Im Denkort Bunker Valentin, einer im Jahr 2011 eröffneten Gedenkstätte in der Ruine einer U-Bahn-Werft in Bremen-Farge, existiert seit mehreren Jahren das Projekt „Wir sind Multi-Perspektif“, in dem Geflüchtete als Zielgruppe im Zentrum stehen. Die Idee des Projekts ist es, Räume für die Auseinandersetzung mit Geschichte zu eröffnen, wobei der Schwerpunkt auf dem Austausch zwischen Geflüchteten und Nichtgeflüchteten liegt. Der historische Ort bildet dabei zwar einen Ausgangspunkt, die Vermittlung der spezifischen Geschichte des Bunkers steht jedoch nicht im Vordergrund. Seit dem Bestehen des Projektes haben sich Teilnehmende in einer offenen Gruppe u.a. mit den Themen Flucht/Exil, Heimat, Zukunft und Lager sowie über mögliche Gegenwartsbezüge von Gedenkstätten auseinandergesetzt, Erinnerungsorte besucht und Namen von arabischen Zwangsarbeiter in Bremen recherchiert. Manche der teilnehmenden Geflüchteten haben sich als Guides für den Denkort fortgebildet. Das Projekt geht davon aus, dass für Geflüchtete die Beschäftigung mit der Geschichte der Verfolgung im Nationalsozialismus nicht zwangsläufig als prioritär gesehen wird; gleichwohl sind sie durch ihre eigene Erfahrung selbst „Experten“ und „Expertinnen“ für Geschichte bzw. haben aufgrund ihrer Fluchterfahrung eine eigene Perspektive darauf. Zudem, so eine weitere Annahme, können geographische Bezüge, etwa zu den Herkunftsländern von Geflüchteten, in Form von Biographien ehemaliger Zwangsarbeiter z.B. aus Nordafrika, Ansatzpunkte für eine Beschäftigung mit der NS-Geschichte sein. Eine ausführliche Beschreibung des Projekts folgt im nächsten Artikel.
Einen ähnlichen Ansatz praktiziert die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin. Nachdem der Verein Karame e.V. an die Einrichtung wegen der Durchführung eines Workshops für geflüchtete Frauen aus Syrien herangetreten war, wurde dort ein Konzept entwickelt, in dem zunächst die Auseinandersetzung mit eigener Fluchterfahrung im Mittelpunkt stand. Der Workshop selbst fand nicht am historischen Ort, der stark mit der Geschichte des Massenmords an der jüdischen Bevölkerung Europas im Zusammenhang steht, statt, sondern in einem Jugendclub in Berlin-Moabit. Im weiteren Verlauf Lauf des Projekts besuchten die Teilnehmenden das Haus der Wannsee-Konferenz und beschäftigten sich mit der Geschichte des Ortes und der NS-Verfolgungspolitik. In dem Projekt wurde deutlich, dass bei den Teilnehmenden einerseits ein großes Interesse an der NS-Geschichte vorhanden war, andererseits wurden auch antisemitische Vorurteile sichtbar, auf die im Projekt eingegangen wurde. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in diesem Projekt gemachten Erfahrungen, entstand die Idee, mit einem Dokumentenkoffer pädagogisches Material zu entwickeln, das an die Themen Flucht in historischer Perspektive anknüpft und damit einen Zugang zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte bietet.
Der Koffer, der aus mehreren Mappen mit Faksimiles von und Auszügen aus historischen Dokumenten besteht und in Zusammenarbeit mit dem International Tracing Service (ITS) erstellt wurde, wird in Kürze unter Namen Passagen – Brüche – Perspektiven erscheinen und ist für den Einsatz sowohl in der außerschulischen Bildung als auch in der Schule konzipiert. Thematisch fokussiert sich die Publikation auf historische Aspekte des Nationalsozialismus und seiner Nachgeschichte, die weitgehend unbekannt sind und die gewöhnlicherweise im heutigen Diskurs um das Thema Flucht keine Rolle spielen. Hierzu gehören europäische jüdische Flüchtlinge im marokkanischen Tanger, die Flucht aus Deportationstransporten nach Treblinka und die Situation von Displaced Persons nach der Befreiung. Das Ziel des Koffers ist es nicht nur Zugänge zu einer Beschäftigung mit der NS-Geschichte zu schaffen, sondern auch bestehende historische und gegenwärtige Narrative in Frage zu stellen.
Die Beispiele aus Bremen und Berlin geben einen Einblick in Angebote für Geflüchtete, die momentan in deutschen Gedenkstätten entwickelt werden. Zugleich zeigen die Beispiele die Implikationen, Spezifika, Möglichkeiten und Grenzen solcher Ansätze, auf die im Folgenden thesenhaft – und keinesfalls erschöpfend - eingegangen werden soll:
Evaluationen von Programmen und systematisierte Erfahrungen mit der Arbeit mit Geflüchteten, die Grundlage einer Fachdiskussion und einer Weiterentwicklung des Feldes innerhalb der Gedenkstättenpädagogik sein könnten, liegen bislang nicht vor. Einschlägige Forschungen stellen bislang ein Desiderat dar.
Es liegt in der Verantwortung von Gedenkstätten, die Vielfalt der Zielgruppen im Blick zu haben, Programme sowie Zugänge zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und den nationalsozialistischen Verbrechen zu entwickeln und anzubieten. Ohne Zweifel gehören Geflüchtete, die in den letzten Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind, dazu. Und ohne Zweifel bieten die hier dargestellten Projekte instruktive Ansätze.
Dr. Akim Jah, Politikwissenschaftler, ist seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Forschung und Bildung des International Tracing Service. Zuvor war er freiberufliche für verschiedene Träger in der historisch-politischen Bildung, der Entwicklung von Bildungsmaterialien und Konzeption von Projekten an Gedenkstätten tätig.