Im Mai 2015 fand in der Senatskanzlei der Freien und Hansestadt Hamburg im Auftrag des Hamburger Senats ein kleiner Runder Tisch statt mit dem Ziel, »künftig intensiver und nachhaltiger an die Opfer des im Nationalsozialismus auch in Hamburg vielfach verübten Kranken- und Behindertenmordes zu erinnern«. Eingeladen waren Personen aus der aktiven Erinnerungsarbeit wie den Stolpersteininitiativen, der Gedenkstätte des KZ Neuengamme und der Evangelischen Stiftung Alsterdorf sowie der Denkmalschutz, die Gleichstellungsbeauftragte des Senats, die Psychiatriereferentin der Gesundheitsbehörde und später auch die Leitungen des Medizinhistorischen Museums Eppendorf und der Asklepius Klinik Nord – Ochsenzoll. Der politische Wille zu dieser Initiative wurde durch einen Brief einer Stolpersteinaktivistin, Frau Hildegard Thevs, angestoßen, die die in der Szene lange geäußerte Kritik, dass es in Hamburg keine offizielle zentrale Gedenkstätte für die Opfer der Krankenmorde gebe, an den Senat gerichtet hatte.
Schnell kristallisierten sich drei Projekte heraus:
Die Finanzierung wurde zum größten Teil vom Hamburger Senat getragen, aber auch von der ZEIT- und der Joachim-Herz-Stiftung.
Das »Hamburger Gedenkbuch Euthanasie. Die Toten 1939–1945« von Harald Jenner und Michael Wunder, herausgegeben von der Senatskanzlei Hamburg, der Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen und der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, ist im November 2017 erschienen. In dem Buch befinden sich neben einer wissenschaftlichen Einführung und der Erklärung der Arbeitsweise zur Zusammenstellung der Opferdatei die Namen von mehr als 4 700 Hamburger Opfern der NS-Euthanasie, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges getötet wurden. Aufgeführt sind der Name, das Geburtsdatum mit dem Geburtsort, Datum des Abtransports, Verlegungsorte, Todesdatum und Todesort.
Der Datenschutz hatte frühzeitig sein Einverständnis mit der Veröffentlichung des übrigen Datensatzes erklärt. Kern der Zustimmung war die Argumentation, dass die postmortalen Persönlichkeitsrechte der Betroffenen auf Geheimhaltung nach einem so großen Zeitabstand und dem Ziel der Veröffentlichung, der Ehrung der Opfer, nicht verletzt würden. Diese Zustimmung war auch daran gebunden, die Diagnosen der Betroffenen nicht zu veröffentlichen, was im Übrigen auch nie beabsichtigt war, da diese bekannter Weise oft unseriös sind und ein hohes Diskriminierungspotential auch für heute noch lebende Nachkommen haben können. Die Gesamtzahl der aus Hamburger Einrichtungen abtransportierten Opfer liegt bei über 6 000. Die Diskrepanz zwischen diesen Zahlen erklärt sich damit, dass die Namen derjenigen nicht aufgeführt sind, die die Abtransporte in die »Euthanasie« überlebten oder deren Schicksal sich bisher nicht hinreichend aufklären ließ.
Das Gedenkbuch ist gegen eine Bereitstellungspauschale von drei Euro im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung, Dammtorwall 1, 20354 Hamburg, erhältlich.
Gleichzeitig mit dem Gedenkbuch wurde eine gleichnamige Website unter www.hamburger-euthanasie-opfer.de mit der Datei der Opfer eingerichtet, die die Möglichkeit bietet, Angehörige oder andere Personen zu finden. Dabei kann mittels Eingabe des Namens, aber auch der Ursprungseinrichtung, des Verlegungsortes, des Sterbeortes oder des Sterbedatums nach Opfern gesucht werden. Die Datei erlaubt auch, diese Kategorien sowie die Verfolgungsmerkmale Kinderfachabteilung, Zwangsarbeit oder »rassisch« verfolgt als Filter einzusetzen. Des Weiteren enthält diese Datei eine Verlinkung zu den schon vorhandenen Stolpersteinen und den darüber zugänglichen Opferbiographien. Anfragen oder Hinweise können jederzeit über an das Medizinhistorische Museum Hamburg gerichtet werden: kontakt@hamburger-euthanasie-opfer.de. Auf diesem Wege sind auch im Einzelfall die in der Datenbank befindlichen, aber nicht veröffentlichten Merkmale wie beispielsweise die Verlegungswege oder die Diagnose abrufbar. Mit der Kontaktmöglichkeit zum Medizinhistorischen Museum ist darüber hinaus auch die Möglichkeit gegeben, auf Grund von Informationen von Angehörigen oder Forschern nach entsprechender Überprüfung fortlaufend Korrekturen und Ergänzungen in der Datenbank vorzunehmen, die in Abständen auch auf die Website übertragen werden.
Die neue Dauerausstellung »Medizinverbrechen im Nationalsozialismus« im Medizinhistorischen Museum in Hamburg Eppendorf ist als informierender Lern- und Gedenkort konzipiert und wurde zusammen mit der Vorstellung des Gedenkbuches im November 2017 eröffnet. Die Räume widmen sich eingehend den sich vor 1933 entwickelnden ideologischen Grundlagen und Diskursen (Eugenik, Sozialdarwinismus), um verschiedene Kontinuitäten über die politischen Systeme hinaus aufzuzeigen. So widmet sich ein Ausstellungsteil unter dem Titel »Fortschritt und Erfassung« insbesondere der Medizin und Sozialhygiene der Weimarer Republik, deren Gesundheitspolitik ein ambivalentes Bild zwischen dem Ausbau staatlicher Wohlfahrt und Gesundheitsüberwachung und der fortschreitenden bürokratischen Erfassung und Kontrolle der Bevölkerung darstellt.
Der zweite Raum fokussiert auf die konkreten Verbrechen, ausgehend vom »Hungersterben« in den Psychiatrien des Ersten Weltkriegs über die sogenannte Kinder--Euthanasie, die T4-Mordaktionen, Patientenversuche in Konzentrationslagern und den Zwangssterilisationen. Dabei werden Opferbiographien ebenso wie verschiedene Täter anhand von Objekten präsentiert. Die räumliche Verortung ist anhand einer wand-großen Übersichtskarte nachvollziehbar. Anhand verschiedener Beispiele wird die juristische, gesellschaftliche und erinnerungskulturelle Aufarbeitung ersichtlich – im privaten wie im öffentlichen Raum. Als größtes Exponat prägt den Raum eine bis zur Decke reichende Bücherwand mit medizinisch-wissenschaftlichen Titeln von 1900–1970. Auf beinahe bedrohliche Weise symbolisiert sie die Mittäterschaft der vermeintlich »reinen« Wissenschaften als ideologische Basis für die Gräueltaten. Die Bücherwand bietet jedoch zugleich das Material für eine vertiefende Auseinandersetzung und weitere Recherchen. So umfasst ein Abteil auch eine Sammlung aktueller Sekundärliteratur zur Medizin und Gesellschaft im Nationalsozialismus. In einem direkt anschließenden kleinen Raum, der ehemaligen Dunkelkammer des Institutsgebäudes, steht ein Datenbankterminal zur Verfügung, das auf der Grundlage der oben beschriebenen Website den Ausstellungsbesuchern die Recherche der Opferbiographien ermöglicht. Die Räume sind barrierefrei zugänglich. Eine Broschüre in einfacher Sprache hilft bei der Orientierung. Die Ausstellungstexte sind durchgehend zweisprachig (deutsch und englisch).
Der neue Gedenkort Langenhorn vor dem Direktoriumsgebäude der heutigen Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll, der im Mai 2018 eingeweiht wurde, hat das Ziel, der Opfer zu gedenken und über diesen zentralen Ort der nationalsozialistischen »Euthanasie« in Hamburg nachhaltig zu informieren. Nach anfänglicher Ablehnung von Asklepios und der Erwägung, den zentralen Gedenkort auf dem Gelände der heutigen Evangelischen Stiftung Alsterdorf zu errichten, gelang es dann letztlich doch, die neue Gedenkstätte an diesem zentralen Ort der NS-Euthanasie in Hamburg, der damaligen »Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn«, später »Allgemeines Krankenhaus Langenhorn« zu realisieren. Von hier wurden in den Jahren 1939–1945 über 3 600 Menschen – und damit ein Großteil der Hamburger »Euthanasie«-Opfer – in Tötungs- und Verwahranstalten deportiert. Über 2 400 von ihnen fanden dabei den Tod, darunter auch 135 jüdische Patientinnen und Patienten, die aus dem gesamten norddeutschen Raum zunächst nach Langenhorn verlegt worden waren und dann im Rahmen der reichsweiten »Sonderaktion« gegen etwa 1 000 Patientinnen und Patienten jüdischen Glaubens und Herkunft als erster Hamburger »Euthanasie«-Transport und als erste Deportation jüdischer Bürger am 21. September 1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht und dort noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet wurden. Langenhorn war darüber hinaus auch Standort einer der beiden Hamburger Kinderfachabteilungen. Über 20 Tötungen an Kindern sind nachweisbar, wahrscheinlich liegt die Zahl tatsächlich sehr viel höher. Langenhorn ist darüber hinaus eine der wenigen Anstalten, für die sich die direkte und offene Information der Ärzte und Pflegeleitungen über das Ziel der Meldebögen und der Transporte durch die Hamburger Behörden in den Dokumenten nachweisen lässt und für die das Verfahren der ab 1942 einsetzenden selbstorganisierten Selektionen nach dem Ende der »Meldebogen-Euthanasie« genauer untersucht ist.
Drei Stelen zu den Themenbereichen der Geschichte Langenhorns von der Gründung 1893 bis heute, der besonderen Beteiligung der Langenhorner Ärzte und Pflegeleitungen an der NS-Euthanasie und zu den Opfern wurden installiert. Die Informationen, die sich auf einer dort schon seit 2009 befindlichen kleinen Gedenktafel befinden, werden dadurch ansprechend und informativ vervollständigt. Über QR-Codes können Besucher des Gedenkortes weitere Hintergrundinformationen abrufen.
Eine Besonderheit der dritten Stele sei hier herausgegriffen. Sie widmet sich Fritz Niemand, der 1944 als »aufgegebener Fall« von den Langenhorner Ärzten selektiert wurde und in die Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde verlegt wurde, dort als Arbeiter auf dem Güterbahnhof, als Küchenhilfe und schließlich als Tierpfleger im Tierzuchtbetrieb des Anstaltsleiters überlebte und nach 1945 bis ins hohe Alter vergeblich für seine offizielle Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus gekämpft hat. Fritz Niemand erhält dadurch posthum endlich ein würdiges Gedenken.
Das Programm des Hamburger Senats zur nachhaltigen Erinnerung an die Opfer der NS-Euthanasie in Hamburg ist damit zwar abgeschlossen, die aktive Erinnerungsarbeit und die Ermutigung zur immer wieder notwendigen Auseinandersetzung darüber, wie ganz normale Krankenpflegekräfte und Ärzte zu Mittätern der »Vernichtung lebensunwerten Lebens« werden konnten, wird aber und muss auch weitergehen. Die Zeichen dafür stehen in Hamburg gut, weil es auf Grund vielfältiger zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, unter anderem der Stolpersteininitiativen, der Arbeit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, des Auschwitz-Komitees und nicht zuletzt durch die gemeinsamen Erinnerungsveranstaltungen der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, der Asklepios-Klinik Ochsenzoll, des Freundeskreises Ochsenzoll und der Evangelischen Akademie der Nordkirche eine gute Basis dafür gibt. Ganz in diesem Sinne wird derzeit ein Lern- und Gedenkort auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf konzipiert – Einweihung voraussichtlich 2020 – wo der über 600 Opfer aus Alsterdorf gedacht und über die besondere Verstrickung der Kirche und der Inneren Mission in die NS-Zwangssterilisation und NS-Euthanasie informiert wird.
Dr. Michael Wunder, Diplompsychologe und psychologischer Psychotherapeut, ist Leiter des Beratungszentrums der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg. Er hat sich seit seinem Studien intensiv mit Medizin im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. In der 14. und 15. Legislaturperiode des Deutschen Bundestags war er Mitglied der Enquete-Kommission »Ethik und Recht der modernen Medizin« und seit 2008 bis 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates.