Während der Zeit des Nationalsozialismus waren freundschaftliche und intime Kontakte zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen unerwünscht und teilweise streng verboten. Doch sie sind »trotzdem da«: Kinder, die während des Zweiten Weltkrieges oder in der frühen Nachkriegszeit aus solchen verbotenen Beziehungen hervorgegangen sind. Ihre Geschichten wurden lange tabuisiert, sind wissenschaftlich kaum erforscht und in der Erinnerungskultur wenig präsent.
Die Wanderausstellung »trotzdem da! – Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen«, die im Dezember 2024 an der Gedenkstätte Lager Sandbostel eröffnet wurde, ist den Lebensgeschichten dieser Kinder gewidmet. Wer waren ihre Eltern? Woher kamen sie und wie ist es ihnen in der NS-Zeit ergangen? Wie sind die Kinder aufgewachsen und mit welchen Herausforderungen waren sie in der Nachkriegszeit konfrontiert? Wie hat die Geschichte ihrer Eltern ihr eigenes Leben beeinflusst?
Das zweijährige Ausstellungsprojekt »trotzdem da!« der Gedenkstätte Lager Sandbostel hat mehr als 20 Kinder von damals zusammengebracht. Gemeinsam mit Historiker*innen haben sie überlegt, was Menschen aus der Geschichte des »verbotenen Umgangs« und aus den Lebensgeschichten der Kinder lernen können und sollten.
Verbotene Beziehungen mit Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen
Während des Zweiten Weltkriegs wurden immer mehr Männer zur Wehrmacht eingezogen, was zu einem Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich führte. Um diesen Mangel auszugleichen, wurden Zivilist*innen aus den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten durch falsche Versprechungen dazu bewegt, »freiwillig« zur Arbeit ins Reich zu kommen. Die meisten wurden jedoch zur Zwangsarbeit gewaltsam verschleppt. Darüber hinaus wurden auch kriegsgefangene Soldat*innen der gegnerischen Armeen zur Arbeit herangezogen. Insgesamt waren im Deutschen Reich etwa 4,6 Millionen Kriegsgefangene und 8,5 Millionen ausländische Zwangsarbeiter*innen im Einsatz. Sie waren in der Gesellschaft in vielen Wirtschaftsbereichen sichtbar, unter anderem in der Landwirtschaft, im Handwerk, in der Industrie, in der Logistik und als Hausangestellte. Da sie häufig in Arbeitsumgebungen wie Bauernhöfen oder städtischen Fabriken eingesetzt wurden, ließen sich Kontakte zur Bevölkerung kaum vermeiden. Diese Begegnungen waren je nach Status als Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter*innen und je nach Nationalität sehr unterschiedlich. Westeuropäische Zwangsarbeiter*innen hatten aufgrund ihrer größeren Bewegungsfreiheit eher die Möglichkeit, Deutsche bei der Arbeit und manchmal auch in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in ihrer Freizeit im Freien, kennenzulernen und zu treffen. Für osteuropäische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen war der Kontakt vor allem auf dem Land einfacher, wo es weniger Kontrollen gab. In einigen Fällen tolerierte oder unterstützte die Umgebung diese Kontakte sogar bewusst. Die Kontakte waren unterschiedlich: Sie konnten aus einem Austausch von Lebensmitteln oder Gesprächen bestehen und gelegentlich zu romantischen oder sexuellen Beziehungen führen. Doch nicht alle diese Kontakte waren freiwillig – manche ergaben sich aus Zwang oder Druck am Arbeitsplatz. In einigen Fällen unterstützten Deutsche Zwangsarbeiter*innen oder Kriegsgefangene bei der Flucht.
Bereits im November 1939 wurde eine erste Verordnung erlassen, die den »verbotenen Umgang mit Kriegsgefangenen« regelte. Jegliche Kommunikation, die über den für die Arbeit notwendigen Umgang hinausging, war aus Gründen der militärischen und politischen Sicherheit streng verboten und wurde mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft. Darüber hinaus war der Umgang mit Zwangsarbeiter*innen generell unerwünscht, während jeglicher Kontakt zu Personen, die als »fremdvölkisch« galten, aus rassistischen Motiven ebenfalls verboten war.
Mit den »Polen-Erlassen« von 1940 und den »Ostarbeiter-Erlassen« von 1942 wurden die Vorschriften weiter verschärft. Diese unterschiedlichen Regelungen sahen hohe Strafen vor. Die Strafen variierten je nach Status und Herkunft der Betroffenen: Menschen aus Polen und der Sowjetunion wurden härter bestraft als westeuropäische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen. Ihre Strafen reichten von Gefängnis- und Zuchthausstrafen über Einweisungen in Konzentrationslager bis hin zu öffentlichen Hinrichtungen.
Trotz der Verbote gingen zahlreiche Kinder aus solchen Beziehungen hervor. Viele wuchsen im Verborgenen auf, weil die Beziehung ihrer Eltern geheim gehalten wurde oder sie nie erfuhren, dass sie aus einer verbotenen Verbindung stammen. Andere wurden während des Krieges von ihren Müttern getrennt und von einer anderen Familie adoptiert. Manche Frauen hatten sich für eine Abtreibung entschieden oder waren dazu gedrängt worden. Aus all diesen Gründen ist die Zahl dieser Kinder unbekannt und schwer zu ermitteln. Das Projekt »trotzdem da!« hat die Geschichte dieser Kinder sichtbar gemacht und ihnen Raum zum Austausch gegeben.
Das Projekt »trotzdem da!«
Die Gedenkstätte Lager Sandbostel in Niedersachsen erinnert seit 2013 an das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) X B Sandbostel. Sie steht seit vielen Jahren in Kontakt mit Menschen, die aus Beziehungen zwischen deutschen Frauen und Kriegsgefangenen aus dem Stalag X B hervorgegangen sind. Einige von ihnen sind der Gedenkstätte eng verbunden, engagieren sich als Zeitzeug*innen oder unterstützen die Erinnerungsarbeit ehrenamtlich. Angeregt von ihren Lebensgeschichten hat die Gedenkstätte das überregionale Forschungs- und Ausstellungsprojekt »trotzdem da!« ins Leben gerufen.
Das fünfköpfige Projektteam nahm im Januar 2023 seine Arbeit auf. Zunächst galt es, innerhalb und außerhalb Deutschlands weitere potenzielle Teilnehmer*innen ausfindig zu machen. Anders als für viele NS-Verfolgte und deren Nachkommen gibt es jedoch keine speziellen Selbstorganisationen oder Hilfseinrichtungen für Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen. Nur vereinzelt sind sie in Gruppen wie »Cœurs sans Frontières – Herzen ohne Grenzen e. V.« oder »Distelblüten – Russenkinder in Deutschland« organisiert. Durch eine breit gefächerte Öffentlichkeitsarbeit und umfangreiche Recherchen konnten dennoch mehr als 20 damalige Kinder für das Projekt gewonnen werden.
Im Rahmen des Projekts fanden zwei Treffen mit insgesamt 14 Projektteilnehmer*innen statt. Sie reisten aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden nach Sandbostel. Für viele war es die erste Begegnung mit Menschen, die eine ähnliche Biografie haben wie sie. Für einige war es auch das erste Mal, dass sie mit Fremden über ihre Geschichte sprachen. Die Treffen waren sehr offen und vertraut. Trotz vieler Unterschiede in den Lebensläufen sahen die Teilnehmer*innen das Verbindende. Die Projektforen wurden auch genutzt, um Projektteilnehmer*innen in die Konzeption der Wanderausstellung einzubeziehen. Sie haben mit ihren Erinnerungen, mit Dokumenten und Fotos die entscheidende Grundlage zur Verwirklichung der Ausstellung gelegt.
Für die Erarbeitung der Wanderausstellung konnte das Projektteam von »trotzdem da!« auf nur wenige Forschungsarbeiten und historische Quellen zu Kindern aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen zurückgreifen. Darum sind die vom Team aufgenommenen lebensgeschichtlichen Interviews und ihre Auswertung eine wichtige Quelle für das Projekt. Die Video- und Audioaufzeichnungen werden an das Archiv der Gedenkstätte Lager Sandbostel übergeben und damit für Recherchen und wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung stehen.
Zahlreiche Lebensgeschichten von Kindern aus verbotenen Beziehungen können in der Wanderausstellung jedoch nicht erzählt werden. Die Gründe dafür sind vielfältig. So ist bis heute nicht bekannt, wie viele dieser Kinder es gegeben hat. Ihre Zahl lässt sich nicht bestimmen und auch nicht schätzen. Aus Angst vor Verfolgung versuchten Mütter zudem, ihre Schwangerschaft zu verbergen oder den Partner zu verleugnen und ihr Kind als Kind eines anderen Mannes auszugeben. Diese Fälle sind überwiegend nicht rekonstruierbar. Teilweise wissen die Kinder bis heute nicht, dass sie aus einer verbotenen Beziehung hervorgegangen sind. Manche, die es wissen, möchten nicht öffentlich darüber sprechen. Der Aufruf zur Mitwirkung am Projekt »trotzdem da!« wird außerdem einen Großteil der betroffenen Kinder gar nicht erreicht haben. Dies gilt insbesondere für jene, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind bzw. nicht in Deutschland leben.
Katharina Sämanns Mutter Anna arbeitete in einer kleinen Molkerei in der Nähe von Bremen. Viele Landwirt*innen ließen ihre Milch von den Kriegsgefangenen, die auf ihren Höfen arbeiten mussten, bringen. Einer von ihnen war Wassilij Petrowitsch Koslow, der als sowjetischer Soldat in deutsche Gefangenschaft geriet. Obwohl sie sich kaum verständigen konnten, verliebten sich Anna Sämann und Wassilij Koslow und trafen sich heimlich nach der Arbeit. Möglich war dies nur, weil andere weggesehen haben. Erst als Anna Sämann schwanger wurde, wurde die Beziehung denunziert und Anna Sämann nach der Geburt ihrer Tochter Katharina von der Polizei verhaftet. Im Januar 1945 verurteilte das Amtsgericht Bremen sie zu einer 15-monatigen Zuchthausstrafe und zu 3 Jahren Ehrverlust. Kurz vor Kriegsende wurde Anna Sämann vorzeitig aus der Frauen-Strafanstalt Lübeck-Lauerhof entlassen. Der Verbleib von Wassilij Koslow, der im Dezember 1943 von der Wehrmacht an die Gestapo Bremen überstellt wurde, ist bis heute nicht geklärt.
Katharina Sämann wuchs in Worpswede bei Bremen auf. Erlebnisse in ihrer Kindheit wie Andeutungen in der Familie und rassistische Ausgrenzungserfahrungen ließen sie vermuten, ihr Vater könnte ein sowjetischer Kriegsgefangener gewesen sein. Erst mit 21 Jahren erfuhr sie von ihrer Mutter und ihrer Großmutter den Namen ihres Vaters. In den 1980er-Jahren reiste Katharina Sämann mit ihrer Mutter in die Sowjetunion. Sie hoffte auf ein klärendes Gespräch über die Geschichte ihrer Eltern während dieses gemeinsamen Urlaubs. Dazu kam es aber erst im Jahr 2000, als sich beide an der WDR-Dokumentation »Für eine Liebe so bestraft… Deutsche Frauen und Zwangsarbeiter« von Erika Fehse beteiligten. Katharina Sämann weiß heute, dass ihr Vater aus Moskau kam und bereits verheiratet war, als er ihre Mutter kennenlernte. Daher hat Katharina Sämann nicht versucht, seine Familie zu kontaktieren.
Aufwachsen in der Nachkriegszeit
Mit Kriegsende endete zwar die Verfolgung der zuvor verbotenen Beziehungen, doch die chaotischen Verhältnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit erschwerten es Paaren, sich wiederzufinden oder zusammenzubleiben.
Die Stigmatisierung von Frauen, die eine zur Zeit des NS verbotene Beziehung eingegangen waren, setzte sich in vielen Fällen auch nach Kriegsende fort. Verheiratete Frauen sahen sich zusätzlich dem Vorwurf des Ehebruchs ausgesetzt. Viele Betroffene schwiegen über das Erlebte aus Scham oder Angst vor sozialer Diskriminierung. Zwangsarbeiter*innen, insbesondere aus der Sowjetunion, die in ihre Heimat zurückkehrten, wurden dort immer wieder der Kollaboration bezichtigt und hielten ihre Beziehungen zu Deutschen sowie die Existenz gemeinsamer Kinder darum häufig geheim.
Viele Kinder aus verbotenen Beziehungen wuchsen in Pflegefamilien auf. Deutsche Mütter, die das Sorgerecht für ihre Kinder zurückgewinnen wollten, mussten oft lange gegen deutsche Behörden kämpfen. Aufgrund sozialer Stigmatisierung entschieden sich einige, ihre Kinder in Heimen oder in Pflegefamilien zu belassen. Andere Kinder wuchsen jedoch auch bei einem Elternteil, häufig bei den Müttern, auf. Wenn eine Heirat zwischen den Eltern möglich war, mussten Frauen und Kinder die Staatsangehörigkeit des Mannes annehmen. Insbesondere französische Behörden repatriierten Kinder mit französischem Elternteil, weshalb deutsche Mütter auch falsche Angaben machten, um ihre Kinder behalten zu können.
Ohne Vater aufzuwachsen war nach dem Krieg zwar nicht ungewöhnlich, doch Kinder mit einem ausländischen Vater wurden häufig diskriminiert. Insbesondere in der Schule und im familiären Umfeld erfuhren sie soziale Ablehnung und rassistische Anfeindungen. Viele erfuhren erst spät von ihrer Herkunft, da Mütter oder Pflegeeltern darüber schwiegen.
Mit der Suche nach dem unbekannten Elternteil begannen viele erst nach dem Tod des bekannten Elternteils oder der Pflegeeltern. Sie recherchierten oft jahrzehntelang in Archiven, durchsuchten Telefonbücher oder reisten an historische Orte, häufig ohne Erfolg, insbesondere wenn weder der Name noch das Geburtsdatum des gesuchten Elternteils bekannt war. Wurden die verbotenen Beziehungen bekannt, können in manchen Fällen erhaltene Gerichtsakten Informationen liefern.
Viele gesuchte Elternteile hatten in ihren Heimatländern Familien, die sie entweder vor ihrer Verschleppung ins Deutsche Reich oder nach ihrer Rückkehr gegründet hatten. Kinder, die ihre Verwandten gefunden hatten, standen vor der Entscheidung, ob sie Kontakt aufnehmen sollten. Viele fürchteten Ablehnung oder Konflikte. Entschieden die Kinder sich zu einem Kontaktversuch, konnten sie teilweise langfristige Beziehungen zu ihren leiblichen Eltern oder anderen Verwandten aufbauen. Andere mussten die Erfahrung machen, von der leiblichen Familie abgelehnt zu werden.
Nur wenige Verantwortliche für Verbrechen an Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen wurden in alliierten Prozessen zur Verantwortung gezogen. In beiden deutschen Staaten wurden diese Verbrechen lange Zeit verschwiegen oder verharmlost. Entschädigungsanträge ehemaliger Zwangsarbeiter*innen wurden meist abgelehnt, ebenso wie die Anträge von Kriegsgefangenen. Erst ab dem Jahr 2000 konnten ehemalige Zwangsarbeiter*innen und ab 2015 auch sowjetische Kriegsgefangene eine einmalige Entschädigungszahlung beantragen – für viele kam dies zu spät. Deutsche Frauen, die wegen »verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen« verurteilt worden waren, erhielten in der Regel keine Entschädigung und kämpften oft vergeblich um die Löschung ihrer Einträge im Strafregister. Trotz der Aufhebung nationalsozialistischer Gewalturteile im Jahr 1998 wurden entsprechende Rehabilitierungsanträge abgelehnt.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen gegen Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangene begann erst in den 1970er-Jahren, zunächst durch zivilgesellschaftliche Initiativen und Lokalhistoriker*innen. Erst ab 2010 fand das Thema »verbotener Umgang« breitere Beachtung. Die Geschichten der Kinder aus diesen Beziehungen blieben jedoch lange unbeachtet. Nicht selten wurden sie aber selbst zu Akteur*innen in der Erinnerungskultur: Sie machten durch ihre Recherchen in Archiven und Gedenkstätten auf das Thema aufmerksam, erzählten ihre Geschichten in Zeitzeug*innengesprächen, in Büchern oder gegenüber Journalist*innen und setzten sich für Erinnerungszeichen ein.
Viele beschreiben es als ihr Anliegen, nicht nur die Geschichte ihrer Eltern zu bewahren, sondern auch vor Rechtsextremismus, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Krieg zu warnen. So erklärt Ingelore Prochnow, die Tochter einer Deutschen und eines polnischen Zwangsarbeiters: »Sie sehen alle, was da am rechten Rand wieder hochkommt. Das macht mir wirklich große Angst. Es wird verharmlost, die Geschichte wird verfälscht. Ich kann erzählen: Das ist mir widerfahren, ist meiner Mutter widerfahren, ist meinem Vater widerfahren. Andere können da mehr machen. Ich kann nicht laut sein und auf der Straße demonstrieren, aber ich kann meine Geschichte erzählen. Das ist mein Beitrag.«
Der 1923 in den Niederlanden geborene Kees Maas wurde 1943 als Zwangsarbeiter in das Gebiet des Deutschen Reichs verschleppt. In Berlin lernte er die Deutsche Martha Kopka kennen. Die beiden wurden ein Paar und hielten auch Kontakt, nachdem Martha Kopka in eine Fabrik außerhalb Berlins versetzt wurde. Nach Kriegsende fanden sich die beiden in Ichstedt in Thüringen wieder. Martha Kopka wurde schwanger und sie heirateten. Kees Maas kehrte in die Niederlande zurück, trotz hohem bürokratischen Aufwand konnten Martha Kopka und ihre Tochter Erika ihm 1947 folgen.
Das Geschwisterpaar Erika van Santen und Ton Maas wuchs in Eindhoven in den Niederlanden auf. Dass sich die Eltern während des Krieges in Deutschland kennengelernt hatten, war selten Thema in der Familie. Erika van Santen und Ton Maas betrachten ihre Familie als eine glückliche Familie. Dennoch beschreiben beide, dass es eine unterschwellige Spannung und Traurigkeit gab, die sie als Kinder nicht einordnen konnten. Über ihre Erlebnisse im Krieg sprach Martha Kopka mit ihren Kindern nur einmal, kurz vor ihrem Tod. Kees Maas sprach zwar mit Freund*innen über seine Zeit als Zwangsarbeiter, den Kindern aber erzählte er nur wenig. Heute bedauern Erika van Santen und Ton Maas, ihre Eltern nicht nach ihrer Geschichte gefragt zu haben. Im Jahr 2016 begann Ton Maas, intensiv die Familiengeschichte zu erforschen. Im Nachlass ihres Vaters fanden die Geschwister Tagebücher aus dessen Zeit als Zwangsarbeiter in Deutschland, Briefe von Kees Maas an seine Eltern und von Martha Kopka an ihn. Auf Grundlage dieser Dokumente hat Ton Maas ein Buch über die Geschichte seiner Eltern geschrieben.
Ausblick
Für viele Teilnehmer*innen des Projekts »trotzdem da!« war es neu, andere Betroffene zu treffen. Im Austausch in den Foren und bei der Eröffnung der Ausstellung in der Gedenkstätte Lager Sandbostel am 7. Dezember 2024 haben sie erlebt, dass sie mit ihren Familiengeschichten nicht allein sind, sondern mit anderen Erfahrungen teilen.
Der Austausch in Begegnungen zwischen Projektteilnehmer*innen von »trotzdem da!« und Aktiven des Projekts »Multi-peRSPEKTif« hat zudem gesellschaftliche Kontinuitäten deutlich gemacht: Rassismus und der abwertende Blick auf Kinder aus nicht konformen Beziehungen sind nicht überwunden, sondern wirken bis heute.
Insbesondere durch das letzte Forum rund um die Eröffnung zeigten die Teilnehmer*innen ihren Wunsch, sich einerseits in der Gesellschaft zu engagieren, um vor allem gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Intoleranz einzutreten, andererseits ihren Wunsch, dass der Austausch untereinander in irgendeiner Form bestehen bleibt, trotz des Endes des Projektes »trotzdem da!«
Die Wanderausstellung ist nun an verschiedenen Orten in ganz Deutschland zu sehen. Weitere Informationen zu den Orten und Terminen finden Sie auf der Website: www.trotzdemda.de
Dr. Gwendoline Cicottini, Lucy Debus, Jan Dohrmann sind Kurator*innen der Wanderausstellung
»trotzdem da!« der Gedenkstätte Lager Sandbostel.