Die bpb und das bundesweite GedenkstättenSeminar
Konturen eines langjährigen Engagements
Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist seit vielen Jahren Mitausrichterin des bundesweiten GedenkstättenSeminars. Damit übernimmt sie kontinuierlich Verantwortung für die Weiterentwicklung und Stärkung der Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen.
Bereits das zweite Treffen verschiedener Gedenkstätteninitiativen, das im Mai 1982 in Dachau stattfand, wurde von der bpb finanziell unterstützt – und seit dem ersten »offiziellen« GedenkstättenSeminar 1983 war sie Mitausrichterin von 48 der bislang 69 GedenkstättenSeminare.
Frühes Engagement der bpb
Das Zusammenwirken von damals noch vornehmlich zivilgesellschaftlich organisierten Gedenkstätteninitiativen »von unten« und der bpb als staatlicher Einrichtung war in den frühen 1980er-Jahren keine Selbstverständlichkeit, sondern zunächst dem Engagement von Einzelpersonen geschuldet.
Vonseiten der bpb ist vor allem Ulrike Puvogel als Mitbegründerin dieser engen Verbindung zu nennen.1 Sie nahm an besagtem Treffen der Gedenkstätteninitiativen 1982 persönlich teil und stellte dort »Initiativen der Bundeszentrale für politischen [sic!] Bildung im Bereich der Gedenkstättenarbeit« vor.2 Bereits hier wurde erkennbar, dass sich staatliches und zivilgesellschaftliches Engagement im Ringen um die Erinnerung produktiv ergänzen können.
Puvogel war auch die zentrale Akteurin hinter den umfassenden Dokumentationen der bundesdeutschen Gedenkstättenlandschaft zu den NS-Verbrechen. Bereits 1981 publizierte die bpb einen ersten Reader »Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland«. 1987, 1995 und 1999 erschienen weitere, jeweils aktualisierte und erweiterte Dokumentationen.
Auf diese Weise sorgte die bpb nicht nur für einen kontinuierlichen Überblick über die stetig wachsende Gedenkstättenlandschaft, sondern trug auch maßgeblich zu deren Wahrnehmung als übergreifendem Zusammenhang und damit zu deren Etablierung bei.3 Nicht zuletzt legten die aufwändig recherchierten Bände den Grundstein für das Referat »Gedenkstättenarbeit«, das im Jahr 2000 eingerichtet wurde und aus dem sich mittlerweile der »Arbeitsbereich Erinnerungskultur, Antisemitismus und Gedenkstätten« entwickelt hat.
Die bpb als erinnerungskulturelle Akteurin
Das frühe und anhaltende Engagement der bpb läuft dem gängigen Narrativ, die bundesdeutsche Gedenkstättenlandschaft sei gänzlich in Opposition zu staatlichen Akteuren entstanden, zuwider. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die Stärkung eines kritischen Geschichtsbewusstseins wurden und werden von der bpb als Kernelemente einer demokratischen Kultur und damit als grundsätzliche Aufgaben der politischen Bildung verstanden.
Zugänge zu Geschichte sind heute vielfältiger und Geschichtsbilder pluraler. Die Dimensionen des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust haben weltweit Spuren hinterlassen. Die überregionale und transnationale Vernetzung lokaler Geschichtsinitiativen, die Unterstützung des Austauschs zu Forschungs- und Vermittlungsansätzen sind daher ebenso wie Fragen der Professionalisierung und Weiterbildung wichtige Anliegen des »Arbeitsbereichs Erinnerungskultur, Antisemitismus und Gedenkstätten« geworden. Dies kam in den vergangenen Jahren in zahlreichen Projekten mit deutschen wie internationalen Partnerinnen und Partnern zum Ausdruck. Die Bedeutung der bpb als bewährte Akteurin im erinnerungskulturellen Feld wird zudem in der neuen Gedenkstättenkonzeption bekräftigt: Sie ist Mitglied im Expertengremium für die Projektförderung; und auch ihre tragende Rolle beim bundesweiten GedenkstättenSeminar wird nun explizit benannt und gewürdigt.4
Die bpb in der Gedenkstättenlandschaft
Ziel auch staatlich verfasster historisch-politischer Bildung muss jedoch immer sein, ein hohes Maß an Selbstreflexion zu wahren und sich in Auseinandersetzung mit historischen Fakten (selbst-)kritisch mit Geschichtspolitik und Instrumentalisierung von Geschichte zu befassen.
Eine zentrale Grundlage der Arbeit der bpb ist der auf einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Jahr 1976 beschlossene Beutelsbacher Konsens. Die darin fixierten Prinzipien – Überwältigungsverbot, Kontroversitätsgebot sowie die Befähigung von Lernenden, sich gesellschaftlich zu verorten, politische Situationen zu analysieren und darin eigene Interessen entwickeln und vertreten zu können – behalten bis heute ihre Gültigkeit. Zugleich bedarf die historisch-politische Bildung in der offenen Gesellschaft einer normativen Grundhaltung, die konsequent auf Demokratie und Menschenrechte ausgerichtet ist.
Die bpb verfolgt mit ihrem Engagement in der Gedenkstättenarbeit folgende Ziele: Stärkung einer pluralen, dezentralen Gedenkstättenlandschaft und deren nachhaltige Vernetzung; Unterstützung des fachlichen Austauschs sowie von Qualifikations- und Fortbildungsmaßnahmen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Dafür leistet das GedenkstättenSeminar seit jeher einen grundlegenden Beitrag, weswegen die bpb ihm einen hohen Stellenwert beimisst.
Bereits in den frühen 1980er-Jahren charakterisierte Ulrike Puvogel Gedenkstätten zu den NS-Verbrechen als bedeutsame Lernorte: »Ihre verstärkte Einbeziehung in die politische Bildungsarbeit […] könnte zur Ermutigung künftiger Generationen beitragen, Zivilcourage und Solidarität zu zeigen, um Gefahren für unsere Demokratie abzuwehren.«5 Diese frühe Setzung gilt für die bpb auch im Jahr 2026 – in dem das 70. bundesweite GedenkstättenSeminar stattfinden wird – unverändert fort.
Florian Zabransky ist Soziologe und Historiker und arbeitet seit Ende 2021 im Arbeitsbereich Erinnerungskultur, Antisemitismus und Gedenkstätten der Bundeszentrale für politische Bildung.