Wie erzählen wir NS-Geschichte heute? Eine Intervention zu Herausforderungen des Ausstellens im NS-DOK Köln

06/2026Gedenkstättenrundbrief 222, S. 6-15
Janne Grashoff, Hanne Leßau

Seit Anfang des Jahres begegnen Besucher*innen im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (NS-DOK) an zwölf Standorten in der Dauerausstellung halbtransparenten, hängenden Stoffbahnen, die sich deutlich von den sie umgebenden Ausstellungsräumen abheben. »Wie erzählen wir NS-Geschichte heute?« heißt es hier zu Beginn – wie auch schon auf dem Flyer, den seit der Eröffnung alle Gäste beim Betreten des Hauses bekommen. Und weiter: »Find es raus in unserer neuen Intervention!« Wie viele Museen in den letzten Jahren hat auch das NS-DOK in seine Dauerausstellung interveniert. Wie und warum? Davon handelt unser Beitrag. 

 

Temporäre Veränderungen der Dauerausstellungen sind seit einigen Jahren ein beliebtes Mittel, insbesondere in (kunst-)historischen und ethnologischen Museen. Sie ermöglichen es, vergleichsweise schnell und auch mit schmalem Budget auf veränderte Perspektiven und gesellschaftliche Diskussionen zu reagieren: Häufig geht es darum, auf nicht-repräsentierte Themen und Sichtweisen aufmerksam zu machen, diskriminierende Ausstellungs- und Erzählweisen aufzudecken und durch alternative Darstellungsformen infrage zu stellen oder anzuprangern. In der Regel werden hierfür externe Aktivist*innen, Künstler*innen und Gast-Kurator*innen eingeladen, ihre Perspektive für eine bestimmte Zeit in die bestehende Dauerausstellung einzubringen. 

 

Viele Projekte der letzten Jahre waren rassismuskritische Interventionen wie »Spielzeug und Rassismus. Perspektiven, die unter die Haut gehen« (Spielzeugmuseum Nürnberg), »Blickwechsel. Dem Rassismus auf der Spur« (Historisches Museum Frankfurt) oder die Interventions-Spur innerhalb der Wechselausstellung »Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen« (Deutsches Hygiene-Museum Dresden). Interventionen können als Ausgangspunkt dienen, museale Praktiken und letztlich auch das Selbstverständnis der jeweiligen Einrichtung zu hinterfragen. Dabei kann die Veränderung sowohl intrinsisch motiviert sein, aber auch durch Druck von außen erzeugt werden. 

 

Im Bereich der Gedenkstätten und Erinnerungsorte findet das Mittel der Intervention bislang wenig Anwendung. Dies könnte verschiedene Gründe haben. Anders als die wegen ihrer gewaltvollen Entstehungsgeschichte massiv unter Druck geratenen ethnologischen Museen werden Gedenkstätten qua ihrer Geschichte und Funktion von einer breiten Öffentlichkeit mit viel Respekt betrachtet und ihre Angebote selten grundsätzlich kritisiert. Zudem wurden bei Gedenkstätten in der Regel – anders als bei den ethnologischen Museen, wo die regelmä­ßige Beteiligung der Herkunftsgemeinschaften an Entscheidungsprozessen eine recht junge Praxis ist – die Verfolgten- und Opferverbände von Beginn an mit eingebunden. Es besteht daher von außen wenig(er) Veränderungsdruck. Hinzu kommt, dass sich in Gedenkstätten bei den oft ohnehin als »Kern« und »Identität« von Museen betrachteten Dauerausstellungen Fragen nach der Deutungshoheit besonders stark stellen, was ein Aufgreifen des Mediums hemmen dürfte. Insofern finden Interventionen in Gedenkstätten derzeit vor allem dort statt, wo es ein von der jeweiligen Institution kommendes Interesse an Veränderung gibt. Dies trifft auch auf das Interventionsprojekt im NS-DOK zu.

 

 

1997 — heute: Die erste Dauerausstellung des NS-DOK

Unsere Dauerausstellung hat Großes geleistet – und ist dennoch in die Jahre gekommen. Fast 1,5 Millionen Besucher*innen haben sie seit der Eröffnung gesehen. Als sie 1997 eingeweiht wurde, war ein Meilenstein erreicht worden. Jahrzehntelang war das Gebäude, früher Sitz der Kölner Gestapo, ein von der Stadt angemietetes Behördenhaus gewesen. Dank zivilgesellschaftlichen Engagements konnte Anfang der 1980er-Jahre eine Gedenkstätte im Keller des Hauses eingerichtet werden, wo zwischen 1935 und 1945 tausende Gestapo-Häftlinge unter oft katastrophalen Bedingungen eingesperrt und teils massiver Gewalt ausgesetzt waren. Es dauerte weitere 17 Jahre, bis auf die Gedenkstätte im Hausgefängnis eine informierende Dauerausstellung über die NS-Zeit in Köln in einigen der ehemaligen Bürotrakte der Gestapo folgte. Seitdem dokumentiert die Ausstellung, dass, anders als ein in den 1990er-Jahren noch weit verbreiteter Mythos versprach, die Kölner*innen dem Nationalsozialismus keineswegs mehrheitlich ablehnend gegenübergestanden hatten.

 

Fast 30 Jahre später zählt die Ausstellung zu den ältesten Präsentationen an NS-Erinnerungsorten bundesweit. Zwar wurden 2009/2010 eine Reihe von Medienstationen in die Schau integriert und verschiedene thematische Bereiche ergänzt, darunter zum Jugendleben im Nationalsozialismus und der Beteiligung von Kölner*innen am Krieg in Europa. Eine grundlegende Überarbeitung und Anpassung an neuere Forschungsstände, didaktische Standards und veränderte Erwartungen der Besucher*innen blieb jedoch aus.

 

Diese kann in den kommenden Jahren erfolgen: 2025/26 erwirkte Förderbeschlüsse des Rats der Stadt Köln, des Landes Nordrhein-Westfalen sowie des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ermöglichen es dem NS-DOK, die bislang genutzten Flächen baulich zu modernisieren, für die unterschiedlichen Nutzungen zu optimieren und bis 2030 ein neues Dauerausstellungs-Angebot zu entwickeln. 

 

2030 – das sind auch noch fünf Jahre Museumsbetrieb und damit mehrere hunderttausend Besucher*innen, die die bestehende Ausstellung aufsuchen werden (2025 zählte das NS-DOK gut 95.000 Besucher*innen). Da die Dauerausstellung in den vergangenen Jahren aus den Reihen der angestellten und freiberuflichen Mitarbeiter*innen sowie von Besucher*innen auch kritisch betrachtet wurde, entschied das Team des NS-DOK 2024 – parallel mit der Planung zum Umbau und zur Ablösung der Ausstellung – hierauf zu reagieren.

 

Mit einer Intervention sollte die Ausstellung historisch eingeordnet und sollten bestimmte Erneuerungsbedarfe und Probleme sichtbar gemacht werden, die wir nicht weiter unkommentiert lassen wollten. Zudem erschien das Interventionsprojekt auch als Chance, das eigene Team, Freund*innen des Hauses und das Publikum stärker in die Neugestaltung einzubinden: Mit der Ausstellung Arbeitende sowie Besucher*innen könnten sich zu einem Zeitpunkt mit wichtigen Fragen des Ausstellens von NS-Geschichte an diesem Ort auseinandersetzen, zu dem diese Fragen im Rahmen der Neukonzeption auch im NS-DOK selbst diskutiert werden.

 

Das Interventionsprojekt

Als Auftakt wurden Anfang des Jahres 2024 systematisch Eindrücke von unserer Ausstellung gesammelt: Das Team des NS-DOK und die freiberuflichen Guides waren aufgefordert, ihre positiven wie kritischen Eindrücke von der bestehenden Dauerausstellung zu formulieren. Die Mitarbeiter*innen aus der Vermittlung, der Geschichtswissenschaft, der gegenwartsorientierten Bildungsarbeit, der Sammlung und der Haustechnik identifizierten aus ihrer jeweiligen Perspektive durchaus verschiedene Bedarfe für eine Kommentierung der Ausstellung.

 

Die weitere Bearbeitung und Überführung in eine Ausstellungskonzeption erfolgte durch ein engeres Projektteam – bestehend aus Volontärin Janne Grashoff, Kuratorin Hanne Leßau und Henning Borggräfe als Direktor des NS-DOK. Als gestalterische Partner konnten wir die Agenturen nondesign und SIMPLE gewinnen. Folglich wurde für das Projekt, anders als bei musealen Interventionen oft üblich, keine externe Perspektive von Gast-Kurator*innen oder Künstler*innen hinzugezogen. Hierfür war einerseits maßgebend, dass die Intervention eine inhaltlich breit gelagerte Kritik aus gegenwartspolitischen, geschichtswissenschaftlich-methodischen, didaktischen und bildethischen Fragen umfassen und nicht ein bestimmtes Thema repräsentieren würde. Andererseits sollte die Intervention als Ankündigung der beginnenden Neukonzeption gerade aus dem Haus heraus kommuniziert werden. Das Projektteam konnte trotzdem eine gewisse Distanz zur Dauerausstellung einnehmen, da keine*r der Beteiligten bereits an der Erarbeitung der Schau in den 1990er Jahren mitgewirkt hatte.

 

Für die Ausstellungskonzeption verdichteten, abstrahierten und gruppierten wir zunächst die abgefragte Kritik zu einem Dutzend Kategorien, darunter etwa die Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs, der Umgang mit Propaganda-Produkten aus dem Nationalsozialismus, mit stereotypen Darstellungen und Gewaltbildern, die Nichtthematisierung der vorherrschenden täterzentrierten Perspektive, die fehlende Rückbindung an den historischen Ort und Fragen nach der Transparenz kuratorischer Entscheidungen. 

 

Konzeptionelle Überlegungen

Neben der Grundsatzentscheidung, dass die Intervention eine interne Reflexion sichtbar machen sollte, stand von Beginn an fest, dass wir exemplarisch und nicht normativ vorgehen wollten. Es sollte weder eine Erzählebene eingebaut werden, die zeigt, wie NS-Geschichte heute erzählt werden müsse, noch sollte die ­bestehende Dauerausstellung im Bestand verändert werden. Uns ging es vielmehr darum, ausgehend von ausgewählten Beispielen die damit verknüpften allgemeineren Herausforderungen des Erzählens von NS-Geschichte zu diskutieren.

 

So findet sich etwa eine intervenierende Station mit dem Titel »Vielstimmig erzählen« in einem Ausstellungsraum, in dem es um die Verfolgung von Sinti*zze und Rom*nja geht: Hier werden praktisch ausnahmslos herabwürdigende Täterdokumente als Exponate präsentiert, darunter Dokumente der rassenhygienischen Untersuchungen (Karteikarten mit Fingerabdrücken, Körpervermessungen und einer »rassischen Einschätzung«), ohne dass die einseitige und diskriminierende Perspektive des Materials thematisiert wird. 

 

Diese Darstellungsweise wird an der Station zunächst problematisiert. Anschließend zeigt ein konkretes Beispiel, wie sich der Blick auf das Leben der Verfolgten ändert, wenn privates Material einbezogen wird, das die Person in einem Kontext jenseits der Verfolgung zeigt und eine Selbstsicht oder die eines Familienmitglieds auf das Leben ermöglicht. Im Anschluss wird deutlich gemacht, dass private Perspektiven auf die Biografien von Verfolgten selbst wiederum eine Ausnahme bilden, und es wird die Frage aufgeworfen, wie sich in Ausstellungen hiermit bewusst umgehen ließe und auch über Verfolgte erzählt werden kann, von denen wenig Privates erhalten ist. 

 

Ausgehend von einem Exponat werden die Besucher*innen also an den einzelnen Stationen für die oft komplexen Fragen sensibilisiert, die sich beim Ausstellen von NS-Geschichte stellen. Sie erfahren, dass Erinnerungsorte darauf verschiedene Antworten finden und sich oft mehrere, mitunter auch widerstreitende Argumente vertreten lassen. 

 

So thematisieren wir etwa an der Station »Gewalt zeigen?«, deren Ausgangspunkt in der Ausstellung ein Foto von ermordeten Menschen ist, welche Umgangsformen an anderen Orten gewählt wurden und dass die Frage, wie gewaltvolle Bilder aus der NS-Zeit ausgestellt werden können, über die Zeit unterschiedlich beantwortet wurde und sich auch heute verschiedene Ansätze vertreten lassen: Während mancherorts Trigger-Warnungen genutzt werden, sind drastische Gewaltdarstellungen andernorts räumlich oder durch Schutzfolien so präsentiert, dass sie erst durch eine bewusste Entscheidung der Besucher*innen betrachtet werden können; während manche Ausstellungen bestimmte Bilder beschreiben, statt sie zu zeigen, gibt es im Gegenzug auch die Position, eine unvermittelte Konfrontation mit Gewalt­fotos habe eine wichtige aufklärerische Funktion.

 

Durch das exemplarische Vorgehen bleibt die Dauerausstellung zum einen rezipierbar, die Besucher*innen werden zum anderen angeregt, selbst auf weitere, ähnliche Exponate aufmerksam zu werden. Schließlich erfahren Besucher*innen auf diese Weise, dass es nicht eine einzige richtige Präsentation von NS-Geschichte gibt; vielmehr lernen sie verschiedene erzählerische und gestalterische Strategien mit herausfordernden Exponaten kennen. 

 

Gestalterische Prinzipien

Die Gestaltung der Intervention trägt diesen Grundgedanken Rechnung: Mit halbtransparenten, schwebenden und sich teils überlagernden Stoffbahnen, die farblich an das Corporate Design des NS-DOK angelehnt und mit einem auffälligen Schraffurelement versehen sind, heben sich die Stationen klar von der bestehenden Ausstellung ab, lassen die Sicht auf die Räume aber weiter zu und machen deutlich, wer hier spricht. Die Banner halten knappe Texte und einen QR-Code bereit, der die Besucher*innen zu einer digitalen Anwendung leitet, in der die eigentliche inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet. 

Wir haben uns für (wordpress-basierte) Scrollytellings entschieden, die es ermöglichen, Text-, Bild- und Videomaterialien dynamisch und flexibel zu einer Erzählung zu verbinden, durch die sich Nutzer*innen mit vertikalem Scrollen und horizontalem Wischen hindurchbewegen.

 

Der Rückgriff auf das digitale Erzählen sollte eine zu starke Überlagerung der Ausstellungsräume verhindern, vor allem trafen sich die Möglichkeiten des digitalen Storytellings aber mit den Anforderungen an unsere eigene Erzählweise: So gehen mit der Problematisierung bestimmter Präsentationsformen Erwartungen an den eigenen Sprachgebrauch und Umgang mit Exponaten einher: Wie lassen sich Schwierigkeiten beim Ausstellen von Propaganda-Erzeugnissen verständlich machen, ohne diese selbst illustrativ zu nutzen? Oder ein bestimmter Sprachgebrauch kritisieren, ohne die Begrifflichkeiten selbst oft zu wiederholen? 

 

Im digitalen Erzählen lassen sich problematische Exponate beispielsweise unkompliziert verdecken oder verfremden und erst nach und nach, mit den nötigen Informationen versehen, sichtbar machen. Nutzer*innen können selbst entscheiden, ob sie bestimmte Darstellungen sehen oder mehr Kontextwissen haben möchten, indem sie auf bestimmte aus- oder einklappbare Steuerungselemente klicken. Es lässt sich auch vergleichsweise einfach vorgeben, ich welcher Abfolge Besucher*innen textliche Erklärungen und bildliche Darstellungen angezeigt bekommen. 

 

An der Station »Über Stereotype aufklären« lässt sich unsere Erzählweise gut verdeutlichen. Starten Besucher*innen die digitale Anwendung, blicken sie auf eine Raumansicht, wo eine Stoffbahn offenbar ein Objekt kaschiert. Es geht, wie sie erfahren, um einen Zeitungsartikel von 1934, der Schwarze und andere People of Color herabwürdigt. Bei Interesse können sie mehr darüber erfahren, welche stilistischen Mittel genutzt wurden – dabei steuern sie unterschiedliche, mit Erklärungen versehene Details an und können am Ende auch den gesamten Presseartikel zur Kenntnis nehmen. 

 

In der Regel haben wir Exponate nicht physisch verdeckt, abgehängt oder verfremdet. In diesem Fall wollten wir jedoch exemplarisch auch unterschiedliche räumlich-gestalterische Umgangsweisen mit problematischen Exponaten zeigen: Während der Zeitungsartikel durch den halbtransparenten Stoff erst beim Herantreten lesbar wird, werden Besucher*innen im selben Raum weiterhin unvermittelt mit anderen diskriminierenden Darstellungen konfrontiert. Auf diese Exponate lenkt auch die digitale Erzählung die Besucher*innen, gibt ihnen allerdings zuerst die Kontextinformationen und im Anschluss das Bild zur Betrachtung. 

 

Um die Auseinandersetzung mit diesen unterschiedlichen Umgangsweisen weiter anzuregen, bekommen die Nutzer*innen drei kurze Videoclips zur Auswahl. Expert*innen beziehen darin Position zu der Frage, ob und wie diskriminierende Darstellungen ausgestellt werden sollen. Zum Abschluss können die Nutzer*innen dann auch selbst Antworten geben, ob diskriminierende Darstellungen ihres Erachtens nicht mehr ins Museum gehören (a), mit Trigger-Warnungen versehen oder in eigenen Räumen ausgestellt werden sollten (b), von den Ausstellungsmacher*innen eingeordnet und erklärt werden müssen (c) und/oder für sich sprechen und keine Einordnung brauchen (d). 

 

Einbindung der Besucher*innen 

Die hier anklingende Einbindung der Besucher*innen war ein zentrales Anliegen unseres Projektes. Nutzer*innen sollten im Analogen wie Digitalen direkt angesprochen und dazu angeregt werden, sich »entdeckend« auf die Suche nach bestimmten Exponaten durch die Räume zu bewegen. An ausgewählten Stellen sollten sie entscheiden können, ob sie bestimmte Inhalte ein- oder ausblenden möchten. Und fast an jeder Station sind die Besucher*innen eingeladen, bei Interesse ihre Einschätzungen, Wahrnehmungen oder Haltungen mitzuteilen. 

 

An der ersten Station »Ausstellungsgestaltung offenlegen« werden sie mit dieser für unser Haus neuen Erzählhaltung vertraut gemacht und gleich eingangs gebeten, den Ausstellungsraum, in dem sie sich befinden, genau zu betrachten. In Folge können sie angeben, welche Elemente auf sie historisch wirken und was wiederum durch nachträgliche Eingriffe der Ausstellungsmacher*innen und Gestalter*innen in den 1990er Jahren inszeniert sein könnte – das wird in der Ausstellung selbst nicht offengelegt. An der Station »Sprache überdenken« haben Besucher*innen wiederum die Möglichkeit, das NS-DOK auf Sprechweisen aufmerksam zu machen, die sie in unseren Ausstellungstexten als problematisch empfinden. 

 

Die Antwort- und Entscheidungsmöglichkeiten sind größtenteils vorgegeben. Die Besucher*innen sollten nicht den Eindruck haben, ohne eine Aufklärung über deren Nutzung Daten über sich preiszugeben. Vielmehr sollen sie ihr eigenes Antwortverhalten nach dem Abschicken im Gesamtfeedback der anderen Besucher*innen sehen und reflektieren können. Dafür war es nötig, Fragen statistisch auswertbar zu machen und Antwortverhalten zu beschränken, um es automatisiert veröffentlichen zu können. In einigen Fällen – wie etwa bei den Begrifflichkeiten – sollten Texte aber auch frei formuliert werden können. Diese Antworten sind für die anderen Besucher*innen nicht sichtbar. 

 

Die Rückmeldungen: Erste Eindrücke

Die uns mitgeteilten Einschätzungen und Meinungen bilden auch den Schluss der Intervention: In Form einer für alle Besucher*innen sichtbaren Projektion am Ende der Dauerausstellung werden ausgewählte Ergebnisse tagesaktuell auf den Boden projiziert, und ein per Postkarte mitnehmbarer QR-Code ermöglicht es auch über den Ausstellungsbesuch hinaus, die Entwicklung des Feedbacks zu den einzelnen Fragen weiter zu verfolgen. 

 

Nach den ersten drei Monaten lassen sich erste Tendenzen erkennen: Etwa jede*r Dritte der rund 13.000 Individualbesucher*innen der Ausstellung hat seit der Eröffnung auf die digitalen Erzählungen zugegriffen, im Schnitt auf drei von zwölf. Dabei ist weder eine Zu- noch Abnahme des Interesses zum Ende oder Start des Ausstellungsrundganges hin erkennbar, vielmehr scheinen die Zugriffe thematisch begründbar: Besonders gefragt sind die Stationen zur Sprache, zur fehlenden Anbindung an den historischen Ort der Gestapo-Zentrale sowie zum Umgang mit Propaganda-Materialien. Die Freifelder lassen eine intensive und eigenständige Auseinandersetzung mit den auf­geworfenen Problemen und Ideen erkennen. Wo wir unterschiedliche Meinungen abfragen, die sich zwischen den Extrempositionen aufspannen, ist ein starker Ausschlag der gemäßigten Positionen erkennbar, der uns nicht grundsätzlich, aber in seiner Ausprägung überrascht hat. Beispielsweise sprechen sich weniger als 5 % der Nutzer*innen dafür aus, dass stereotype Darstellungen weiter wie bislang gezeigt oder aber aus der Ausstellung entfernt werden sollten. Die allermeisten (>  60 %) wünschen sich kontextualisierende Informationen und ein Drittel (>  30 %) begrüßt Trigger-Warnungen und die Möglichkeit, sich selbstbestimmt mit den Inhalten zu konfrontieren. 

 

Die Ergebnisse der Befragungen werten wir auch mit Blick auf die parallel laufende Neukonzeption der Dauerausstellung des NS-DOK aus, diskutieren sie und arbeiten daran, bis 2030 eigene Antworten auf die Frage »Wie erzählen wir NS-Geschichte heute?« geben zu können. 

 

 

Janne Grashoff, Historikerin und freie Mitarbeiterin am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. 

Im Rahmen ihres Volontariats hat sie die Intervention in der Dauerausstellung als Projektleitung gemeinsam mit Hanne Leßau kuratiert.

 

Dr. Hanne Leßau, Historikerin und Ausstellungs­macherin, seit 2020 am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln als Kuratorin tätig