Das 69. Bundesweite Gedenkstättenseminar fand vom 10. bis 12. September 2025 in Hameln und am Dokumentations- und Lernort Bückeberg statt. Rund 150 Teilnehmende aus ganz Deutschland, darunter Mitarbeitende von Gedenkstätten, Historiker:innen, Pädagog:innen sowie Multiplikator:innen historisch-politischer Bildung, kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, Wissen zu vertiefen und Strategien für die Arbeit an Gedenk- und Erinnerungsorten zu diskutieren. Veranstaltet wurde das Seminar von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, dem Dokumentations- und Lernort Bückeberg, der Bundeszentrale für politische Bildung sowie dem Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors.
Ziel der Bundesweiten Gedenkstättenseminare ist es, theoretische Impulse mit praxisnahen Ansätzen zu verbinden, den fachlichen Austausch zu fördern und die Vernetzung der Teilnehmenden zu stärken. Das diesjährige Seminar richtete seinen Fokus auf die (Dis)Kontinuitäten völkischer Ideologien seit 1945 und beschäftigte sich damit, welche zentralen Begriffe und visuellen Codes der »Blut und Boden«-Ideologie bis in die Gegenwart wirksam sind, wie Gedenkstätten ihre Besucher:innen kritisch einbinden können und welche Handlungsoptionen bestehen, um der Renaissance völkischer Narrative konsequent zu begegnen.
Tag 1 – Mittwoch, 10. September 2025: Interaktiver Auftakt, Podium und Filmgespräch
Der erste Seminartag begann mit einem bewegten Kennenlernen unter der Leitung von Vatan Ukaj von WERTansich(t), bei dem die Teilnehmenden im Raum miteinander in Bewegung kamen und sich »speed-dateten«.
In der Begrüßung durch Jan Waitzmann vom Dokumentations- und Lernort Bückeberg, Frederik Schetter von der Bundeszentrale für politische Bildung, Julana Bredtmann vom Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors und Elke Gryglewski von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten wurde die Bedeutung von Gedenkstätten als aktive Akteur:innen im Kampf gegen die extreme Rechte betont, insbesondere in ländlichen Regionen, und zugleich auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Arbeit an diesen Orten reflektiert und positioniert zu gestalten.
Elke Gryglewski stellte gleich zu Beginn die zentrale Frage: »Was ist das hier eigentlich für ein Ort?« Der Bückeberg, so erklärte sie, sei ein Ort der »Volksgemeinschaft« und der Propaganda – und deshalb kein klassischer Täterort im engeren Sinne, eine Einschätzung, der man durchaus widersprechen kann, da auch ein propagandistisch inszenierter Raum Teil der Täterpraxis sein kann. Zugleich betonte sie, welche Chance ein solcher Ort gerade für kleinere Gemeinden darstellt, weil er öffentliches Interesse erzeugt und lokale Erinnerungskultur stärkt. In Niedersachsen als weitläufigem Flächenland zeige sich besonders deutlich, wie tief die »Blut und Boden«-Ideologie in landschaftliche Vorstellungen eingeschrieben wurde und zitierte Jens-Christian Wagner: »Es führt ein Weg vom Bückeberg nach Bergen-Belsen« – ein Hinweis darauf, dass die Inszenierung von »Volksgemeinschaft« und »völkischer Einheit« direkte Verbindungslinien zur Gewalt- und Vernichtungspolitik des NS-Regimes besitzt.
Im anschließenden interaktiven Podiumsgespräch diskutierten die Veranstalter:innen gemeinsam mit den Teilnehmenden die lokalen, regionalen und bundesweiten Bezüge der Themen. Die Teilnehmenden nutzten die digitale Beteiligungsmöglichkeit, um Fragen und Erwartungen zu äußern. Es wurde deutlich, dass viele den Wunsch nach kollegialer Vernetzung, neuen Kontakten sowie nach weiterem inhaltlichem Fachwissen hatten und dass Gedenkstättenarbeit heute auch im Kontext zunehmender Angriffe extrem rechter Akteur:innen und gesellschaftlicher Polarisierung stattfindet. Das Podium hielt sich bewusst kurz, um Raum für den Austausch zu lassen, und bot zugleich einen reflexiven und partizipativen Einstieg in das Tagungsthema.
Die Praxisbörse »Praxis trifft Praxis. Info- und Kontaktbörse zu Stätten der NS-Propaganda« eröffnete den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich über konkrete Projekte auszutauschen. Präsentationen erfolgten unter anderem durch die Gedenkstätte Sachsenhain, das Kreismuseum Wewelsburg, den Lernort Obersalzberg und weitere Einrichtungen, die ihre Arbeit in kurzen Impulsen vorstellten. Es wurden Konzepte für Führungen, Ausstellungen und pädagogische Vermittlung sowie Beispiele für innovative Methoden und Projekte gezeigt. Die Teilnehmenden konnten so sowohl Inspiration für die eigene Arbeit gewinnen als auch Kontakte zu Kolleg:innen aus ganz Deutschland knüpfen.
Am Abend hielt die Film- und Medienwissenschaftlerin Borjana Gaković einen Vortrag über die Geschichte und Nachwirkungen von NS-Filmproduktion und -Filmpropaganda. Gaković ging auf die Kontinuität von Filmschaffenden ein, die auch nach 1945 weiterhin aktiv waren, auf die materielle Grundlage der Filmproduktion und die Gleichschaltung unter Goebbels’ Einfluss. Dabei beleuchtete sie, wie jüdische Filmschaffende systematisch verdrängt wurden, wie Unterhaltungsfilme ideologisch aufgeladen wurden und welche Auswirkungen dies auf die filmische Erinnerungskultur hatte. Beispiele wie Hitlerjunge Quex, Die Schlacht um Miggershausen oder Dokumentationen zu den Reichserntedankfesten am Bückeberg verdeutlichten, wie Filme als Propagandainstrument genutzt wurden. Es gilt demnach, sich bewusst zu machen, wie sich völkische Ästhetik zusammensetzt, was sie attraktiv macht und den Zusammenhang von Ästhetik/Inszenierung und Gewalt und dem Umgang damit zu beleuchten.
Gleichzeitig stellte Gaković die Frage danach, welche Filme – wie beispielsweise jüdische Komödien aus der Weimarer Zeit – aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht wurden. Was bleibt? Was wurde zum Verschwinden gebracht und was hat keine Kontinuität?
Der Vortrag entließ das Publikum thesenstark und machte deutlich, dass insbesondere die Gedenkstättenpädagogik von der Integration filmwissenschaftlicher Elemente profitieren kann.
Tag 2 – Donnerstag, 11. September 2025: Exkursionen und Workshops
Der zweite Tag begann mit einer Einführung in die Geschichte des Bückebergs durch Bernd Gelderblom, der seit Jahrzehnten zu diesem Gelände forscht und ohne den – wie Elke Gryglewski
bereits im Rahmen der Begrüßung am Vortag betonte – es den Dokumentations- und Lernort Bückeberg gar nicht gäbe. Gelderblom beschrieb das Reichserntedankfest als »ein riesiges Nazifest«, das Jahr für Jahr Hunderttausende anzog und bewusst als massenwirksame Inszenierung der »Volksgemeinschaft« angelegt war. Sein Engagement für die historische Aufarbeitung stieß lange auf erheblichen Widerstand. Spöttische Kommentare wie »Da will ein Lehrer eine bloße Kuhwiese unter Denkmalschutz stellen« begleiteten seine frühen Bemühungen, zumal der Hang damals tatsächlich als Schafweide genutzt wurde. Auch in der akademischen Forschung fand das Gelände lange kaum Beachtung: Selbst ein renommierter Historiker wie Peter Longerich habe, so merkte Gelderblom
an, »für den Bückeberg keine Zeile übrig«. Noch in den 1980er-Jahren begegnete er häufig der erstaunten Reaktion: »Vom Bückeberg haben wir noch nichts gehört.« Gerade diese Ignoranz zeigt, wie sehr es lokaler Akteur:innen bedarf, um vergessene Orte in die erinnerungspolitische Landschaft zurückzuholen – und wie mühsam, konfliktreich und zugleich notwendig es sein kann, sich einen solchen Ort im wörtlichen wie übertragenen Sinne zu erkämpfen.
Exkursion zum Friedhof am Wehl, geleitet von Bernhard Gelderblom
Der Friedhof am Wehl in Hameln ist ein vielschichtiger Erinnerungsort, der Einblicke in verschiedene Phasen deutscher Geschichte gewährt, von einem Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg über die Zeit des Nationalsozialismus bis heute. Auf dem Gelände befinden sich Gräberfelder mit russischen, serbischen und belgischen Soldaten des Ersten Weltkriegs, Zwangsarbeiter:innen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, Bombenopfern sowie deutschen Soldaten. Ein besonderes Kapitel ist das Gräberfeld für Inhaftierte des Zuchthauses Hameln, dessen Anerkennung als Kriegsgräberstätte nach umfangreichen Schüler- und
Erinnerungsprojekten gelang.
Die Teilnehmenden erfuhren von den historischen Kämpfen in den 1980er-Jahren, als rechte Akteur:innen durch die Stadt zogen und der Umgang mit Erinnerungskultur und Gedenktafeln stark umstritten war.
Wie so häufig musste auch hinsichtlich des Friedhofs die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus lange erkämpft werden. Gegen Mehrheiten, gegen die lokale und überregionale extreme Rechte und gegen den Zeitgeist – letztlich dann auch mit Erfolg.
Im Anschluss folgte eine Exkursion zum Dokumentations- und Lernort Bückeberg. Gelderblom und weitere Kolleg:innen erläuterten die Reichserntedankfeste von 1933 bis 1937, die als Volksfeste in der Natur mit bis zu 1,2 Millionen Teilnehmenden konzipiert waren. Die zentrale Position Hitlers auf der Rednertribüne, Lautsprecheranlagen, Live-Durchsagen und die Topographie des »gebauten Bergs« inszenierten die Masse und ließen die Teilnehmenden die Erfahrung machen, Teil einer »Volksgemeinschaft« zu sein. Die Bäuer:innen wurden sichtbar gewürdigt, und die räumliche Inszenierung der Feste demonstrierte die propagandistische Wirkung von Architektur und Raumgestaltung.
Am Nachmittag fanden fünf parallele Workshops statt
Im Workshop »Volk, Raum und Gemeinschaft« diskutierten Jan Waitzmann, Wilfried Duckstein und Uwe Danker über die ideologischen Funktionen der Begriffe, die Zusammenhänge von Inklusion und Exklusion und die Wirkmacht von »Volksgemeinschaft« und »Lebensraum« in der NS-Ideologie. Es wurde reflektiert, dass Täter:innen, Opfer und Zuschauer:innen im Begriff der »Volksgemeinschaft« oft verschwimmen, und dass gedenkstättenpädagogische Arbeit stärker die Täter:innenschaft in den Blick nehmen sollte.
Im Workshop »Hermann Löns – Die Heide brennt« beleuchteten Elke Gryglewski, Jens-Christian Wagner und Martin Raabe die Heideromantik im Nationalsozialismus und verfolgten Kontinuitätslinien bis zu aktuellen Protestformen.
Der Workshop »Deutsche Arbeit, Zwangsarbeit und Volksgemeinschaft« unter der Leitung von Marcus Meyer und Maike Weth widmete sich der zentralen Rolle, die der Arbeitsbegriff in der NS-Ideologie spielte. Im Mittelpunkt stand die von der Propaganda erzeugte Heilserwartung an Arbeit, die den Gegensatz von Kapital und Arbeit scheinbar auflöste und zugleich die »Volksgemeinschaft« als harmonisierte Einheit inszenierte. Diese vermeintliche Überwindung sozialer Widersprüche wurde jedoch durch eine neue Grenzziehung ersetzt: zwischen jenen, die »richtig« arbeiteten, und denen, die als »arbeitsscheu«, »asozial« oder als nur »Nicht-Arbeit Leistende« diffamiert und ausgegrenzt wurden. Auch geschlechterpolitisch knüpfte der Nationalsozialismus an dieses Versprechen der Widerspruchsauflösung an, indem er Frauen und Männer in ein völkisch organisiertes Tätigkeits- und Pflichtensystem einband, das Gleichwertigkeit suggerierte, aber reale Ungleichheiten verschleierte. So zeigte der Workshop deutlich, wie eng Ideologie, soziale Praxis und Zwangsarbeit miteinander verflochten waren und wie stark die Differenz zwischen propagiertem Ideal und brutaler Realität ausfiel.
Im Workshop »Nachwirkungen der NS-(Rassen-)Ideologie am Beispiel von Antisemitismus und Antiziganismus« bearbeiteten Katrin Unger, Enno Stünkel, Andrea Wierich und Bernd Grafe-Ulke unterschiedliche Wirkungsweisen dieser Ideologien und stellten aktuelle Fortbildungsprogramme vor.
Der Workshop »Ausschluss und Abtransport der Jüdinnen und Juden im NS« mit Christoph Kreutzmüller (#LastSeen) beschäftigte sich mit der Analyse von Fotografien und Bildmaterial aus Forschungsprojekten und deren pädagogischer Einbindung.
Der Tag endete mit einem gemeinsamen Stadtspaziergang und kollegialem Austausch.
Tag 3 – Freitag, 12. September 2025: Geschichtspolitik und Fishbowl
Moderiert von Cornelia Siebeck reflektierten die Teilnehmenden zu Beginn des dritten Tages zunächst die Ergebnisse der Workshops.
Aus der intensiven Beschäftigung mit den historischen Orten sowie den Workshopthemen leiteten sich Fragen dahingehend ab, wie ein angemessener Umgang mit zwei zentralen und sehr wirkmächtigen Ideologemen (extrem) rechter Ideologie gelingen kann: dem Wunsch nach der Auflösung von Widersprüchen und die Ermächtigung in und durch die Masse. Und: Wie können mögliche Gegenerzählungen formuliert werden, die ebenfalls attraktiv sind?
Fabian Virchow hielt anschließend einen Vortrag zu historischen Narrativen und Geschichtspolitik der extremen Rechten nach 1945. Er erläuterte, wie Basiserzählungen hegemoniale Vorstellungen von Gesellschaft transportieren und sich in Gedenktagen, Schulbüchern und Preisen spiegeln. Virchow thematisierte drei Formen von Geschichtsrevisionismus: alternative Erklärungen zum Kriegsbeginn, Rechtfertigung und Relativierung von NS-Verbrechen sowie Holocaust-Revisionismus. Die identitätspolitische Dimension rechter Geschichtspolitik, die konkurrierende Gesellschaftsbilder entwirft und Generationen beeinflussen möchte, wurde hervorgehoben.
In der darauffolgenden Fishbowl-Diskussion berichtete Stina Barrenscheen-Loster von Anfeindungen, Bedrohungen und Vandalismus an der Gedenkstätte Schillstraße, während Stefan Wilbricht über verdeckte Besuche rechter Gruppen in der Gedenkstätte Moringen berichtete und die Bedeutung von Hausrecht und Anmeldepflichten betonte. Michael Sturm (Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus), Uta George (Verunsichernde Orte) und Jakob Schergaut (Geschichte statt Mythen) ergänzten ihre Perspektiven: Sie diskutierten die Notwendigkeit von Netzwerken, Fortbildungen, Handreichungen und Serviceangeboten wie Webseiten, um Handlungssicherheit und Selbstbewusstsein der Mitarbeitenden zu stärken. Die Teilnehmenden reflektierten, wie Gedenkstättenarbeit nicht nur historische Vermittlung, sondern auch Schutz, Empowerment und gesellschaftliche Verantwortung umfasst. Abschließend wurde betont, dass Haltung und direktes Eingreifen stets notwendig sind, um Ideologien rechter Akteur:innen zu begegnen, und dass gleichzeitig positive Zukunftsperspektiven und menschenrechtsorientierter Aktivismus gefördert werden müssen. Michael Sturm riet dazu, sich nicht nur an rechten Angriffen und Provokationen abzuarbeiten, sondern das Selbstbewusstsein der in der Gedenkarbeit Tätigen zu stärken und zu fragen: »Was können wir in den Gedenkstätten denn eigentlich alles? Und wie lässt sich die eigene Positioniertheit ganz praktisch mit emanzipatorischen Potenzialen füllen?«
Sowohl der Vortrag als auch die Fishbowl-Diskussion machten erneut deutlich, dass wenn Geschichtserzählungen umkämpft sind, Gedenkstätten dies logischerweise auch (immer noch) sind. Die Orte und insbesondere die Menschen, die sich dort aufhalten, sind Ziel von Anfeindungen und Angriffen. Dem entgegen gilt es, eine klare Haltung zu entwickeln und zu kommunizieren. Hausordnungen und Absicherungen sind wichtig, um die Mitarbeiter:innen wie Besucher:innen zu empowern und die Räume zu verteidigen.
Wichtig sind dabei vor allem solidarische Netzwerke und Bündnisse, gegenseitiger Austausch und sich als Akteur:innen mit einem gemeinsamen emanzipatorischen, politischen Verständnis zu begreifen.
Fazit
Das Seminar bot eine beeindruckende Fülle an Themen, Methoden und historischen Orten, die gemeinsam deutlich machten, in welcher Lage sich die Gedenkstättenarbeit derzeit befindet. Immer klarer wird, dass Gedenkstätten zunehmend bedroht sind und der gesellschaftliche Konsens, auf dem ihre Arbeit jahrzehntelang ruhte, spürbar bröckelt. Rechte Ideologien und völkische Denkmuster wirken heute wieder mit großer Kraft; sie sind nicht bloß Relikte der Vergangenheit, sondern aktuelle politische Angebote. Ihre Attraktivität speist sich aus dem Versprechen, gesellschaftliche Verunsicherungen und Widersprüche scheinbar aufzulösen – und stellt einen Backlash gegen progressive Errungenschaften dar.
Anschaulich zeigte die Tagung – auch und gerade an einem historischen Ort wie dem Bückeberg –, dass völkisches Denken über machtvolle Erzählungen verfügt: von Verschmelzung in der Masse, von dem Gefühl kollektiver Ermächtigung, von vermeintlicher Harmonie und der behaupteten Überlegenheit gegenüber den »anderen«. Es ist ein Narrativ, das sowohl emotional als auch sozial tiefgreifende Anziehungskraft entfalten kann.
Gleichzeitig wurde im Verlauf der Tage deutlich, welche Rolle Gedenkstätten in dieser Situation übernehmen können und müssen. Als positionierte Orte verbinden sie historische Vermittlung mit Empowerment, Schutz und gesellschaftlicher Verantwortung. Sie arbeiten nicht neutral – und können es auch nicht –, sondern intervenieren bewusst gegen Geschichtsrevisionismus, Neonazismus und ideologische Kontinuitäten. Das bedeutet, Handlungsspielräume zu erkennen, Allianzen zu stärken und Bildungsarbeit als demokratische Praxis zu begreifen. Ebenso wichtig ist es, positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln, die Menschen nicht nur gegen (extrem) rechte Ideologien wappnen, sondern ihnen auch alternative, solidarische Erzählungen anbieten. Dass Gedenkstätten als klar positionierte Orte sichtbar sind, macht sie zugleich zur Zielscheibe – und genau dieser Realität müssen sie mit Professionalität, Vernetzung und politischer Klarheit begegnen.
Trotz aller Herausforderungen zeigte die Tagung auch vieles, das Hoffnung gibt: Erstens wurde spürbar, dass wir viele sind. Vernetzung ist wichtiger denn je, und das Motto »Bildet Banden« war nicht nur ein aktivistischer Appell, sondern eine konkrete Strategie für den Arbeitsalltag. Zweitens lohnt sich der Blick auf die eigene Geschichte: Die Gedenkstättenlandschaft hat eine reiche Tradition an aktivistischen Kämpfen, die Mut machen und Orientierung geben können – und kleine, zivilgesellschaftlich erkämpfte Orte wie der Bückeberg eignen sich hervorragend dafür. Drittens zeigte sich, wie notwendig es ist, Allies auch außerhalb der eigenen Bubble zu suchen. Viele Gruppen, etwa queere Communities, stehen heute ebenfalls unter Druck und werden von rechten Akteur:innen angegriffen; gemeinsame Strategien und solidarische Netzwerke können hier enorm stärken.
Gerade an dieser Stelle wurde jedoch auch eine Leerstelle des Seminars sichtbar. Fragen nach Antifeminismus und anti-queerer Ideologie fanden – trotz ihrer enormen Relevanz in aktuellen extrem rechten Diskursen – keinen Raum. Dabei wäre es dringend notwendig, diese Themen systematisch in die Gedenkstättenarbeit zu integrieren: etwa über eine Auseinandersetzung mit soldatischer Männlichkeit, mit Geschlechterbildern im Nationalsozialismus oder mit heutigen Angriffen auf queeres Leben. Gedenkstätten könnten hier wichtige Allianzen bilden, Position beziehen und Schutzräume stärken. Die Tagung hat deutlich gemacht, wie viel bereits geleistet wird – und gleichzeitig, wo die nächsten Schritte liegen.
Jennifer Farber ist Gedenkstättenpädagogin mit Schwerpunkt diskriminierungskritische Bildungsarbeit am Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie Duisburg.
Lisa Schank ist Historikerin und Geschichtsvermittlerin. Zu ihren fachlichen Schwerpunkten gehören NS-Zwangsarbeit, Erinnerung in der post-migrantischen Gesellschaft und rassismuskritische Bildungsarbeit.