»Nach der Generation Aufarbeitung« Eine bundesweite Gesprächsreihe zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft der NS-Gedenkstätten

06/2026Gedenkstättenrundbrief 222, S. 34-41
Sophia Annweiler

Die bundesrepublikanische Gedenkstättenlandschaft zur Erinnerung an die NS-Verbrechen blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Viele Gedenkstätten mussten gegen erhebliche Widerstände erkämpft werden; bis heute stehen sie vor anhaltenden gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen.

 

Diese Geschichte in den Blick zu nehmen, hat sich die bundesweite Veranstaltungsreihe »Nach der Generation Aufarbeitung« zum Ziel gesetzt. Verschiedene Generationen von Gedenkstättenmitarbeiter*innen und Wissenschaftler*innen sollten dabei nicht nur zu wesentlichen historischen Entwicklungsschüben ins Gespräch kommen, sondern auch zentrale Spannungsverhältnisse diskutieren, innerhalb derer sich die Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen bewegt.

 

Die Idee zu einem solchen »Generationengespräch« entstand im Anschluss an die Konferenz »Gedenkstättengeschichte(n)«, die 2022 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stattgefunden hat. Die Koordination des bundesweiten Kooperationsprojekts übernahm der Historiker und ehemalige Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten Habbo Knoch, der im Dezember 2024 unerwartet verstarb. Die Gesprächsreihe »Nach der Generation Aufarbeitung« wurde daher seinem Andenken gewidmet.

 

Im Folgenden werden die sechs Veranstaltungen schlaglichtartig vorgestellt. Die vollständigen Videomitschnitte der jeweils etwa 90-minütigen Gespräche können bei Interesse bis auf Weiteres auf der Projektwebsite angesehen werden.

 

Aufbrüche

Die Eröffnungsveranstaltung in Köln fokus­sierte auf die bundesrepublikanische Gedenkstättenbewegung und fragte nach möglichen Parallelen in der DDR. Es diskutierten Fritz Bilz (Verein El-De-Haus, Köln), Angela Genger (ehemals Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf), Ute Hoffmann (ehemals Gedenkstätte für die Opfer der NS-»Euthanasie« Bernburg) und ­Cornelia Siebeck (Gedenkstättenreferat der Stiftung ­Topographie des Terrors); die Moderation übernahm Janosch Steuwer (NS-Dok Köln).

 

Am Beispiel der auf dem Podium vertretenen Orte wurde herausgearbeitet, welche Akteur*innen mit welchen Motivationen unter jeweils spezifischen lokalen Bedingungen seit den späten 1970er-Jahren erste Voraussetzungen dafür schufen, dass besagte Orte langfristig als Gedenkstätten institutionalisiert werden konnten. Anhand der Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte für die Opfer der NS-»Euthanasie« Bernburg wurde kontrovers diskutiert, ob es trotz unterschiedlicher gesellschafts- und geschichtspolitischer Rahmenbedingungen eine »Generation Aufarbeitung« auch in der DDR gegeben hat.

 

Verdoppelte Aufarbeitung?

Die zweite Veranstaltung in Jena beschäftigte sich mit den Auswirkungen der deutsch-deutschen Wiedervereinigung auf die Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen. Es diskutierten Volkhard Knigge (ehemals Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora), Maëlle Lepitre (Gedenkstätte Buchenwald), Detlef Garbe (ehemals Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte) und Carola Rudnick (»Euthanasie«-Gedenkstätte Lüne­burg); die Moderation übernahm Daniel Schuch (Universität Jena).

 

Zentrales Thema waren die geschichtspolitischen Debatten in den Jahren nach der Wiedervereinigung – insbesondere mit Blick auf das Verhältnis zwischen den NS-Verbrechen und dem Unrecht in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR.

 

Vor diesem Hintergrund wurde die Neu­gestaltung der Gedenkstätte Buchenwald reflektiert, die nun nicht mehr nur an das Konzentrationslager, sondern auch an das sowjetische Speziallager erinnerte. Zudem wurde der lange Weg zu einer Gedenkstättenkonzeption des Bundes diskutiert, welche seit Ende der 1990er-Jahre die gesamtstaatliche Förderung von Gedenkstätten zu beiden historischen ­Unrechtskomplexen regelt.

 

Neue Freiräume, neue Abhängigkeiten?

Die dritte Veranstaltung in Leipzig widmete sich dem Verhältnis zwischen zivilgesellschaftlichem Aktivismus und staatlicher Erinnerungspolitik nach der Wiedervereinigung. Es diskutierten Insa Eschebach (ehemals Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück), Anna ­Kaminsky (Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur), Thomas Lutz (ehemals Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors) und Josephine Ulbricht (Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig); die Moderation übernahm Jonas Kühne (sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus).

 

Zunächst wurde auf dem Podium ausgelotet, welche qualitativen Veränderungen die Wiedervereinigung für die Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit zu den NS-Verbrechen nach sich zog und inwiefern das Ende des SED-Regimes und seiner doktrinären Geschichtspolitik neue Freiräume für zivilgesellschaftliche Initiativen und Themensetzungen eröffnete – sowohl mit Blick auf die NS-Verbrechen als auch auf das Unrecht in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR.

 

Von dort aus wurden Möglichkeiten und Grenzen der staatlichen Einflussnahme auf die Erinnerungskultur im vereinten Deutschland diskutiert: In welchem Maße können über die Verteilung öffentlicher Mittel Formen und ­Inhalte der Erinnerungskultur (partei-)politisch gelenkt und beeinflusst werden? Entwickeln sich staatlich geförderte Gedenkstätten automatisch zu »staatstragenden Gedenkstätten«? Wie können sich Gedenkstätten vor politischen Vereinnahmungen schützen?

 

Erinnern oder Lernen?

Die vierte Veranstaltung in Hamburg fragte nach dem Verhältnis von Erinnern und Lernen in der Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen. Es diskutierten Swenja Granzow-­Rauwald (KZ-Gedenkstätte Neuengamme), Verena Haug (Anne Frank Zentrum), ­Gottfried Kößler (ehemals Fritz Bauer Institut) und ­Ulrike Löffler (Historikerin, Chemnitz); die Moderation übernahm Jennifer Farber (Zen­trum für Erinnerungskultur Duisburg).

 

Die Diskutant*innen waren sich einig, dass »Erinnern« im Sinne einer eher emotionalen und »Lernen« im Sinne einer eher kognitiven Dimension in der Vermittlungspraxis vor Ort keinen Gegensatz bilden, sondern seit jeher zusammengedacht wurden. Gemeinsam erkundeten sie, wie kognitive und emotionale Zugänge in verschiedenen historischen Phasen der Gedenkstättenarbeit diskutiert und zueinander in Bezug gesetzt wurden.

 

Die Sorge, dass mit dem Ende der Zeitzeug*innenschaft notwendig auch ein Verlust an emotionaler Anschlussfähigkeit einhergehe, wurde auf dem Podium nicht geteilt. Im Gespräch wurde deutlich, dass emotionale Zugänge zur NS-Vergangenheit auch im Zuge einer Auseinandersetzung mit Familiengeschichten, eigenen Betroffenheiten und gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Entwicklungen entstehen können.

 

Wessen Leid zählt?

Die fünfte Veranstaltung im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin drehte sich um Erinnerungskonkurrenzen und Repräsentationskonflikte in der Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen. Es diskutierten Manuela Bauche (Erinnerungsort Ihnestraße der FU Berlin), Axel Drecoll (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Lernorte), Detlef Garbe (ehemals Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte) und Liane Schäfer (Universität Osnabrück. Die Moderation übernahm Cornelia Siebeck (Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors).

 

Das Thema des Abends wurde auf zwei Ebenen diskutiert. In einem ersten Schritt wurde reflektiert, welche Dilemmata und Konflikte mit der musealen Darstellung verschiedener Verbrechenskomplexe und Verfolgungsschicksale am gleichen Ort verbunden sein können. Anschließend wurde entlang der Debatten um die »Gedenkstättenkonzeptionen des Bundes« seit 1999 danach gefragt, wie verschiedene historische Unrechtskomplexe auf einer übergreifenden geschichts- und gesellschaftspolitischen Ebene zueinander in Bezug gesetzt und dabei immer wieder auch in Konkurrenzverhältnisse gebracht werden.

 

Orte gesellschaftlicher Auseinandersetzung?

Die sechste Veranstaltung in den Räumen der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin befasste sich mit Gegenwartsbezügen und -bedarfen in der Gedenkstättenarbeit zu den NS-Verbrechen. Es diskutierten Cornelia Chmiel (Freie Universität Berlin), Wolf Kaiser (ehemals Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz), Andrea Riedle (Stiftung Topographie des Terrors) und Oliver von ­Wrochem (Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte). Die Moderation übernahm Sabine ­Reimann (Erinnerungsort alter Schlachthof der Hochschule Düsseldorf). 

 

Zunächst widmete sich das Podium den Aushandlungsprozessen während der Entstehungsprozesse der jeweiligen Orte und Ausstellungen, um sich anschließend heutigen Debatten und Visionen für die Zukunft zuzuwenden. Ein wichtiger Aspekt im Gespräch war das Verhältnis von Gegenwartsbezügen und historischem Lernen. Es wurde besprochen, wie ausgehend von den historischen Fakten und dem Ort als Zeugnis Aktualitätsbezüge hergestellt werden können, die zu einer kritischen Reflexion der heutigen Gesellschaft anregen. Als ein aktuelles Spannungsverhältnis wurde das Dilemma zwischen dem Ziel und Bildungsauftrag der Gedenkstätten ausgemacht, einerseits Räume zu öffnen für Besucher*innen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Meinungen und Fragen, dabei aber andererseits Grenzen zu setzen, um im Angesicht der Geschichte der Orte gegen ­Diskriminierung und demokratiefeindliche ­Positionen Haltung zu zeigen.

 

 

 

Sophia Annweiler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und dort für die Museologie und die Sammlung zuständig. Zuvor arbeitete sie in verschiedenen Funktionen an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und war dort unter anderem an Projekten zur Gedenkstättengeschichte beteiligt.