Schulisches Lernen ist an den institutionellen Rahmen gebunden. Lehrkräfte agieren in einem festen Korsett von Lehrplänen, Prüfungsanforderungen, Fachkonferenz-beschlüssen. Außerschulische Lernorte versprechen eine Öffnung des schulischen Lernens. Wie wir spätestens seit Verena Haugs Untersuchung »Am authentischen Ort«1 wissen, trügt diese Erwartung. Die Lerngruppe bringt die Form Schule mit an den außer-schulischen Ort. Die Schülerinnen und Schüler untereinander, aber auch die Lehrkräfte ändern nicht ihre Interaktionsformen und sie verlassen auch nicht die Rollen, die sie im Rahmen des schulischen Alltags gewohnt sind. Mindestens ebenso – oder noch -stärker – sind zugleich die Annahmen und Prägungen der außerschulischen Pädagogen in Bezug auf die Konzeption, was Lernen in der Schule bzw. an außerschulischen Orten ausmacht und unterscheidet. Es besteht selten eine reflektierte Vorstellung davon, was freies, nicht auf den linearen Erfolg der Aneignung von Wissen gerichtetes Aneignen eines Themas oder auch eben eines Ortes und seiner Geschichte sein kann. Dazu wäre nicht zuletzt ein Austausch über Konzepte und Erfahrungen beiderseits erforderlich.
Umgekehrt, positiv gesprochen: Ein langfristiges Zusammenarbeiten einer Schule mit einer Gedenkstätte kann für beide Institutionen und die beteiligten Akteure effektiv und ertragreich sein. Es sollte eine Kommunikationskultur in beide Richtungen geben. Auch die einzelnen Schülerinnen und Schüler können davon profitieren, wenn sie die z.B. eine Gedenkstätte und dort beschäftigte Personen kennen. Auch Orte wie Gedenkstätten, auf die sich bei Jugendlichen oft Befürchtungen richten, sie könnten emotional oder moralisch Anforderungen an sie richten, können so zu Vermittlungsorten werden. Das bedeutet, dass dort selbstständig und explorativ gearbeitet werden kann, dass die Freiheit der Aneignung gerade an einem schwierigen Gegenstand erfahren wird. Gedenkstätten sind Lernorte auf den unterschiedlichsten Feldern. Das hängt von der konkreten Institution ab: Geografie, Archiv, politische Bildung, Ausstellung, Projektarbeit etc. Diese Aufzählung soll verdeutlichen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, formale Qualifikationen zu erwerben und Fähigkeiten zu trainieren. Lernen findet also in Gedenkstätten – und Museen – nicht nur im Feld der jeweiligen thematischen Widmung statt, sondern eben auch im Feld der Kompetenzen, die nicht fachgebunden sind.
Die nicht ganz seltene, aber doch nicht gewöhnliche langfristige Zusammenarbeit ist eine ideale Verbindung zwischen Gedenkstätte und Schule. Die minimale Verbindung besteht in einer inhaltlichen Absprache über die Führung oder den Workshop und einer darauf bezogenen Vor- und Nachbereitung des Besuchs. Es ist erschreckend, wie selten die bestehenden Angebote der Gedenkstätten, die es seit langem gibt, von Schulen genutzt werden. Gerade fest im Schulcurriculum verankerte Besuche werden in den weit überwiegenden Fällen kaum oder überhaupt nicht vorbereitet, weil sie langfristig terminiert und nicht aus dem Unterrichtskonzept der einzelnen Lehrkraft erwachsen sind. Sehr häufig sind die begleitenden Lehrkräfte fachfremd und nicht oder unzureichend auf die inhaltlichen und pädagogischen Herausforderungen dieses Unterrichtsganges vorbereitet. Gegen diese Missstände kann nur eine gründliche Beschäftigung mit den Themen ›außerschulische Lernorte‹ im Allgemeinen und ›Gedenkstätten an Verbrechensorten‹ im Besonderen während der Lehrerausbildung helfen. Wie ist dort die Lage?
Es gibt keine verbindlichen Vorgaben für die Beschäftigung mit dem Thema NS-Geschichte und Holocaust in der Lehrerausbildung auf Landes- oder gar Bundesebene, obwohl der Besuch von Gedenkstätten in den meisten Lehrplänen für Geschichte vorgesehen ist. Im Rahmen der Vorbereitung für die bundesweite Gedenkstätten-Konferenz (Dezember 2017) habe ich informell und unsystematisch bei Ausbilderinnen und Ausbildern angefragt, ob Besuche von NS-Gedenkstätten mit Schulklassen bzw. deren Vorbereitung in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern im Vorbereitungsdienst (LiV; Referendarinnen und Referendare) an ihrem Studienseminar eine Rolle spielt. Ich stelle ein paar Antworten vor.
Über informelle Kontakte konnte ich im Sommer 2017 einige Berichte aus der Praxis von Studienseminaren sammeln. Sie sind selbstverständlich nicht repräsentativ, aber sie geben einen Einblick in diesen wesentlichen Abschnitt der Lehrerbildung. Die Berichte werden hier ohne Nennung des Ortes und des Namens der Ausbilder*innen zusammengefasst. Allerdings werden die Bundesländer genannt, um einen Bezug auf die jeweiligen Lehrpläne zu ermöglichen.
Im Studienseminar A in Hessen gibt es seit über zehn Jahren als Angebot an Referendarinnen und Referendare ein einwöchiges Seminar »Lernort Auschwitz«, das mit einer Exkursion nach Oświęcim und Kraków verbunden wird. Dort wird die Arbeit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz vorgestellt. Außerdem ist der Besuch eines außerschulischen Lernortes Bestandteil der Fachseminare oder eines Praxistages in der Ausbildung. Die besuchten Orte sind regionale Gedenkstätten, wobei Lehrkräfte, die an diese Einrichtungen abgeordnet sind, ihre Angebote für Schulen vorstellen.
In Nordrhein-Westfalen (NRW) hängt die Ausgestaltung der Ausbildung von den Leistungsverzeichnissen und den Curricula der jeweiligen ZfsL (Zentrum für schulpraktische Lehrerbildung) ab. Im Seminar B werden seit Jahren mit den Referendaren Exkursionen, vorwiegend nach Auschwitz, durchgeführt. Ein Ausbilder in C macht Exkursionen nach Weimar (Buchenwald). Außerdem gibt es in NRW Bildungsangebote im Rahmen des Kooperationsvertrages mit Yad Vashem, die aber eher für Kollegen im Schuldienst gedacht sind. Sie sind mit der Zusammenarbeit in einer Gruppe von Lehrkräften verbunden, die als Nachbereitung und Erweiterung der Studienreise nach Israel konzipiert ist. Diese Gruppe trifft sich einmal im Jahr.
Nach Einschätzung des befragten Kollegen hat das Thema Konjunktur und es dürfte im Ausbildungsplan aller Seminare (ZfsL) stehen. Ob das in jedem Seminar so intensiv wie in B oder C realisiert wird, weiß der angefragte Ausbilder nicht. Zur Ergänzung dieses Eindrucks ist es nützlich zu wissen, dass in NRW das Kulturministerium mit dem Programm »Schule und Gedenkstätten« die Zusammenarbeit fördert. Die Landeszentrale für politische Bildung unterstützt »Bildungspartnerkongresse«, bei denen sich beide Seiten informell begegnen.
In den Hamburger Fachseminaren Geschichte/Politik spielt der Umgang mit der nationalsozialistischen Diktatur eine selbstverständliche Rolle und wird anhand von Denkmälern (neu: Hannoverscher Bahnhof) oder auch durch einen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme konkretisiert. In der Regel fährt jedes Fachseminar einmal nach Neuengamme oder besucht eine andere Gedenkstätte, dort liegt der Fokus dann auf pädagogischen Angeboten für Schulklassen. Auffällig ist hier die klare regionale Anbindung, die bei der Auskunft aus NRW nicht erwähnt wird und bei der Auskunft aus Hessen der Reise nach Polen deutlich nachgeordnet ist.
Im Studienseminar D ist Gedenkstättenpädagogik sitzungsübergreifend in einem Modul verankert. Im Bereich »außerschulische Lernorte« erhalten die LiV (= Referendar*innen) die Aufgabe, eine Gedenkstätte oder ein Museum auszuwählen und mittels eines kurzen Handouts den anderen LiV vorzustellen. Leitfrage hierbei ist:
Was gilt es zu beachten, wenn ich mit meiner Klasse nach XY fahre? Der Fokus liegt somit sowohl auf didaktisch-methodischer als auch auf organisatorischer Ebene. Allerdings ist der Ausbilder gerade dabei, diesen Inhalt zu überdenken, da ihm die Ergebnisse teilweise zu oberflächlich sind. Aktuell wird überlegt, ob man das Thema außerschulische Lernorte nicht als fächerübergreifende Wahl/Pflichtveranstaltung anbieten könnte.
Im Studienseminar E wird das Thema Gedenkstätten immer wieder anlassbezogen im Rahmen der Fachmodule thematisiert. Dabei werden je nachdem die Gedenkstätten in Buchenwald und Breitenau genauer betrachtet, wenn einzelne LiV diese Gedenkstätten mit ihren Klassen besucht haben. In der Vermittlung von theoretischen didaktischen Fachdiskursen werden Gedenkstätten auch unter dem Themenschwerpunkt ›Außerschulische Lernorte‹ mit angesprochen.
Das Thema Gedenkstätten wird am Studienseminar F für Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen (GHRF) im Zusammenhang mit dem Besuch von außerschulischen historischen Lernorten besprochen. Analog der vorgegebenen Modulinhalte ist dafür ein Setting in einem der verbindlichen Module vorgesehen und eingeplant. Konkret wird darüber gesprochen, welche unterschiedlichen historischen Lernorte es gibt und wie eine Exkursion dorthin vor- und nachbereitet werden muss. Unter diese behandelten Lernorte fällt auch der Besuch einer Gedenkstätte. Außerdem nehmen die LiV an der Exkursion teil, die mit den Lernenden der Stamm-Schule des Ausbilders in eine NS-Gedenkstätte durchgeführt wird. Entsprechend der regionalen Anbindung im Süden Hessens waren das die Gedenkstätten in Osthofen oder Struthof.
Im Studienseminar G besteht die Tradition, mit den LiV die Gedenkstätte Hadamar und außerdem regelmäßig die Gedenkstätte »Point-Alpha« zu besuchen. Der Ausbilder betont in seiner Auskunft den thematischen Unterschied, behandelt aber die beiden Gedenkstätten in ihrer didaktischen Betrachtung analog. Er beschreibt, dass er aus persönlicher Motivation im entsprechenden Modul das Thema »Stolpersteine« behandelt hat. Er nutzt diese Form des Gedenkens, um mit den LiV das Themenfeld »Orientierungskompetenz« zu bearbeiten. Als Beispiel nennt er einen interaktiven Stadtrundgang für Lernende, der sich neben anderem mit der Kontroverse um die Erinnerungskultur in diesem Zusammenhang beschäftigt und nach den »Gründen für Erinnerung« im Sinne der Geschichtskultur fragt. Die Nutzung der regionalen Möglichkeiten, die gerade diese informelle Form des Gedenkens bietet, möchte er intensivieren.
Im Seminar F, das wiederum im Norden Hessens liegt, ist der Lernort Gedenkstätte dann ein Thema im Rahmen einer Modularbeit, wenn der Themenschwerpunkt »außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht« bearbeitet wird. Die LiV werden gebeten, von ihren Erfahrungen als Schüler*in und auch als Begleitung auf Exkursionen zu berichten. Die Gedenkstätte Buchenwald wird in Nordhessen von vielen Lerngruppen besucht, so dass viele LiV Erfahrungen mit diesem Ort mitbringen.
Allerdings spielt die Gedenkstättenpädagogik und -didaktik aufgrund der sehr begrenzten Ausbildungszeit nur dann eine ausgewiesene Rolle im vorgegebenen Rahmen eines Moduls, wenn die LiV als exemplarischen außerschulischen Lernort für eine Exkursion eine Gedenkstätte wählen. Die Ausbilderin macht verschiedene Vorschläge und LiV bringen ihre Ideen ebenfalls ein. Besucht wurde im Rahmen des Moduls in den letzten Jahren die Gedenkstätte Trutzhain, das Grenzlandmuseum Teistungen und die Gedenkstätte Grenzmuseum Schifflersgrund. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen beim Besuch dieser zuvor eher unbekannten Lernorte wurde dann ein gemeinsames – zunächst schriftliches – Nachdenken über Zugänge und Arbeitsformen durchgeführt erfolgen, indem die LiV ihre Erfahrungen als Besucher des Lernortes mit dem Profil der von ihnen aktuell betreuten Lerngruppen in Beziehung setzen. So sollen die LiV sich darin üben, Voraussetzungen für einen gelungenen Besuch und die notwendigen Vorarbeiten im Rahmen des Unterrichts und im Kontakt mit der Gedenkstätte zu erkennen und zu benennen.
Vorgestellt werden neben den genannten Gedenkstätten zudem durch die Ausbilderin die Gedenkstätten Mittelbau-Dora und Breitenau. Seit kurzem wird auch das Museum des Grenzdurchgangslagers Friedland einbezogen.
Besonders im letzten Beispiel zeigt sich, wie weitgehend die Gedenkorte, die an die innerdeutsche Grenze erinnern, auf einer Ebene mit den Gedenkstätten an NS-Verbrechensorten betrachtet werden. Generell legen die Berichte aus den GHRF-Seminaren die Annahme nahe, dass in diesem Bereich, in dem Lehrkräfte für jüngere Schüler*innen ausgebildet werden, vor allem methodische Fragen und übergreifende didaktische Konzepte verhandelt werden. Die spezifischen Themen der Gedenkstätten treten im Vergleich dazu anscheinend in den Hintergrund.
Aus der Sicht der Beratung von Schulen möchte ich diesen vorläufigen Eindrücken einen Aspekt hinzufügen. Wenn es keine langfristige Zusammenarbeit zwischen einer Schule und einer Gedenkstätte gibt, ist eine kurzschrittigere Arbeitsweise notwendig. Diese ist dann sinnvoll, wenn das Angebot der Gedenkstätte die Chance einer Verankerung in alltäglichem Unterricht mit einer Aneignungsweise verbindet, die dezidiert anders ist – also eine andere Zeitdimension hat und andere Aneignungsformen eröffnet. Das Beispiel des Vorbereitungsmoduls für die Gedenkstätte Flossenbürg, das in Zusammenarbeit mit der Visual History Foundation entwickelt wurde, ist geeignet, als Modell zu fungieren.
Das bereitgestellte Quellenmaterial ist für den Unterricht geeignet, es macht aus der Vorbereitung kein Projekt, das die Form Schule verlässt. Aber es bereitet nicht nur inhaltlich, sondern von der Haltung her auf den außerschulischen Ort vor. Die Zeitzeugenerzählung ist nicht Selbstzweck oder Mittel zur emotionalen Bindung, sondern sie ist dazu da, die Erkundung des historischen Ortes zu strukturieren und eigene -Perspektiven zu formulieren. Die Erfahrungen mit der Gedenkstätte können so als Bericht wieder zurück ins Plenum der Klasse gebracht werden, ohne dabei in ein für alle in Schulen als öde Routine bekanntes Referieren von Arbeitsgruppenergebnissen zu verfallen.
Es wäre eine Perspektive für Studienseminare, derartige Konzepte unter fachdidaktischen und methodischen Fragestellungen zu betrachten. Dabei wäre es von zentraler Bedeutung, den fachwissenschaftlichen Aspekt, nämlich die thematische Schwerpunktsetzung, die jede Gedenkstätte auf Grund der spezifischen Geschichte des Verbrechensortes hat, als Ausgangspunkt zu nehmen.
Trotz steigender Besucherzahlen, gerade von Schulklassen, wird ein Defizit bezüglich der schulischen Nutzung von Gedenkstätten deutlich. Es zeigt sich, dass eine inhaltlich informierte Planung von Gedenkstättenbesuchen nicht weit verbreitet ist. Das ist gerade angesichts der wachsenden Anforderungen an die historisch-politische Bildung im Kontext antisemitismus- und rassismusmuskritischer Bildung problematisch. Um eine sinnvolle Nutzung der vielfältigen pädagogischen Angebote der Gedenkstätten an NS-Verbrechensorten durch Schulen zu gewährleisten, wäre es sinnvoll, eine Handreichung mit entsprechenden inhaltlichen Vorgaben zu erstellen. Die Umsetzung solcher fachwissenschaftlich und didaktisch begründeter Themen, aber auch Verfahren der Vorbereitung und der Abstimmung zwischen Schulen und Gedenkstätten könnte durch eine Positionierung der Kultusministerkonferenz in dieser Sache sehr befördert werden.
Gottfried Kößler ist stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität Frankfurt am Main – und Mitarbeiter im gemeinsamen Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt am Main. Seine Arbeitsschwerpunkte sind neben der Lehrerbildung das historische Lernen in der Migrationsgesellschaft, die Gedenkstättenpädagogik und die Medienpädagogik.
1 Verena Haug, Am »authentischen« Ort. Paradoxien der Gedenkstättenpädagogik, Berlin 2015.