»Was erzählen Fotografien? Albert Dieckmanns Bilder aus dem besetzten Osteuropa 1941/42«

Ausstellung im Museum Berlin-Karlshorst 22. Juni 2023 bis 7. Januar 2024
12/2023Gedenkstättenrundbrief 212, S. 3-8
Babette Quinkert

Am 22. Juni 1941 überfiel das Deutsche Reich die Sowjetunion. Die Besatzungsmacht beging in diesem Krieg bis dahin beispiellose Verbrechen an den sowjetischen Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung. In der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg spielen Fotografien eine zentrale Rolle. Als vermeintlich objektive Quellen prägen sie das visuelle Gedächtnis bis heute. Neben den Fotos der professionellen Bildberichterstatter:innen sind auch viele Amateuraufnahmen überliefert. Dazu zählen die Fotografien von Albert Dieckmann (1896–1982) aus der Sammlung des Museums Berlin-Karlshorst.

Als der Arzt, Ehemann und Vater dreier Kinder als Stabsoffizier Anfang Juli 1941 in die kurz zuvor von der Wehrmacht eroberten sowjetischen Gebiete versetzt wurde, nahm er Kamera und Farbfilme mit. Bis zu seiner Rückkehr ins Deutsche Reich im Sommer 1942 machte er viele Aufnahmen in den besetzten belarussischen, russischen und polnischen Gebieten. Anlässlich des 82. Jahrestags des Überfalls auf die Sowjetunion zeigt das Museum Berlin-Karlshorst in der Ausstellung »Was erzählen Fotografien? Albert Dieckmanns Bilder aus dem besetzten Osteuropa 1941/42« erstmals eine große Zahl der Bilder dieses ambitionierten Amateurfotografen, ordnet sie multiperspektivisch ein und befragt sie kritisch. Ziel ist es, den Entstehungskontext dieser außergewöhnlichen Farbfotos zu beleuchten und zugleich den quellenkritischen Blick auf Fotografien zu schärfen.

In der Sammlung des Museums Berlin-Karlshorst befinden sich 382 Farbdias von Albert Dieckmann, die er 1941/42 während seines Einsatzes in den besetzten sowjetischen und polnischen Gebieten aufgenommen hat. Sein Sohn Wolfgang Dieckmann fand die ihm bis dahin unbekannten Bilder nach dem Tod seines Vaters in dessen Wohnung und übergab sie 2007 dem Museum. Die Motive umfassen Landschaften und Architektur (130 Aufnahmen), die einheimische Bevölkerung (86), den militärischen Alltag (Marschkolonnen, Quartiere, Freizeit, 85), Zerstörungen (51), sowjetische Kriegsgefangene (35) sowie Diverses (30). Die Aufnahmen sind im Vergleich zu denen anderer Amateurfotografen qualitativ und gestalterisch sehr hochwertig. Sie stellen aber auch deshalb etwas Besonderes dar, weil die Überlieferung von Farbfotografien aus dieser Zeit eher selten ist.[1] Im Rahmen der Erarbeitung der jetzt gezeigten Ausstellung, die dieses Konvolut ins Zentrum stellt, war Wolfgang Dieckmann 2023 freundlicherweise bereit, dem Museum weitere 236 Farbdias aus der Zeit vor Juli 1941 (v.a. aus dem besetzten Frankreich) sowie 116 Feldpostbriefe seines Vaters zu überlassen. Die Briefe umfassen den Zeitraum vom 11. Juli bis zum 31. Dezember 1941 und richten sich mit wenigen Ausnahmen an die Ehefrau des Fotografen, Greta Dieckmann, geb. Ammon.[2]

Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung ergaben Archivanfragen, dass Dieckmann als Stabsarzt im Radfahr-Wachbataillon 48 (B) eingesetzt war. Durch weitere Aktenrecherchen konnte rekonstruiert werden, dass die Einheit Anfang Juli 1941 dem Kommandanten des rückwärtigen Armeegebietes (Korück) des Armee Oberkommando 4 im Mittelabschnitt der Ostfront zugeordnet wurde.[3] Die sogenannten Korücks verwalteten die besetzten Gebiete zwischen Gefechtszone und den rückwärtigen Heeresgebieten. Sie unterstanden dabei den Armee-Oberkommandos, in deren Rücken sie direkt hinter der Gefechtszone operierten. Ihre Zuständigkeit bezog sich auf ein 50 und mehr Kilometer tiefes Gebiet, das entsprechend der Front Stück für Stück weiter nach Osten verlegt wurde. Aufgabe der Korücks war die Sicherung von Nachschubwegen, Versorgungsstützpunkten, Eisenbahnlinien und Nachrichtenverbindungen sowie die Bewachung und der Abtransport von Kriegsgefangenen. Hierfür unterstanden ihnen verschiedene Sicherungs- und Ordnungstruppen sowie Stäbe für Gefangenen-Sammelstellen und Durchgangslager (Dulag) für sowjetische Kriegsgefangene. Mit Stillstand der Front übernahmen die Korücks zudem die längerfristige Sicherung der deutschen Herrschaft im Hinterland der Armeen, wozu auch der Anti-Partisanenkampf zählte.

Das Radfahr-Wachbataillon 48 (B), in dessen Stab Dieckmann als Arzt diente, war an der verbrecherischen deutschen Besatzungspolitik beteiligt. Die einzelnen Kompanien übernahmen Wachaufgaben in den Sammelstellen, Durchgangslagern und beim Transport der sowjetischen Kriegsgefangenen in die westlichen, frontfernen Gebiete. Im Rahmen der Sicherungspolitik suchten sie in den ländlichen Regionen nach versprengten Angehörigen der Roten Armee sowie Personen, denen Partisanentätigkeiten unterstellt wurden. Vielfach erschossen sie diese. Sie kontrollierten die Bevölkerung und zwangen jüdische und nichtjüdische Zivilist:innen zur Arbeit. Wie alle Besatzungsinstitutionen profitierte das Bataillon von der (teils »wilden«) Ausplünderung der Bevölkerung sowie von deren Verdrängung aus den Häusern und Wohnungen. Verbrechen beging die Einheit ebenfalls im Rahmen des Anti-Partisanenkampfes.

Als Stabsarzt bestand Dieckmanns Hauptaufgabe darin, die an verschiedenen Orten stationierten Angehörigen der einzelnen Kompanien medizinisch zu versorgen. Auf diesen Fahrten entstanden viele seiner Fotografien.[4] Obwohl Dieckmann sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht direkt an Morden beteiligte, war er natürlich über die Aufgaben und Tätigkeiten der Einheit informiert. So schreibt er beispielsweise seiner Frau im September 1941: »Das Gebiet, in dem das Bataillon eingesetzt ist, ist sehr groß, d.h. in einem Streifen von etwa 120 km Länge und 50 km Breite. Da kann ich viel herumfahren. Die Leute sind eingesetzt teils um die Ortschaften, Benzinlager, Munitionslager und größere landwirtschaftliche Betriebe oder Gefangenenlager zu bewachen, teils um abgelegene Gegenden oder große Wälder zu durchstreifen nach zurückgebliebenen Russen[5] oder sogenannten Partisanen.«[6] Und wenig später berichtet er offen über das verbrecherische Vorgehen, alle Versprengten, die sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht freiwillig gemeldet hatten, zu erschießen: »Die Tätigkeit der Kompanien besteht jetzt z.Zt. vielfach darin, ›Partisanen‹ aufzustöbern in Wäldern und Dörfern. Da die Zeit abgelaufen ist, bis zu der sie sich straflos stellen konnten, werden sie jetzt aus den Verstecken und Häusern herausgeholt und gleich erschossen.«[7] Die Formulierungen Dieckmanns, der von »sogenannten Partisanen« spricht beziehungsweise Anführungsstriche benutzt, deuten darauf hin, dass er diese Zuschreibung durchaus hinterfragte. Dieckmanns Briefe und manche seiner Fotografien lassen erkennen, dass er grundsätzlich mit Neugier und Offenheit auf die einheimische Bevölkerung zuging, der er zudem regelmäßig medizinische Hilfe leistete.

Nachdem Dieckmann Mitte 1942 ins Deutsche Reich zurückgekehrt war, diente er bis Kriegsende in der Heeres-Sanitäts-Staffel Baden-Baden. Nach dem Krieg nahm er seine Tätigkeit als Arzt in Karlsruhe wieder auf. Seinen Kindern erzählte er nichts über seine Erlebnisse. Krieg und alles Militärische waren in der Familie tabu. Wolfgang Dieckmann erinnert sich an seinen Vater als einen ernsten und eher bedrückten Menschen, der selten lachte und nie wieder fotografierte.

Die Ausstellung präsentiert ausgewählte Farbfotos von Albert Dieckmann, die auf unterschiedliche Art und Weise kontextualisiert werden. Kurze Texte sowie Zitate aus Archivdokumenten ordnen sie in den historischen Kontext ein. Zusätzliche Informationen zu der persönlichen Sicht Dieckmanns geben Zitate aus seinen Briefen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fotoausstellungen zielt die Präsentation aber auch darauf, Besucher:innen die Notwendigkeit eines quellenkritischen Umgangs mit Fotografien zu vermitteln. Diesem Zweck dient eine Reihe von Leitfragen, die die Ausstellung als eigenständige Ebene durchzieht. Warum wählte Dieckmann diese Motive? Was fotografierte er und was fehlt in seinen Aufnahmen? Lassen sich aus seinen Bildern Rückschlüsse auf seine Haltung, z.B. gegenüber der einheimischen Bevölkerung ziehen? Wie reagierten die Fotografierten? Wie betrachten wir die Bilder? Und wie verändert sich unser Blick, wenn wir mehr über den verbrecherischen Kontext wissen, in dem sie entstanden? Diese und andere Fragen regen das Publikum dazu an, sich quellenkritisch mit den Bildern auseinanderzusetzen.

Auch Graphic Novel-Elemente,[8] die die Zusammenstellung aus Fotos, Dokumenten- und Briefzitaten, Leitfragen und Ausstellungstexten verknüpfen, unterstützen die Dekonstruktion der Bildinhalte und eröffnen eine neue Ebene für die Vermittlung. Pointierter als Text kann eine Grafik zum Beispiel einen Perspektivwechsel veranschaulichen, der nicht den Fotografen, sondern die Fotografierten ins Zentrum rückt.

So entsteht auf dreißig Ausstellungstafeln eine Bildgeschichte, die mit dem Fund der Farbdias und deren Übergabe an das Museum Berlin-Karlshorst beginnt. Hier findet sich in einer Vitrine auch eine Auswahl an originalen Dias sowie einige Aufbewahrungskästen aus dem Besitz Dieckmanns, die als einzige dreidimensionale Exponate in der Ausstellung präsentiert werden. Nachdem eine Karte zunächst ausgewählte Stationen Dieckmanns verortet, folgt die Erzählung chronologisch seinem Weg durch die besetzten belarussischen, russischen und polnischen Gebiete, mit jeweils unterschiedlichen thematischen Vertiefungen. Am Ende des Rundgangs ist das Publikum eingeladen, Kommentare und Fragen zu hinterlassen und mit anderen zu teilen. Dieser partizipative Bereich wird zudem von den Vermittler:innen des Museums für die Arbeit mit (Schul-)Gruppen genutzt. Hocker, Pin-Wände, ausliegende Zettel und Stifte schaffen bewusst eine Art Werkstattcharakter. Dieser soll verdeutlichen, dass Diskussionen nicht nur gewünscht, sondern notwendig sind, um Fotografien einordnen zu können beziehungsweise sich ihrer Einordnung anzunähern.[9]

 

Dr. Babette Quinkert, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Kuratorin im Museum -Berlin-Karlshorst, hat die Ausstellung konzipiert und umgesetzt.

 

[1]    Einzelne der Bilder Dieckmanns fanden bereits Eingang in die 2013 eröffnete Dauerausstellung des Museums Berlin-Karlshorst sowie in Sonderausstellungen. Vgl. zuletzt die 2021 erstmals eröffnete -Wanderausstellung »Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg«.

[2]    Weitere Briefe, die Albert Dieckmann vor Mitte 1941 bzw. nach Dezember 1941 schrieb, sind im Krieg verloren gegangen.

[3]    Das Bataillon unterstand bis September 1941 dem Korück 599, später den Korück Panzer Armee Oberkommando (PzAOK) 4 sowie AOK 17.

[4]    Dieckmann verfügte über einen Wagen mit Fahrer.

[5]    »Russen« meint hier versprengte Angehörige der Roten Armee. Tatsächlich kamen diese aus vielen unterschiedlichen Nationalitäten bzw. Ethnien der Sowjetunion.

[6]    Brief v. 4. 9. 1941, MBK, Sammlung Dieckmann.

[7]    Brief v. 20. 9. 1941. Zu den Fristsetzungen für die Gefangengabe vgl. Babette Quinkert:, Propaganda und Terror in Weißrussland 1941–1944. Die deutsche »geistige« Kriegführung gegen Zivilbevölkerung und Partisanen, Paderborn u.a. 2009, S. 153 ff.

[8]    Ausstellungsgrafik und Illustrationen hat Matthias Lehmann, Leipzig, erstellt.

[9]    Für die Vermittlungsarbeit wurde ein Begleitheft mit allen Ausstellungsinhalten produziert, das für 4,– € im Museum Berlin-Karlshorst erhältlich ist. Bei Bestellungen per Post werden entsprechende Versandkosten fällig.

 

 

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