European Holocaust Research Infrastructure - Transnationale Vernetzung von Quellen und Wissen

06/2026Gedenkstättenrundbrief 222, S. 26-33
Johannes Meerwald, Florine Miez

Seit Anfang des Jahres 2026 vertritt EHRI-DE die European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) in Deutschland. Der folgende Beitrag stellt die Aktivitäten und Services der European Holocaust Research Infrastructure in Kürze dar und widmet sich der Frage, inwiefern die Gedenkstätten und Lernorte in Deutschland in diese miteinbezogen werden können.

 

EHRI-ERIC: Geschichte, Mission, Services

EHRI ist ein Zusammenschluss verschiedener europäischer Institutionen im Bereich der Holo-

caust-Studien. EHRI entstand im Jahr 2010 als EU-gefördertes Projekt, das das Ziel verfolgt, die Holocaust-Forschung und -Dokumentation transnational zu vernetzen. Zahlreiche Partnerinstitute aus 17 europäischen Ländern sowie den USA entwickelten seither gemeinsam mit Forschungsinstituten, Gedenkstätten, Archiven und Bibliotheken eine Reihe von Diensten und Angeboten, welche die Fragmentierung von Holocaust-relevanten Archiv- und Forschungsdaten überwinden und Zugänge zu Institutionen und Wissen erleichtern.

 

Nach mehrjährigen Projektphasen etablierte sich EHRI am 26. Januar 2025 offiziell als European Research Infrastructure Consortium (ERIC). Als ERIC ist EHRI nun die 30. europäische Forschungsinfrastruktur; aktuell sind zehn Mitgliedsländer (Österreich, Kroatien, Tschechien, Israel, Polen, Rumänien, Slowakei, den Niederlanden, das Vereinigte Königreich und Deutschland) beteiligt. Mit weiteren europäischen Staaten, beispielsweise Belgien, wird der Beitritt in das Konsortium noch verhandelt. EHRI-ERIC ist damit die erste transnationale Organisation, die interdisziplinäre Partner der Holocaust-Studien dauerhaft zusammenbringt. Die Vernetzung auf transnationaler Ebene erhält so eine nachhaltige Perspektive, von der Institutionen in Europa und darüber hinaus profitieren können.

 

Als Forschungsinfrastruktur stellt EHRI-ERIC ein vielfältiges Angebot für Nutzer:innen bereit. Archive bieten den wichtigsten Zugang zu historischen Quellen. Das EHRI-Portal vernetzt Holocaust-relevante Institutionen und Bestände. Mit 66 Länderberichten, 2.318 ­Archiv- und 390.000 Bestandsbeschreibungen ermöglicht die Plattform den digitalen, standort-unabhängigen Zugriff auf Metadaten sowie Informationen über archivalisches Material zum Holocaust. Für Deutschland sind aktuell über 400 Institutionen und 6.023 Holocaust-­relevante Bestandsbeschreibungen auf oberster Verzeichnungsebene gelistet. Physischen Zugang zu Institutionen und Quellen erleichtert das jährlich ausgeschriebene Conny Kristel Fellowship Programm, das sich an Wissenschaftler:innen sämtlicher Karrierestufen sowie Archivar:innen, Bibliothekar:innen und Kurator:innen richtet, die Projekte zum Holocaust bearbeiten. Als Kurzzeitstipendium ermöglicht es Forscher:innen, mehrere teilnehmende Institutionen in einem jeweils anderen Land zu besuchen (aktuell 25 Institutionen aus zehn Ländern). In Deutschland beteiligen sich sämtliche EHRI-DE Partner am Programm. Auch für Gedenkstätten erweist sich dieses auf zweierlei Weise als wertvoll: Einerseits kann das Netzwerk der sich am Programm beteiligenden Institutionen erweitert werden. Andererseits sind Gedenkstättenmitarbeiter:innen dazu eingeladen, sich selbst auf die Kurzzeitstipendien zu bewerben.

 

Das transnationale EHRI-ERIC-Trainingsprogramm setzt sich aus thematischen Workshops und methodologischen Seminaren zusammen. Die Bildungsangebote umfassten in der jüngeren Vergangenheit mitunter Themen wie die Weitergabe von Wissen in Erinnerungsprojekten, methodologische Ansätze zur Erforschung von Holocaust und Exil oder Citizen Science in Archivprojekten. Zusätzlich zu den Vor-Ort-Angeboten bietet EHRI-ERIC regelmäßig Webinare zu holocaustbezogenen Themen und Projekten an. Abgesehen davon hält EHRI-

ERIC weitere Angebote bereit: So können im Document Blog Projekte und Quellen mit digitalen Hilfsmitteln wie interaktiven Karten diskutiert und präsentiert werden. Der Onlinekurs »The Holocaust through the Perspective of Primary Sources« untersucht kritisch, wie Primärquellen des Holocaust (Fotos, Tagebücher, behördliche Dokumente oder Briefe) in der ­Holocaust-Forschung genutzt werden können. 

 

Die European Holocaust Research Infrastructure in Deutschland (EHRI-DE)

Im Februar 2026 gründete sich das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Forschungskonsortium EHRI-DE, das als National Node von EHRI-ERIC in Deutschland agiert. Zu den Erstmitgliedern des Verbunds zählen das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ), dessen Zentrum für Holocaust-Studien das Konsortium koordiniert, das Bundesarchiv und die Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution. Neue Partner sind das Fritz Bauer Institut, das Deutsche Exilarchiv 1933–1945 sowie das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO). ­EHRI-DE versteht sich als offene und nachhaltige Plattform, die in Deutschland und darüber hinaus Angebote für User:innen schafft, ihre Netzwerke strategisch erweitert und die langfristige Verfügbarkeit von Archiv- und Forschungsdaten sichert. 

 

Die enge Anbindung an das EHRI-ERIC-Konsortium gewährleistet die transnationale Ausrichtung sämtlicher Aktivitäten von EHRI-DE. So bilden EHRI-ERIC-Arbeitsgruppen (»Working Groups«) thematische, methodologische sowie technische Querschnitte zwischen den verschiedenen National Nodes und fördern transnationale und -institutionelle Kooperationen. EHRI-DE ist mitunter in führender Rolle in Arbeitsgruppen zu Opferdaten und der Repräsentation von Archivmetadaten auf dem EHRI-Portal aktiv. Darüber hinaus beteiligt sich EHRI-DE an binationalen Kooperationen mit weiteren National Nodes, zum Beispiel durch gemeinsame wissenschaftliche Veranstaltungen, Drittmittelanträge und Projekte. 

 

Kooperation EHRI-DE und Gedenkstätten

EHRI-DE lädt Gedenkstätten, die sich in Deutschland mit der Geschichte und Vermittlung der Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung und des Holocaust beschäftigen, dazu ein, die Forschungsinfrastruktur inhaltlich und konzeptionell mitzugestalten. Partizipationsmöglichkeiten bestehen vor allem in den Bereichen Archiv- und Forschungsdatenverknüpfung sowie Training und Vermittlung. 

 

Das EHRI-Portal ist eine digitale Plattform, die Archiven und Forschungseinrichtungen erlaubt, holocaustrelevante Bestandsbeschreibungen standardisiert online zu präsentieren und mit Sammlungen anderer Institutionen zu vernetzen. EHRI konzentriert sich in erster Linie auf Metadaten, die auf die Geschichte des Holocaust rekurrieren, verschließt sich jedoch nicht vor Beständen, die den größeren Kontext der nationalsozialistischen Verfolgung abbilden. Größere Datenmengen werden über semi-automatische Verfahren und OAI-PMH-Schnittstellen eingespeist, die auf dem Portal im XML-Standard EAD 2002 strukturiert werden. Eigene, mitunter georeferenzierte, kontrollierte Vokabulare (EHRI-Terms sowie Camps und Ghettos) sowie Entitäten- und Personenregister erlauben die Verknüpfung der Bestandsbeschreibungen mit Normdaten.

 

Deutsche Gedenkstätten sind im EHRI-Portal primär durch Institutionsbeschreibungen verzeichnet, die allgemeine Informationen zu den Einrichtungen, Zugangsmöglichkeiten, Beständen und Findmitteln erfassen. Einzelne Pilotprojekte befassen sich mit der Integration größerer Archivbestände der jeweiligen Gedenkstättenarchive auf den tieferen Verzeichnungsebenen – von Sammlungen und Beständen bis hin zu einzelnen Akten oder Dokumenten. Eine solche Kooperation besteht aktuell mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Über Schnittstellen konnten bisher vier Bestände (Hausarchiv, Nachlässe, Sammlungen und Selekte) und mehrere tausend Aktenbeschreibungen aus den Archiven der Gedenkstätte Buchenwald, der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und der Bibliothek der Gedenkstätte Buchenwald in das EHRI-Portal integriert werden. Die vom Gedenkstättenarchiv exportierten Daten bestehen aus einem Basisdatenset (z. B. Aktentitel, Verfasser, Umfang, Sprache, Laufzeit) und entstammen internen Datenbanken, welche seit 2021 durch drittmittelfinanzierte Projekte erschlossen und aufbereitet wurden. Künftig plant der ­Kooperationspartner Beschreibungen des Verwaltungsarchivs der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald und der personenbezogenen Materialsammlung zu den Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem EHRI-Portal zu veröffentlichen und den Export bis zur einzelnen Dokumentenebene zu erweitern. Einen gewichtigen Vorteil der Zusammenarbeit mit EHRI erkennt die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora nach eigener Aussage darin, elektronisch Findmittel bereitzustellen, Verbindungen zu weiteren Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen herstellen zu können und die Sichtbarkeit und Nachnutzbarkeit der Bestände im digitalen zu Raum erhöhen.

 

Kleinere Datenmengen können manuell im EHRI-Portal erfasst werden. Hierzu können die relevanten Bestandsbeschreibungen in den Formaten CSV, XLS oder XLSX ausgegeben und übermittelt werden. Voraussetzungen hierfür sind ein Account auf dem EHRI-Portal sowie die Freischaltung der entsprechenden Rechte durch die Portal-Administrator:innen. Zu den Institutionen, die ihre Metadaten manuell importiert haben, gehört die Gedenkstätte Hadamar. Seit 2024 präsentiert sie neun Beschreibungen auf Bestandsebene auf dem EHRI-Portal.

 

EHRI-DE wird sich ebenfalls mit der Verknüpfung von personenbezogenen Informationen zu Verfolgten des Nationalsozialismus ­beschäftigen. Sogenannte Opferdaten spielen in der Erforschung, Vermittlung und Erinnerung der Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung eine zentrale Rolle und finden vielfältig Verwendung. Insbesondere aufgrund umfassender Digitalisierungsmaßnahmen der Arolsen Archives, des Bundesarchivs, des United States Holocaust Memorial Museums (USHMM) oder der Yad Vashem Archives sind heute weite Teile dieser Informationen digital aufbereitet und zugänglich. Das Feld ist jedoch weiterhin stark fragmentiert: Informationen zu ein und derselben Person liegen häufig in verschiedenen Datenbanken vor, ohne dass diese systematisch miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Wichtige Datensätze sind oftmals, wenn überhaupt, ausschließlich vor Ort zugänglich, nicht einheitlich erfasst und somit kaum miteinander vergleichbar. Für Nutzer:innen sind Informationen zu einzelnen Personen oft nur in isolierten Kontexten recherchierbar und lassen sich nur mit erheblichem Aufwand zusammenführen. Eine Initiative, die diesem strukturellen Problem entgegentritt und in einem größeren Kontext diskutiert, ist die jährliche Datenbankkonferenz der Gedenkstätten, die 2024 gemeinsam vom IfZ und der KZ-Gedenkstätte Dachau organisiert wurde.

 

EHRI-DE knüpft an den Kerngedanken dieser Konferenzserie an. Das Konsortium verfolgt das Ziel, relevante Institutionen und einschlägige Informationen miteinander in Beziehung zu setzten und Verbindungen zwischen Daten­sätzen, so zum Beispiel durch Clusterbildung, aufzuzeigen. In einer wissenschaftlichen und technischen Konzeptionsphase sollen, zunächst in digitalen wie physischen Formaten und gemeinsam mit externen Kooperationspartnern, zentrale Fragen zu Epistemologie, Datenstandards, Verknüpfungsmethoden sowie Nutzungs- und Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet werden. Am Ende der Konzeptionsphase soll indessen keine weitere zentrale ­Opferdatenbank, sondern ein serviceorientierter digitaler Infrastrukturdienst stehen, der standardisierte und verknüpfte biografische Informationen zu Verfolgten des Nationalsozialismus langfristig und nachhaltig auffindbar, abrufbar, interoperabel und ethisch nachnutzbar macht. Letztendlich sollen von diesem Angebot nicht nur beteiligte Institutionen, Projekte und Initiativen selbst, sondern auch verschiedenste Nutzer:innen sowie das langfristige Gedenken an die Opfer im digitalen Zeitalter profitieren. 

 

Ein weiterer Fokus der Aktivitäten von ­EHRI-DE liegt auf dem Thema der Holocaust-Education. Dieser Arbeitsbereich teilt sich in zwei größere Felder: Einerseits die Universitätslehre mit der damit verbundenen Frage, wie die Angebote von EHRI auch für Studierende und Lehrpersonal nutzbar gemacht werden können. Andererseits möchte EHRI-DE die Gedenk- und Vermittlungsarbeit in Deutschland unterstützen und dazu beitragen, diese enger an das Feld der Holocaust-Studien zu koppeln und transnationale Wissenstransfers zu fördern. EHRI-DE plant deshalb, zugeschnittene Trainingsangebote für Gedenkstättenmitarbeiter:innen im Vermittlungsbereich zu entwickeln und bereitzustellen. Zu diesem Zweck soll zunächst in Kooperation ein Konzept erarbeitet werden, das EHRI-Angebote für Gedenkstättenmitarbeiter:innen nutzbar macht und Vermittlungskonzepte vor Ort bereichern kann. So möchte sich EHRI-DE aktiv daran beteiligen, die Erinnerung an den Holocaust sowie die damit verbundene Bildungsarbeit an Gedenkstätten gegen kontemporären Rechtsextremismus, Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus zu stärken. 

 

Get in touch!

Als langfristig und interdisziplinär ausgerichtete Infrastruktur ist EHRI-DE interessiert an nachhaltigen Kooperationen. Gerade die ­Gedenkstätten stehen dabei als zentrale ­Akteure der Erinnerungs-, Vermittlungs- und Forschungsarbeit zum Holocaust im Fokus der Forschungsinfrastruktur. Mit diesem Beitrag möchten wir Sie dazu einladen, die Aktivitäten und Services von EHRI-DE mitzugestalten und somit zur weiteren Vernetzung der Forschung und Gedenkarbeit beizutragen. Haben Sie Interesse mehr über die Arbeit von EHRI-DE zu erfahren? Möchten Sie Bestandsbeschreibungen auf dem EHRI-Portal verzeichnen oder bestehende Einträge aktualisieren? Besuchen Sie die Webseiten von EHRI-ERIC und EHRI-DE oder treten Sie direkt in Kontakt mit Johannes Meerwald ­(Koordinator EHRI-DE) oder Florine Miez ­(wissenschaftliche Projektmitarbeiterin).

 

 

Johannes Meerwald ist Historiker und hat zur ­Geschichte der nationalsozialistischen Konzen­trationslager promoviert. Seit 2022 ist er in ­verschiedenen Funktionen am Zentrum für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte in München für das EHRI-Projekt tätig. Seit Februar 2026 ist er Koordinator der European Holocaust ­Research Infrastructure in Deutschland (EHRI-DE). 

 

Florine Miez ist Politikwissenschaftlerin und als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin für die deutsche National Node der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI-DE) zuständig. Ihr Forschungsfokus liegt auf der deutschen Nachkriegsgeschichte.