Interaktive 3D-Zeugnisse an einer KZ-Gedenkstätte

Digitale Erinnerungskultur in Zeiten von Corona
12/2021Gedenkstättenrundbrief 204, S. 3-9
Anja Ballis, Markus Gloe

Digitale Erinnerungskultur in Zeiten von Corona

Vom Wandel - Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Zeiten von Corona

Der Lockdown in Folge der Corona-Pandemie wirkte sich ab Herbst 2020 auf den Alltag der Menschen in existenzieller Weise aus. Der Bildungssektor war davon in besonderer Weise betroffen: Vielfach praktizierte Routinen des Lehrens und Lernens wurden durch digitale Angebote ergänzt und zeitweise ersetzt. An der erinnerungskulturellen Praxis der Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen lässt sich ablesen, welche Auswirkungen die Pandemie sowohl auf ihre Aktivität als auch auf Bildungsangebote an Schulen und KZ-Gedenkstätten hatte. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die bislang ihre Lebensgeschichte einem Publikum an KZ-Gedenkstätten und Schulen näherbrachten, waren plötzlich ihrem Publikum entzogen. Unterschiedlich waren Bereitschaft und Vermögen sowie technische Ausstattung, die oft erzählte Geschichte in den digitalen Raum zu transferieren.

Das Münchner Projektteam um "Lernen mit digitalen Zeugnissen" (LediZ) an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), das seit vielen Jahren mit zwei Überlebenden des Holocaust zusammenarbeitet, verfolgte die Folgen der Pandemie für Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aufmerksam mit. So konnten wir erleben, wie sehr dem Holocaust-Überlebenden Abba Naor die Begegnung mit Schülerinnen und Schülern fehlte. Seit vielen Jahren kommt er regelmäßig nach Deutschland und berichtet von seinen Erlebnissen im Ghetto Kaunas, im Lager Stutthof sowie in den Außenlagern von Dachau. In Gesprächen mit Eva Umlauf, der als Zweijährige in Auschwitz eine Nummer eintätowiert wurde, erfuhr das Projektteam von weiteren Einschränkungen und Veränderungen ihrer Tätigkeit als Zeitzeugin. Abba Naor und Eva Umlauf unternahmen in den letzten Monaten Anstrengungen, sich Schritt für Schritt in den digitalen Raum vorzuwagen, um ihre Geschichte und die ihrer Familien weiterhin zu erzählen. Nach vielen Monaten im Lockdown sind beide Überlebende geübt in "Zeitzeugen-Zooms".

Unbestritten ist, dass sich Zeugenschaft in den nächsten Jahren verändern wird. Der durch die Corona-Pandemie beförderte Trend zur Digitalisierung wirkt sich selbstredend auf die Vermittlungsangebote an Gedenkstätten und Schulen aus. Diesen Wandel bekommt das Münchner Projektteam ebenfalls zu spüren: Seit 2018 arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LMU München an interaktiven 3D-Zeugnissen der Holocaust-Überlebenden Abba Naor und Eva Umlauf. In Folge der pandemiebedingten Einschränkungen suchen Institutionen nach Ersatz und stoßen des Öfteren auf das Projekt LediZ.

Von LediZ - Entwicklung und Funktionsweise interaktiver 3D-Zeugnisse

Ein interdisziplinäres Team an der LMU München widmet sich dem Vorhaben, deutschsprachige interaktive 3D-Zeugnisse zu entwickeln und ihre Rezeption in Bildungskontexten zu erforschen.[1] Unterstützt wird das Vorhaben von den Forever Holdings aus Großbritannien, die englischsprachige Zeugnisse für das National Holocaust Centre and Museum in Laxton (GB) entwickelt haben.[2]

Die Konzeption der interaktiven 3D-Zeugnisse orientiert sich an Gesprächen von und mit Überlebenden des Holocaust, für die sich im Laufe der Jahre eine gewisse Struktur etabliert hat: Auf eine Erzählung der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen folgt ein Part, in dem Fragen an die Überlebenden zu deren Leben vor, während und nach dem Holocaust gestellt werden können. Diese Zweiteilung kennzeichnet die Struktur der digitalen Zeugnisse im Münchner Projekt: Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wurden stereoskopisch bei der Erzählung ihrer Geschichte und der Beantwortung von 1 000 Fragen gefilmt. Liefert diese Erzählung biografisches und historisches Kontextwissen zur Person, so bilden Fragen und Antworten den interaktiven Kern: Besucherinnen und Besucher stellen dem digitalen Gegenüber eine Frage, wobei die mündlich gestellte Frage in Text umgewandelt wird. Anschließend wird im vorhandenen Medien- und Datensatz nach passenden Antworten gesucht, die dann - in Verbindung mit einem Filmausschnitt - an die Fragenden ausgegeben werden. Die Kommunikation ist damit sowohl von menschlichen Akteuren als auch technischen (Sprachverarbeitungs-)Systemen geprägt.[3]

Inzwischen liegen die digitalen interaktiven Zeugnisse von Abba Naor und Eva Umlauf in drei Varianten vor: Es gibt eine fest installierte Version in einem kinoähnlichen Vortragssaal am Leibniz-Rechenzentrum in Garching (LRZ), in dem bis zu 24 Personen Platz nehmen können; eine mobile Variante lässt sich zu verschiedenen Örtlichkeiten transportieren, um das Zeugnis in Lebensgröße und in 3D einem Publikum von bis zu 30 Personen präsentieren zu können. Und schließlich wurde während der Corona-Pandemie eine Online-Variante in 2D entwickelt, die über eine Webpage verfügbar ist und eine individuelle Erschließung mit mobilen Endgeräten ermöglicht.

Von Fragen und Antworten - Interaktive 3D-Zeugnisse an einer KZ-Gedenkstätte

Im Laufe des Herbstes 2020 ergab sich die Gelegenheit, die mobile Variante der interaktiven 3D-Zeugnisse an einer KZ-Gedenkstätte zu präsentieren. Für das Projektteam war das eine gute Gelegenheit, Erfahrungen mit Besucherinnen und Besuchern und ihrer Interaktion mit solchen Zeugnissen zu sammeln.

Gemäß der Hygienevorschriften wurde der Kinosaal der Einrichtung als groß genug erachtet und dem Projektteam als Ort für die Veranstaltungen zugewiesen. Die feste Bestuhlung und die Größe des Raumes, in dem 500 Personen Platz finden können, stellte eine gewisse Herausforderung dar: Projektionsfläche und Bühne "entrückten" die in Lebensgröße projizierten Zeugnisse dem Publikum. Zusätzlich nahm der 3D-Effekt ab, je weiter sich die Besucherinnen und Besucher von der Bühne entfernten.

Täglich wurden sechs Veranstaltungen angeboten, wobei abwechselnd die Zeugnisse von Eva Umlauf und Abba Naor präsentiert wurden. Durchschnittlich betrug die Länge einer Veranstaltung 30 bis 45 Minuten.

Die Veranstaltungen folgten einem festgelegten Ablauf: Ein Moderator oder eine Moderatorin begrüßte das Publikum und stellte Projekt und Programm kurz vor. In einem fünfzehnminütigen 3D-Film erzählten die Überlebenden von ihren Erlebnissen und brachten so dem Publikum einen ersten Eindruck von ihrer Lebens- und Leidensgeschichte nahe. Des Weiteren diente dieser Film dazu, grundlegendes Wissen über die Person des Überlebenden zu vermitteln. Davon ausgehend konnten die Besucherinnen und Besucher ihre Fragen stellen. Die Fragerunde schloss sich an die Filmvorführung ab und bildete den zweiten Teil der Präsentation. Die jeweiligen Moderatorinnen und Moderatoren unterstützten und ermunterten das Publikum: Mithilfe eines Smartphones, das als Mikrofon diente, konnten die Besucherinnen und Besucher ihre Fragen stellen. Das Mikrofon wanderte reihum und alle Anwesenden waren zur Teilnahme eingeladen. Da die Interaktion mit den Zeugnissen evaluiert werden sollte, waren etliche Mitglieder des Projektes während der Präsentationen anwesend. Bei Bedarf konnten sie - auf einer Metaebene - Auskunft geben, warum Fragen des Publikums (nicht oder nur teilweise) beantwortet wurden.

Zwischen Faszination und Corona - Ausgewählte Ergebnisse der Interviewstudie

Wie bereits erwähnt, befragte das Projektteam Besucherinnen und Besucher zu ihren Eindrücken.[4] Die an der Studie Teilnehmenden stammten mehrheitlich aus der näheren Umgebung der Gedenkstätte, waren im Erwachsenenalter und besaßen überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit. Von den Befragten waren knapp 58 % Frauen, 42 % waren männlichen Geschlechts. Mehrheitlich kamen die Besucherinnen und Besucher mit ihren Familien an diese Gedenkstätte oder sie fanden sich dort ohne Begleitung als Einzelbesucher ein. Aufgrund der Corona-Pandemie waren nur wenige Schulklassen am Ort, die üblicherweise einen Großteil der Besucherinnen und Besucher ausmachen. An der leitfadengestützten Interviewstudie nahmen insgesamt 25 Personen teil. Die Interviews drehten sich inhaltlich vor allem um die Themen Wahrnehmung und Kommunikation der 3D-Zeugnisse und dauerten in der Regel 15 bis 30 Minuten.

Im Folgenden werden ausgewählte Ergebnisse der Interviewstudie vorgestellt, die für die Vermittlungsarbeit an historischen Orten von Interesse sind.[5] Die Erhebung vertieft das Verstehen der Funktionsweise des digitalen Zeugnisses, was es in weiteren Publikationen zu elaborieren gilt.[6]

Ein zentrales Ergebnis der Interviewstudie besteht in der Vielfalt an Perspektiven, die Besucherinnen und Besucher im Spiegel interaktiver Zeugnisse auf historische Ereignisse und ihre Vermittlung durch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen richteten; zudem waren ihre eigenen Vorstellungen und Interessen von zentraler Bedeutung für die Kommunikationssituation. Diese Bandbreite an Eindrücken und Assoziationen kann am Beispiel der Benennung der interaktiven 3D-Zeugnisse illustriert werden. So titulierten die an der Studie Teilnehmenden diese als "Zeugnisgeber", "Figur, die sich auf eine Frage einrichtet", "Hologramm", "Hologrammzeitzeuge", "3D Version", "Computerfigur". Gemeinsam ist diesen Bezeichnungen, dass sich die Befragten bewusst waren, dass sie mit einem Medienformat interagierten und kommunizierten. Zwar äußerte ein Teil der Interviewten, dass sich bei ihnen durchaus der Eindruck einer Face-to-Face-Kommunikation eingestellt hätte. Dies lag zum einen an der kurzen Verarbeitungszeit der gestellten Fragen: "Es wurde schnell auf die Fragen reagiert, also da [war] jetzt keine so lange Verarbeitungszeit, das fand ich gut, dass das relativ kurz war, deswegen fand ich auch, dass es fast wie ein echtes Gespräch [wirkte]." Zum anderen verstärkte die inhaltliche Passung von Frage und Antwort den Anschein eines Gesprächs: "Und es hat sich auch sehr real angefühlt, dadurch, dass er wirklich auch auf die meisten Fragen eine Antwort hatte und das meistens sehr gut gepasst hatte." Schließlich wiesen Besucherinnen und Besucher in ihren Antworten auf die Rolle nonverbaler Kommunikation hin: "Und er hat auch immer ein bisschen gestikuliert und er sitzt nicht einfach so, wie bei einer Tonaufnahme. Ja, das hat sich schon sehr real angefühlt."

Ein anderer Teil der Befragten bekundete unmissverständlich, dass "dieses Gespräch natürlich ein Stück weit eben eine Illusion ist und man nicht [...] auf einer menschlichen Ebene mit ihr kommunizieren kann." Diese Vorstellung hatte Auswirkungen auf das Frageverhalten, da den Besucherinnen und Besuchern bewusst war, dass Antworten auf 1 000 Fragen aufgezeichnet wurden und damit ein begrenztes Repertoire an Themen zur Verfügung stand.

Einig waren sich die Befragten, dass die Unterstützung durch die Moderation hilfreich war - sowohl bei der Themenfindung als auch der Formulierung während der Frage- und Antwortsession: "Dass so Beispielfragen [vom Moderator] gestellt wurden und auch einem versucht wurde, die Angst zu nehmen, dass man halt auch vielleicht emotionale Fragen stellen kann oder sich ruhig trauen kann, auch Privates zu fragen, dass die nicht böse wird oder so."

Folgt man der Spur der Gemachtheit der Zeugnisse, so offenbart sich ein medienreflexiver Blick des Publikums: Die Besucherinnen und Besucher erfassten die Zeugnisse als innovatives Medienformat einer sich wandelnden Erinnerungskultur. Dennoch schimmerte durch das Medienformat immer wieder auch die Person hindurch: "Ich hab mir so gedacht: 'Krass, da stehen halt wirklich echte Menschen dahinter, die das alles wirklich erlebt haben und verarbeiten müssen." Diese Wendung des "Dahinterstehens", mit der eine Art Trennung zwischen Publikum und Person der Zeitzeugin bzw. des Zeitzeugen beschrieben wird, griffen einige Interviewte wiederholt auf. Sie waren vom Medium fasziniert und verbanden damit die Hoffnung, an das Schicksal der verfolgten Menschen zukünftig zu erinnern: "Aber, ich finde, es ist wirklich ein Problem, dass die Zeitzeugen langsam aussterben. Umso wichtiger ist es, dass man mehr ein Gefühl bekommt, dass es wirklich ein Mensch ist. Nicht einfach nur irgendein Bild." In dieser Antwort wird bereits eine Wirkung der interaktiven Zeugnisse angedeutet. Die Besucherinnen und Besucher spannten eine an Möglichkeiten auf, die vom konkreten Kauf der gedruckten Biografien, über memorierte Sätze des Gehörten bis hin zu einer gewissen Erleichterung reichten, dass weiterhin - eingedenk aller Unzulänglichkeiten - "Gespräche" mit Überlebenden des Holocaust möglich wären. Die mediale Darstellung sensibilisierte das Publikum für das Leid, das Abba Naor und Eva Umlauf durchlebt haben und das sie bis heute nicht loslässt. Das interaktive 3D-Zeugnis wurde so zu einem Kristallisationspunkt, der Besucherinnen und Besucher der Gegenwart mit erlittenem Schicksal von Menschen in Berührung brachte: "Dass die historischen Ereignisse noch mal realer, noch mal verständlicher, noch mal mitfühlender geworden sind [...] Und der letzte Satz hat mir eigentlich gut gefallen, wie er sagt, wir sind alle Menschen."

Auf die Frage, ob sie neues Wissen erworben hätten, gaben die Befragten unterschiedliche Antworten. Sie brachten in ihren Statements zum Ausdruck, dass sie von zwei, ihnen bislang unbekannten Schicksalen erfahren hatten. Ein Besucher, der beide Zeugnisse angesehen hatte, formulierte: "Ich habe zwei neue Menschen kennengelernt; [...] also, ich kannte beide nicht und habe jetzt so zwei Biografien, die sehr unterschiedlich sind und im Zusammenhang stehen mit dem Holocaust." Wiederholt drückten einige Interviewte Erstaunen und Abscheu über die Tätowierung von Kleinkindern in Auschwitz aus, was ihnen bislang unbekannt gewesen war. Demgegenüber verneinten einige der Befragten, Neues erfahren zu haben, sondern hielten sich für umfassend über die NS-Zeit informiert.

Dass die Vorführung an einer KZ-Gedenkstätte stattfand, wurde von den Besucherinnen und Besuchern überwiegend als angemessen erachtet. Sie nahmen bewusst die Atmosphäre des Ortes wahr, der partiell als Konzentrationslager aufgefasst wurde: "Ja, natürlich der Ort, das KZ." Die Räumlichkeiten des Kinos wurden ambivalenter beurteilt. Einerseits erachteten die Befragten den Saal als zu groß und unpersönlich; wiederholt wurde die schlechte Akustik in diesem Raum erwähnt, die aufgrund der Größe des Saals zu Verstehensproblemen führte. Während des Frage- und Antwortteils fühlten sich einige Personen gehemmt, in der Gegenwart von unbekannten Menschen Fragen an das Zeugnis zu stellen.[7] Andererseits wussten die Befragten die sachliche Atmosphäre im Kino zu schätzen, da so die geweckten Assoziationen und Gefühle ausbalanciert werden konnten: "Ich finde den Raum gut, weil er sehr sachlich ist, und keinen kulturellen Anklang hat. Also, zum Beispiel, ein sakraler Bau wäre äußert ungünstig."

Selbstredend wirkte sich die Corona-Pandemie auf das Publikum vor Ort aus. Eingedenk der Maskenpflicht äußerten sich einige Besucherinnen und Besucher zu Problemen, die daraus für Spracheingabe und das System der Spracherkennung resultierten. Das Tragen einer 3D-Brille in Kombination mit einer Maske zog teilweise eine negative Einschätzung des 3D-Effektes nach sich: "Jetzt mit der Maske war es auch ein Problem, weil die Brille beschlägt und all das. Genau, 3D glaube ich, bräuchte ich nicht so." Neben dieser operativen Ebene reflektierten die Interviewten über die Rolle digitaler Angebote an KZ-Gedenkstätten. Diese wurden von den Befragten als Alternative und Ergänzung zu bisherigen Angeboten verstanden, die es noch systematischer auszubauen gälte. Der Prozess der Digitalisierung - so der Tenor - hätte vor den Gedenkstätten nicht halt gemacht und würde diese zukünftig tiefgreifend beeinflussen: "Durch Corona [hat] die digitale Umstrukturierung [an der Gedenkstätte] einen enormen Sprung nach vorne gemacht."

Ausblick - Quo vadis, interaktive 3D-Zeugnisse?

Fragt man nach Schlussfolgerungen dieser Studie für Entwicklung und Anwendung interaktiver 3D-Zeugnisse, so lassen sich einige Themenfelder der Befragung von Besucherinnen und Besuchern sowie deren Integration in die Bildungsarbeit vor Ort identifizieren. Es dürfte deutlich geworden sein, wie wichtig Befragungen für die Entwicklung digitaler Bildungsangebote sind. Die untersuchte Gruppe bestand aus Erwachsenen, die in der näheren Umgebung der Gedenkstätte leben. In ihren Aussagen spiegelte sich ein medienreflexives Bewusstsein: Sie waren durchaus in der Lage, zwischen einem Medienformat und einem Menschen zu unterscheiden. Des Weiteren wurde in den Interviews offenkundig, dass die digitalen Zeugnisse auf einer personalen Ebene rezipiert wurden. Im Zentrum stand die Person des Überlebenden, der man in einem digitalen Gewande begegnet. Das interaktive 3D-Zeugnis kann als ein "digital Layer" verstanden werden:[8] Zwischen Zeitzeugin und Zeitzeuge und Besucherinnen und Besuchern befindet sich das interaktive 3D-Zeugnis, das in Gang gesetzt werden muss, um zur Erzählung und Person der Überlebenden vorzudringen. Dafür sind einige Vorkehrungen zu treffen: Durch das Aufsetzen einer 3D-Brille erweitern Besucherinnen und Besucher ihre Wahrnehmung und können sich - so ausgestattet - auf den Weg machen, Lebensgeschichten individuell und interessengeleitet zu erschließen. Hierfür bedienen sie sich eines Smartphones, das ihnen aus ihrem Alltag vertraut ist. Sie nutzen die vielfach geübte Funktion der Spracheingabe und übermitteln ihre Fragen an die mit dem Zeugnis verbundene Datenbank. Diese Fragen wiederum sind Ausdruck ihrer Interessen, Wissensbestände und Herkünfte. Im Schutz des digitalen Mediums betreten die Besucherinnen und Besucher einen Als-ob-Raum, der ihnen eine vorsichtige Annäherung an leidvolle Lebensgeschichte ermöglicht. Die Antworten werden zurück zum Publikum transportiert und sensibilisieren die Fragenden idealerweise für das Schicksal anderer. Mit einem Klick, dem Absenden von Fragen an das System, wird ein Prozess ausgelöst, in dessen Verlauf die räumliche Trennung von Digitalem und Analogem sowie Vergangenem und Gegenwärtigem aufgehoben wird. Einem solchen Verständnis folgend müssen digitale Angebote nicht länger als Gegensatz zu und in Konkurrenz mit analogen Angeboten verstanden werden. Vielmehr bieten sie ein weiteres mediales Gewand, um historische Ereignisse zu visualisieren und daraus resultierende Folgen für die Bildungsarbeit zu thematisieren. Diese Verbindung von Alt und Neu, die unter dem Begriff der Digitalität gefasst wird,[9] vollzieht sich medial variantenreich mit der Entwicklung von AR-Angeboten, VR-Experiences und interaktiven 3D-Zeugnissen. Solche Angebote tragen die Funktionalität des "digital Layers" in sich und eröffnen dem Publikum Zugang zu medial erweiterten Kommunikationsräumen.

Ein zweites Themenfeld, für das diese Studie Erkenntnisse gewährt, ist die Integration von interaktiven 3D-Zeugnissen in nachhaltige Bildungsangebote. Die Präsentation der Zeugnisse an einem historischen Ort für einen befristeten Zeitraum war für die Entwicklung des Projektes von unschätzbarem Wert. Sprachdaten von Nutzerinnen und Nutzern zu gewinnen sowie Befragungen durchzuführen, befördert das Ausloten von Chancen und Grenzen solcher Medienformate. Allerdings wurde dem Projektteam bewusst, dass die Räumlichkeit einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Rezeption des Publikums hat. Des Weiteren wurde im Laufe der Woche offensichtlich, welche Chancen der Verknüpfung mit der Bildungsarbeit vor Ort sich böten. Empirisch fundierte und nachhaltige Konzepte zu entwickeln, die wiederum historischen Ort mit digitalen Medien im Sinne des "digital Layer" verbinden, könnte zu einer gemeinsamen Aufgabe von (außer)schulischen Bildungseinrichtungen werden. Bei der Entwicklung solcher Konzepte sollte die Einschätzung und Expertise der Überlebenden, die sie in Online-Sitzungen gewonnen haben, nicht vergessen werden. Auch sie üben sich in Verbindung und Verknüpfung von erlebter Geschichte im Digitalen, das gleichermaßen als Kommunikations- und Gestaltungsmittel fungiert.[10]

 

Prof. Dr. Anja Ballis, Professorin für Fachdidaktik Deutsch an der LMU München, Forschungsgebiete: Holocaust Education in (außer)schulischer Bildungsarbeit, Digitale Medien, Qualitative Sozialforschung.

Prof. Dr. Markus Gloe, Professor für Politische Bildung und Didaktik der Sozialkunde an der LMU München, Forschungsgebiete: Holocaust Education, Demokratiebildung, Human Rights Education, Service Learning.

 

[1]https://sfi.usc.edu/dit; www.holocaust.org.uk/interactive; www.lediz.uni-muenchen.de/index.html [24. 7. 2021].

[2] Anja Ballis, Michele Barricelli & Markus Gloe. "Interaktive digitale 3-D-Zeugnisse und Holocaust-Education - Entwicklung, Präsentation und Erforschung" In Holocaust Education Revisited. Wahrnehmung und Vermittlung. Fiktion und Fakten. Medialität und Digitalität, hrsg. von Anja Ballis & Markus Gloe, 403-436. Wiesbaden: Springer VS, 2019.

[3] Florian Duda. ""Was war oder ist Ihre schönste, tollste und angenehmste Kindheitserinnerung?" - Ein sprachwissenschaftlicher Ansatz zur Machine-Learning-Datengenerierung" In Interaktive 3D-Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden. Chancen und Grenzen einer innovativen Technologie, hrsg. von Anja Ballis et al, Braunschweig: Eckert Dossiers 1 (2021). 43-62.

[4] Die Erhebung vor Ort war einem Mixed Methods Design verpflichtet. Dazu wurde ein Fragebogen entwickelt sowie vertiefend leitfadengestützte Einzelinterviews geführt. Des Weiteren wurden die Fragen des Publikums protokolliert. Teilnehmende Beobachtungen des Projektteams vervollständigten die Erhebungsinstrumente. Eine umfassende Auswertung der quantitativen und qualitativen Daten ist in Vorbereitung.

[5] Die Interviewdaten wurden anonymisiert und sind an der LMU München archiviert.

[6] Die Daten wurden für diese Studie mit Hilfe der Grounded Theory kodiert; vgl. Anselm L. Strauss & Juliet M. Corbin. Grounded theory. Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union, 1996.

[7] Anja Ballis. "Interaktive 3D-Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden im Deutschunterricht - Theoretische Rahmung, empirische Exploration und disziplinäre Zielhorizonte" In Interaktive 3D-Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden. Chancen und Grenzen einer innovativen Technologie, hrsg. von Anja Ballis et al, Braunschweig: Eckert Dossiers 1 (2021). 83-110.

[8] Catherine Devine & Matt Tarr. The Digital Layer in Museum's Experience. In Museums and Digital Culture. New Perspectives and Research, hrsg. von Tula Giannini & Jonathan T. Brown, 295-307, Cham: Springer, 2019. Vgl. auch Anja Gebauer. Die Dynamik digitaler Kunstvermittlung als Linse. Design, empirische Forschung und Theoriebildung in der Kunst- und Museumspädagogik. München: Masch. Diss., 2021.

[9] Stalder, Felix. Kultur der Digitalität. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2019.

[10] Für wichtige Anregungen und Impulse sei Johanna Meixner und Frauke Teichmann herzlich gedankt.

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