Gedenken an Herbert Obenaus

03/2022Gedenkstättenrundbrief 205, S. 45-47
Rolf Wernstedt

Prof. Dr. Herbert Obenaus ist am 29. Oktober 2021 in Alter von 90 Jahren gestorben. Er hat für die Gedenkstättenarbeit, vor allem im Land Niedersachsen, in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit geleistet. Als jemand, der im politischen und gesellschaftlichen Rahmen jahrzehntelang mit ihm in Kontakt war, möchte ich einige besonders markante Tätigkeitsfelder von ihm herausgreifen:

Herbert Obenaus ist für die wissenschaftlich begründete Gedenk- und Erinnerungskultur im Raum Hannover die zentrale Figur gewesen. Bereits Mitte der 1970er-Jahre begann er mit Forschungen zur NS-Geschichte und legte Arbeiten vor, die zu einem der größten erinnerungspolitischen regionalen Unternehmen gehörten. Zu erwähnen sind hier die Ausstellungen der Stadt Hannover zur Reichspogromnacht 1938 und die Veranstaltungen zum 30. Januar 1933. Herbert Obenaus initiierte unter Hinzuziehung vieler Kolleginnen und Studierenden die systematische Erforschung der Geschichte der Konzentrationslager, die als Außenstellen des KZ Neuengamme im hannoverschen Raum den vielen kriegswichtigen Unternehmen dienten. Seine gute Vernetzung in der Wissenschaftslandschaft machte es möglich, dass als Ergebnis des langjähriges Forschungsprojekts im Jahre 1985 zwei umfangreiche Bände erscheinen konnten: "Konzentrationslager in Hannover. KZ-Arbeit und Rüstungsindustrie in der Spätphase des Zweiten Weltkrieges."[1] Diese von mehreren Autoren unter seiner Leitung vorgelegten detaillierten, quellengestützten Arbeiten bilden auch heute noch den Grundstock der gesamten erinnerungskulturellen Arbeit in der Region Hannover. Es war nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch akademisch integrierendes Projekt. Herbert Obenaus bezog Studierende in die wissenschaftliche Mitarbeit ein, die gegenüber der herkömmlichen Darstellung der NS-Geschichte sehr kritisch waren. Manche Fragestellung ist dabei von den Studierenden ausgegangen, und Herbert Obenaus war der erste Professor, der dies aufgenommen hat. Alle Mitarbeitenden loben bis heute seine profunden Kenntnisse und den auf Augenhöhe operierenden Arbeitsstil. Er konnte zuhören, Mut machen, Anregungen geben und hatte einen langen Atem. Er war ein inspirierender Lehrer, wie viele sagen.

Herbert Obenaus hat neben den unmittelbar forschungsmäßig orientierten Arbeiten immer darauf geachtet, dass deren Ergebnisse nicht in Bibliotheken verschwanden, sondern dazu dienten, in Niedersachsen ein Netz von Gedenkorten aufzubauen. Er hielt das nicht nur für notwendig, um der zahllosen Opfer würdig gedenken zu können, sondern auch, um ein seriöses Fundament für Stätten des Lernens zu schaffen. Er wusste, dass es nicht reicht, nur an Gedenktagen rituell der Vergangenheit zu gedenken, sondern dass jede Generation ihren eigenen Zugang zu den Katastrophenjahren der deutschen Geschichte erarbeiten muss.

Als 1985 geplant wurde, das Friedhofs- und Lagergelände in Bergen-Belsen neu zu gestalten, war Herbert Obenaus zur Stelle, um für den bis dahin vernachlässigten Ort entscheidende Verbesserungen zu erreichen; unter anderem ging es darum, die nicht mehr den wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechende Ausstellung zu aktualisieren und einen pädagogischen Besucherdienst einzurichten. Ich habe daraufhin gemeinsam mit ihm eine Landtagsentschließung formuliert, die zu einem einstimmigen Beschluss des Landtages am 18. April 1985 führte.[2] Dies war der Grundstein für die Erweiterung des Geländes und der Baulichkeiten in Bergen-Belsen. Die neugestaltete Gedenkstätte wurde 1990 eröffnet und dient bis heute, nachdem 2007 ein noch größeres Dokumentationszentrum eingeweiht werden konnte, als Studien-, Arbeits- und Ausstellungsort.

1988 wurde Herbert Obenaus in den neu eingerichteten Wissenschaftlichen Beirat der Gedenkstätte Bergen-Belsen berufen; von 1991 bis 2004 war er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für die Förderung der Gedenkstättenarbeit in Niedersachsen; 2001 bis 2007 war er Mitglied der internationalen Expertenkommission für die Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Die gesamte Gedenkstättenstruktur in Niedersachsen ist ohne seine prägende Tätigkeit nicht denkbar.

Herbert Obenaus hat sich als Historiker genau und sensibel mit zeithistorischen Themen befasst. Er richtete sein Augenmerk schon früh auf die Geschichte der verfolgten Juden in Hannover und Niedersachsen. Er hat viele Arbeiten selbst formuliert, aber auch Themen für Magister- und Staatsexamensarbeiten sowie Dissertationen vorgegeben.

Schließlich hat Herbert Obenaus eine aus Israel kommende Initiative aufgegriffen, die jüdische Existenz in ganz Niedersachsen historisch aufzuarbeiten. Aus diesen Forschungen ist schließlich 2005 ein außergewöhnliches Werk hervorgegangen: das Historische Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen[3]. Ohne die von ihm eingeworbenen Forschungsgelder hätte die Vielzahl der Mitarbeitenden nicht so fruchtbar operieren können. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass die israelischen Institutionen in diesem Projekt ihre ursprüngliche Idee der reinen historischen Informationen auf Vorschlag von Herbert Obenaus um wissenschaftliche Artikel zur Kontextualisierung einzelner Themen erweitert haben. Dieses mehr als 1600 Seiten starke Handbuch wird auf Jahrzehnte die historische Grundlage für die Arbeit im Zusammenhang jüdischer Fragestellungen in Niedersachsen und Bremen bleiben.

Mir scheint, dass es bei Herbert Obenaus einen durchgängigen Zug seiner Perspektiven auf das Erfordernis historischer Aufarbeitung der NS-Zeit gab, nämlich der Blick auf die vielen Formen widerständiger Existenz und Verhaltens. Ihm war es immer wichtig, nicht nur bei der notwendigen Aufmerksamkeit für die Opfer stehen zu bleiben, sondern zu fragen, welche Formen des Widerstandes bestanden haben und wie sie zu beurteilen sind. Dabei sind viele Erkenntnisse über die "Sozialistische Front" in Hannover von 1933 bis 1936, die größte sozialdemokratische Widerstandsgruppe in ganz Deutschland, oder über spezifische Formen des Widerstandes in der Rüstungsindustrie mit Hilfe der Oral History entstanden, die in keinem Archiv zu finden waren, sondern nur erfragt werden konnten. Eine ganze Generation von Historikerinnen hat das mit ihm geleistet.

Ich möchte noch ein Beispiel erwähnen: Herbert Obenaus hat gemeinsam mit seiner Frau, der 2020 verstorbenen Sibylle Obenaus, 1995 ein Buch herausgegeben und kommentiert, das die Aufzeichnungen eines Gießereiarbeiters und technischen Zeichners enthält, der als "einfacher Mann" im Raum Hämelerwald, Hannover, Celle und Peine präzise seine Alltagsbeobachtungen in der Zeit des Nationalsozialismus aufgezeichnet hatte. Diese gehören zu den genauesten Beschreibungen dessen, was an Opportunismus, taktischem Verhalten und Mühsal für viele Zeitgenossen damals kennzeichnend war, welches Wissen über die NS-Verbrechen vorhanden war und wie darüber diskutiert wurde. Es ist ein Lehrbuch, das vor billigen Urteilen über Verhalten von Menschen in diktatorischen Regimen schützt, aber auch von der komplizierten Situation erzählt, in der zwischen aktivem Widerstand, passiver Resistenz und privater Unbekümmertheit unterschieden werden muss.[4]

Herbert Obenaus war ein leiser, genauer und verdienstvoller Mensch. Er hat 2007 für seine erinnerungspolitische konstante und ergebnisvolle Arbeit zu Recht das Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens erhalten. Der damalige Kultusminister Bernd Busemann bemerkte in seiner Laudatio unter anderem: "Wenn Niedersachsen sich heute durch Vielfalt und Qualität der regionalen Gedenkstättenarbeit auszeichnet, dann ist das ganz wesentlich Herbert Obenaus zu verdanken."

Auch wenn er sich erkennbar von uns allen in den letzten Jahres seines Lebens langsam verabschiedete, so ist der Tod dennoch die endgültige Zäsur. Ihn als zuverlässigen Freund und Kollegen, Verwandten und Lehrer in nachdenklicher Erinnerung zu bewahren, ist vielen ein tiefes Bedürfnis.

 

Professor Rolf Wernstedt, geboren 1940, hat sich nach seiner Ausbildung als Lehrer und mehreren Tätigkeiten an Hochschulen seit Ende der 1960er-Jahre als SPD-Mitglied vor allem bildungspolitisch engagiert. Er war von 1990 bis 1998 Kultusminister und von 1998 bis 2003 Landtagspräsident in Niedersachsen. In seiner Funktion als stellvertretender SPD-Landtagsfraktionsvorsitzender hat er 1987/88 einen einstimmigen Landtagsbeschluss initiiert, der die Förderung von Dokumentations- und Gedenkstätten in freier Trägerschaft und anderen Einrichtungen und Initiativen der Erinnerungskultur beinhaltete und bis heute die Grundlage der Gedenkstättenarbeit im Land Niedersachsen darstellt.

 

[1] Rainer Fröbe, Claus Füllberg-Stolberg, Christoph, Gutmann, Rolf Keller, Herbert Obenaus, Hans Hermann Schröder: Konzentrationslager in Hannover. KZ-Arbeit und Rüstungsindustrie in der Spätphase des Zweiten Weltkrieges, 2 Bände Hildesheim 1985.

[2] Niedersächsischer Landtag, Drucksache 10/4325 betr. "Angemessene Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen und Erweiterung des Dokumentenhauses".

[3] Herausgegeben von Herbert Obenaus in Zusammenarbeit mit David Bankier und Daniel Fraenkel unter Mitwirkung von Andrea Baumert, Marlis Buchholz, Uwe Hager, Jürgen Rund, Christiane Schröder, Tamar Avraham, Almuth Lessing und Antje C. Naujoks: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, 2 Bände, Göttingen 2005.

[4] Herbert und Sybille Obenaus: "Schreiben, wie es wirklich war ...". Die Aufzeichnungen Karl Dürkefäldens aus der Zeit des Nationalsozialismus. Hrsg.: Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung, Hannover 1995.

Zum Seitenanfang