Der Virtuelle Guide der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

07/2022Gedenkstättenrundbrief 206, S. 33-44
Christian Dürr und Robert Vorberg

»Reisende stehen auf dem Bahnsteig und warten auf einen Zug. Sie sind die gleichgültigen Zeugen unserer Ankunft; es ist unmöglich, in ihren verschlossenen Gesichtern zu lesen. (…) Im Laufschritt durchqueren wir das Dorf, das in Friedenszeiten ein fröhlicher kleiner Ort sein muss. Die Kranken, die leise und sanft nach dem Ende ihres Leidensweges verlangen, müssen wir mitschleppen.«

So beschreibt der KZ-Überlebende Bernard Aldebert seine Ankunft am Bahnhof Mauthausen im Jahr 1944 und den darauffolgenden Fußmarsch durch den Ort ins Lager. Sein Bericht ist einer von mehreren, den nun Besucherinnen und Besucher entlang zweier neuer Audiotouren durch die Region von Mauthausen und Gusen in Oberösterreich hören können. Sie sind Bestandteil des von der KZ-Gedenkstätte Mauthausen neu entwickelten »Virtuellen Guides«, eines mobilen digitalen on-site Vermittlungstools für Einzelbesucher*innen an historischen Orten.

Der Virtuelle Guide ist modular nach Orten bzw. Regionen aufgebaut. In einer ersten Version bestehend aus zwei Modulen zu den ehemaligen Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen ging der Virtuelle Guide im Mai 2021 online. Nun wurde er um zwei weitere Module mit den Titeln »Zwischen-Räume I« und »Zwischen-Räume II« erweitert. Sie thematisieren das regionale Umfeld der beiden Konzentrationslager.

Das Konzentrationslager Mauthausen, rund 20 km östlich von Linz gelegen, wurde am 8. August 1938 gegründet. Ab Dezember 1939 ließ die SS nur wenige Kilometer von Mauthausen entfernt das Zweiglager Gusen errichten. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Menschen aus ganz Europa aus politischen oder rassistischen Motiven nach Mauthausen und Gusen verschleppt. Tausende wurden in den Gaskammern des Hauptlagers und der Vernichtungsanstalt Hartheim vergast oder auf andere Weise ermordet. Ab 1942 zog die SS die Gefangenen, darunter ab 1944 erstmals auch Frauen, zunehmend zur Arbeit in der Rüstungsindustrie heran. Gusen, in seiner Anfangszeit vor allem ein Ort der Vernichtung durch Arbeit für bestimmte Gruppen von Deportierten, darunter viele Polen, republikanische Spanier oder sowjetische Kriegsgefangene, wandelte sich in dieser Phase zu einem Zentrum der Zwangsarbeit. Die Firmen Steyr-Daimler-Puch und Messerschmitt errichteten dort ab Sommer 1943 unter dem Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen Fertigungsstätten für Gewehr- bzw. Flugzeugteile.

Ab Ende 1943 mussten die Gefangenen auch Stollensysteme zur unterirdischen Verlagerung der Rüstungsproduktion errichten, vor allem die Anlage »Bergkristall«, auch »Esche II« genannt, in St. Georgen an der Gusen. Das KZ Mauthausen übernahm in dieser Phase die Funktionen eines Verteilungszentrums von Häftlingen über ein Netzwerk von insgesamt rund 40 Außenlagern sowie eines Sterbelagers für kranke und schwache Gefangene.

Gegen Kriegsende wurden Mauthausen und Gusen zu Zielorten für Evakuierungen aus anderen Konzentrationslagern. Überfüllung, mangelnde Versorgung und grassierende Krankheiten führten in den letzten Monaten vor der Befreiung zu einem Massensterben. Am 5. Mai 1945 befreite die US-Armee die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen. Von den insgesamt etwa 190 000 Gefangenen des KZ Mauthausen, seines Zweiglagers Gusen und der Außenlager waren in sieben Jahren mindestens 90 000 zu Tode gekommen.

Im Juni 1947 übergab die sowjetische Besatzungsmacht das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen an die Republik Österreich mit der Verpflichtung, es als Gedenkort zu bewahren. 1949 wurde das Öffentliche Denkmal Mauthausen feierlich eröffnet. Zwar waren noch davor zahlreiche Baracken und andere bauliche Einrichtungen des Lagers verschwunden, doch die Entscheidung der Sowjets war maßgeblich dafür verantwortlich, dass bis heute weite Teile im Originalzustand erhalten geblieben sind. Anders verlief die Nachkriegsgeschichte des KZ Gusen. Während die sowjetischen Besatzer die ehemaligen KZ-Steinbrüche weiterbetrieben, wurden das ehemalige Konzentrationslager und seine Einrichtungen bis Ende der 1940er-Jahre durch Plünderung oder Verkauf weitgehend zum Verschwinden gebracht. Nach Abzug der Sowjets wurden weite Bereiche des ehemaligen Lagers parzelliert und als Baugrund verkauft. In der Folge entstand dort eine Wohnsiedlung. Um den erhalten gebliebenen Krematoriumsofen errichteten internationale Überlebendenorganisationen im Jahr 1965 auf eigene Kosten ein Denkmal, das sogenannte Memorial de Gusen. Im Jahr 2004 wurde es um ein kleines Besucherzentrum samt Dauerausstellung erweitert.

Im Unterschied zur KZ-Gedenkstätte Mauthausen, die heute der zentrale Ort des Gedenkens an die NS-Verbrechen in Österreich ist, blieb das KZ Gusen bis in die Gegenwart ein vergessener Ort. Der kürzlich erfolgte Ankauf von Grundstücken am ehemaligen Lagergelände durch die Republik Österreich und deren künftige Transformation in einen Erinnerungsort sollte in den kommenden Jahren zu einer erinnerungspolitischen Aufwertung Gusens führen. Einen wesentlichen Beitrag dazu will auch der Virtuelle Guide leisten.

Ausgangspunkt für die Entwicklung dieses neuen digitalen Vermittlungstools war der Audioguide durch die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Dieser wurde im Jahr 2016 neu konzipiert und ermöglicht seither insbesondere Individualbesucherinnen und -besuchern einen eigenständigen Rundgang mittels vor Ort zu entlehnender Audiogeräte. Parallel dazu wurde der Audioguide auch als App zugänglich gemacht, die in den herkömmlichen App-Stores gratis zum Download zur Verfügung gestellt wurde. Neben den Stationen des Audioguides weist die App zusätzlich Informationspunkte zu historisch relevanten Orten und Lagerobjekten (»historische Spuren«), zu nachkriegszeitlichen Denkmälern und sonstigen Erinnerungszeichen sowie zu praktischer Infrastruktur aus. Der Audioguide sowie die App zur KZ-Gedenkstätte Mauthausen sind in zwölf Sprachen verfügbar, neben Deutsch und Englisch sind dies Französisch, Hebräisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Tschechisch, Türkisch und Ungarisch.

Im Zuge der inhaltlichen Erweiterung der App um neue Module – die genannten Module zum Einflussbereich des ehemaligen KZ Gusen sowie zum regionalen Umfeld – wurde erstmals ins Auge gefasst, sie auch technisch auf neue Beine zu stellen. In Zusammenarbeit mit dem Technologiepartner WH-Interactive wurde dafür die Lösung einer sogenannten Progressive Web App (PWA) als zielführend erachtet. Die PWA löste damit die alte Gedenkstätten-App als Vermittlungstool ab. Die in App-Stores noch erhältliche App wird seither nicht mehr upgedatet. Eine PWA kombiniert die Vorteile einer herkömmlichen App mit denen einer Webseite. Die Inhalte können dynamisch verändert und angepasst werden. Im Hintergrund steht ein Content Management System, mit Hilfe dessen ohne größeren technischen Support jederzeit neue Module angelegt und mit Inhalten befüllt werden können. Diese werden auf einer eigenen Website gehostet, können dort von den Nutzerinnen und Nutzern direkt gestreamt oder auch vorab pro Modul als Datenpakete heruntergeladen werden.

Die Vorteile einer PWA gegenüber einer herkömmlichen App liegen auf der Hand: Erstens ist die Gedenkstätte für ihre Verbreitung nicht länger auf die großen App-Stores der Tech-Riesen angewiesen. Zweitens können Inhalte jederzeit flexibel und selbstständig adaptiert und erweitert werden. Und drittens ist der Virtuelle Guide so wie jede PWA als Desktopversion auch per Computer von zu Hause aus abrufbar und kann so zu einem Tool für die Vor- oder Nachbereitung von Besuchen werden.

Der Virtuelle Guide soll Individualbesucherinnen und -besuchern historischer Orte oder Regionen in die Möglichkeit versetzen, sich im geografischen Raum zu orientieren, ihn eigenständig zu begehen und dabei ortsbezogene historische Informationen abzurufen. Ausgehend vom gegenwärtigen Erscheinungsbild dieser Orte werden tiefer liegende historische Schichten freigelegt bzw. die anachronen physischen Überreste der Vergangenheit in der Gegenwart in den Blick gerückt. Die Mittel dazu sind aktuelle Luftbildkarten, GPS-Verortung und georeferenzierte Informationspunkte bestehend aus Audio, Bild und Text, die durch Drücken aufgerufen werden können.

Jedes Modul des Virtuellen Guides vermittelt auf vier unterschiedlichen Informationsebenen. Die jeweilige Hauptebene bildet der Audioguide. Dieser besteht aus mehreren narrativen Audiostationen mit jeweils rund dreiminütigen Audiotexten entlang eines vorgeschlagenen Rundgangs. In ihrer Gesamtabfolge ergeben diese Stationen eine Storyline zur Geschichte des betreffenden historischen Ortes oder der Region sowie zu spezifischen historischen Fragestellungen, die in dem jeweiligen Modul ins Zentrum gerückt werden sollen.

Die als »Historische Spuren« bezeichnete Informationsebene kennzeichnet einerseits erhaltene physische Überreste, andererseits heute nicht mehr vorhandene, ehemals zentrale Bereiche der ehemaligen Konzentrationslager. Ein Text, der in Länge und Duktus an Ausstellungstexte angelehnt ist, beschreibt die ursprüngliche Funktion jedes einzelnen Überrests oder Bereichs im Funktionszusammenhang der Konzentrationslager. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auch auf deren Nachleben nach 1945 und der Transformation von Funktionselementen des Lagers hin zu historischen Relikten in der Gegenwart. Ein historisches Foto veranschaulicht das Erscheinungsbild während der Lagerzeit, während ein aktuelles Foto die leichtere Auffindung im realen Raum unterstützen soll.

Die Informationsebene »Erinnerungszeichen« rückt nachkriegszeitliche Denkmäler, Gedenktafeln und sonstige Gedenkinterventionen im öffentlichen Raum in den Blick. Sie liefert Informationen zum jeweiligen Errichtungsjahr, zu den Initiator*innen sowie den ausführenden Künstler*innen oder Architekt*innen, gibt allfällige Inschriften wieder und bietet eine kurze inhaltliche Beschreibung des Denkmals. Ergänzt werden diese Informationen mit Fotos der Erinnerungszeichen in der Gegenwart. Die Informationsebene »Infrastruktur« schließlich verweist auf für Besucherinnen und Besucher nützliche öffentliche Einrichtungen wie etwa Ausstellungen und museale Einrichtungen, den Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel oder öffentliche Sanitärbereiche. Die vier Informationsebenen können in der kartenbasierten Ansicht einzeln ein- oder ausgeblendet werden, was wesentlich zur Übersichtlichkeit und analytischen Trennschärfe beiträgt.

Nach der Entwicklung der technischen Infrastruktur für die PWA durch WH-Interactive bestand der erste Schritt in der Überführung der Inhalte der alten App zur KZ-Gedenkstätte Mauthausen in die neue Umgebung. Parallel dazu wurde ein neues Modul zum ehemaligen Einflussbereich des Konzentrationslagers Gusen erarbeitet. Dieses umfasst den gesamten historisch-geografisch Raum der drei Lagerteile Gusen I, II und III, der Einrichtungen der SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DESt) in der Region sowie des Stollensystems »Bergkristall« zur unterirdischen Verlagerung der Messerschmitt-Flugzeugproduktion in St. Georgen an der Gusen.

Das Modul zum KZ Gusen stellt insofern einen Spezialfall innerhalb des Virtuellen Guides dar, als darin auf die Informationsebene des Audioguides verzichtet wurde. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war, dass der seit 2007 bestehende »Audioweg Gusen« des Künstlers Christoph Mayer (www.audioweg.gusen.org) als zentrales narratives Vermittlungstool zum Konzentrationslager Gusen fungiert. Die sich als »begehbare Skulptur« verstehende mobile Audioinstallation können Besucher*innen nach vorheriger Anmeldung über ein zu entlehnendes Audiogerät mit hoch qualitativen Kopfhörern nutzen. Aufgrund der Bedeutung der Klangerfahrung entschied man sich letztlich gegen eine mögliche Integration des Audiowegs Gusen in den lediglich über mobile Endgeräte genutzten Virtuellen Guide. Das Modul zum KZ Gusen besteht aus knapp 60 sehr ausführlichen Informationspunkten zu Historischen Spuren, 15 ausgewiesenen Erinnerungszeichen und einer Vielzahl an Punkten zu praktischer Infrastruktur. Es ging zusammen mit dem in die PWA überführten Modul zum KZ Mauthausen erstmals im Mai 2021 online. Ab diesem Zeitpunkt begann die inhaltliche Erarbeitung der beiden neuen Module namens »Zwischen-Räume I« und »Zwischen-Räume II«, die seit kurzem online sind. So wie auch das Modul zum KZ Gusen sind die beiden »Zwischen-Räume«-Module vorerst nur auf Deutsch und Englisch verfügbar. Der technische Aufbau der PWA und des dahinterliegenden Content Management Systems erlaubt aber in Zukunft die einfache Ergänzung zusätzlicher Sprachversionen.

Das Modul »Zwischen-Räume I« umfasst den historisch-geografischen Raum rund um die Marktgemeinde Mauthausen. Die Hauptebene des Moduls ist eine rund vier Kilometer lange Audiotour bestehend aus 20 Stationen vom Bahnhof Mauthausen bis zur heutigen KZ-Gedenkstätte. Die Nutzer*innen folgen dabei weitgehend jenem Weg, auf dem die neuankommenden Häftlinge in das Lager marschieren mussten.

Inhaltlich stellt die Audiotour die Frage der Beziehung zwischen dem Ort und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern einerseits sowie den Konzentrationslagern, ihren Gefangenen und der Lager-SS andererseits in den Mittelpunkt. Welche Berührungspunkte mit den Konzentrationslagern gab es im alltäglichen Leben der Ortsbewohner*innen und wie verhielten sich diese dazu? Was wusste die Bevölkerung über die Verbrechen, die dort begangen wurden? Welchen Einfluss hatte die Zwangsarbeit der Häftlinge auf die Entwicklung der Region? Und welche noch heute sichtbaren Spuren haben die Lager dort hinterlassen?

Eine beim ehemaligen Heim der lokalen Hitlerjugend verortete Audiostation thematisiert etwa die Rolle der Bevölkerung »zwischen Anpassung und Widerstand«. Sie beschreibt den Aufstieg der NSDAP in der Region, nimmt anhand des Beispiels von Anna Pointner aber auch jene Ortsbewohnerinnen und -bewohner in den Blick die sich dem Regime widersetzten. In ihrem gleich neben dem HJ-Heim gelegenen, noch heute existierenden Haus bewahrte Anna Pointner bis Kriegsende von der SS angefertigte Fotonegative auf, die zuvor von spanischen Gefangenen aus dem Konzentrationslager Mauthausen geschmuggelt worden waren. Sie stellen heute eine der wichtigsten Sammlungen von Fotografien aus dem Inneren eines NS-Konzentrationslagers dar.

Eine Audiostation beim aus dem 19. Jahrhundert stammenden Volksschulgebäude thematisiert das alltägliche Zusammenleben der Ortsbewohnerinnen und -bewohner von Mauthausen mit den häufig aus dem »Altreich« zugezogenen SS-Angehörigen und ihren Familien. Vor der Errichtung einer eigenen SS-Wohnsiedlung am Ortsrand in der Nähe des Konzentrationslagers lebten manche der hohen SS-Offiziere, darunter etwa der Lagerkommandant Franz Ziereis oder der Schutzhaftlagerführer Georg Bachmayer, mit ihren Familien in Privatunterkünften inmitten des Ortes. Ihre Söhne und Töchter besuchten dieselbe Volksschule wie die Kinder des Dorfes. Es kam zu zahlreichen alltäglichen sozialen Kontakten bis hin zu Hochzeiten zwischen SS-Angehörigen und ortsansässigen Frauen.

Eine weitere Audiostation thematisiert drei eng mit den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen verbundene Objekte am Hauptplatz von Mauthausen, die unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen in der Nachkriegszeit dorthin gelangt waren. Zum einen handelt es sich dabei um zwei steinerne Waschtröge, die sich ursprünglich in einer der Häftlingsbaracken des KZ Mauthausen befunden hatten, zum anderen um eine Granitskulptur in Form eines Rehkitzes, welches von einem Gefangenen des KZ Gusen für den Mauthausener Lagerkommandanten in Zwangsarbeit angefertigt worden war. Bis vor einigen Jahren waren alle drei Objekte weitgehend unkommentiert am Hauptplatz ausgestellt, und nichts wies auf deren Herkunft aus den benachbarten Konzentrationslagern hin. Heute erinnern dagegen zwei Gedenktafeln an den Gusen Überlebenden Stanisław Krzekotowski, den Autor der Rehskulptur.

Inmitten der themenbezogenen narrativen Audiostationen kommen entlang des Weges immer wieder auch KZ-Überlebende zu Wort. In Auszügen aus Erinnerungsberichten erzählen sie über Erfahrungen der Ankunft im Bahnhof Mauthausen und den von Erschöpfung und Gewalt geprägten Marsch hinauf in das Lager. Einer dieser Berichte ist jener des aus Frankreich stammenden Überlebenden Bernard Aldebert, der eingangs zitiert wurde.

Neben dem Audioguide enthält das Modul »Zwischen-Räume I« mehr als 30 Informationspunkte zu »Historischen Spuren«, vom Internationalen Soldatenfriedhof Mauthausen, auf dem während des Nationalsozialismus auch die Leichen von KZ-Gefangenen begraben wurden, die am Transport nach Mauthausen ums Leben gekommen waren, bis hin zu baulichen Überresten des Schotterbrechers und anderer Infrastruktur des KZ-Steinbruchs. Auf Ebene der »Erinnerungszeichen« werden sieben Gedenkinterventionen genauer dargestellt, darunter etwa das 2015 errichtete Denkmal für Anna Pointner.

Das Modul »Zwischen-Räume II« umfasst den historisch-geografischen Raum zwischen den beiden ehemaligen Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen. Die dazugehörige Audiotour führt über eine Wegstrecke von rund dreieinhalb Kilometern vom Steinbruch »Wiener Graben«, heute Teil der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, bis zum Memorial de Gusen mit dem dort erhaltenen Krematoriumsofen und dem angrenzenden Besucherzentrum samt Dauerausstellung.

Die insgesamt 14 Audiostationen thematisieren die Verbindungen zwischen dem Konzentrationslager Mauthausen und seinem Zweiglager Gusen und stellen sich Fragen wie: Auf welche Weise waren diese Lager in der Region verankert und wie haben sie diese mitgeprägt? Wo hörte das eine Lager auf und wo fing das andere an? Was befand sich dazwischen? Und welche Spuren haben die beiden Lager in der heutigen Landschaft hinterlassen?

Eine Audiostationen bei den Überresten eines ehemaligen Postenhauses am Rande des Mauthausener KZ-Steinbruchs »Wiener Graben« thematisiert etwa die Grenzen des Lagers, dessen Abschottung von der Umwelt durch Mauern, Stacheldraht und Postenketten, jedoch auch die Durchlässigkeit dieser Grenzen. So führte durch das Sperrgebiet des KZ-Steinbruchs auch zu Lagerzeiten eine öffentliche Straße. Personen aus der Umgebung passierten sie regelmäßig. Für manche Kinder führte der tägliche Schulweg hier entlang. Nicht wenige wurden so zu Augenzeuginnen und Augenzeugen der Misshandlung und Tötung von Häftlingen.

Zwischen den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen befanden sich zu Lagerzeiten mehrere Bauernhöfe. Ihre Situation wird in einer weiteren Audiostation dargestellt. Die Häftlingskolonnen, die regelmäßig zwischen den beiden Lagern hin und her getrieben wurden, blieben den Augen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner nicht verborgen. Manche Bauernfamilien zogen ökonomische Vorteile aus ihrer Lage, indem sie die Konzentrationslager mit Lebensmitteln belieferten. In anderen Fällen kam es wiederum zu Enteignungen. So wurde eine Bauernfamilie am Rande des KZ Gusen zwangsweise abgesiedelt, während ihr Hof zu einem Wohngebäude für SS-Angehörige umfunktioniert und so dem Lager einverleibt wurde.

Der Audioguide endet schließlich am heutigen Memorial de Gusen. Dieses von internationalen Überlebendenorganisationen um den erhalten gebliebenen Krematoriumsofen herum errichtete Denkmal steht heute inmitten einer Wohnsiedlung. Die entsprechende Audiostation thematisiert daher auch das zähe Ringen der Überlebenden um die Erinnerung an das Konzentrationslager Gusen bis in die Gegenwart.

Die »historischen Spuren« des Lagers in der Gegenwart werden anhand von knapp 50 Informationspunkten thematisiert, wobei es zu partiellen Überschneidungen mit dem Modul zum KZ Gusen kommt. Auf Ebene der »Erinnerungszeichen« werden sechs Gedenkinterventionen in der Region genauer dargestellt, wobei das wichtigste davon ohne Zweifel das Memorial de Gusen ist.

Mit dem Virtuellen Guide ist es erstmals möglich, die gesamte Region um die ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen und Gusen eigenständig und mit spezifischem Blick auf deren NS-Vergangenheit zu erkunden. Die vier bislang veröffentlichten Module verstehen sich dabei als ineinandergreifend und sich gegenseitig ergänzend. So knüpfen auch die drei Audiotouren des Virtuellen Guides direkt aneinander an. Theoretisch wird es Besucherinnen und Besuchern dadurch möglich, mittels einzelner Audiotouren zunächst den Weg vom Bahnhof zur Gedenkstätte Mauthausen zurückzulegen, danach diese zu besichtigen, im Anschluss daran vom Steinbruch in der Gedenkstätte bis nach Gusen zu gehen und schließlich mit Hilfe des Audioweg Gusen bis nach St. Georgen zu gelangen. In Summe entspricht dies einer Wegstrecke von rund zehn Kilometern.

Gleichzeitig wurde mit der PWA und dem dahinterliegenden Content Management System eine technische Infrastruktur entwickelt, die es erlaubt, die Anwendung auf eine prinzipiell unbeschränkte Anzahl weiterer historischer Orte und Regionen auszudehnen. Der Virtuelle Guide wird damit künftig zu einem zentralen Vermittlungstool werden, mittels dessen etwa auch die ehemaligen Außenlager und andere mit dem KZ-System Mauthausen/Gusen verbundene Orte für Besucherinnen und Besucher historisch-geografisch erschlossen werden.

Der Virtuelle Guide ist ein Projekt der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Er entstand mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, Öffentlicher Dienst und Sport der Republik Österreich. Kuratiert wurde er von Robert Vorberg und Christian Dürr, unter Mitarbeit von Bernhard Mühleder und Leo Dressel. Für die Umsetzung konnte auf die langjährige enge Zusammenarbeit mit regionalen Partnern wie der Bewusstseinsregion Mauthausen–Gusen–St. Georgen, dem Gedenkdienstkomitee Gusen oder der Perspektive Mauthausen gebaut werden. Von besonderer Bedeutung war die umfassende regionalhistorische Expertise von Franz Pötscher und Rudolf Haunschmied, die dem Projekt als wissenschaftliche Berater zur Seite standen und einen maßgeblichen Beitrag zu dessen Gelingen leisteten. Allen Projektpartnerinnen und -partner sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gedankt.
 

Christian Dürr und Robert Vorberg sind Kuratoren an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und hauptverantwortlich für das Projekt »Virtueller Guide«.

Der Virtuelle Guide ist unter der Webadresse: https://mm-tours.org abrufbar.

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