»Es ist wichtig, wie wir diese Situation ändern«

Multi-peRSPEKTif, eine pädagogische Intervention am Denkort Bunker Valentin
03/2021Gedenkstättenrundbrief 190, S. 49-55
Kathrin Herold und Appolinaire Apetor-Koffi

Der Kölner Schriftsteller Doğan Akhanlı, der einst als politischer Flüchtling die Türkei verlassen musste, beschreibt, wie er Ende der 1990er Jahre begonnen hat, sich intensiv mit der NS-Geschichte zu beschäftigen und in nahezu alle Konzentrations- und Vernichtungslager fuhr, die heute Gedenkstätten sind. Den Anstoß dazu bekam er durch seine damalige Partnerin Ayşe, die nach einer Studienfahrt nach Auschwitz zu ihm sagte: »Wir haben […] das, was wir selbst erlebt haben, viel zu wichtig genommen!«2 Dogan Akhanlı reflektierte daraufhin: »Ich wusste, dass man persönliches Leid nicht vergleichen kann, aber dennoch dachte ich, wenn eine Frau, die einen Monat lang gefoltert wurde, das eigene Leid gering achtet, dann musste dieser Ort Auschwitz auch für mich eine Bedeutung haben.«3

Warum und zu welchem Zeitpunkt in unserem Leben haben Erinnerungsorte für Opfer von Gewalttaten während des Nationalsozialismus eine Bedeutung? Haben sie es jemals? Ändert sich das im Laufe eines Lebens? Welche Orte sind bedeutsamer als andere?

Welche Bedeutung hat überhaupt Geschichte und Erinnerung? Und wo begegnen sich mitunter Gegenwart und Vergangenheit? Diese Fragen beschäftigen uns auch am Denkort Bunker Valentin in Bremen.

Wir sind alle Multi-peRSPEKTif – Identität und Haltung

Im Mai 2017 erhielt der Verein »Erinnern für die Zukunft e.V.« die finanziellen Mittel, um das pädagogische Vorgängerprojekt »Entwurzelung durch Gewalt« am Denkort Bunker Valentin fortzusetzen. Im Kern dieses Projektes stand die Frage, welchen Beitrag die Vermittlungsarbeit an einem Ort wie dem Denkort Bunker Valentin zur -Sensibilisierung für Ursachen und Folgen von Flucht und Vertreibung leisten kann. Mit dem Projekt-Neustart galt es, daran anzuknüpfen, sowie die vorgefundenen Räume und Fragestellungen gemeinsam weiter zu erschließen. Grundlage der umzusetzenden Aufgabe war eine auf vier Säulen basierende Projektbeschreibung mit dem Titel »Unterschiedliche Erinnerung – gemeinsame Gegenwart – voneinander lernen für die Zukunft. Zuhören, Beweise sichern, Empowerment und Sensibilisierung nach Außen.«4

Für diese Aufgaben konnten drei neue Mitarbeitende dazugewonnen werden, darunter die Verfasserin und der Verfasser dieses Aufsatzes. Wir, als das neue Team, folgten zunächst dem Bedürfnis, jenseits der wohlklingenden Formulierungen des Antrags unserem Handeln und unseren Ansprüchen einen eigenen Namen zu geben. Diese Namenssuche sollte uns gleichzeitig beim Aushandeln unserer Team-Identitäten im Sinne einer gemeinsamen Profilbestimmung stärken. Denn zunächst war klar: Wir liefen von ganz unterschiedlichen Punkten los. So ist zwar eine von uns seit 15 Jahren »bio-deutsche« Gedenkstättenpädagogin, ihr aktueller Erfahrungshorizont jedoch auch durch mehrere Jahre, die sie zuletzt in einem failed state auf der anderen Seite des Atlantiks lebte, geprägt. Der Zweite ist weder im geschichts- und erinnerungspolitischen Feld, noch in Bremen neu und doch durch Herkunft, Sozialisierung in und spätere Flucht aus einer ehemals deutschen Kolonie auf dem afrikanischen Kontinent geradezu »untypisch« in der bundesdeutschen Gedenkstättenszene. Der Dritte im Team wiederum arbeitet vor allem zu queerpolitischen Fragen im Zusammenhang mit Migration und ist aus Nordkurdistan.

Bislang verwiesen die Kolleginnen und Kollegen des Denkort auf das »Geflüchteten-Projekt« oder sie sprachen vom »BpB-Projekt«5. Das sollte sich nach unserem Dafürhalten nun also ändern und bereits da war uns klar, dass die Frage des Benennens der »Problematik« oder schlicht des »Inhalts« dieses Projekts ein nicht unwesentlicher Teil der Herausforderung war, der wir uns stellen wollten.

Zunächst versuchten wir uns zu verorten. Der heutige Ort der Erinnerung, an dem wir uns befanden, war, lange bevor die Landeszentrale für politische Bildung in Bremen beauftragt wurde, eine Gedenkstätte einzurichten, nicht nur von deutschen Akteuren, sondern maßgeblich von Überlebenden und Angehörigen aus mehreren Ländern West-Europas erstritten worden. Aus ihrem Kreis wurde ein Denkmal initiiert, dessen Inschrift in zwölf Sprachen übersetzt wurde. Doch, wie stark sind bisher, jenseits dieser Gruppe der Überlebenden und Angehörigen, auch »nicht-deutsche« Perspektiven in die unmittelbare Gestaltung der Erinnerungsarbeit eingeflossen?

Des Weiteren beschäftigte uns wie auch unsere Kolleginnen und Kollegen am Denkort folgender Gedanke: In einer Situation globaler politischer Krisen, in die Staaten mit hohem Wohlstand und vermeintlich sicherer Lebensgrundlage auf vielfältige Weise verwoben sind, produziert eine Engführung auf »die Flüchtlingskrise« mehr denn je falsche und schnellfertige Schlussfolgerungen. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es immer wieder neu auszuhandelnde Konzepte, mit dem Ziel, die Komplexität aufzuzeigen und auch auszuhalten. Gerade historisch-politische Bildungsarbeit verfolgt diesen Anspruch. Frei nach dem Leitsatz »fragend gehen wir voran« wollten wir uns und andere ermutigen, Fragen zu formulieren und einander zuzuhören. Indem vielfältige Perspektiven hörbar(er) und zugleich konkretisiert werden, können sich bestehende Blicke auf Zusammenhänge von Geschichte, Erinnerung und Gegenwart effektiv verändern. Das war die Geburtsstunde von Multi-peRSPEKTif, einem pädagogischen Projekt und einer Intervention.

Der Tatort Baustelle als Denkort für alle

Der Name nimmt natürlich nicht zufällig Anleihe am gedenkstättenpädagogischen Konzept der »Multiperspektivität«. Damit ist, bezogen auf die Marinebaustelle zur Errichtung einer verbunkerten U-Bootwerft, gemeint, die Gruppe »der Zwangsarbeiter« auszudifferenzieren. Je nach Lagerzuordnung, Herkunft und rassistischer Klassifizierung – Stichwort »Ostarbeiter«, »sowjetische Kriegsgefangene«, »italienische Militärinternierte«, »Arbeitserziehungslagergefangene« und die Häftlinge des KZ Farge mit seiner hierarchischen Unterteilung nach Funktionshäftlingen und »Winkeln« – bildet die Baustelle einen Mikrokosmos des NS-Zwangsarbeitereinsatzes innerhalb Deutschlands 1943 bis 1945 ab. So gut wie nicht sichtbar sind dagegen der Holocaust, der Genozid an den Roma, »Euthanasie« und geschlechtsspezifische Verfolgungen. Als Akteure trafen ferner im beschaulichen Dorf Farge-Rekum aufeinander: Angehörige von Kriegsmarine, Organisation Todt, SS, Wehrmacht und Gestapo, Ingenieure, über 50 Baufirmen mit ihrem Personal, Nachbarinnen und Nachbarn entlang der Verbindungswege, die die Gefangenenkolonnen täglich passierten.

Unseren Wunsch bezüglich des Projektverständnisses und der Zielgruppen formulierten wir als offensive Haltung im Sinne eines ›Denkort für Alle‹ und ›Willkommensortes‹. Seit Ende 2015 ist der Denkort Bunker Valentin als Erinnerungs- und Dokumentationsort an fünf Tagen die Woche offen und für Alle kostenfrei erkundbar. Jedoch ist ein geöffneter Raum nicht per se für alle auf die gleiche Weise zugänglich. Es existieren Barrieren, zum Beispiel im Hinblick auf Mobilität, Sprache, soziokulturelle Gewohnheiten und Erfahrungen. Zudem bringt die Erinnerungsstätte am Ort der geplanten, jedoch nicht in Betrieb genommenen verbunkerten U-Bootwerft ihre ganz spezifischen Herausforderungen mit sich. Trotz der Beendigung der jahrzehntelangen militärischen Nachnutzung des Geländes (1960–2010) und einem fortan stetig wachsenden Prozess der Verschiebung des mit dem Gebäude verbundenen Narrativs von »U-Boot-Technik und Stahlbeton« zu »Ursachen, Bedingungen und Folgen von Zwangsarbeit, transgenerationelle Erinnerungen und Handlungsspielräume einzelner« ist allzu oft noch die Rede vom »Valentin« oder eben vom »Bunker«. Eine Bäckerei steht für Brot, doch wofür steht eigentlich ein über 400m langer überirdischer Bunker? Für Krieg? Für Zuflucht und Sicherheit vor Bomben? Fakt ist, dass der Bunker »Valentin« auch heute noch Raum für Spekulationen und vielfältige Interpretationen eröffnet, die zu nutzen sicherlich vor allem Chancen für zukunftsfähige Erinnerungskulturen mit sich bringt.

Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen führen, dass der junge Denkort sich stetig weiter konstruiert, durch neue Forschungserkenntnisse, durch neue Fragen und durch gegenwärtige Ereignisse. Nicht zuletzt findet ein Fortschreiben der Erinnerung auch durch Menschen statt, die selbst Flucht und Vertreibungsgeschichten erlebt haben. So wurde beispielsweise erst im Rahmen dieses Projekts begonnen, einem Hinweis auf die Nennung von nordafrikanischen Zwangsarbeitern in der »Personalliste der Organisation Todt« zu folgen.

Menschen mit Migrationserfahrung besuchen bislang den Denkort als Teil von Gruppen oder sie kommen als Einzelne. Ihr Anteil am Team der festen und freien Mitarbeiterschaft machte bislang weniger als 5% aus. Wie könnten wir also einerseits Menschen mit Migrationserfahrung überhaupt stärker an der erinnerungspolitischen Gestaltung teilhaben lassen und andererseits differenzierte Fragestellungen, die durch Ausgrenzungserfahrungen einerseits aber auch durch gegenwärtige Erfahrungen mit Vertreibung, Krieg und Flucht, sowie globaleren Verflechtungen von Geschichte(n) andererseits geprägt sind hörbarer machen?

Zielgruppe und Motivationen

In unmittelbarer Nachbarschaft des Denkort Bunker Valentin wurden seit 2014 zwei Häuser für jugendliche unbegleitete Geflüchtete (Mädchen und Jungen) betrieben und teilweise auch öffentlich bekämpft6, weshalb es uns naheliegend erschien, diese Nachbarschaft kennenzulernen. Dieser Prozess erwies sich zunächst als komplizierter als gedacht, aufgrund der strukturellen »Betreuungssituation« der betroffenen Jugendlichen. Sie endete jedoch nur deshalb, da beide Einrichtungen geschlossen wurden.

Als Kerngruppe der Multi-peRSPEKTif-Begegnungen luden wir Menschen mit Migrationserfahrung ein, zu denen teilweise durch das Vorgängerprojekt bereits Kontakte bestanden. Wir setzten beim Aufbau dieses Aktivenkreises stärker auf die Aktivierung und Befähigung Einzelner, um an diesem Prozess teilzunehmen, statt eine bereits irgendwie existierende Gruppe anzusprechen. Die jeweils eigene Begegnung mit der Bremer NS-Geschichte sollte im Austausch mit uns, den anderen Kolleginnen und Kollegen vom Denkort und den anderen Aktiven, erfahrbar werden.

Die Gratwanderung bestand also darin, keine neue Zuschreibung im Sinne »der Geflüchteten oder Menschen mit Migrationserfahrung« zu konstruieren, dennoch Menschen mit einem solchen, wenn auch sehr weit zu fassenden Erfahrungsraum anzusprechen und einzuladen. Am ersten Aktiven-Treffen beteiligten sich Menschen, die aus Afghanistan, Guinea, Irak, Iran, Russland, Syrien und Ukraine nach Bremen kamen. Bei der Eingangsrunde bezüglich der Motivationen und Stimmungsbilder der Beteiligten wurden unter anderem benannt: Die Fähigkeit, Diskussionen führen zu können, Geschichte generell, bereits am Denkort gewesen zu sein, der immer noch bestehende Rassismus und Nationalismus und was dagegen zu machen sei, der Wunsch aktiv zu werden, generelles Politikinteresse, Gräueltaten in Afghanistan mit Geschehnissen in Deutschland vergleichen zu wollen, eine kritische Haltung gegen Kapitalismus, politischer Aktivismus sowie die Erfahrungen mit der deutschen Bevölkerung (rassistische oder konservative Realitäten besonders in ländlichen Regionen).

Im Anschluss an erste assoziative Verortungen und die Planung der Exkursionen zum Denkort Bunker Valentin, zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme und zur Spurensuche in der Bremer Innenstadt kristallisierten sich im Diskussionskreis sogleich philosophische Fragen heraus: Geschichte wird gemacht, durch kompliziertes Ineinanderwirken von Ereignissen und Kräften versus Menschen machen Geschichte – und – ist sie dadurch veränderbar?

Bei den Exkursionen, die wir zum Teil selbst, sowie mit Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen inhaltlich gestalteten, waren wir mit Aufnahmegerät und Notizblöcken, später auch mit Foto- und Filmkamera ausgestattet. Wir arbeiteten am vertrauensbildenden Prozess innerhalb der Gruppe; es kristallisierte sich langsam heraus, wer stärker an einer Mitarbeit am Denkort interessiert war und wir schufen Raum für vielfältige Reflexionsprozesse.

Verbindungen

Eine Verbindung, die beispielsweise bei einem Workshop am Denkort Bunker Valentin zur Sprache kam, knüpfte an der Beschreibung der unwürdigen Unterbringung der Gefangenen im unterirdischen Treibstoffbunker des KZ Farge an. Ein Teilnehmer erinnerte sich an Geschichtsbilder, die seinen Blick auf Geschichte von Macht und Unterdrückung prägten: Die Bedingungen derjenigen, die mit Schiffen vom afrikanischen auf den amerikanischen Kontinent transportiert wurden und dort als Sklaven für Weiße Zwangsarbeit leisten mussten. Bei dieser Begebenheit war es tatsächlich weniger eine sprachliche Beschreibung dieser Verflechtungsgeschichte von Nationalsozialismus und Kolonialismus, sondern vielmehr eine zunächst sehr diffuse, bildhafte Assoziation, die erst nach und nach für den Rest der Gruppe klarer wurde.

Bei einer Tagesexkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme entwickelte sich nach einer allgemeinen Einführung, die u.a. die Aufnahmeprozedur der Gefangenen im KZ Neuengamme beschrieb und nachdem einige konkrete Fragen zum historischen Ort besprochen wurden, eine Diskussion.

»In den Notunterkünften herrschen ähnliche Bedingungen. Es werden Geflüchtete untereinander unterschiedlich privilegiert behandelt, Afghanen kriegen zB. keinen Deutschkurs. Andere erhalten Kurse und befinden sich zudem in einem sichereren Status. Wieder andere stehen in der Mitte. […]

Wenn ich höre, welche Regeln in den KZs existierten, sehe ich Ähnlichkeiten in den Geflüchteten-Lagern. Das Problem muss doch aber gelöst werden. Auch bei den Häftlingsnummern, die damals den Menschen gegeben wurden, werde ich wieder an Geflüchtete heutzutage erinnert. Ich bekam auch eine Nummer. Diese war 425. Ich hatte für die Behörde gefühlt keinen Namen. Das ist traurig. Diese Situation gibt es zwar überall auf der Welt. Aber wieso gerade hier in Deutschland mit dieser Geschichte? Es wäre doch besser, wenn die Situation anders gewesen wäre.«7

Mit diesem Statement forderte der Teilnehmer die Betrachtung der heutigen Situation Geflüchteter ein. Der Faden wurde von jenen Teilnehmenden, die sich zu unterschiedlichen Zeiten in Durchgangs-, oder Aufnahmelagern befanden, aufgenommen und weitergeführt:

»Als ich neu hierher kam, erfuhr ich, dass einige Personen, die damals Täter waren, teilweise bis heute noch nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Viele wurden auch von einigen Würdenträgern in Deutschland geschützt. Und ein Gebäude, das zu NS-Zeiten ein Registrierungsstelle war sowie in der DDR-Zeit eine Druckerei war, wurde in der BRD zur Ausländerbehörde umfunktioniert. Gleichzeitig wurden wir zu einem KZ gefahren, um die Geschichte der NS-Zeit kennen zu lernen. Ich habe mich gefragt, was für ein Geschichtsverständnis vorhanden gewesen sein muss. Mein damaliges Gefühl war dann eher, du bist nicht willkommen und schau, was wir mit dir machen könnten.«8

Ein weiterer Teilnehmer setzte das »Steinhaus 1«, in dem wir uns bei der Diskussion befanden und dessen Zeitschichten, also KZ-Häftlingsblock – Justizvollzugsanstalt – Verwaltung und Studienzentrum der Gedenkstätte mit seiner Erfahrung und seiner Deutung der Bundesrepublik Deutschland in Beziehung:

»Dieses Gebäude ist alt und es wurde renoviert? Diese Regeln aber und die Infrastrukturen, die es früher gab, sind diese nicht auch lediglich renoviert? Was ich hier in Deutschland sehe, ist, dass es hier immer noch so rassistisch ist. Es wurde zwar etwas verbessert, als zu Zeiten des Nationalsozialismus. Allerdings wenn man in die Tiefe geht und fühlt, sieht man das gleiche. Auch die Gesetze sind noch auf den alten aufgebaut oder übernommen worden. Es ist wie mit diesem Gebäude. Dieses ist alt und von damals, aber wenn man hier rein kommt, denkt man sich: Was für ein neues, renoviertes Gebäude! Allerdings steckt eine ganz andere Geschichte dahinter. Es ist wichtig, wie wir diese Situation ändern. Gehen wir nur oberflächlich vor oder ändert man von Grund auf?«9

Bei dieser Diskussion erlebte unsere Gruppe die »Expertin« und »Gastgeberin« vor Ort, die Leiterin der Gedenkstättenpädagogik Ulrike Jensen, als interessierte Zuhörerin. Statt an einem vorher festgelegten Programm festzuhalten, schuf sie Raum für den Austausch eigener Erfahrungen. Dadurch war die Basis dafür geschaffen, sich bei der anschließenden Erkundung der Ausstellungen und des Geländes intensiver auf die Geschichte Neuengammes einzulassen.

Experte der eigenen Geschichte

Bei einem Wochenendseminar, das wir nach den Exkursionen in der Bildungsstätte Bredbeck (Landkreis Osterholz-Scharmbeck), einem Kooperationspartner in der Region, durchführten, fanden wir schließlich die entsprechenden räumlichen Voraussetzungen, um über drei Tage miteinander zu arbeiten. Zu diesem Workshop luden wir zwei Medienpädagogen der Agentur »Vomhoerensehen« ein, die am Seminar teilnahmen und gleichzeitig filmten sowie einzelne Interviews mit der Filmkamera aufnahmen. Das Konzept dieses Wochenendes bestand darin, sich auf fünf inhaltliche Stränge zu konzentrieren: 1) Erinnerung: Wie und worüber überhaupt sprechen? 2) Erfahrungen im Zusammenhang mit Flucht und Migration – individuell und strukturell gesellschaftlich. 3) Lager und Zwangsarbeit als sich fortsetzende Systeme. 4) Heimat? 5) Was bedeutet für mich Zukunft und wie formuliere ich Wünsche an diese?

Dieses Seminar leiteten wir, die Schreibenden dieses Textes, gemeinsam mit unserem dritten Kollegen, Ali Naki Tutar. Um die Themen methodisch miteinander zu verweben, nutzten wir ganz unterschiedliche Materialien als Input. Zum Beispiel arbeiteten wir mit einem kurzen Video eines Gesprächs des ehemaligen Zwangsarbeiters der Bunkerbaustelle, Marian Hawling, mit seinen Kindern.10 Im polnischen Widerstand bewegte sich Hawling quer durch Europa, bis er schließlich von der Gestapo gefangen genommen wurde und über verschiedene Lager im KZ Farge landete. Nach seiner Befreiung wanderte er nach Australien aus und wählte die größtmögliche Distanz zu dieser Geschichte. Erst Jahrzehnte später, angestoßen durch die hartnäckigen Fragen seiner Kinder, brach er sein Schweigen. Als im Interview mit den Projektteilnehmern Timur und seinem Lebenspartner Bekhruz das Gespräch um deren Zukunft und Familienplanung kreiste, bezog sich Timur auf Hawling. Er stellte sich die Frage, welche Teile seiner eigenen Verfolgungserfahrungen als Homosexueller in Russland die zukünftige Geschichte seiner eigenen Kinder prägen könnte.11

Sichtbarmachen und RSPKT (Respekt!)

Weitere Verbindungslinien und Perspektiven der Projektteilnehmer sind in 15 Videoclips zu sehen. Diese Filme sind das Herzstück einer neuen Medienplattform, die Ende Mai 2018 im Infozentrum vom Denkort eröffnet wird. Besuchende können sich selber durch die Videos, Fotos und Texte durchklicken. Ein fünfminütiger Überblicksfilm führt in die Arbeitsweise im Projekt ein. Die Medienplattform versteht sich als Einladung dazu, sich die Fragen nach der eigenen Geschichte und Zukunft auch immer wieder neu selbst zu stellen. Einer der jungen arabischsprachigen Geflüchteten, der die im Rahmen des -Multi-peRSPEKTif-Projekts organisierten Exkursionen und Austauschtreffen besuchte, ist heute Mitarbeiter am Besuchertresen und betreut im Tandem auch Gruppen. Der Anteil der Guides deren erste Sprache nicht Deutsch ist, wächst auch hinsichtlich Menschen mit weiter zu fassender Migrationserfahrungen weiter.

Der Ort war in der Vergangenheit aufgeladen von rassistischem Verhalten und (De)Privilegierung von Menschen. Zu erklären, wie diese Mechanismen ganz konkret in Bremen-Farge von 1943 bis 1945 funktionierten, ist und bleibt Inhalt der Vermittlungsarbeit vor Ort. Aber die Gegenwart lehrt uns auch, dass wir mit diskriminierendem, rassistischem oder menschenverachtendem Handeln zwangsläufig umgehen müssen und können. Alle, auch Menschen, die heute Erfahrungen von Rassismus machen, sowie Angehörige und ehemalige Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter, sollen beim Betreten des Denkort nicht belästigt oder beleidigt werden, sei es durch einschlägige Eintragungen im Gästebuch oder offensives Tragen von neonazistischen Schriftzügen und Symbolen. Damit Alle willkommen sein können, gilt es diejenigen auszuladen, die gerade hier versuchen, ihre menschenverachtende Gesinnung kund zu tun.

 

Appolinaire Apetor-Koffi ist freier Mitarbeiter am Denkort Bunker Valentin. Er ist tätig im Bereich der Recherchen und der historischen Vermittlung. Als angehender Jurist beschäftigt er sich mit Themen des Alltagsrassismus insbesondere »Racial Profiling« und der Postkolonialen Geschichte.

Kathrin Herold ist freiberuflich in der politisch-historischen Vermittlung tätig, am Denkort Bunker Valentin, zuvor auch an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Sie betreut internationale Austauschprojekte und ist außerdem Thaiboxtrainerin.

 

1 In diesen Text sind viele Gedanken aus Diskussionen in der Institution eingeflossen. Besonderer Dank gilt Henrik Schütt und Christel Trouvé.

2 Doğan Akhanlı, »Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?«, Köln 2018, S. 182.

3 Ebd.

4 Die Schwerpunkte waren wie folgt definiert: 1) Durchführung von lebensgeschichtlichen Interviews mit Geflüchteten, 2) Dokumentation von Fluchtbiografien, 3) Ausbildung von Geflüchteten zu Multiplikator_innen, 4) Crossmediale Darstellung des Projektes.

5 Die Finanzierung erfolgte größtenteils im Rahmen des Modellprojekts »Flucht.Migration.Integration« der Bundeszentrale für politische Bildung.

6 Siehe exemplarisch zu den Auseinandersetzungen um die »Rekumer Straße 12«: »Protest aus Prinzip«, FAZ, 27. 4. 2015, S. 4.

7 Aus einer aufgezeichneten Diskussion (leicht grammatikalisch/redaktionell bearbeitet), die am 19. 8. 2017 im Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme geführt wurde.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Siehe KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg), »Überlebende und ihre Kinder im Gespräch«. Neuengammer Studienheft, Bd. 3, 2011 (mit DVD).

11 Aus dem Interview mit Timur & Bekhruz »Kinder sollen wissen wer ihre Väter sind«, zu sehen auf der Multi-peRSPEKTif-Medienstation.