»Was nicht online ist, wird nicht wahrgenommen.«

Bericht zum dritten sachsenweiten Arbeitstreffen »Dokumentation – Auskünfte – Schicksalsklärung«
09/2022Gedenkstättenrundbrief 207, S. 31-35
Dr. Bert Pampel

Dem früheren sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf wird der Spruch zugeschrieben: »Beim ersten Mal spricht man von Zufall, beim zweiten von Statistik, beim dritten Mal von Tradition.« Teilt man diese Sichtweise, so wäre mit dem dritten sächsischen Jahresarbeitstreffen eine neue Tradition begründet worden. Nach Zusammenkünften in den Dresdner Gedenkstätten Münchner Platz (2020) und Bautzner Straße (2021) fand es dieses Mal am 28. Juni 2022 in der KZ-Gedenkstätte Sachsenburg bei Frankenberg/Sachsen statt.[1]

Das Treffen geht auf die Evaluation der Stiftung Sächsische Gedenkstätten im Jahr 2019 zurück, die unter anderem zu dem Ergebnis kam, dass es in Sachsen lediglich einen geringen Austausch zwischen den Gedenkstätten in eigener Trägerschaft sowie wenig Vernetzung mit den von der Stiftung geförderten Einrichtungen gebe. Damit gehe einerseits Potenzial für die Verbesserung der Arbeit durch den kollegialen Austausch verloren, und andererseits werde die Ausbildung einer gemeinsamen Organisationsidentität erschwert. Zur Umsetzung der Empfehlungen aus der Evaluation setzte der Geschäftsführer Arbeitsgruppen zu verschiedenen Arbeitsfeldern ein, darunter zum weit gefassten Gebiet »Dokumentation«, das neben Fragen der Sicherung, Verwaltung und öffentlichen Bereitstellung von Sammlungen auch die Klärung von Verfolgungsschicksalen und die Beantwortung von Auskunftsersuchen umfasst. Die Dokumentationsstelle Dresden, eine Arbeitsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, übernahm die Federführung für diese Arbeitsgruppe und die Aufgabe, den Austausch zwischen den Arbeitsstellen der Stiftung zu intensivieren.

Das wichtigste Ziel der jährlichen Arbeitstreffen ist es, sich über Probleme, über neue Projekte, über aktuelle Ansätze sowie über neue oder auch bewährte Techniken und Methoden im Fachbereich Dokumentation auszutauschen. Zu dem Arbeitstreffen sind alle Beschäftigten bei den Arbeitsstellen der Stiftung Sächsische Gedenkstätten oder den von ihr institutionell geförderten Einrichtungen eingeladen, die mit Themen aus diesem Bereich befasst sind.

Nach Worten der Begrüßung von Mykola Borovyk (Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter der Gedenkstätte KZ Sachsenburg), von Sven Riesel (stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten) und von Bert Pampel (Leiter der Dokumentationsstelle Dresden) begann das Treffen mit einem Beitrag von Sven Hilbrandt (Berlin, ehemaliger Mitarbeiter der Topographie des Terrors). Er stellte die Möglichkeiten der Präsentation von Sammlungsbeständen auf dem Portal Gedenkstätte-digital (https://gedenkstaetten.museum-digital.de) vor, die derzeit von 20 Gedenkstätten genutzt werden. In eine MySQL-Datenbank, die Beschäftigte des Instituts für Museumskunde in Berlin erstellten und die ehrenamtlich betrieben wird, lassen sich auf unkomplizierte Art und Weise die wichtigsten Informationen zu Objekten der eigenen Sammlung sowie Abbildungen von ihnen erfassen, verschlagworten, beschreiben und sowohl über das Portal als auch über Web-Schnittstellen auf der je eigenen Gedenkstätten-Webseite sichtbar machen. Darüber hinaus gibt es eine Anbindung an Plattformen wie die Deutsche Digitale Bibliothek und die Europeana. Doch auch der Gebrauch zur nicht-öffentlichen Verwaltung der eigenen Bestände ist möglich. Die Diskussion seines Beitrags umfasste unter anderem Fragen zur statistischen Erfassung der Nutzung des Portals, zur Integration weiterer Sammlungsbestände sowie zum urheberrechtlichen Schutz. Letzterem wird auf dem Portal keine besondere Bedeutung eingeräumt. Es bleibt den teilnehmenden Einrichtungen überlassen, ihre Objektabbildungen zu schützen, beispielsweise durch Wasserzeichen.

Die Präsentation folgt dem Grundsatz, der größtmöglichen Verbreitung so wenige Hindernisse wie möglich in den Weg zu legen. Gegenwärtig sei es noch nicht möglich, Tonmitschnitte, etwa von Oral-History-Interviews, zu integrieren, es sei aber technisch machbar und für die Zukunft wünschenswert. Die integrierte Statistiksoftware erlaube nicht nur die Feststellung der Anzahl der Zugriffe und Nutzer, sondern zum Beispiel auch Aussagen über deren geografische Herkunft. Herr Hilbrandt warb engagiert sowohl für eine intensivere Nutzung dieses Angebots als auch für die Vernetzung der mit digitaler Vermittlung befassten Beschäftigten in Gedenkstätten. Zugleich sei allerdings auch eine institutionelle Anbindung des Portals wünschenswert, die eine bessere Finanzierung ermögliche.

Andreas Salmhofer (KZ-Gedenkstätte Mauthausen | Mauthausen Memorial) stellte anschließend die zentrale Archivdatenbank (ZADB – zadb.mauthausen-memorial.org), die Online-Präsentation »Raum der Namen« (RDN – raumdernamen.mauthausen-memorial.org), die interne Metadatenbank über ehemalige KZ-Häftlinge sowie die geplante Weiterentwicklung innerhalb der Gedenkstätte vor. In der ZADB sind von Fotografien über Namenlisten, Bibliotheksbestände, Objekte bis hin zu Oral-History-Interviews zahlreiche Archivalien erfasst und von Forschenden und Institutionen (Bibliotheken, Archive) aus einsehbar. Es wird aus technischen und organisatorischen Beweggründen, aber verstärkt auch aus Gründen des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns versucht, in den nächsten Jahren sämtliche Datenbanken, sowohl intern als auch extern (online sind gegenwärtig ZADB, RDN), in eine gesamte cloudbasierte Datenbank zu überführen. Dafür wird ein Zeitraum von bis zu fünf Jahren veranschlagt. Aufschlussreich waren auch die von Andreas Salmhofer konkret bezifferten Zeitaufwände für die Bearbeitung von biografischen Datensätzen in der Datenbank sowie im »Raum der Namen«. So fallen allein für Korrekturen und Ergänzungen an den Biografien in Letzterem etwa 20 Stunden pro Woche an. Für Ergänzungen in der ZADB und der Metadatenbank werden jeweils zwei Wochenstunden aufgewandt.

Größere und kleinere Lösungen für die Digitalisierung und Langzeitarchivierung von Kulturgut präsentierte Klaus Lütkehölter von der Bielefelder Firma Walter Nagel (www.walternagel.de). Das Unternehmen entwickelt für Archive, Universitäts- und Landesbibliotheken, Museen und andere öffentliche Einrichtungen – vorrangig im deutschsprachigen Raum – Hard- und Software, aber auch Konzepte, für die Digitalisierung, Webarchivierung und Online-Präsentation ihrer Bestände. Dies umfasst unter anderem die Auswahl der Objekte, die Erfassung von Metadaten, die Bildbearbeitung sowie die Entscheidung über eine öffentliche Freigabe. Die technische Entwicklung in der Scanner-Technik und bei der optischen Zeichenerkennung (OCR) mache inzwischen Dinge möglich, an die vor zehn Jahren noch nicht zu denken gewesen sei. Allerdings könne auf händische Nacharbeit nie gänzlich verzichtet werden. In der Diskussion des Vortrags ging es unter anderem um die Höhe der Kosten sowie um die Frage, ab welchem Umfang von Digitalisaten sich die angebotenen kommerziellen Lösungen rechnen. Herr Lütkehölter erläuterte, dass die Gesamtkosten von zahlreichen Faktoren abhängen, zum Beispiel von der Art des Bestandes, von der gespeicherten Objektanzahl, von der Anzahl der Zugriffe sowie von der Menge der Clients, die an den Dokumenten arbeiten. Basiskosten müssten preislich ergänzt werden, wenn Module für OCR-Erkennung, für Transkribieren, für eine automatisierte Aktualisierung der Onlinepräsentation oder für die Langzeitarchivierung benötigt werden. Darüber hinaus sind Kosten für Installation, Schulung, Projektbegleitung und laufende Wartung zu kalkulieren. Diesen Kosten für Lizenzen und Dienstleistungen, die sich bei Konsortien mit mehreren Arbeitsstellen schnell auf sechsstellige Beträge summieren können, sind Alternativen, wie der Einstellung von Mitarbeitern für die Entwicklung eigener, individueller Lösungen gegenüberzustellen. Von übergreifenden Portallösungen, zum Beispiel bei Bibliotheks- oder Museumsverbünden, profitierten vor allem die kleineren Einrichtungen, für die Einzellösungen zu teuer seien – ein wichtiger Hinweis für die weiteren Überlegungen zu Digitalisierungskonzepten in Sachsen. Abschließend mahnte Herr Lütkehölter, dass Einrichtungen, die digital nicht genügend präsent seien, aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden würden. Viele Verantwortliche besäßen jedoch leider nach wie vor »keine Beziehung zu dieser Zukunft«.

Nach den »Blicken über den Tellerrand« stellten die beiden abschließenden Beiträge konzeptionelle Überlegungen für sächsische Projekte vor. Jonas Kühne (Sächsische Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus – sLAG slag-aus-ns.de), erläuterte unter dem Titel »Vom Wissensverlust zum Wissenstransfer« das Konzept für die Erarbeitung einer sachsenweiten Datenbank zur Sicherung, Erschließung und Erfassung von Dokumenten und Materialien zur Erforschung lokaler NS-Geschichte, die bei Aufarbeitungsinitiativen, Vereinen und Einzelforschern lagern. Dazu zählen unter anderem Briefe, Mitschriften, Fotografien, Interviews und Presseartikel.

Neben der Bestandssicherung soll die Datenbank kollaboratives, vernetztes Arbeiten und überregionales Recherchieren für Mitglieder der sLAG sowie nach rechtlicher Klärung auch für Nichtmitglieder, zum Beispiel für Schulklassen ermöglichen. Pilotprojekte sind unter anderem der Digitalisierung von Unterlagen zur NS-Zwangsarbeit in Sachsen sowie zur Geo-Referenzierung und -kartierung (Geomaping) von damit verbundenen Orten gewidmet. Aus der anschließenden Erörterung des Vorhabens, das von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern grundsätzlich begrüßt wurde, um Wissensverlust zu vermeiden, ging hervor, dass die Art, der Umfang sowie die Qualität der zu erwartenden Unterlagen weitgehend noch unklar sind und zunächst eine Bestandserhebung im Vordergrund steht. Erst darauf aufbauend sei eine genauere Abschätzung von Zeitaufwand und Kosten möglich.

Alexander Boger (Geschäftsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten) arbeitete im letzten Beitrag die Potenziale einer gemeinsamen Online-Datenbank der Bestände der Bibliotheken der Arbeitsstellen in direkter Trägerschaft der Stiftung Sächsische Gedenkstätten heraus. Diese umfassen insgesamt 24 000 Titel verschiedener Medien und sind gegenwärtig in jeder Arbeitsstelle auf verschiedene Art und Weise elektronisch erfasst. Als Vorteile einer stiftungsübergreifenden einheitlichen Online-Bibliotheksdatenbank sah Herr Boger insbesondere die Möglichkeit der ortsunabhängigen Abfrage, die Vereinheitlichung der Systematik, Kosteneinsparungen durch geringeren Administrationsaufwand und den Verzicht auf Mehrfachanschaffung sowie die bessere Sichtbarkeit und Vernetzung innerhalb der Gedenkstättenlandschaft. Insbesondere sei ein Anschluss an die bei der Topographie des Terrors angesiedelte AG Gedenkstättenbibliotheken (www.topographie.de/aggb/home), aber auch an andere Verbundkataloge denkbar. Mit den Softwarelösungen »aStec« und »Koha« stellte Herr Boger zwei zeitgemäße Bibliothekssysteme vor. Wie die anschließende Diskussion verdeutlichte, bestehen zwar keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen einen Zusammenschluss, weil die Sinnhaftigkeit offenkundig ist, doch gelten andere Probleme im Bereich der Sammlungen als derzeit dringlicher. Das Arbeitstreffen endete mit einem von Mykola Borovyk durchgeführten interessanten Rundgang über das Gelände des ehemaligen KZ Sachsenburg.

Als Fazit des 3. Arbeitstreffens kann festgehalten werden: Der regelmäßige fachliche Austausch ist gerade beim Thema »Digitalisierung von Sammlungen« unerlässlich. Die technische Entwicklung stellt insbesondere kleinere Einrichtungen vor erhebliche Herausforderungen. Gedenkstätten sollten bei ihrer Bewältigung nicht versuchen, das »Rad neu zu erfinden«, sondern sich für die Nutzung inzwischen bewährter und langfristig gepflegter Systeme zusammenschließen. Es gilt, den Schwung und die Anregungen des Arbeitstreffens zu nutzen und »Nägel mit Köpfen« zu machen. Das nächste Jahrestreffen 2023 sollte nicht nur die begonnene Tradition fortführen, sondern auch den Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den engeren Bereich der Stiftung Sächsische Gedenkstätten hinaus erweitern.
 

Dr. Bert Pampel ist Leiter der Dokumentationsstelle Dresden der Stiftung Sächsische Gedenkstätten (www.dokst.de).
 

[1]    Ich danke meiner Kollegin Katharina Seidlitz für die Protokollierung des Arbeitstreffens, die die Grundlage dieses Berichts bildet.

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