Gedenkstättenarbeit mit Geflüchteten – Ein Überblick

03/2021Gedenkstättenrundbrief 190, S. 46-48
Akim Jah

Im Denkort Bunker Valentin, einer im Jahr 2011 eröffneten Gedenkstätte in der Ruine einer U-Bahn-Werft in Bremen-Farge, existiert seit mehreren Jahren das Projekt „Wir sind Multi-Perspektif“, in dem Geflüchtete als Zielgruppe im Zentrum stehen. Die Idee des Projekts ist es, Räume für die Auseinandersetzung mit Geschichte zu eröffnen, wobei der Schwerpunkt auf dem Austausch zwischen Geflüchteten und Nichtgeflüchteten liegt. Der historische Ort bildet dabei zwar einen Ausgangspunkt, die Vermittlung der spezifischen Geschichte des Bunkers steht jedoch nicht im Vordergrund. Seit dem Bestehen des Projektes haben sich Teilnehmende in einer offenen Gruppe u.a. mit den Themen Flucht/Exil, Heimat, Zukunft und Lager sowie über mögliche Gegenwartsbezüge von Gedenkstätten auseinandergesetzt, Erinnerungsorte besucht und Namen von arabischen Zwangsarbeiter in Bremen recherchiert. Manche der teilnehmenden Geflüchteten haben sich als Guides für den Denkort fortgebildet. Das Projekt geht davon aus, dass für Geflüchtete die Beschäftigung mit der Geschichte der Verfolgung  im Nationalsozialismus nicht zwangsläufig als prioritär gesehen wird; gleichwohl sind sie durch ihre eigene Erfahrung selbst „Experten“ und „Expertinnen“ für Geschichte bzw. haben aufgrund ihrer Fluchterfahrung eine eigene Perspektive darauf. Zudem, so eine weitere Annahme, können geographische Bezüge, etwa zu den Herkunftsländern von Geflüchteten, in Form von Biographien ehemaliger Zwangsarbeiter z.B. aus Nordafrika, Ansatzpunkte für eine Beschäftigung mit der NS-Geschichte sein. Eine ausführliche Beschreibung des Projekts folgt im nächsten Artikel.

Einen ähnlichen Ansatz praktiziert die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin. Nachdem der Verein Karame e.V. an die Einrichtung wegen der Durchführung eines Workshops für geflüchtete Frauen aus Syrien herangetreten war, wurde dort ein Konzept entwickelt, in dem zunächst die Auseinandersetzung mit eigener Fluchterfahrung im Mittelpunkt stand. Der Workshop selbst fand nicht am historischen Ort, der stark mit der Geschichte des Massenmords an der jüdischen Bevölkerung Europas im Zusammenhang steht, statt, sondern in einem Jugendclub in Berlin-Moabit. Im weiteren Verlauf Lauf des Projekts besuchten die Teilnehmenden das Haus der Wannsee-Konferenz und beschäftigten sich mit der Geschichte des Ortes und der NS-Verfolgungspolitik. In dem Projekt wurde deutlich, dass bei den Teilnehmenden einerseits ein großes Interesse an der NS-Geschichte vorhanden war, andererseits wurden auch antisemitische Vorurteile sichtbar, auf die im Projekt eingegangen wurde. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in diesem Projekt gemachten Erfahrungen, entstand die Idee, mit einem Dokumentenkoffer pädagogisches Material zu entwickeln, das an die Themen Flucht  in historischer Perspektive anknüpft und damit einen Zugang zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte bietet.

Der Koffer, der aus mehreren Mappen mit Faksimiles von und Auszügen aus historischen Dokumenten besteht und in Zusammenarbeit mit dem International Tracing Service (ITS) erstellt wurde, wird in Kürze unter Namen Passagen – Brüche – Perspektiven erscheinen und ist für den Einsatz sowohl in der außerschulischen Bildung als auch in der Schule konzipiert. Thematisch fokussiert sich die Publikation auf historische Aspekte des Nationalsozialismus und seiner Nachgeschichte, die weitgehend unbekannt sind und die gewöhnlicherweise im heutigen Diskurs um das Thema Flucht keine Rolle spielen. Hierzu gehören europäische jüdische Flüchtlinge im marokkanischen Tanger, die Flucht aus Deportationstransporten nach Treblinka und die Situation von Displaced Persons nach der Befreiung. Das Ziel des Koffers ist es nicht nur Zugänge zu einer Beschäftigung mit der NS-Geschichte zu schaffen, sondern auch bestehende historische und gegenwärtige Narrative in Frage zu stellen.

Die Beispiele aus Bremen und Berlin geben einen Einblick in Angebote für Geflüchtete, die momentan in deutschen Gedenkstätten entwickelt werden. Zugleich zeigen die Beispiele die Implikationen, Spezifika, Möglichkeiten und Grenzen solcher Ansätze, auf die im Folgenden thesenhaft – und keinesfalls erschöpfend - eingegangen werden soll:

  • In den Gedenkstätten lässt sich bei Geflüchteten ein – allerdings nicht quantifizierbares – Interesse an der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte feststellen. Dabei ist das historische Vorwissen oftmals sehr gering und mitunter mit antisemitischen Vorurteilen verbunden. Beides ist jedoch nicht auf die Zielgruppen der Geflüchteten beschränkt, sondern stellen Voraussetzungen dar, auf die die Gedenkstättenpädagogik mit der bestehenden und erprobten Methodik und Didaktik reagieren kann.
  • Geflüchtete bringen oftmals durch ihre eigene Verfolgungserfahrung und Fluchtgeschichte spezifische Bezüge zu einem Gedenkstättenbesuch mit. Im Sinne einer Teilnehmenden­­- zentrierung, die von den Bedürfnissen und Vorkenntnissen der Teilnehmenden ausgeht bzw. daran ansetzt, hat die Gedenkstättenpädagogik daran anzuknüpfen. Wie die Beispiele aus Bremen und Berlin zeigen, ist dies nachhaltig nur in längerfristig angelegten Projekten möglich. Eine in diesem Kontext oft formulierte Prämisse ist es, dass Geflüchtete ein Bedürfnis haben, sich zunächst mit ihrer eigene Geschichte zu beschäftigen. Dieser Ansatz, den Erfahrungen Raum zu geben, entspricht auch der Forderung, anderen (Geschichts-)Narrativen, die sich auf andere Völkermorde beziehen, Gehör zu verschaffen und hierfür „Erinnerungsräume“ zu schaffen.
  • Im Kontext des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen spielen Flucht, Displacement und Emigration eine große Rolle; ihre Thematisierung  kann, weil Bezüge erkennbar und damit Zugänge geschaffen werden, die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte unterstützen. Hierzu gehören, wie im Dokumentenkoffer thematisiert, die Flucht von jüdischen Deutschen in den 1930er-Jahren, die Verschleppung im Rahmen von Deportationen in die Ghettos und Konzentrations- und Vernichtungslager sowie im Rahmen von Zwangsarbeit, die Situation der befreiten KZ-Häftlinge und der wenigen Überlebenden des Holocausts sowie der ehemaligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Es umfasst auch die Fürsorge der Alliierten dieser „Displaced Persons“ in Form von medizinischer Hilfe, Versorgung mit Nahrung und Wohnraum sowie die Hilfe bei der Suche nach Familienangehörigen. Die spezifische Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Kindern bildet einen weiteren Bezugspunkt, wie auch die Unterstützung der Alliierten bei der Emigration in ein Drittland. Inwieweit eine besondere didaktische Berücksichtigung von bestimmten Gruppen in einer Gesellschaft, die per se heterogen ist, überhaupt als notwendig zu erachten ist, ist jedoch umstritten.
  • Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Gruppe der Geflüchteten selbst ist heterogen. Dies bedeutet, dass sich die persönlichen Hintergründe, Erfahrungen, politischen Positionen sowie das Interesse, sich mit Geschichte auseinderzusetzen, unterscheiden. Auch das Alter ist unterschiedlich. Die oben beschriebenen Projekte, bei denen die Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben wird, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu befassen, werden durch die Offenheit der Ansätze dieser Heterogenität gerecht. Nicht zuletzt kommt dies im Titel „Wir sind Multi-Perspektif“ des Bremer Projektes zum Ausdruck. Allerdings bedeutet dies, dass es eine spezifische für diese Zielgruppe entwickelte Methodik-Didaktik nicht geben kann.
  • Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen sind Orte, an denen an die Opfer der NS-Verfolgung gedacht und die einer Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte verpflichtet sind. Insofern sind sie, trotz eines möglichen teilnehmendenorientierten Ansatzes, thematisch nicht beliebig. Eine primäre Auseinandersetzung am historischen Ort mit anderen Völkermorden oder politischen Krisensituationen kann zu unterkomplexen Gleichsetzungen oder falschen Analogien führen. Dies ist der Grund, warum in dem Berliner Projekt die Auseinandersetzung mit den eigenen Fluchterfahrungen außerhalb der Gedenkstätte stattfindet und die Teilnehmenden des Projektes erst für die Beschäftigung mit dem Holocaust in die Gedenkstätte kommen.
  • Die Projekte aus Bremen und Berlin weisen beide einen offenen Charakter auf; die Teilnehmenden bestimmen selbst, was sie erzählen und wann und in welcher Form sie sich mit der NS-Geschichte beschäftigen und eine Gedenkstärte besuchen. Dies impliziert, die Teilnehmenden als mündig zu betrachten. Hierzu gehört auch die Entscheidung, ob die alltäglichen Probleme des „Ankommens“ vorherrschend sind, oder ob eine Beschäftigung mit der NS-Geschichte als sinnhaft betrachtet wird.
  • Die Entwicklung von Projekten, die sich an die Zielgruppe Geflüchtete richtet, hat auch mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu tun und hängt von der erfolgreichen Akquise von Projektgeldern ab. Dies betrifft auch die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen, was wiederum ggf. auch eine professionelle sozialarbeiterische Betreuung miteinschließt bzw. miteinschließen sollte.

Evaluationen von Programmen und systematisierte Erfahrungen mit der Arbeit mit Geflüchteten, die Grundlage einer Fachdiskussion und einer Weiterentwicklung des Feldes innerhalb der Gedenkstättenpädagogik sein könnten, liegen bislang nicht vor. Einschlägige Forschungen stellen bislang ein Desiderat dar.

Es liegt in der Verantwortung von Gedenkstätten, die Vielfalt der Zielgruppen im Blick zu haben, Programme sowie Zugänge zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und den nationalsozialistischen Verbrechen zu entwickeln und anzubieten. Ohne Zweifel gehören Geflüchtete, die in den letzten Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind, dazu. Und ohne Zweifel bieten die hier dargestellten Projekte instruktive Ansätze.

 

Dr. Akim Jah, Politikwissenschaftler, ist seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Forschung und Bildung des International Tracing Service. Zuvor war er freiberufliche für verschiedene Träger in der historisch-politischen Bildung, der Entwicklung von Bildungsmaterialien und Konzeption von Projekten an Gedenkstätten tätig.