Die Aus- und Weiterbildung von Multiplikator/-innen

03/2026Gedenkstättenrundbrief 221, S. S. 52-57
Kerstin Schwenke, Sebastian Senger

Vergleiche, Fragen, Perspektiven

 

Die Besuchszahlen von Gedenkstätten und Dokumentationszentren zur Erinnerung an die NS-Verbrechen steigen. Jährlich nehmen hunderttausende Menschen aus aller Welt an Rundgängen und Workshops teil. Denjenigen, die diese Bildungsangebote gestalten und durchführen, kommt demzufolge eine besondere Bedeutung zu. Von daher lohnt es sich, den Blick auf die Aus- und Fortbildung von gedenkstättenpädagogischen Vermittler/-innen zu richten.

Diese hat in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Vielerorts wurden Lizenzierungsmodi und Formen der Qualitätssicherung eingeführt, Inhalte neu akzentuiert und methodische Zugänge weiterentwickelt. Verbunden war dies mit einem Prozess der Institutionalisierung und Professionalisierung in der Gedenkstättenpädagogik: Standards wurden etabliert und es entstand sogar das Berufsbild »Gedenkstättenpädagog/-in«. Diese miteinander verwobenen Entwicklungslinien prägen die praktische Arbeit und theoretische Reflexion.

 

Workshop in Dachau im November 2024

Unter dem Titel »Qualifizierung und Fortbildung von Multiplikator/innen der Bildungsarbeit an KZ-Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren« fand im November 2024 ein Workshop in Dachau statt. Eingeladen hatten die Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau, das Max Mannheimer Studienzentrum und das Dachauer Forum e. V., die seit vielen Jahren gemeinsam für die Ausbildung der Rundgangsleitungen an der KZ-Gedenkstätte Dachau 

verantwortlich sind. Das Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors sowie die Bundeszentrale für politische Bildung unterstützten den Workshop. 

Der Workshop bot den Teilnehmer/-innen die Möglichkeit, verschiedene Aspekte der Aus- und Weiterbildung von Multiplikator/-innen zu diskutieren. Mit dieser Themensetzung trugen die veranstaltenden Institutionen den bereits skizzierten Professionalisierungsdiskursen der Gedenkstättenpädagogik Rechnung und rückten die Vermittler/-innen in den Fokus. 

Eine genauere Betrachtung der jeweiligen Aus- und Weiterbildungspraxis an den am Workshop teilnehmenden Institutionen offenbarte Parallelen und Unterschiede. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass vor allem größere deutschsprachige Einrichtungen präsent waren, die über organisierte und mit einer gewissen Regelmäßigkeit stattfindende, umfangreichere Ausbildungsformate für ihre Vermittler/-innen verfügen. Eine ausführliche Tagungsdokumentation und Informationen zu den teilnehmenden Orten sind einer Broschüre zu entnehmen, die auf der Website der KZ-Gedenkstätte Dachau heruntergeladen werden kann.1 

Der vorliegende Beitrag möchte die wesentlichen Eckpunkte des instruktiven Austauschs reflektieren, die dabei gewonnenen Erkenntnisse bündeln und weiterhin bestehende Fragestellungen hervorheben – auch um die entsprechenden Diskussionen im Rahmen des 70. bundesweiten GedenkstättenSeminars im Juni 2026 in Dachau weiterzuführen.

 

Ausbildung: Formate und Zielgruppen 

Wie der Workshop in Dachau zeigte, bestehen hinsichtlich der praktischen Organisation der Ausbildungsformate in den teilnehmenden Einrichtungen einige Gemeinsamkeiten. So erfolgt die Auswahl der zukünftigen Guides zumeist im Rahmen eines persönlichen Gesprächs und den Teilnehmenden entstehen für die Kurse keine oder kaum Kosten. Auch die Häufigkeit der Kurse und die anvisierte Gruppengröße weisen Parallelen auf. Sehr unterschiedlich ist jedoch der zeitliche Umfang der Kurse – während bei einigen Einrichtungen ein Wochenendkurs besucht werden muss, erstrecken sich andere Formate über mehr als ein halbes Jahr.

Die angebotenen Ausbildungskurse stehen meist grundsätzlich allen interessierten Personen offen und versuchen oft auch ein diverses Publikum anzusprechen. Das hat praktische Gründe, wie etwa die Notwendigkeit vielfältiger Sprachkenntnisse und zeitlicher Ressourcen. Grundsätzlich steht dahinter aber auch die Überzeugung, dass sich mit einem diversen Team auch eine diverse Gesellschaft besser erreichen lässt. Im Gespräch traten jedoch auch Hürden und Herausforderungen im Ringen um vielfältigere und inklusivere Teams zutage, die sich auch aufgrund begrenzter personeller und finanzieller Kapazitäten und traditioneller Dominanzverhältnisse im Feld der Gedenkstättenarbeit nur langsam verändern lassen.

Bestehende Ausbildungsformate bräuchten umfangreiche Anpassungen, um auch wirklich inklusiv eine diverse Zielgruppe zu erreichen. Die begrenzte Diversität an den verschiedenen Institutionen spiegelt dabei auch gesellschaftliche Zusammenhänge wider, die außerhalb des direkten Einflussbereichs der Institutionen liegen. Dennoch verfolgen viele Einrichtungen und auch übergreifende Netzwerke und Fördermittelgeber Projekte, die eine größere Diversität unter den Multiplikator/-innen ermöglichen sollen. Einige davon werden auf dem kommenden GedenkstättenSeminar als Best-Practice-Beispiele vorgestellt.

 

Inhaltliche Schwerpunktsetzungen

Auf inhaltlicher Ebene gibt es zahlreiche Übereinstimmungen in den Ausbildungsformaten unterschiedlicher Institutionen. Wenig überraschend spielen die Geschichte der jeweiligen historischen Orte und die Geschichte des Nationalsozialismus immer eine Rolle. Im Fokus der Kurstermine in Präsenz stehen allerdings vorwiegend Übungen zur (Selbst-)Reflexion, Anleitungen zum quellenkritischen Materialeinsatz sowie die Vermittlung von methodischen Grundlagen, etwa zum dialogischen Arbeiten. Die historischen Inhalte werden meist nur schlaglichtartig thematisiert und diskutiert. Jenseits dessen müssen sie von den Teilnehmenden mit Hilfe von bereitgestellter Literatur im Selbststudium vertieft werden. 

Insgesamt zeigt sich in der Ausbildung von Multiplikator/-innen durchaus ein relativ homogenes Professionsverständnis und vonseiten der Institutionen werden ähnliche Erwartungen an die Multiplikator/-innen herangetragen. Hier entfalten die einrichtungsübergreifenden gedenkstättenpädagogischen Fachdiskurse der letzten Jahrzehnte ihre Wirkung.2 Oftmals finden in den Ausbildungsformaten neben ortsspezifischen Kurseinheiten auch Übungen aus dem 2010 publizierten Weiterbildungsprogramm »Verunsichernde Orte« Anwendung, dessen Weiterentwicklung auf dem GedenkstättenSeminar erprobt und diskutiert werden kann.Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es bei den Ausbildungen jedoch auch Unterschiede – so etwa dahingehend, ob und inwieweit dezidiert rassismus-, antiziganismus- und antisemitismuskritische Ansätze in der Ausbildung von Guides eine Rolle spielen. Auch hierzu sollen auf dem nächsten GedenkstättenSeminar Impulse und Anregungen gegeben werden.

 

Praktische Ziele und Abschluss der Ausbildung

Die praktische Zielsetzung der Ausbildungskurse besteht fast immer (auch) in der Konzeption eines eigenen Rundgangs, meist nach einer Phase der Hospitation bei erfahrenen Guides. Den angehenden Multiplikator/-innen wird bei der Gestaltung ihrer Rundgänge folglich sowohl Eigenständigkeit als auch Individualität zugetraut und abverlangt. Dabei begrenzen allerdings praktische Gegebenheiten, wie etwa die Topografie und die Menge der Besucher/-innen an den jeweiligen Orten, ebenso wie inhaltliche und methodische Vorgaben die Gestaltungsspielräume. Fast an allen Einrichtungen, die bei dem Workshop vertreten waren, wird die Ausbildung mit der Ausarbeitung eines eigenen Führungskonzepts und dessen Umsetzung im Rahmen einer praktischen Rundgangsprüfung abgeschlossen.

Unter den Workshopteilnehmer/-innen bestand Einigkeit darüber, dass von einem Austausch über Konzepte, Inhalte und Methoden der Ausbildung von Multiplikator/-innen sowohl größere als auch kleinere Einrichtungen profitieren können – er soll deshalb auf dem GedenkstättenSeminar im Juni fortgesetzt werden, wobei auch die Wahrnehmung der Ausbildungen aufseiten der Multiplikator/-innen einbezogen und reflektiert werden soll.

 

Fortbildung und Qualitätssicherung 

Der Austausch in Dachau zeigte den grundsätzlichen Konsens darüber, dass Rundgangsleitungen auch nach ihrer Ausbildung Möglichkeiten des Austauschs und der Fortbildung angeboten werden sollen. Inwieweit dies jedoch praktisch um- und durchsetzbar ist, hängt stark von den jeweiligen Beschäftigungs- und Vertragsverhältnissen der Guides ab. 

Die meisten der beim Workshop in Dachau vertretenen Gedenkstätten und Dokumentationszentren setzen hinsichtlich der Qualitätssicherung in unterschiedlichem Umfang auf Weiterbildungen inhaltlicher und methodischer Art. An vielen Einrichtungen werden regelmäßig Vorträge, Workshops und Trainings zu verschiedenen Themen organisiert. 

Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch, wechselseitige Empfehlungen für externe Anbieter von Fortbildungen oder auch die Idee gemeinsam organisierter, digital oder hybrid stattfindender Angebote wurden allgemein begrüßt. Vor allem kleinere Einrichtungen, an denen finanzielle und personelle Kapazitäten oftmals keine Ausbildungskurse zulassen und ein breiteres Fortbildungsangebot nicht umsetzbar ist, dürften diesbezüglich Interesse an praktikablen Netzwerkstrukturen haben. Welche bundeslandübergreifenden Ansätze und Potenziale es hier gibt, wird daher ebenfalls Thema auf dem 70. GedenkstättenSeminar sein.

Eine weitere Form der Qualitätssicherung sehen viele Einrichtungen in der Evaluation von Vermittlungsangeboten und in der Hospitation bei Rundgängen durch andere Guides oder feste Mitarbeiter/-innen der Bildungsabteilungen. Hierbei gilt es personelle Kapazitäten ebenso mitzudenken wie hierarchische Strukturen, die eine offene Feedbackkultur erschweren können. Hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit freiberuflich arbeitenden Multiplikator/-innen ist dabei zu eruieren, inwiefern Hospitationen und Beurteilungen überhaupt zulässig sind – oftmals bestehen hier Unsicherheiten und Konflikte verwaltungstechnischer sowie arbeitsrechtlicher Natur.

 

Psychosoziale Gesundheit und Supervision

In einem einführenden Vortrag lenkte die Literaturwissenschaftlerin Anja Ballis (LMU München) basierend auf einer empirischen Studie zu Guides an verschiedenen Gedenkstätten und Holocaust-Museen4 den Blick auch auf deren psychosoziale Gesundheit. Im Anschluss daran und vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen der Teilnehmer/-innen wurden während des Workshops Möglichkeiten der Supervision und (Selbst-)Fürsorge diskutiert. Vielerorts wird mittels formeller und informeller kollegialer Beratung versucht, einen Raum für Reflexionen zu schaffen und der psychosozialen Gesundheit der Multiplikator/-innen Beachtung zu schenken. Mancherorts gab und gibt es Supervisionsangebote. 

Auch an der KZ-Gedenkstätte Dachau artikulieren Rundgangsleitungen verschiedentlich den Wunsch nach Supervision. Immer wieder problematisieren sie in Gesprächsrunden auch gegenwärtige gesellschaftspolitische Entwicklungen: Die Wahrnehmung multipler Krisen und damit verbundener Herausforderungen für den gedenkstättenpädagogischen Alltag kann Einfluss auf die psychosoziale Gesundheit am Arbeitsort nehmen. 

Auf dem Workshop kristallisierte sich heraus, dass Supervision abteilungsübergreifend und nicht nur im Hinblick auf Multiplikator/-innen gedacht werden sollte. Weiterer Austauschbedarf besteht dazu, welche Formen der Supervision den jeweiligen Kapazitäten und Bedürfnissen unterschiedlicher Einrichtungen und ihren heterogenen Teams am besten gerecht werden und wie fruchtbare Kooperationen in diesem Bereich aussehen könnten.

 

 

Perspektiven

Wie der Workshop in Dachau im November 2024 zeigte, gibt es trotz – oder gerade wegen – der immer weiter fortschreitenden Institutionalisierung und Professionalisierung im Feld der Gedenkstättenpädagogik großen Bedarf an weiterem Austausch, zumal der oft hektische Alltag an vielbesuchten und/oder personell schlecht ausgestatteten Gedenkstätten und Dokumentationszentren oft wenig Raum für Reflexion lässt. 

Weiterhin erscheint es sinnvoll und notwendig, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich gedenkstättenpädagogischer Methoden und Zielsetzungen und den damit verknüpften Erwartungen an die Vermittler/-innen ins Gespräch zu gehen, denn Rundgangsleitungen und (gedenkstätten-)pädagogische Mitarbeiter/-innen sind diejenigen, denen Besucher/-innen an den historischen Orten in erster Linie begegnen. So gesehen prägen sie wesentlich die Erfahrungen, die Millionen Menschen an diesen Orten machen. 

Die weitere Verständigung über Umfang, Inhalte, Zielsetzungen und Erfolge von Aus- und Weiterbildungsformaten in der dezentralen und pluralen Gedenkstättenlandschaft erscheint deshalb dringend geboten – sie kann Unterschiede und Grenzen benennen, institutionsübergreifende Tendenzen und Ansätze skizzieren und mögliche Synergieeffekte aufzeigen. Welcher Rahmen könnte dafür geeigneter sein als die 70. Ausgabe des GedenkstättenSeminars, dem ältesten Austausch- und Fortbildungsformat im Bereich der Gedenkstättenarbeit?

 

Kerstin Schwenke ist Historikerin und leitet seit 2022 die Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau. Sie ist Teil des Organisationsteams zum 70. bundesweiten GedenkstättenSeminar, das im Juni 2026 in Dachau stattfinden wird.

Sebastian Senger ist Historiker und gegenwärtig Projektmitarbeiter der Bildungsabteilung an der KZ-Gedenkstätte Dachau. Als Volontär war er an der Organisation des Workshops im November 2024 in Dachau beteiligt.