt zu den Häftlingen zuständig waren. Von keinem anderen Lager ist bekannt, dass es ein so dichtes und gut funktionierendes Netz von Unterstützung und Hilfe durch Zivilarbeiter und Partisanen gab. Auf diese Weise gelang es, Kassiber und Briefe aus dem Lager, Pakete und Medikamente ins Lager zu schmuggeln.
Die Anzahl der geglückten Fluchten von KZ-Häftlingen war nirgendwo so groß wie hier. Von 29 Fluchten misslangen nur 7. Drei der wieder eingefangenen Häftlinge wurden gleich am Loibl erschossen, fünf nach Mauthausen zurück transportiert. 22 Fluchten waren erfolgreich, denn geflohene Häftlinge, die zu den Partisanen in die Wälder und Berge gelangten, waren gerettet.
Von keinem anderen KZ ist bekannt, das die Leichen der ermordeten Häftlinge auf einem Scheiterhaufen unter freiem Himmel verbrannt wurden. Dieser Ort war eine offene Grube, die mit Eisenschwellen bedeckt war. Auf der Nord- und Südseite gab es insgesamt 39 Häftlinge, die direkt im oder im Umfeld der Konzentrationslager gestorbenen sind oder umgebracht wurden.[3] Diese Anzahl beinhaltet nicht die Opfer, die nach Mauthausen zurück geschickt wurden, und auch nicht die, die noch nach dem 8. Mai 1945 an den Folgen der KZ-haft gestorben sind.
Das Loibl KZ Nord wurde bereits Mitte April 1945 aufgelöst, nach dem Partisanen die umgebende Polizeistationen und Militärposten angegriffen und besetzt hatten. Teilweise hatten sich auch Soldaten und Gendarmen den Partisanen angeschlossen. So war die Situation im Nordlager auf der Kärntner Seite für die SS in einem Maße unsicher geworden, dass die Internierten auf die Südseite des Loiblpasses verlegt werden mussten.
Im Loibl KZ Süd sollen die zivilen Baufirmen noch bis zum 6. Mai Arbeiter am Loibl beschäftigt haben. Von den Häftlingen wird der 5. Mai 1945 als ihr »letzter Arbeitstag« beschrieben. Die endgültige Auflösung des Loibl KZ Süd begann am 7. Mai 1945. Es traf an diesem Tag noch ein Evakuierungstransport auf Lkw mit Häftlingen aus dem KZ Klagenfurt-Lendorf ein. Nach dem weder von Klagenfurt noch vom Loibl aus die Häftlinge nach Mauthausen zurück transportiert werden konnten, wollte die SS offensichtlich dennoch einen geordneten Rückzug antreten, was aber angesichts der Masse von auf der Loiblstraße zurück flutenden Wehrmachtstruppen und Zivilpersonen fast unmöglich erschien.
In der Folge dieser chaotischen Endphase entschied sich der Lagerkommandant zu einem »Rückzug« auf drei Ebenen:
21 Kranke und nicht transportfähige Internierte mussten im Südlager bleiben, begleitet von 2 freiwilligen Helfern, nämlich dem französischen Zahntechniker Roger Puybouffat und dem tschechischen Häftlingsarzt Dr. František Janouch. Die im Lager verbleibende Gruppe war die am meisten gefährdete, weil sie von den nach Kärnten flüchtenden slowenischen Nazikollaborateuren, die alle die Loiblstraße benutzten, als »Partisanenfreunde« angesehen wurde. Mit Gewehr- und Granatenfeuer wurden die zurückgelassenen Kranken in ihren Baracken von den zum Loiblpass flüchtenden Nazis beschossen.
100 jugoslawische Häftlinge, darunter 70 Slowenen, wurden vom Lagerkommandanten Winkler am Abend des 7. Mai einzeln oder in Kleingruppen entlassen. Winkler rechnete offenbar damit, dass die nach Neumarktl/Tržič kommenden ehemaligen Internierten, die durch ihre Frisuren und Häftlingskleider leicht zu identifizieren waren, von der slowenischen Landwehr wieder gefangen gesetzt würden. Die Landwehr konnte dann nach ihrem Gutdünken mit den ehemaligen Häftlingen, die als »Kommunisten« bzw. Partisanen zu den »Feinden« gezählt wurden, verfahren.
Die größte Gruppe, die das Südlager Richtung Norden verließ, bestand aus ungefähr 950 Häftlingen, über die Hälfte davon waren Franzosen. 44 gut bewaffnete SS-Männer, die zunächst den Weg zum Tunneleingang frei machen mussten, waren zur Eskortierung dieser Gruppe abgestellt. Die Kolonne begann in den Morgenstunden des 7. Mai 1945 den Fußmarsch durch den Tunnel auf die Kärntner Seite. Ziel der führenden SS-Wachmannschaft war es, über die Stadt Ferlach und die Draubrücke in die Nähe von Klagenfurt zu kommen, wo bereits die Alliierten vermutet wurden. (Tatsächlich sollten am nächsten Tag, dem 8. Mai, britische Truppen aus Oberitalien kommend über das Kanaltal und Villach Klagenfurt erreichen.) Da der Marschweg der Kolonne durch das Loibltal und über die Draubrücke führen sollte, diese Route jedoch von Partisanen besetzt und kontrolliert wurde, waren sich die SS-Wachmannschaften selbst im »Schutz« der Häftlinge nicht sicher, ob sie gefahrlos den Weg mitten durch die über den Loibl zurückflutenden deutschen Truppen nehmen könnten. Wegen der schweren Gefechte, die die Deutschen den Partisanen vor Ferlach lieferten, musste der Häftlingsmarsch in ein Seitental, das Kärntner Rosental, ausweichen. Dort wurden die KZ-Häftlinge schließlich durch Partisanen am 8. Mai aus den Fängen der SS-Bewacher befreit, nach dem die Partisanen durch einige geflohene Internierte in der Nacht vorher auf diese Marschkolonne aufmerksam gemacht worden waren. Bei der Befreiungsaktion, an der die Männer des Lagerwiderstandes aktiv beteiligt waren, fielen 2 (Volksdeutsche) SS‑Männer Die anderen ehemaligen KZ-Bewacher wurden gefangen genommen und den Partisanen sowie den Briten übergeben.
Am 8. Mai 1945 setzten sich auch die SS-Eliten, der KZ-Kommandant, der Lagerarzt und die höheren SS-Funktionäre in Zivilkleidung endgültig vom Loibl KZ Süd durch den Tunnel in Richtung Klagenfurt ab. Auch sie kamen teilweise nur bis zur Draubrücke, wo sie von ehemaligen Häftlingen identifiziert und zur Festnahme den Partisanen übergeben wurden. Einigen NS-Tätern gelang es allerdings im allgemeinen Chaos, unerkannt zu bleiben oder sofort wieder die Flucht zu ergreifen.
Das Besondere an dieser Schlussphase der beiden Konzentrationslager vom Loibl sind folgende zwei Momente:
Es gab keine anderen Mauthausen Außenlager, die so exponiert an einer Heeresstraße lagen, auf der sich im Mai 1945 große Teile der Deutschen Wehrmacht und SS vom Balkan zurückzogen. Die Häftlinge der Loibl KZ waren dadurch zusätzlich gefährdet, weil sie für die Deutschen und für die slowenischen und kroatischen Kollaborationstruppen »Verbündete der Partisanen« waren.
Die Alliierten hatten keinen Anteil an der Befreiung des Lagers. Der Teil der Häftlingspopulation aus dem Südlager, der von der SS auf den »Todesmarsch« ins Rosental (Kärnten) geführt wurde, wurde von Partisanen befreit. Auf dem Marsch dienten die Häftlinge ihren Bewachern als »lebende Schutzschilder« gegen die Partisanen. Die britische Armee stieß am gleichen Tag (8. Mai 1945), aus Oberitalien kommend, über Tarvis und Villach nach Klagenfurt vor. Sie hatten keinen Auftrag, das KZ am Loiblpass zu befreien. Dass sie davon wussten, geht aus den alliierten Luftaufnahmen eindeutig hervor.
Einige Tage nach dem 8. Mai 1945 wurde der Loibltunnel, durch dessen Mitte die Grenze zwischen Österreich und Jugoslawien verlief, mit Brettern und Stacheldraht verbarrikadiert, so dass ein Durchkommen unmöglich war. Auch der Grenzübergang an der alten Straße auf der Passhöhe wurde gesperrt und blieb es bis 1950. Ein legaler Grenzübertritt war also am Loibl von 1945 bis 1950 nicht möglich. Jugoslawische Grenzwachen waren angehalten, jeden Versuch, die Grenze trotzdem zu überschreiten, mit dem Gebrauch der Schusswaffe zu beantworten.
Während der provisorisch gebaute und nicht fertig gestellte Straßentunnel weiter verfiel, wurde in den 50er und 60er Jahren der Verkehr wieder über die alte Passstraße abgewickelt, die natürlich auch nicht restauriert worden war. Das Land Kärnten war damals strikt dagegen, dass für den Ausbau und die Inbetriebnahme des Straßentunnels Geld ausgegeben würde. Man wollte weder eine wirtschaftliche noch eine ideologische Nähe zum »kommunistischen« Jugoslawien. Man befürchtete allen Ernstes, dass die Wiedereröffnung des Tunnels die »österreichischen Wirtschaftsinteressen« schädigen und auf »diesem bequemen Weg noch mehr Agitatoren« ins Land kommen würden.[4]
Trotz der Kärntner Widerstände wurde der Tunnel in den 60er Jahren von Jugoslawien und Österreich ausgebaut und 1964 dem Verkehr übergeben. Schon damals negierte man die Existenz des Mauthausen Außenlagers auf der österreichischen Seite und die Beteiligung der KZ-Häftlinge am Tunnelbau. Eine Einladung von Organisationen der KZ-Überlebenden zur Eröffnungsfeier hatte man »vergessen«.
Noch bedeutsamer für die Entwicklung der Kärntner Kultur des Vergessens und Verdrängens waren freilich andere Ereignisse. Es war gängige Praxis, dass man in den ersten Nachkriegsjahren man die Aburteilung der Nazi-Haupttäter den alliierten Militärgerichten überließ. Bei einem solchen Militärtribunal wurde der ehemalige Kärntner SS-Gauleiter und Reichsstatthalter Friedrich Rainer 1947 in Laibach/Ljubljana als »Henker des slowenischen Volkes« wegen seiner zahllosen Kriegsverbrechen im besetzten Gebiet von Oberkrain zum Tode verurteilt. Vor einem britisch-französischen Militärgericht in Klagenfurt standen die Hauptverantwortlichen der Konzentrationslager am Loiblpass. Die Urteile wurde am 10. Oktober 1947 verkündet: »Tod durch Erhängen« für den KZ-Kommandanten, SS-Hauptsturmführer Jakob Winkler, und für den stellvertretenden Lagerführer, SS-Oberscharführer Walter Brietzke. Der KZ-Standortarzt, SS-Hauptsturmführer Sigbert Ramsauer, erhielt »lebenslänglich« – und war 1954 bereits wieder ein freier Mann, der sich bald darauf mit Erfolg an eine führende Stelle im Landeskrankenhaus in Klagenfurt bewarb. Zwei SS-Unterscharführer, die zwar auch »Folterknechte« waren, aber vergleichsweise weniger fest auf die Häftlinge eingeschlagen hatten, wurden freigesprochen. Alle übrigen mitangeklagten SS-Schergen und KZ-Kapos bekamen mehr oder weniger langjährige Haftstrafen. Anfang der 50er Jahre waren alle schon längst wieder auf freiem Fuß.
Während die Nachkriegsprozesse von 1946/47 noch von einer erheblichen medialen Aufmerksamkeit begleitet waren, versiegte dieses in den darauf folgenden Jahren sehr rasch. Ebenso eilig hatte es die Kärntner Gesellschaft mit der Löschung ihres Gedächtnisses. Eine wesentliche Rolle beim Kärntner Abwehrkampf gegen die unerwünschte Erinnerung an das Loibl KZ Nord spielte auch der Umstand, dass der Partisanenkampf von der offiziellen Politik Jahrzehnte lang diskreditiert worden war. In der Landesgeschichtsschreibung kam er allenfalls als stark negativ gefärbte Episode der Nachkriegsgeschichte vor, nämlich als »Rachefeldzug« und »Abrechnungsfuror« der Partisanen, die in »Friedenzeiten« (so wurden die Wochen nach dem 8. Mai 1945 genannt) »heimattreue Kärntner« nach Jugoslawien verschleppt und dort umgebracht hätten.[5]
Während in Slowenien die NS-Tatorte bereits in den 50er Jahren zu nationalen Gedenkstätten erklärt und mit repräsentativen Denkmälern und jährlich wiederkehrenden Erinnerungsritualen ausgestattet wurden, ließ man in Kärnten buchstäblich Gras über diese Sache wachsen und arbeitete an der nachhaltigen Verdrängung der eigenen Beteiligung an den NS-Gräueln in der Region. Augenscheinliches Beispiel dafür liefern die ehemaligen Konzentrationslager am Loiblpass. Beim Südlager ließ die slowenische Regierung 1954 ein imposantes Denkmal errichten, auf dem in allen Sprachen der Opferländer Gedenktafeln montiert sind. In der Mitte steht auf einem Steinsockel mit der Inschrift »J›accuse!« ein eindrucksvolles Denkmal des slowenischen Künstlers Boris Kobe: Ein Skelett aus Gusseisen mit zum Himmel erhobenen Armen klagt an. Das Gelände selbst wurde zur historischen Gedenkstätte erklärt und die Fundamente der ehemaligen Baracken gekennzeichnet. Auch das »Krematorium« wurde zugänglich gemacht und mit einem Gedenkstein versehen.
Die Republik Slowenien stellt 1999 das gesamte Areal des ehemaligen Loibl KZ Süd unter Denkmalschutz und erklärt es zum »Kulturdenkmal von staatlicher Bedeutung«. Das ehemalige KZ-Gelände mit den Terrassen und den authentischen Fundamenten wurde viersprachig markiert und den Besuchern topografisch erklärt. Am 26. Mai 2000 wurde das kleine Museum vor Ort im Kellergeschoss einer Gaststätte eröffnet. Dieses Gebäude, das nach dem 2. Weltkrieg als jugoslawische Grenzpolizeikaserne erbaut wurde, steht an jenem Ort, an dem sich das Zivillager Loibl Süd befand, dessen Baracken nach der Befreiung abgebrannt wurden.
Die Tradition der jährlichen Internationalen Gedenkfeiern führte die junge Republik Slowenien fort, obwohl die Position der ehemaligen Partisanen und KZ-Überlebenden durch den Systemwandel und durch die neu gewählte Mitte-rechts-Regierung erheblich geschwächt wurde. Der Tag der Gedenkfeier, an dem mehrere Tausend Besucher zum Loibl kommen, hat aber nach wie vor den Status eines »Nationalfeiertages«.
Die Geschichte des Gedenkortes des ehemaligen Loibl KZ Nord ist bezüglich der Erinnerungstradition von der des Südlagers so grundverschieden, wie es die Nachkriegsgeschichten von Slowenien und Kärnten bis heute sind. Bis zum Jahre 1995 deutete alles darauf hin, dass Kärnten und Österreich an diesen Schandplatz durch nichts und niemanden erinnert werden wollten. Es gab weder historische Forschungen zu diesem »dunklen Kapitel« noch deutschsprachige Publikationen, die dem KZ-Geschehen am Loiblpass gewidmet waren. Zwei unscheinbare Steintafeln, die sich kaum vom Tunnelportal abhoben und, wie damals üblich, sehr allgemein textiert waren, blieben für die Autofahrer unbemerkt, weil das Anhalten vor der Einfahrt in den Tunnel verboten war. Und Fußgänger gab es keine, denn zwischen der österreichischen Zollstation auf der Nordseite und der slowenischen auf der Südseite war von der Grenzpolizei streng überwachtes »Niemandsland«.
Während Mauthausen schon längst ein fester Bestandteil der politischen Bildung war, blieb das Loibl KZ Nord ein weißer Fleck in der österreichischen Erinnerungslandschaft. Man ließ 50 Jahre lang Gras, Gebüsch und inzwischen auch schon haushohe Bäume über die Fundamente des Loibl KZ Nord wachsen und negierte die Beteiligung Kärntens an der »Baustelle des Todes«, wie dieser Ort in der Terminologie der Deportierten hieß.
Wir hatten es also bei Beginn unserer Recherchen mit einer kollektiven Verdrängungsleistung zu tun, die durch das jahrelange Verschweigen der Verbrechen der lokalen SS- und Nazi-Größen dem allgemeinen »Vergessen« entgegen kam, eine Verdrängungsleistung, von der aus es nur ein kleiner Schritt war zur Verherrlichung der »Helden« des 2. Weltkrieges bei den Kärntner Ulrichsbergfeiern und zu Jörg Haiders Lobrede im Herbst 1995 auf die vorbildlichen »lieben Freunde« der ehemaligen SS.[6]
Im selben Jahr (1995) wurde jedoch der Schweigekonsens gebrochen. Eine kleine Gruppe engagierter Wissenschafter der Universität Klagenfurt gründete die Gruppe »Mauthausen Aktiv Kärnten/Koroška« (heute: Mauthausen Komitee Kärnten/Koroška) und begann mit der Aufarbeitung und öffentlichen Thematisierung der Geschichte der Mauthausen Nebenlager in Kärnten. Es entstand eine Buchpublikation[7], eine Wanderausstellung und zwei große Informations- und Hinweistafeln bei der österreichischen Zollstation am Loiblpass. Bei einer viel beachteten Gedenkveranstaltung wurden diese Tafeln am 10. Juni 1995 unter Anwesenheit des Österreichischen Innenministers, des Kärntner Landeshauptmannes und seiner zwei Stellvertreter sowie zahlreicher Repräsentanten des öffentlichen Lebens und ehemaliger Häftlinge enthüllt. Es war von starker politischer Symbolik, als erstmals ein österreichisches Regierungsmitglied im Ministerrang (Innenminister Caspar Einem) und der Kärntner Landeshauptmann (Christoph Zernatto) beim österreichischen Tunnelportal und bei der slowenischen Gedenkstätte Kränze niederlegten und Gedenkworte sprachen. Dadurch wurden erstmals die Bande der internationalen und nachbarschaftlichen Erinnerung an die gemeinsame Geschichte in der Nazizeit unterstrichen.
Die nun jährlich folgenden Gedenkveranstaltungen entwickelten sich zu grenzüberschreitenden internationalen Ereignissen, die von einem breiten positiven Medienecho begleitet waren. In einem Telegramm von Simon Wiesenthal 1996 an die Versammlung hieß es u.a.: »Wir Überlebende, wir Zeitzeugen, werden immer weniger, daher ist es unsere unabdingbare Verpflichtung, unser Wissen und die Erkenntnisse aus unseren Erfahrungen – solange wir die Kraft dazu haben – nicht mit uns sterben zu lassen. Wir müssen sie weitergeben, wir müssen den nachfolgenden Generationen schildern, was Menschen anderen Menschen antun können.«
Tatsächlich besuchten seither alljährlich mehrfach Kärntner Schulklassen diesen Tatort. Außergewöhnlich gut besuchte mehrtätige Lehrerfortbildungsseminare des Pädagogischen Instituts wurden zur Loibl KZ Thematik abgehalten. Die ersten Schritte zur Realisierung einer würdigen Gedenkstätte beim ehemaligen KZ auf der Nordseite ließen jedoch noch mehr als zehn Jahre auf sich warten. Vollends prekär wurde die Situation, als im Herbst 2003 im Zuge der Tunnelsanierung der ehemalige Appellplatz mit Schotter- und Gesteinsmaterial gefüllt wurde und die darunter liegenden noch vorhandenen Fundamentreste stark beschädigt wurden. Es dauerte in der Folge vier Jahre, bis das Material abgetragen und der entstandene Schaden vollends sichtbar wurde.
Obwohl das ehemalige KZ-Areal sich zu diesem Zeitpunkt noch im Privatbesitz befand, gelang es der Initiative, das Gelände unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Nach langwierigen Verhandlungen konnte das Areal schließlich im Sommer 2008 von der Republik Österreich gepachtet werden. Damit waren die rechtlichen Voraussetzungen für die konkrete Inangriffnahme der Gedenkstättenplanung gegeben.
Das Bundesdenkmalamt führte im September 2008 erstmals Freilegungsarbeiten und Sondierungsgrabungen durch, die vielversprechende Ergebnisse brachten und bestätigten, dass noch genügend Strukturen und Artefakte vorhanden sind, die den Ort für eine KZ-Gedenkstätte geeignet erscheinen lassen. Im Sommer 2009 wurde der KZ-Bereich im Umfang der ehemaligen Stacheldrahtumzäunung vom Baumbewuchs frei gemacht. So wurde der Ort des ehemaligen Nordlagers, der förmlich durch die Natur zum Verschwinden gebracht worden war, in seiner räumlichen Dimension wieder sichtbar.
In weiterer Folge sollen kontinuierlich durchgeführte Arbeiten zur Freilegung von Fundamenten und archäologische Grabungen weitere wichtige KZ-Strukturen zu Tage bringen. Überdies soll ein Lagermodell, das die entsprechende Kommentierung, Markierung und Beschriftung am Areal selbst ergänzt, dem Besucher eine übersichtliche Darstellung der Größe und Topografie des ehemaligen Lagerareals bieten. Das im Sommer 2009 fertig gestellte »Konzept für die KZ-Gedenkstätte Loibl-Nord« sieht weitere Rekonstruktionen von Erinnerungszeichen vor, deren Realisierungschancen im wesentlichen von der Finanzierbarkeit abhängen werden[8]:
Der Prozesscharakter der Grabungs- und Freilegungsarbeiten soll im Sinne der doppelten Bedeutung von KZ-Gedenkstätten betrachtet werden: Es soll eine Wissenserweiterung stattfinden, die etwas initiiert, was dem Bildungsprozess inhärent ist. Der Pädagoge Hartmut von Hentig hat dies so auf den Begriff gebracht: »Die Sachverhalte klären – die Menschen stärken«. Die andere Bedeutung liegt in der Aktivität, unter der Oberfläche des Alltagsbewusstseins zu graben und dabei Entdeckungen zu machen, die auch die eigene Person bzw. Biografie betreffen können.
Die Kommentierung des Ortes wird einer der Hauptarbeiten von Jugendlichen in den alljährlich zu organisierenden Workshops sein. Zum einem kann in einem Diskussionsprozess mit den Jugendlichen die inhaltliche Auswahl der Arbeitsbereiche erfolgen. Zum anderen werden Überlegungen notwendig sein, wie durch das Aufstellen entsprechender mehrsprachiger Hinweisschilder und Informationstafeln die BesucherInnen zur und durch die Gedenkstätte zu führen sind.
Längerfristig ist ein markierter »Erinnerungsweg« geplant, der über die alte Passstraße führt und die thematische Verbindung zwischen den beiden KZ-Gedenkstätten herstellt. Hierbei soll der ehemalige Weg, den die Häftlinge anfangs zurücklegen mussten, um die jeweils andere Seite des Tunnelseingangs zu erreichen, in Erinnerung gerufen werden. An den markanten Stellen des Weges sollen Informationstafeln aufgestellt werden, die u.a. Häftlingserinnerungen und Aussagen von Überlebenden und Zeitzeugen beinhalten.
Die Gedenkstättenarbeit an den Nebenlagern von Mauthausen weist einen Rückstand von einem halben Jahrhundert auf. Dies gilt zumindest für das Kärntner Nordlager am Loibl im Vergleich zum slowenischen Südlager; es gilt aber auch für die meisten Nebenlager im Vergleich zum Mauthausen-Hauptlager. Dieser Rückstand kann nicht in einigen Jahren aufgeholt werden.
Statt teurer Prestigeprojekte, die auf die Imagepolitur des Landes ausgerichtet sind und statt kostengünstiger Sparvarianten bei der Etablierung der KZ- Gedenkstätte, schlagen wir deshalb eine intensive und reflexive Beschäftigung mit jenen Orten vor, die im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung bisher eine Leerstelle bilden und die für die Verfolgung, Entrechtung, Misshandlung und das konkrete Leid stehen, aber auch für Überleben, Widerstand und Solidarität. Wir gehen davon aus, dass die Vergangenheit an diesen Orten als »untergründige Spur« noch so gegenwärtig ist, dass durch das Erforschen und Erzählen der Geschichte dieser Orte und durch das nachdenkliche Verweilen die menschliche Sensibilität für die Vergangenheit eine ganz besonderen Qualität erhalten kann.
Prof. Dr. Peter Gstettner, emeritierter Leiter des Instituts für interkulturelle Bildungsforschung Klagenfurt-Villach ist Vorstandmitglied im Mauthausen Komitee Österreich und Kärnten/Koroška sowie in den Vereinen »Memorial Kärnten Koroska« und Društvo Peršman.
[1] Folgende Monografien stellen die wichtigsten Quellen für diesen Bericht dar: Josef Zausnig: Der Loibl-Tunnel. Das vergessene KZ an der Südgrenze Österreichs. Drava-Verlag, Klagenfurt/Celovec 1995; Frantiek Janouch: Selbst der Teufel würde erröten. Briefe meines Vaters aus der Hölle von Auschwitz und aus dem KZ am Loiblpass. edition mauthausen, Wien 2006; Janko Tiler/Christian Tessier: Das Loibl-KZ. Die Geschichte des Mauthausen-Außenlagers am Loiblpass/Ljubelj. Mauthausen-Schriftenreihe, Wien 2007; Andreas Baumgartner (Projektleiter): Die Häftlinge des Loibl-KZ. Ein Gedenkbuch. edition mauthausen, Wien 2010
[2] Das Geiselgefängnis in Begunje, ca. 15 km südlich des Loiblpasses gelegen, war als Gestapogefängnis im besetzten Oberkrain ebenfalls ein Horrorprodukt der Kärntner NS-Gauverwaltung. Es existierte von 1941 bis 1945. Hier wurden insgesamt über 12 000 Menschen, darunter etwa auch etwa 2 000 Frauen und 400 Kinder, aus der deutsch besetzten Zone von Slowenien und Oberitalien gefangen gehalten. Die meisten davon, ungefähr 95 Prozent, wurden im Zusammenhang mit Widerstands- und Partisanentätigkeiten oder wegen des Verdachts der Unterstützung von Partisanen verhaftet. Mehr als ein Drittel davon überstellte die Gestapo in AEL/Arbeitserziehungslager und in deutsche Konzentrations-lager, wie Dachau, Mauthausen, Auschwitz u.a. 1.270 Menschen wurden an Ort und Stelle erschlagen, erschossen oder erhängt. Die restlichen wurde nach grausamen Verhören und Folterungen bedingt entlassen oder für die Wehrmacht zwangsmobilisiert. Zu Kriegsende wurde Begunje Anfang Mai 1945 von jugoslawischen Partisanen zwei Tage lang belagert. Am 4. Mai konnten bei einer kampflosen Übergabe 632 Gefangene befreit werden.
[3] Die Namen der 39 Opfer sind Dank der Recherchen des Zeitzeugen Janko Tiler (gest. 2007) und der neuen Forschungen des sozialwissenschaftlichen Büros von Andreas Baumgartner (Projektbericht 2010) gesichert
[4] Zeitschrift »Die Kärntner Landsmannschaft«, Heft 1/1961; zit. nach Hans M. Tuschar: Ferlach. Geschichte und Geschichten. Klagenfurt 1996, S. 173
[5] Dieses historisches Faktum wird heute von der Geschichtswissenschaft wesentlich nüchterner betrachtet. Die meisten »Heimattreuen« entpuppten sich als aktive Nazis, als Parteigänger und S-ympathisanten. Vgl. z. B. Brigitte Entner: Vergessene Opfer? Die ›Verschleppten› vom Mai 1945 im Spiegel historischer Aufarbeitung und regionaler Geschichtspolitik. www.uni-klu.ac.at/his/downloads/Beitrag_Entner.pdf
[6] Vgl.: Walter Fanta und Valentin Sima: »Stehst mitten drin im Land«. Das europäische Kameradentreffen auf dem Kärntner Ulrichsberg von den Anfängen bis heute. Klagenfurt/Celovec 2003
[7] Josef Zausnig: Der Loibl-Tunnel. Das vergessene KZ an der Südgrenze Österreichs. Klagenfurt/Celovec 1995
[8] »Konzept für die KZ-Gedenkstätte Loibl-Nord«, im Auftrag des Österreichischen Innenministeriums erstellt von Peter Gstettner., Stephan Matyus und Jochen Wollner, Wien, Juni 2009 (Bezug über: peter.gstettner@aon.at).