Seit Oktober 2024 gibt es im und am Gebäude des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft (OSI) der Freien Universität Berlin (FU) eine neue Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes in der Ihnestraße 22. Hier befand sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A), mit dessen Geschichte sich die Ausstellung unter dem Titel »Erinnerungsort Ihnestraße. Wissenschaft und Unrecht« auseinandersetzt. Mitarbeiter*innen des Instituts vertraten bereits in der Weimarer Republik eugenische Ideen, einzelne Wissenschaftler*innen griffen auf ältere kolonialanthropologische Forschung zurück und während des Nationalsozialismus unterstützten Forscher*innen die rassistische, antisemitische und behindertenfeindliche Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialist*innen und beteiligten sich an Verbrechen. All diese Themen behandelt die sehenswerte Ausstellung, die sich über vier Etagen in den Fluren und dem Außengelände der Ihnestraße 22 verteilt. Jochen Lingelbach (Zeitschrift WerkstattGeschichte) sprach mit der Leiterin des Projekts, Dr. Manuela Bauche, über die Strukturen dahinter, die Inhalte und Aushandlungen auf dem langen Weg von den ersten Ideen bis zur Eröffnung.
Jochen Lingelbach (WerkstattGeschichte): Danke, dass du dir die Zeit genommen hast für dieses Gespräch. Bei WerkstattGeschichte interessiert uns ja die Schnittstelle von Geschichtsinitiativen und akademischer Geschichte. Und da wäre meine Frage, ob du die Entstehungsgeschichte des Erinnerungsorts hier nochmal aufdröseln könntest: Wie war die Situation, aus der heraus die ersten Initiativen entstanden, die eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes eingefordert haben? Von wem wurde diese Auseinandersetzung gestartet und in welchem gesellschaftlichen Kontext stand das Ganze?
Manuela Bauche: Die Auseinandersetzung mit dem Ort findet schon seit längerer Zeit statt. Ein früher Punkt der Auseinandersetzung, von dem wir wissen, ist der, dass Anna Bergmann, die früher am OSI studiert hatte, Anfang der 1980er Jahre im Zuge der Forschung zu ihrer Dissertation im Archiv darüber gestolpert ist, dass die Adresse Ihnestraße 22, die sie gut kannte, in Kombination mit dem KWI-A auftauchte. Sie wies den zuständigen Fachbereich der Universität bereits 1983 auf die Geschichte des Gebäudes hin. Später hat eine selbstorganisierte »Projektgruppe«, der neben Anna Bergmann Götz Aly, Gabriele Czarnowki, Annegret Ehmann und Susanne Heim angehörten, darauf hingewirkt, dass an diesem Ort etwas passiert. 1987 hat die Gruppe eine selbstfinanzierte Gedenktafel am Eingang zum Gebäude angebracht. Sie wurde zwar wieder abgenommen, aber die Presse hatte darüber berichtet und so hat dies einen Prozess ins Laufen gebracht, der dazu führte, dass die Freie Universität und die Max-Planck-Gesellschaft – als Nachfolgegesellschaft der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft – nach längerer Absprache 1988 eine offizielle Tafel neben dem Eingang aufgehängt haben. Viele hier vor Ort kennen diese Tafel und wissen auch grob, dass das irgendwie erstritten wurde. Für uns als Ausstellungsteam war es spannend, im Archiv festzustellen, dass die »Projektgruppe« damals schon eine Dauerausstellung gefordert hatte. Es gibt auch einen groben Entwurf dafür, also die angedachten Schwerpunkte der Ausstellung und eine Finanzaufstellung. Diese Ausstellung ist nie realisiert worden, aber es ist interessant, weil es unterstreicht, was wir immer sagen: dass die Ausstellung des Erinnerungsorts Ihnestraße nicht der erste Punkt in der Auseinandersetzung ist und sicher auch nicht der letzte.
Die Initiative kam also von Dozierenden?
Die Initiative kam in den 1980er Jahren von Forscher*innen, die zum Teil mit dem OSI verbunden waren. Dann gab es in den 2000er Jahren von studentischer Seite mindestens zwei Initiativen, auf diese Geschichte hinzuweisen. Einerseits hat sich aus einem Seminar von
Bilgin Ayata heraus eine Gruppe gebildet, die eine Sonderausstellung erarbeitet hat, die auch im Foyer der Ihnestraße 21 gezeigt wurde. Die hat sich vor allem mit den kolonialen Bezügen des KWI-A auseinandergesetzt; auch eine begleitende Website wurde erstellt, Manufacturing Race, die es immer noch gibt. Ein wichtiger Katalysator war letztendlich, dass ab 2014 bei Bauarbeiten Knochenreste auf dem Gelände gefunden wurden. Die FU ist daraufhin in der Presse stark kritisiert worden, da sie nicht verhindert hat, dass diese Knochenfunde ohne Untersuchung kremiert wurden. In diesem Kontext hat sich eine studentische Gruppe, auch aus einem Seminar heraus, bei dem damaligen FU-Präsidenten dafür stark gemacht, dass zu dem Thema etwas passieren müsste. Sie haben dann tatsächlich erfolgreich Mittel für eine Stelle erstritten und das ist die Stelle, die ich jetzt innehabe und so ist dieses Projekt in die Gänge gekommen. Es war zuerst gar kein Ausstellungsprojekt, sondern ein Projekt zur Auseinandersetzung mit dieser Geschichte, aus dem heraus das Ziel der Ausstellung geboren wurde. In Bezug auf die generelle Frage, wann Initiativen wie diese sich erfolgreich verstetigen können, würde ich immer argumentieren, dass Institutionen selbst nur auf Druck hin reagieren, wie etwa bei der Gedenktafel auch. Das ist ja in vielen Aufarbeitungsgeschichten so. Im Falle der FU kommt noch hinzu, dass sie als Institution mit dieser Geschichte nur mittelbar verbunden ist.
Hierzu habe ich mich auch gefragt, welche Rolle der Umstand spielt, dass die FU nicht die Nachfolgeorganisation des KWI-A ist. Sie nutzt das Gebäude, aber es gibt da einen institutionellen Bruch mit der Gründung der FU 1948. Daran anschließend meine Frage: Ist das wirklich so eine Zäsur oder gibt es da auch Kontinuitäten von Mitarbeitenden?
Eine wichtige Frage, die leider in der Ausstellung etwas kurz kommt. Uns wurde selbst erst relativ spät richtig klar, dass man das zu einem größeren Thema hätte machen können. Die FU ist natürlich keine Nachfolgeinstitution des KWI-A. Die Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ist die Max-Planck-Gesellschaft. Und ich würde sagen, lange Zeit haben sich viele FU-Akteur*innen auch darauf ausgeruht zu sagen, das ist eigentlich nicht unsere Geschichte. Aber es ist nicht ganz so einfach, weil es tatsächlich personelle Kontinuitäten gab und es durchaus wert ist, sich auch aus der Perspektive der FU-Angehörigen mit diesen Bezügen auseinanderzusetzen. Das eine ist natürlich, dass die FU dieses Gebäude und das Gelände geerbt hat und deswegen in der Verantwortung ist, wenn dort zum Beispiel Knochenfunde erfolgen.
Das andere ist, dass es tatsächlich zwei Fälle klarer personeller Kontinuität in die FU gibt. Der eine ist Hans Nachtsheim, der die Abteilung für Erbpathologie am KWI-A geleitet hat. Er hat dort an der Frage gearbeitet, wie Krankheiten vererbt werden und hauptsächlich an Tieren geforscht, die hier in Tierställen gehalten wurden. Relativ spät bekannt geworden ist, dass er auch an Menschen geforscht und sogar an Kindern experimentiert hat. Die Kinder waren in der »Euthanasie«-Anstalt Brandenburg-Görden interniert und er hat sie in seinen Experimenten großen Gefahren ausgesetzt. Unter anderem hat er mit ihnen Unterdruckexperimente gemacht, sie also Unterdruck ausgesetzt, um zu prüfen, ob dies epileptische Anfälle auslöst. Er hat sie Angst ausgesetzt und körperlichen Schmerzen. Er hat also die Forschungskontexte des NS für seine Zwecke genutzt. Hans Nachtsheim war nach dem Krieg erst an der HU, aber weil er nichts mit dem Sozialismus anfangen konnte, wechselte er wenig später an die West-Berliner FU und baute hier das Institut für Genetik auf. Zu der Zeit kam in der BRD nochmal eine Debatte über eugenische Sterilisationen auf und Hans Nachtheim gehört zu denjenigen, die sich dafür aussprachen, solche Maßnahmen wieder einzuführen. Das heißt, es gab schon sehr deutliche Kontinuitäten im Personal, aber auch im Denken und in den Ideen, die in die FU reingetragen wurden. Die andere Person ist Hermann Muckermann, der die Abteilung für Eugenik am KWI-A geleitet hat. Er ist eine interessante Figur, weil er der Einzige war, der 1933 gehen musste. Er war zwar Eugeniker, aber auch Jesuit und geweihter katholischer Priester und hatte am Institut auch die Rolle, eugenische Ideen in katholische Kreise zu tragen. Die katholische Kirche gehörte zu den wenigen Institutionen, die der Eugenik und der Idee von Sterilisation kritisch gegenüberstand. Genau deswegen hatte er eine wichtige Rolle, musste aber 1933 gehen, weil die Nationalsozialisten Zweifel an seiner Verlässlichkeit hatten. Er überlebte den NS unbeschadet und wurde nach dem Krieg ordentlicher Professor an der TU, hatte gleichzeitig eine Honorarprofessur an der FU und baute in der früheren Direktorenvilla hier auf dem Gelände ein neues »Institut für angewandte Anthropologie« auf. Er selbst verstand es als die direkte Nachfolge des KWI-A. Das tat allerdings nur er so, denn es war weder die direkte Nachfolge noch hatte es eine vergleichbare Bedeutung. Muckermann lehrte auch an der FU und betreute hier Doktorarbeiten, von denen viele eugenische Gedanken verfolgten, die auch am KWI-A eine Rolle gespielt haben. Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass dieser Bruch nicht ganz so klar ist. Die Struktur des Instituts gab es nach 1945 nicht mehr, aber es gab vor Ort diese beiden personellen Kontinuitäten. Und es gab in viele andere Universitäten Kontinuitäten, weil alle Abteilungsleiter später Professuren innehatten. Hans Nachtsheim baute hier in der Straße das auf, was heute das Max-Planck-Institut für Molekularbiologie ist. Die ehemaligen KWI-A Wissenschaftler*innen waren nach 1945 weiterhin einflussreich und wurden in der Humangenetik als »Dahlemer Kreis« bezeichnet.
Hat dieser institutionelle Bruch auch dazu beigetragen, dass es erst relativ spät eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte gab? Als die kritische Auseinandersetzung in den 1960er Jahren stärker wurde und viele nach der NS-Geschichte ihrer Institutionen fragten, war die FU mit dem Gründungsjahr 1948 ja scheinbar fein raus.
Ich kenne leider die Geschichte der Studierendenbewegung an der FU nicht gut. Es wäre tatsächlich interessant zu gucken, inwiefern hier auch eigene institutionelle Strukturen beleuchtet wurden. Die FU jedenfalls erinnert sich gerne als eine, die auch aus einer Kritik am NS herausgebildet wurde. Aber Historiker*innen, die sich die Geschichte der FU-Gründung genauer angeschaut haben, stellten fest, dass der Anteil an ehemaligen Nazis im FU-Professorium nicht geringer war als an anderen westdeutschen Unis. Die FU ist in der Hinsicht überhaupt keine Ausnahme.
Jetzt ein Sprung zu der Ausstellung. Wie bist du selbst dazu gekommen und wer war noch beteiligt? Du hast gemeint, die Knochenfunde 2014 waren eine Art Initialereignis, das dazu führte, dass eine Stelle ausgeschrieben wurde.
Die Studierendengruppe ist 2017 an das Präsidium herangetreten, als das Thema der Knochenfunde noch präsent war. Die Stelle ist 2018 eingerichtet worden und ich habe am 1. Januar 2019 hier angefangen. Es war eigentlich eine einsame Postdoc-WiMi-Stelle, die ich mir aber sehr bald mit meinem Kollegen Volker Strähle geteilt habe. Es war mir wichtig, nicht alleine über dieses Thema nachzudenken. Volker hatte selbst am OSI studiert, hatte sich mit der Geschichte des KWI-A befasst und war mit NS-Geschichte und dem Kontext der Gedenkstättenarbeit vertraut. Ich selbst habe zu Medizin-, Biologie- und Kolonialismusgeschichte geforscht. Wir haben uns die Stelle geteilt, für die es keine genaue Stellenbeschreibung oder Aufgabenstellung gab. Die Stelle hieß offiziell eher vage »Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ihnestraße 22 (ehemaliges Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik)«.
Das heißt, die Ausstellung war noch nicht das klare Ziel?
Nein, gar nicht. Es war eine Stelle, die geschaffen wurde, um anzuregen, dass etwas zu diesem Thema passiert. Wir haben erst mal eruiert, was es bereits gibt und wer zu dem Thema Forschung betrieben hat. Wir haben uns mit Personen zusammengesetzt, die schon länger zu dieser Geschichte forschen und mit Personen, die Opfergruppen repräsentieren, die sich mit der Geschichte des KWI-A verbinden, und eine Bedarfsermittlung gemacht. Dabei wurde deutlich, dass ein großer Wunsch besteht, den Ort stärker zu markieren und ein Informationsangebot zur Verfügung zu stellen. So ist die Idee der Ausstellung entstanden. Dann mussten wir zunächst Mittel für die Produktion akquirieren und das Team erweitern. Wir wurden von zwei Beiräten begleitet, einem wissenschaftlichen Beirat, der auch wirklich intensiv inhaltlich gearbeitet und nicht einfach nur abgenickt hat. Alle Mitglieder hatten einen Bezug oder eine Expertise, die sich mit der Geschichte des Ortes oder mit bestimmten Verfolgungsgeschichten verbinden. Und wir hatten einen Beirat aus Selbstorganisationen von Personen, die für Opfergruppen einstanden. Diesen beiden Gremien haben wir regelmäßig unsere Arbeit vorgestellt und zentrale Fragen mit ihnen besprochen.
Diese ganz verschiedenen Gewaltgeschichten zusammenzubringen, ist ja etwas Spezielles an diesem Erinnerungsort. Hattet ihr Konzepte oder auch konkrete Projekte, die euch da als Vorbild oder Inspiration dienten? Wie fängt man so etwas an?
Die erste Herausforderung hier war ja, eine Ausstellung in einen Raum zu integrieren, der sich in Nutzung befindet. Es ist ja kein Gebäude, das in die alleinige Nutzung als Erinnerungsort oder Gedenkstätte überführt wurde. Und ich finde das auch wichtig, denn es gibt so viele Orte in diesem Land, die heute alltäglich genutzt werden und zugleich eine frühere sensible Geschichte haben. Wir können sie gar nicht alle in Gedenkstätten überführen. Gleichzeitig kann mit Markierungen, die eine*n im Alltag über diese Geschichten stolpern lassen, deutlich gemacht werden, wie allgegenwärtig Unrecht in diesem Land war. Die Herausforderung war: Wie können wir eine Ausstellung in einen alltäglich genutzten Raum integrieren? Es gibt einige vergleichbare Orte wie den Gedenkort Charité im Psychiatrie-Gebäude der Charité oder die Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden. Sie erinnert an ein ehemaliges Landgericht und Gefängnis mit Hinrichtungsstätte, an einem Ort, der heute auch von der TU Dresden genutzt wird. Wir haben uns aber tatsächlich weniger an Vorbildern orientiert und stark vom konkreten Ort her gedacht und ausgehend von dem, was wir über die frühere Nutzung der Räume wissen.
War von vornherein klar, die Ausstellung über die Flure des ganzen Gebäudes zu verteilen? Alternativ hätte man ja auch in ein, zwei Räumen eine Gedenkstätte einrichten können.
Uns wurde von Anfang an gesagt, dass es keinen eigenen Raum geben wird. An der Uni wird ja klassischerweise über Raummangel geklagt, aber ich fand das eigentlich nie ein Problem. Mir schien es eine große Chance zu sein, die Ausstellung in den genutzten Raum zu integrieren, weil Leute dann auch zufällig darüber stolpern und angeregt werden, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Eine Ausstellung in einem separaten Raum schauen sich nur Personen an, die gezielt kommen. Es gab aber auch andere Ideen. Wir hatten zunächst überlegt, es viel minimalistischer anzugehen. Wir wussten von alten Grundrissen, wie die Räume genutzt wurden. Eine Idee war deshalb, die Räume im Gebäude mit alternativen Türschildern zu markieren, also die aktuellen Türschilder durch Informationen zu ergänzen, die darauf hinweisen, wie die Räume früher genutzt wurden, mit einem QR-Code oder ähnlichem, wo man sich dann online vertiefter dazu informieren kann. Aus verschiedenen Gründen sind wir davon abgekommen. Es wäre minimalistischer gewesen, aber auch komplizierter im Zugang. Man wäre weniger darauf gestoßen als jetzt, wo die Ausstellung offensichtlich im Raum ist. Außerdem glaube ich, dieses Interesse für die frühere Raumnutzung ist vielleicht eher etwas, was man als Historikerin spannend findet, was aber für viele andere gar nicht so attraktiv ist.
Nochmal zurück zu den verschiedenen Opfergruppen und Gewaltgeschichten aus Kolonial- und NS-Kontexten. Das wirkt jetzt von außen alles sehr harmonisch, respektvoll und gleichberechtigt. Da ist es vielleicht eine blöde Frage, aber: War das immer so oder gab es auch Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen?
Nein, tatsächlich gab es im Beirat keine Konflikte darüber. Wir haben immer sehr transparent gemacht, woran wir arbeiten und beiden Beiräten, sowohl dem wissenschaftlichen als auch dem Selbstorganisationen-Beirat, das Ausstellungsdrehbuch und sämtliche Ausstellungstexte zur Verfügung gestellt. Sie hatten also detaillierte Informationen darüber, wie wir was erzählen und es haben einige Beiratsmitglieder tatsächlich akribisch kommentiert. Es gab durchaus erwartbare aber wichtige Diskussionen, zum Beispiel darüber wie bestimmte Begriffe genutzt werden. Ein anderes Beispiel war die Frage der Anonymisierung von Opfern oder wie und welches Material gezeigt werden sollte und welches nicht. Darüber wurde viel gesprochen, aber ich habe zu keinem Zeitpunkt ein Unwohlsein darüber gespürt, dass eine bestimmte Gruppe weniger abgebildet sei oder unterschiedliche Geschichten zusammen verhandelt werden. Diese Debatten werden ja vor allem im Feuilleton und in der größeren Öffentlichkeit hitzig geführt. Wenn man aber von der Geschichte des Ortes aus denkt, kann man es gar nicht anders erzählen. Es ergibt sich wirklich zwingend aus dem historischen Gegenstand. Wir erzählen hier etwa von Personen, die Opfer einer eugenischen Zwangssterilisierungspolitik wurden und die als Jüdinnen und Juden verfolgt wurden aufgrund der Nürnberger Rassegesetze. Das Institut hat dafür Gutachten geliefert. Und wir erzählen von einem kolonialen Mord, der mit der Sammlung des Instituts zusammenhängt. Es ist ja alles auf die Geschichte des Instituts bezogen und nicht so, dass wir uns hingesetzt und überlegt hätten, wir wollen jetzt ein Opfer dieser oder jener Identität. Menschen, die wir unterschiedlichen Opfergruppen zurechnen, kommen hier einfach zusammen. Vielleicht ist das ist der Grund, dass das niemandem aufstößt, denn es ist sehr klar, dass sich das aus dem historischen Gegenstand heraus ergibt. Gleichzeitig differenzieren wir auch. So verbindet sich die Geschichte von Uikabis und Nabnas, die in Namibia ermordet wurden und deren Überreste in die Sammlung des KWI-A übergingen, mit einem anderen politischen Kontext als zum Beispiel die Geschichte von Heinz Alexander. Von ihm erzählen wir, da er im Zuge der Nürnberger Rassegesetze aufgrund eines Gutachtens des späteren Institutsdirektors Otmar von Verschuer als Jude definiert und verfolgt wurde, woraufhin er fliehen musste. Das sind unterschiedliche Kontexte und Verfolgungslogiken, aber das wird auch deutlich.
Ein anderes Spannungsfeld ist das zwischen Geschichtsinitiativen als Teil sozialer Bewegungen und akademischen Institutionen. Ich habe mich gefragt, wie du das als Person, die in beiden Bereichen zu Hause ist, so erlebt hast, auch in Bezug auf die doppelte Beiratsstruktur. Bei dem wissenschaftlichen Beirat gehe ich davon aus, dass das Leute sind, die in akademischen Institutionen arbeiten. Der Selbstorganisationen-Beirat kommt eher aus politischen Bewegungen und der Zivilgesellschaft. Gab es da unterschiedliche Interessen, Ansprüche oder Herangehensweisen?
Ich sehe nicht, dass es einen konfligierenden Anspruch zwischen einem wissenschaftlichen und einem politischen Interesse gab. Es ist ja klar, dass mit einer solchen Ausstellung ein erinnerungspolitisches Interesse verbunden ist. Einerseits ist es eine wissenschaftlich-historische Ausstellung, andererseits ist eine Ausstellung auch immer ein Format, das an die Öffentlichkeit will und einen bestimmten Punkt machen möchte. Es ist ein Format, das aufrütteln möchte und damit einen erinnerungspolitischen Aspekt hat. Ich bin grundsätzlich keine Freundin dieser Trennung, und letztendlich macht diese Ausstellung ja auch den Punkt, dass Wissenschaft und Politik nicht voneinander zu trennen sind – nicht nur in Unrechtskontexten, sondern grundsätzlich. Ich fand deshalb die Trennung in zwei Beiräte eigentlich konzeptionell schwierig und nicht zu unserem Verständnis passend. Diese Akteursgruppen sind nämlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Es hatte praktische Gründe, dass wir so vorgegangen sind. Es gibt bestimmte Fragen, die wir eher im Selbstorganisationen-Beirat besprochen haben und wo es auch Sinn gemacht hat, diese nicht noch mit Personen zu besprechen, die ausschließlich einen wissenschaftlichen Hut aufhaben, weil wir so auch ein Stück weit einen geschützteren Raum herstellen konnten. Die Geschichte des KWI-A betrifft die Menschen, die im Selbstorganisationen-Beirat vertreten waren, ja auf eine andere Art und Weise, als Personen, die hauptsächlich einen wissenschaftlichen Zugang zu dieser Geschichte haben. Es hatte von daher schon seine Berechtigung, aber es ist trotzdem eine künstliche Trennung.
Wenn wir uns die Zusammensetzung der Beiräte anschauen, ist es zudem so, dass auch Personen im wissenschaftlichen Beirat saßen, die ihre Forschung auch als politisch verstehen. Uns ist es bisher nicht begegnet, dass jemand gesagt hätte, diese Ausstellung sei unwissenschaftlich oder zu aktivistisch. Was ich eher bedauere, ist, dass wir es nicht geschafft haben, im Ausstellungsnarrativ die Auswirkungen bis heute stärker zu thematisieren. Dieser Anspruch war vor allem aus der Zusammenarbeit mit den Selbstorganisationen hervorgegangen. Wir erzählen diese Geschichte ja nicht, weil sie Geschichte ist, sondern weil eugenische Ideen und Rassismus ja auch heute eine Relevanz haben. Unser Anspruch war auch eine stärkere Verbindung zum Heute schaffen. Wir ziehen diese Verbindung für die 1950er und 1960er Jahre im Kontext von Täterbiografien, aber wir wollten eigentlich zeitlich weitergehen, gerade in Bezug auf eugenische Ideen. Das haben wir nicht geschafft. Deshalb ist diese Ausstellung sehr historisch ausgerichtet und bietet darum wahrscheinlich wenig Angriffsfläche. Ich finde das ja eigentlich schade.
Konnte die FU als Institution bei den Inhalten mitreden? Mussten Texte abgesegnet werden?
Nein, die FU-Leitung hat uns sehr unterstützt. Das muss man wirklich sagen. Wir haben der FU- und auch der OSI-Leitung von uns aus die Ausstellungstexte zur Verfügung gestellt, ohne dass jemand gefragt hätte. Es ist ja schließlich eine FU-Ausstellung. Wir haben auch den anderen Förderinstitutionen vorab die Ausstellungstexte zur Verfügung gestellt. Es war uns gerade im Kontext aktueller Debatten wichtig, schon auch um uns absichern und damit nicht im Nachhinein jemand behaupten kann, er*sie hätte diese Texte nicht gesehen und sei nicht einverstanden mit dem Narrativ. Ich weiß, dass sie im Präsidium gelesen wurden, aber es gab keine inhaltlichen Eingriffe. Da wurde uns tatsächlich vertraut. Ist ja auch mal gut, dies festzuhalten.
Was in Begegnungen wie Rundgängen am ehesten Diskussionen auslöst, ist, dass wir in der Ausstellung den Punkt stark machen, dass Wissenschaft nicht grundsätzlich davor gefeit ist, von Unrecht zu profitieren und an Unrecht zu partizipieren. Und dass eben wie Hans-Walter Schmuhl das in einem Zitat in der Ausstellung formuliert, Wissenschaft aus sich heraus keine ethischen Grenzen kennt, sondern dass die Gesellschaft diese Grenzen setzen und aushandeln muss. Das ist tatsächlich etwas, das immer wieder aufstößt. Wir haben uns sehr bewusst dafür entschieden, diese These stark zu machen, und in der Wissenschaftsgeschichte gibt es darüber auch einen weitgehenden Konsens. Die Geschichte der Wissenschaften im Nationalsozialismus bildet hier das Paradebeispiel, das zeigt: Hier erfolgte kein »Missbrauch« der Wissenschaft, sondern Wissenschaftler*innen haben freiwillig partizipiert. Wissenschaft, so unser Argument und das vieler Wissenschaftshistoriker*innen, nutzt die Bedingungen, die ihr zur Verfügung stehen: wenn dies enge ethische Grenzen sind, muss sie sich an diese halten; wenn, wie im Falle des NS, die Bedingungen radikale Entmenschlichung ermöglichen, dann nutzt Wissenschaft auch diesen Rahmen. Das ist etwas, was tatsächlich häufig aufstößt und ich denke, das beruht auf der Vorstellung, dass eine methodisch sauber geführte Wissenschaft auch eine ethisch gute Wissenschaft sei. Es ist interessant, wie wirkungsvoll die Idee ist, dass Wissenschaft aus sich heraus ethische Grenzen hat, eine Idee, die Wissenschaft gewissermaßen aus dem Gesellschaftskontext herauslöst.
Es gibt die Ausstellung ja noch nicht lange, aber gibt es schon Einblicke, was die Ideen oder Themen sind, mit denen Besucher*innen herkommen? Was treibt Leute an, die Ausstellung zu besuchen? Was sind die Themen, die sie erwarten?
Leider wissen wir es nicht genau, denn die meisten Besucher*innen kommen ja einzeln. Wenn ich Rundgänge gemacht habe, waren die meistens für Mitarbeitende, die eine grobe Idee von der Geschichte hatten. Häufig wird gesagt, das KWI-A war ein Rasseforschungsinstitut und das stimmt insofern, als dass es hier Forschung zu sogenannten Rassenkreuzungen gab oder zur Entwicklung von Tests, die es ermöglichen sollten, die vermeintliche Rasse einer Person nachzuweisen. Am KWI-A wurde aber auch zu ganz anderen Dingen geforscht, etwa ganz allgemein zu Fragen von Vererbung, die nichts mit der Idee von Rasse zu tun hatten. Es wurde auch zu Vererbung geforscht, um biopolitische Eingriffe zu legitimieren und vermeintliche Erbkrankheiten zu verringern. Obwohl im Institutstitel der Begriff Eugenik vorkommt, wissen eher Wenige, dass das Institut an der Ausformung einer eugenischen Bevölkerungspolitik beteiligt war, die nicht immer unmittelbar an die Idee von Rasse anknüpfte. Viele sind erschüttert, wenn sie hören, dass 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden. Viele wissen hingegen, dass es eine enge Verbindung zwischen diesem Institut und dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gab. Aber es gab auch Verbindungen nach Sachsenhausen und zu anderen Lagern und sehr viele zu Anstalten für Krankenmorde, worüber es weniger Wissen gibt. Interessanterweise wird zudem vor allem die Figur Josef Mengele stark erinnert, obwohl Mengele nie Mitglied des Instituts war. Er hatte beim zweiten Institutsdirektor Otmar von Verschuer promoviert und ließ als sogenannter Lagerarzt in Auschwitz Blutproben und präparierte Körperteile von Internierten bzw. Ermordeten an das KWI-A schicken, es war also eine wichtige und folgenreiche Verbindung. Das Institut hatte aber wie gesagt Verbindungen zu Mordstätten des NS. Daneben gibt es Besucher*innen und Gruppen, die sich speziell für die erinnerungspolitischen Debatten der letzten Jahre interessieren und den Ort als einen anschauen wollen, der unterschiedliche Unrechtsgeschichten erzählt. Und es gibt wiederum Personen, die erwarten, dass sie hier einen »postkolonialen Ort« finden, einen Ort, an dem Kolonialgeschichte thematisiert wird. Selbstverständlich erzählen wir vom wichtigen Einfluss der kolonialen Anthropologie auf die Forschung des KWI-A, aber auch das ist nur ein Strang eines komplexeren Narrativs. Es gibt also viele verschiedene Erwartungen, von denen ich hoffe, dass sie vor Ort etwas verkompliziert werden.
Wie ist denn die Resonanz bisher? Kriegt ihr mit, wenn Leute hier im Alltag durch die Ausstellung gehen? Oder ist das eher bei den Rundgängen?
Es gibt beides. Es gibt Seminargruppen, die anfragen und es gibt auch Gruppen, die selbstorganisiert ohne Rundgang kommen. Wir können vor allem die Einzelbesucher*innen nicht wirklich erfassen. Ich frage Besucher*innen auch mal, was sie herführt. Manche wohnen in Dahlem und kommen hier zufällig vorbei, weil sie die Ausstellungstafel draußen gesehen haben. Aber zum größten Teil sind es schon eher Seminargruppen oder Gruppen, die extra zur Ausstellung kommen. Ich habe auch Rundgänge mit Kolleg*innen von der FU gemacht, zum Beispiel mit dem Biologieinstitut oder den Historiker*innen.
Im Einführungstext schreibt ihr, mit dieser Ausstellung ist die Auseinandersetzung nicht abgeschlossen, sondern sie geht weiter. Und das wäre jetzt die letzte Frage: Wie geht es weiter?
Es gibt zunächst ein Rundgang-Angebot mit externen Guides in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft. Das ist toll, weil wir das gerade aus unseren dünnen Kapazitäten heraus nicht stemmen können. Daneben sitzen wir gerade daran, ein eigenes Rundgang-Angebot aufzubauen. Wir sind in einem super netten, spannenden Austausch mit anderen Bildungsinstitutionen in Berlin, um dann vielleicht ein Seminar anzubieten, aus dem heraus man mit Studierenden Rundgänge gestalten und Guides gewinnen kann, die im Peer-to-Peer-Verfahren andere anlernen. Ich erlebe auch in den Seminaren, dass Studierende sich wirklich für dieses Thema interessieren und motiviert sind, etwas dazu zu machen. Die Ausstellung soll ja nicht einfach so dastehen, sondern genutzt werden und das wäre eine aktive Nutzung, wenn Studierende einen eigenen Rundgang mit eigenen Schwerpunkten entwickeln würden. Daneben gibt es ganz praktische Dinge, wie die bessere Vernetzung mit anderen Orten, die zu Wissenschaft und Unrecht arbeiten. Gerade in Berlin gibt es ja einige und auch bundesweit sind wir dabei. Darüber hinaus forscht man bei Ausstellungen ja immer Themen an, aber man forscht sie nicht aus. Da gibt es einfach sehr viele lose Enden, an denen wir viel gesammelt haben und bei denen es Wert wäre, nochmal weiter zu forschen. Ein Beispiel ist die Geschichte der Zwangssterilisationen von asiatisch-deutschen und afrodeutschen Kindern. Da haben wir über 100 Opfernamen gesammelt, die in der Forschung nicht bekannt sind. Wir erzählen auf der Website und in der Ausstellung zusammengenommen vielleicht drei dieser Geschichten. Da wäre es schön, dafür nochmal Mittel zu akquirieren, um jemanden zu finden, der*die vielleicht Lust hätte an dem Thema tiefer zu arbeiten. Das ist nur ein Thema unter vielen. Die Verbindung zwischen dem KWI-A und der FU ist ein anderes Thema.
Macht ihr noch weitere Veranstaltungen dazu? Die Ausstellung steht ja jetzt erst mal so, wie sie ist. Es ist ja eine Dauerausstellung.
Es gibt auch noch die sehr umfangreiche Internetseite, da könnten wir noch tiefer gehende Informationsangebote oder Publikationen veröffentlichen. Aber die Idee ist natürlich, dass die Ausstellung als Ort belebt wird. Dazu könnte auch gehören, öffentliche Veranstaltungen zu machen. Die Verzahnung mit der Lehre wird noch wichtiger werden. Es ist auch denkbar, aus einem Seminar heraus eine Ergänzung zur Ausstellung zu entwickeln. Es gibt ja sehr viele Themen, mit denen man andocken kann und auch viele, die in der Ausstellung unterbelichtet sind. Ein Beispiel wären die internationalen Beziehungen des KWI-A zu anderen vergleichbaren Instituten. Das ist ein wichtiges Thema, das deutlich machen kann, dass dieses Institut nicht randständig war und die Idee der Eugenik und die Einbindung der Humangenetik in eugenische Ideen keine Spezifik dieses Instituts war. Tatsächlich war es in Nordamerika und Europa seit Ende der 1920er Jahre Standard und eugenische Politiken omnipräsent. Im September 2025 haben wir mit Kolleg*innen der Universitäten Leipzig und Frankfurt/Main einen internationalen Workshop durchgeführt zu der Frage, wie Ideen, die am KWI-A geprägt wurden, in verschiedene Länder gewandert sind und auch andersrum. Da geht es zum Beispiel um internationale Gastwissenschaftler*innen, die am KWI-A waren und dann nach Indien, in die skandinavischen Länder, Japan oder China zurückgegangen sind und dort Ideen von Rasse in die lokalen Kontexte übertragen haben.
Danke für das Gespräch, die Einblicke in die spannende Ausstellung und viel Erfolg für die weitere Arbeit.