Ein Gespräch über das Netzwerk »Erinnern vor Ort«
David Gilles Mohseni ist Sozialwissenschaftler und Historiker. Seine Schwerpunkte liegen in der Vermittlung von Nationalsozialismus und Holocaust sowie in der Arbeit gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Seit 2019 arbeitet er im Anne Frank Zentrum. Im Projekt »Erinnern vor Ort« vernetzt er Menschen aus ganz Deutschland, die mit Jugendlichen in ländlichen Räumen Geschichtsprojekte planen oder durchführen.
Das Netzwerk »Erinnern vor Ort« wurde 2021 gegründet und ist am Anne Frank Zentrum in Berlin angesiedelt. Es richtet sich an Initiator:innen und Multiplikator:innen lokaler Jugendgeschichtsprojekte jenseits der großen Ballungsräume. Den inhaltlichen Rahmen bildet die Erinnerung an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Nationalsozialismus.
Neben Sichtbarkeit, Vernetzung, kollegialem Austausch und individueller Beratung bietet das Netzwerk seinen aktuell rund 80 Mitgliedern regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen an. Einmal im Jahr werden sie zu einem Netzwerktreffen eingeladen, bei dem auch inhaltliche Akzente gesetzt werden.
Mehr Infos zum Netzwerk sowie zu den beteiligten Projekten und Einrichtungen finden sich hier:
www.annefrank.de/bildungsarbeit/projekte/ erinnern-vor-ort
Vielleicht kannst du erst einmal etwas zur Entstehung des Netzwerks sagen: Wie kamt ihr beim Anne Frank Zentrum auf die Idee, eine solche Struktur zu entwickeln?
Das Anne Frank Zentrum engagiert sich schon seit geraumer Zeit für die Jugendgeschichtsarbeit in ländlichen Räumen, speziell mit zwei Wanderausstellungen zu Anne Frank, die auch Fragen nach gegenwärtigen gesellschaftlichen Inklusions- und Exklusionsmechanismen aufwerfen. Diese Ausstellungen richten sich an Jugendliche und können von lokalen Projektpartner:innen ausgeliehen werden. Zusätzlich bieten wir organisatorischen, methodischen und inhaltlichen Support an.1
2019/20 haben wir dann das Projekt »1939 – 2019 – Vielfalt lokaler Erinnerungen« realisiert. Anlässlich des 70. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges haben wir Jugendgeschichtsprojekte in Bad Sachsa, Brühl, Drebkau, Gotha und Lößnitz intensiv begleitet. Zusammen mit den Projektpartner:innen haben wir ein umfassendes Know-how entwickelt: Wie können wir Jugendliche dafür gewinnen, sich zu beteiligen, wer kann uns dabei unterstützen? Welche Methoden eignen sich besonders gut für die Geschichtsarbeit mit Jugendlichen? Was heißt es, partizipativ und multiperspektivisch vorzugehen? Wie lässt sich gemeinsam ein inhaltlicher Fokus und ein realistisches Ziel definieren? Wie kommen wir von da aus zu unserem Ergebnis, und wie schaffen wir dafür eine lokale Öffentlichkeit? 2
Schon bei diesem Projekt haben wir mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zusammengearbeitet, konkret mit dem dort angesiedelten Bundesprogramm »Zusammenhalt durch Teilhabe«, das demokratische Strukturen in ländlichen oder strukturschwachen Gegenden fördern beziehungsweise festigen will.3 Die Kolleg:innen kamen dann auf uns zu mit der Idee, aus den gewonnenen Einsichten und Erkenntnissen einen breiteren Ansatz für Akteur:innen der Erinnerungsarbeit mit Jugendlichen in ländlichen Räumen zu entwickeln. So entstand die Idee für das Netzwerk »Erinnern vor Ort«, das dann von der bpb ab 2021 als Modellprojekt gefördert wurde.
Wie habt ihr die Netzwerk-Idee weiter ausbuchstabiert? Was sind Voraussetzungen, um da mitzumachen? Und wie seid ihr dann beim Auf- und Ausbau des Netzwerks vorgegangen?
Zunächst einmal haben wir uns basierend auf unseren Erfahrungen über mögliche Bedarfe Gedanken gemacht: Was könnten die Leute brauchen? Was können wir bieten? Daraus haben wir dann ein Konzept entwickelt, das Vernetzung, Fortbildung und (kollegiale) Beratung miteinander verbindet.
2021 haben wir dann eine erste Ausschreibung gemacht und Akteur:innen der Jugendgeschichtsarbeit im ländlichen Raum eingeladen, sich für die Teilnahme am Netzwerk zu bewerben. »Ländlicher Raum« bedeutet dabei für uns, dass die Leute in Orten agieren, die nicht mehr als 20.000 Einwohner:innen haben, wobei wir für klein- und mittelstädtische Akteur:innen auch mal eine Ausnahme machen – gesetzt den Fall, dass sie mit ihren Projekten dezidiert den ländlichen Raum bedienen.
Die zweite gemeinsame Klammer ist, dass es sich wirklich um Jugendgeschichtsprojekte handelt. Das heißt, wir nehmen keine Leute auf, die einfach Vermittlungsarbeit machen. Wir wollen mit unserem Netzwerk Projekte aufbauen und unterstützen, in denen Jugendliche selbst aktiv werden, etwas entwickeln und gestalten können: Projekte, in denen sie sich mit den Fragen, die sie sich stellen, zur Geschichte in Verbindung setzen können. Ein solches Projekt muss noch nicht komplett ausbuchstabiert sein. Es reicht, wenn Bewerber:innen vorhaben, so etwas auf die Beine zu stellen.
Durch unser langjähriges bundesweites Engagement konnten wir bei der Ausschreibung auf ein großes Netzwerk zurückgreifen, das uns geholfen hat, die Leute zu erreichen. Dennoch hat uns die große Resonanz überrascht: Insgesamt haben sich damals rund 75 Projekte beworben, von denen wir dann 40 ausgewählt haben. 2022 und 2023 sind dann nochmal jeweils 30 Projekte dazu gekommen. Seitdem die Modellförderung durch die bpb ausgelaufen ist, schreiben wir nicht mehr systematisch aus. Wer in unsere Zielgruppe passt und mitmachen will, kann sich aber auch weiterhin gerne melden.
Zwischenzeitlich haben wir den inhaltlichen Rahmen auch etwas ausgeweitet. Zu Beginn lag der Fokus auf der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust. Mittlerweile sagen wir »Geschichte des 20. Jahrhunderts«, um auch die Vor- und Nachgeschichte in den Blick zu bekommen und nach gesellschaftlichen Kontinuitätslinien zu fragen. Nicht nur auf dem ehemaligen Gebiet der DDR interessieren wir uns zum Beispiel aktuell sehr für die Transformationszeit nach 1989/90. Bei unserem letzten Netzwerktreffen in Dresden haben wir deshalb einen Schwerpunkt auf jüdische und migrantische Perspektiven auf die Wiedervereinigung und die Zeit danach gesetzt.
Wer macht beim Netzwerk »Erinnern vor Ort« alles mit? Was für Profile sind da versammelt, und wie wird aus unterschiedlichen Akteur:innen ein gemeinsamer Zusammenhang?
Das ist ein breites Spektrum von Akteur:innen aus dem gesamten Bundesgebiet – derzeit sind fast alle Flächenländer vertreten. Natürlich sind allerart freie Träger und Verbände der Jugendarbeit dabei, aber auch Schulen und außerschulische Bildungseinrichtungen. Ferner haben wir Einrichtungen und Vereine aus dem Bereich Soziokultur im Netzwerk, die auch Erinnerungsarbeit machen, beispielsweise die Hillersche Villa in Zittau oder das Treibhaus Döbeln. Es sind einige Lokal- und Regionalmuseen dabei, so etwa das Elbschifffahrtsmuseum in Lauenburg, das ein Projekt mit Schüler:innen zur regionalen NS-Vergangenheit plant. Außerdem Heimatvereine, Geschichtswerkstätten und Erinnerungsinitiativen, die zu bestimmten Orten oder Ereignissen mit Jugendlichen arbeiten. Nicht zuletzt sind auch eine ganze Reihe kleinere Gedenkstätten oder deren Trägervereine mit spezifischen Projekten am Netzwerk beteiligt, zum Beispiel die KZ-Gedenkstätten Engerhafe, Ladelund und Laura.4
Das Tolle ist, dass all diese unterschiedlichen Akteur:innen ihre vielfältigen Expertisen und Kompetenzen in das Netzwerk mitbringen und sich so auch gegenseitig befruchten können. Da gibt es natürlich sehr verschiedene Wissens- und Erfahrungsstände und wir hatten am Anfang großen Respekt davor, wie das wohl alles zusammengeht. Aber ich muss sagen, das war eher eine Erfolgsgeschichte. Die Netzwerkmitglieder kommen gut damit klar, dass nicht alle an der gleichen Stelle stehen. Die genießen diese Unterschiedlichkeit. Man unterstützt sich gegenseitig, und über die Jahre weiß man dann, wo welche Kompetenzen liegen und wer für was ansprechbar ist. Da entstehen auch immer wieder Kooperationen, man macht zum Beispiel mal eine Tagung oder einen Workshop zusammen.
Von daher ist uns auch sehr daran gelegen, dass das Netzwerk aus Personen und nicht aus Organisationen besteht. Die Beziehungsebene ist absolut zentral. Klar sind das nicht nur Einzelkämpfer:innen, viele haben eine Struktur im Rücken. Aber wir möchten nicht, dass eine Einrichtung jedes Mal jemand anderen schickt. Denn dieses langfristige Miteinander, dieses Sich-Kennenlernen über die Jahre und Vertrautheit aufbauen, und eben dieses Gefühl: »Wir sind ein Netzwerk«, das ist total wichtig.
Eine gemeinsame Klammer ist ja »Erinnerungsarbeit im ländlichen Raum«. Was gibt es da für spezifische Bedingungen, die sich vielleicht von größeren Städten unterscheiden?
Das Besondere an der Erinnerungsarbeit im ländlichen Raum ist, dass da noch sehr viel offen ist. In den Städten ist vieles schon thematisiert und vor allem in den Großstädten gibt es auch Institutionen, die Themen besetzen. Im ländlichen Raum gibt es noch so einiges zu entdecken. Das ist gerade für die Arbeit mit Jugendlichen von Vorteil, dass da nicht alles schon »fertig« ist, sondern wirklich noch etwas entwickelt werden und dann auch ein neuer Reflexionsraum aufgemacht werden kann.
Für die Akteur:innen vor Ort bedeutet das, dass sie mit ihren Projekten potenziell eine große Wirksamkeit entfalten können. Zugleich haben wir es häufig mit sehr kleinen Einrichtungen, Initiativen oder Einzelpersonen zu tun. Da kann es schnell zu einer Überforderung kommen: Man muss alles selber machen, die Arbeitsbedingungen sind oft prekär, vieles wird auch ehrenamtlich gemacht.
Bekanntlich rennt man mit kritischer Erinnerungsarbeit auch nicht überall offene Türen ein. Mitunter hat man es mit offenen Anfeindungen zu tun, in jedem Fall muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, und es dauert oft Jahre, bis ein solches Engagement anerkannt wird. Zugleich fehlt es vor Ort nicht selten an Gesprächspartner:innen, mit denen man sich zwischendurch mal beraten kann. Viele Akteur:innen sind sehr auf sich gestellt. Da setzen wir ja auch mit unserem Netzwerk an.
Darüber hinaus gibt es im ländlichen Raum manche Probleme, auf die wir wenig Einfluss haben. Ganz entscheidend ist die Infrastruktur. Vielerorts wird tolle Arbeit gemacht, aber es fährt halt kein Bus hin. Oder der Bus kommt nur ganz selten. Wie sollen Jugendliche dann dort hinkommen? 5
Welche Bedarfe tragen die Mitglieder in das Netzwerk heran, und was bietet ihr ihnen konkret an?
Wenn man Bedarfe abfragt, steht ganz oben immer die Frage nach Methoden, also: Wie kann ich mit Jugendlichen zu historischen Fragestellungen arbeiten, in welchen Formaten können Ergebnisse präsentiert werden. Darauf reagieren wir zum Beispiel mit Fortbildungen zu biografischem Arbeiten mit Jugendlichen oder dazu, wie man ein Verständnis von Multiperspektivität entwickeln kann.
Was geeignete Formate angeht, haben wir uns zuletzt intensiv mit einem medienpädagogischen Ansatz beschäftigt, dem »Memory Walk«. Das ist ein Videoformat, das Jugendliche darin unterstützt, lokale Erinnerungskultur zu reflektieren: An was wird vor Ort wie erinnert? Woran wird nicht erinnert? Wie möchte ich selbst Erinnerung gestalten? Dazu haben wir einen Leitfaden erarbeitet6 und einen Workshop angeboten. Wir sind für drei Tage zu einem unserer Mitglieder gefahren und haben dort selbst einen »Memory Walk« produziert. Das kam gut an und hat vor allem auch Spaß gemacht.
Eine große Herausforderung, vor der eigentlich alle Projekte stehen, ist die, wie man eigentlich Jugendliche findet, die bei so einem Projekt mitmachen. Das ist auf dem Dorf oft schwieriger als in Großstädten, weil es da einfach nicht so viele Jugendliche gibt. Damit verbunden ist die Frage, wie man vor Ort ein tragfähiges Netzwerk aufbauen kann: Wen haben wir hier eigentlich, wer sind mögliche Kooperationspartner:innen, wen brauche ich an welcher Stelle für das, was ich erreichen will? Hier bieten wir unseren Mitgliedern eine systematische Stakeholder-Analyse an. Gerade im ländlichen Raum, wo ja viel über dieses Sich-Kennen und über persönliche Kontakte läuft, ist das extrem wichtig.
Außerdem besteht großes Interesse an Strategien der Öffentlichkeitsarbeit und des Fundraisings. Auch dazu beraten wir und veranstalten Fortbildungen. Jenseits dessen können sich die Netzwerkmitglieder zu all diesen Fragen natürlich auch untereinander austauschen, sowohl formell im Rahmen unserer Netzwertreffen als auch informell, indem man einfach mal jemanden anruft.
Wie arrangiert ihr diese unterschiedlichen Bedarfe und Angebote zu einem übergreifenden Programm? Mit welchen Formaten arbeitet ihr, um das Netzwerk zusammenzuhalten?
In den ersten Jahren konnten wir unseren Mitgliedern ein richtiges Trainingsprogramm anbieten. Das begann mit einer Einstiegsfortbildung in Präsenz, da haben wir Workshops und offene Austauschformate kombiniert. Hinzu kamen sechs bis acht Online-Fortbildungen im Jahr. Da laden wir externe Referent:innen ein oder nutzen die Expertise der Netzwerkmitglieder. Zum Beispiel hat Susanne Siegert, die auch Mitglied ist, basierend auf den Erfahrungen mit ihren erfolgreichen Instagram- und TikTok-Accounts eine Online-Fortbildung zu Erinnerungsarbeit in den sozialen Medien angeboten.7
Ein weiteres Online-Format ist unser »Stammtisch«, das machen wir in unregelmäßigen Abständen. Da geht es um einen lockeren Austausch, der um ein Thema kreist, das eines der Netzwerkmitglieder gerade umtreibt. Das Thema wird kurz dargestellt, dann gehen wir in die offene Diskussion. Natürlich kann man sich mit solchen Themen auch jederzeit bei uns melden, aber bei der kollegialen Beratung in größerer Runde findet man eine größere Resonanz und bekommt verschiedene Anregungen.
Einmal im Jahr veranstalten wir ein großes Netzwerktreffen in Präsenz, das machen wir an verschiedenen Orten und da setzen wir neben praktischen Workshops und Austauschformaten auch einen inhaltlichen Schwerpunkt. Da machen wir etwas, das ich »Konkretisierung von Diskursen« nenne. Da geht es um Themen oder Fragestellungen, die gerade in der Erinnerungskultur oder Gedenkstättenpädagogik diskutiert werden, die aber für viele unserer Netzwerkmitglieder erstmal weit weg von ihrer unmittelbaren Arbeit vor Ort erscheinen. Entsprechend versuchen wir, diese Dinge, über die da gesprochen wird, mit Inputs, Diskussionen und Best-Practice-Beispielen nicht nur nachvollziehbar zu machen, sondern gemeinsam auch Möglichkeiten zur Übertragung auf die eigene Praxis zu entwickeln. Also das ist sozusagen eine Übersetzungsleistung, um aktuelle Diskurse konkret anwendbar zu machen.
Da wir aktuell nicht über eine stabile Finanzierung für das Netzwerk verfügen, müssen wir hier und da kürzer treten. Wir bemühen uns aber, ein möglichst vielseitiges Angebot aufrecht zu erhalten.
Ich stelle mir vor, dass Erinnerungsarbeit im ländlichen Raum vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre nicht gerade leichter geworden ist. Was sind da eure Beobachtungen, und was siehst du da vielleicht auch für Unterstützungsbedarfe?
Zunächst einmal sehe ich bei der Erinnerungsarbeit im ländlichen Raum ein großes gesellschaftspolitisches Potenzial. Denn im besten Fall erzeugt sie neue Diskursräume, wo es dann auch nicht nur darum geht: Was ist hier passiert in der Vergangenheit? Sondern vor allem auch darum: Was bedeutet das für uns, was bedeutet das für unser Zusammenleben heute – und wie wollen wir überhaupt leben? Das sind erstmal offene Räume, die im Prinzip alle dazu einladen, nachzudenken und mitzureden.
Erinnerungskulturelles Engagement und auch die dadurch erschlossenen Orte sind so gesehen als elementarer Bestandteil einer demokratischen Infrastruktur zu begreifen, die es gerade in ländlichen Räumen zu festigen und zu verteidigen gilt, zumal wir vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen an vielen Stellen beobachten können, dass da etwas wegbricht. Viele Netzwerkmitglieder erzählen, dass sie auf lokaler Ebene Verbündete verlieren. Dass sie mit mehr Misstrauen konfrontiert sind, mit zunehmend offen zur Schau getragener Ignoranz oder Desinteresse. Dort, wo rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte politisch an Einfluss gewinnen, gehen zum Teil Fördermittel verloren. Wenn Einrichtungen in die Kommunalverwaltung eingebunden sind, müssen sie mancherorts damit rechnen, künftig Weisungen von AfD-Politiker:innen zu erhalten.
Die Akteur:innen vor Ort müssen daher von Politik und demokratischer Öffentlichkeit unbedingt unterstützt werden – auch darin, sich lokal und regional mit Kultureinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Initiativen zu vernetzen. Nur so können nachhaltige Strukturen ausgebildet und aufrechterhalten werden. Auch größere und vergleichsweise stabil aufgestellte Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen sind hier gefragt, den Akteur:innen in schwierigen Regionen den Rücken zu stärken.
Welche Wünsche habt ihr mit Blick auf die künftige Weiterarbeit des Netzwerkes, und was sind vielleicht auch konkrete Vorhaben, an denen ihr arbeitet?
Zunächst einmal wünschen wir uns, mit unserem Netzwerk langfristig arbeiten und es weiter ausbauen zu können. Hier wäre natürlich eine stabile Finanzierung hilfreich.
Ansonsten streben wir eine Diversifizierung des Netzwerks an. Wir bemühen uns darum, mehr nicht-weiße, jüdische, migrantische Personen und Initiativen einzubinden. Zum einen halten wir deren Perspektiven auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts für wichtig. Zum anderen wollen wir erreichen, dass zum Beispiel auch migrantische Organisationen zu selbstverständlichen Akteur:innen lokaler Erinnerungsarbeit werden. Das erinnerungskulturelle Feld ist bisher stark von Vertreter:innen der Mehrheitsgesellschaft besetzt. Wir sind überzeugt, dass es hier mehr Vielfalt braucht.
Das Gespräch führte Cornelia Siebeck, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors.