Im Januar 2018 schlug Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in Berlin, vor, jede Person, die in der Bundesrepublik lebt, sollte einmal in ihrem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht haben1. Sie war nicht die erste, die diese Überlegung formulierte. Bereits einige Monate vorher hatte Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, diesen Vorschlag als Forderung geäußert2 – beide offensichtlich in der positiven Absicht, die Gedenkstätten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen sowie in dem Vertrauen, dass eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik zu einer Sensibilisierung gegen undemokratische und rechte Einstellungen führe. Der Protest von Vertretern der Gedenkstätten war groß, ihre Argumente wurden möglicherweise durch die Medien übertrieben dargestellt, um die Debatte spannender zu gestalten. Aber ob laut oder leise, offensiv oder vorsichtig formuliert: Aussagen, dass man mit Zwangsbesuchen von Gedenkstätten den staatlich verordneten Antifaschismus in der DDR assoziiere und Gedenkstättenbesuche nur auf freiwilliger Basis stattfinden sollten, führen leider von zentralen Fragen weg, die im Kontext von Gedenkstättenbesuchen unbedingt interdisziplinär geführt werden sollten.
Zunächst ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass der überwiegende Teil der Besuchergruppen, die in die Gedenkstätten kommen, schon heute nicht freiwillig die historischen Orte besuchen. Das gilt nicht nur für Schulklassen, sondern in der Regel auch für die Berufsgruppen, wie Krankenpflegepersonal, Polizei, Bundeswehr, Strafvollzugsbeamte oder Rechtsreferendarinnen und -referendare sowie Vertreterinnen und Vertreter der Finanz- und Kommunalverwaltung. Eine Ausnahme bilden in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (GHWK) die über die Gewerkschaften ausgeschriebenen Seminare für spezifische Berufsgruppen. Selbst die Erwachsenengruppen, die über das Bundespresseamt in die Gedenkstätten gebracht werden, kommen aufgrund der Entscheidung eines Programmgestalters oder -gestalterin sowie dem Wunsch der Abgeordneten. Bei Jugendlichen in Schulklassen scheint das Ziel des Besuches, das von den Lehrenden oder den Schulen definiert wird, mehrheitlich in der Wissensvermittlung zu liegen, was sich an den Besuchskontexten erkennen lässt. Die Überlegung, dass der Lernprozess durch den historischen Ort und der damit vermuteten emotionalen Erfahrung vertieft wird, spielt dabei eine wichtige Rolle. Bei den Berufsgruppen, insbesondere denjenigen, deren Aufgaben besonders eng mit Menschenrechtsfragen verbunden sind, stehen mehr oder weniger offensichtlich Ziele der Prävention und Sensibilisierung im Vordergrund.
Im Rahmen der Übungen von »Verunsichernde Orte« zur Selbstreflexion eigener Haltungen für Gedenkstättenmitarbeitende, gibt es auch diejenige zur Frage, ob ein Besuch in einer Gedenkstätte ausschließlich freiwillig erfolgen solle. Ich finde es sinnvoll, dass dies nicht so ist. Freiwillige Besuche müssten aus dem schulischen Kontext gelöst werden – Schule und Freiwilligkeit sind nicht wirklich kompatibel –, also beispielsweise nachmittags stattfinden. Viele Jugendliche würden sich gegen einen Besuch entscheiden. Nicht, weil sie gegen die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Orte wären oder »schlechtere Menschen« sind. Sondern aus ihren spezifischen Befindlichkeiten heraus, etwa einer vermuteten langweiligen Führung, wie sie meinen, sie aus einem Museum zu kennen. Auch Erwachsene in Berufsgruppen würden sich gegen den Besuch entscheiden, weil sie meinen, die Geschichte schon ausreichend zu kennen oder selbstständig einen Zusammenhang zwischen der Geschichte und aktuellen Tätigkeitsfeldern ihrer Berufsgruppe herstellen und eine ablehnende Haltung gegen eine vermutete moralisierende Veranstaltung einnehmen.
Mitarbeitende in Gedenkstätten hätten also bei absoluter Freiwilligkeit viel geringere Chancen, in Kontakt mit Gruppen zu kommen, bei denen sich im Rahmen unterschiedlicher Bildungsformate nicht selten eine positivere Haltung gegenüber der Gedenkstätte im Laufe des Besuch selbst einstellt, als sie zunächst vorherrschte. Kurz: Ich halte es für vertretbar, dass Entscheidungen über Besuche der historischen Orte von Verantwortlichen für Gruppen getroffen werden.
Damit diese aber insbesondere für die Besucherinnen und Besucher sinnhaft und produktiv sein können, muss erheblich an den Bedingungen der Besuche gearbeitet werden.
In Berlin und offensichtlich auch in einigen anderen Bundesländern fallen Gedenkstättenbesuche, wie Exkursionen zu anderen außerschulischen Lernorten, in die Kategorie »Unterricht am anderen Ort«. Vermutlich kennen die meisten Jugendlichen die organisatorische Rahmung der Besuche nicht. Die organisierenden Lehrkräfte werden dadurch jedoch in das Korsett der Unterrichtsgestaltung gedrängt, Themenwahl und Zeitpunkt des Besuches stark vom Unterrichtsverlauf abhängig zu machen und dabei das Gefühl zu haben, alleine entscheiden zu müssen. Da bleibt in der Regel kaum Raum um beispielsweise die Themenwünsche der Schülerinnen und Schüler abzufragen. Gleichzeitig ist den Jugendlichen oft die moralische Konnotation der Orte in unterschiedlichem Maße oder Reflexionsgrad bewusst. Das heißt, sie spüren (auch wenn sie sie vielleicht nicht genau definieren können) die mit der Gedenkstätte verbundene Erwartung hinsichtlich eines besonderen Lerneffekts. Wird kein Raum für eigene Erwartungen und Wünsche gegeben, entsteht für sie eine paradoxe Situation oder Gefühlslage, die sich im schlechtesten Fall sogar auf eine Haltung gegenüber dem zu behandelnden Thema auswirken kann. Für die Lehrkräfte selbst bedeuten Exkursionen in Gedenkstätten oft eine große Anstrengung. Gerade angesichts der Diskussionen um Unterrichtsausfall, Lehrermangel oder weniger Unterrichtszeit durch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre sind Fahrten zu historischen Orten oft nicht gern gesehen. Die Zeit, die für die Klärung der Frage aufgebracht werden muss, ob eine Fahrt stattfinden kann, ist vielfach so lang und aufwendig, dass keine Energie für eine Vorbesprechung mit den Jugendlichen zum Zielort und für deren Wünsche bleibt.
So wäre ein wichtiger Aspekt, Gedenkstättenbesuche organisatorisch so einzubinden, dass – nach der grundsätzlichen Entscheidung durch die Lehrkraft – die Bedingungen gegeben sind, Inhalt und pädagogisches Format durch die Gruppe mit festlegen zu lassen, im Sinne demokratischer Partizipation. Diese Überlegung gilt ebenso für die Besuche von Erwachsenen, ungeachtet, ob die Teilnehmenden sich noch im Ausbildungsverhältnis befinden (z.B. Krankenpflegepersonal, zukünftige Polizistinnen und Polizisten und angehende Strafvollzugsbeamte) oder bereits seit längerem in ihrem Beruf tätig sind. Auch ihnen sollte unbedingt die Möglichkeit gegeben werden, vor dem Besuch inhaltliche, methodische Wünsche zu äußern oder auch Bedenken und Ängste zu formulieren.
Die Mitarbeitenden in Gedenkstätten sind sich seit Langem der beschriebenen Problematik bewusst. In der GHWK versuchen wir uns inhaltlich und methodisch so »fit« zu machen, dass wir in der Lage sind, zu Beginn eines Seminars flexibel das gesamte Programm anzupassen, wenn wir feststellen, dass die Bedürfnisse der Teilnehmenden anders gelagert sind als telefonisch angekündigt. Oder wir nutzen Methoden, die bewusst die Sammlung der Fragen der Teilnehmenden in den Ablauf einer Veranstaltung einbettet und den weiteren Verlauf an diesen orientiert. Eine solche Vorgehensweise erfordert große inhaltliche Kompetenz, die in der Regel erst mehrjährige an den Institutionen Mitarbeitende erworben haben. Für jüngere Kolleginnen und Kollegen bietet ein vorbereitetes Programm oft eine Sicherheit, die aus nachvollziehbaren Gründen nicht ohne weiteres verlassen werden kann. Genau betrachtet, ist das genannte flexible Vorgehen eine Art Notlösung. Weitaus besser und sinnvoller wäre es, wenn weit im Vorfeld der Gruppenbesuche Beratungen und Absprachen so getroffen werden könnten, dass den Teilnehmenden Raum für ihre Fragen und Wünsche gegeben werden kann. Dabei ist nicht nur die Rede von telefonischen Klärungen. Es gibt immer wieder Situationen, in denen sich direkte Vorgespräche von Gedenkstättenmitarbeitenden mit den Gruppen als ausgesprochen produktiv erwiesen haben. So mussten wir beispielsweise feststellen, dass angehenden Strafvollzugsbeamten das zweitägige Seminar in der GHWK im Rahmen der Ausbildung als Anweisung hinsichtlich Ort und Zeit mitgeteilt bekamen, ohne jeglichen Raum für ein Gespräch über Kontext des Besuches und Fragen der Teilnehmenden. Etwa zwei Jahre lang besuchten die Betreuerinnen und Betreuer daraufhin die Ausbildungsjahrgänge und klärten direkt mit den Teilnehmenden deren Bedürfnisse. So sinnvoll und positiv sich dieses Vorgehen auf die Seminare auswirkte, so ressourcenintensiv war es und konnte nicht mehr fortgesetzt werden.
Ressourcen für Vorabgespräche werden auch gebraucht, um – es mag seltsam klingen – manchen Gruppen von einem Besuch abzuraten. Die Gründe für die Notwendigkeit einer Beratung dieser Art sind vielfältig. So ist beispielsweise problematisch und kontraproduktiv, akute Mobbingvorfälle in einem Klassenverband mit einem Gedenkstättenbesuch »bearbeiten« zu wollen. Oder es ist verfehlt, einer Schulklasse aus einem sozialen Brennpunkt, in der über 80% der Schülerinnen und Schüler mit Schuljahresende vor der eindeutigen beruflichen Perspektivlosigkeit stehen, eine Woche vor Schulschluss noch einen Besuch einer Gedenkstätte vorzuschreiben, weil vermutet wird, dass dies in ihrem Leben die letzte Gelegenheit zu einer Beschäftigung mit der NS-Geschichte sein könnte.3
Wichtig ist die Beratung auch im Hinblick auf inhaltliche Bezüge zu den Voraussetzungen des Besuches. Wenn beispielsweise eine Gruppe den Blick besonders auf Antisemitismus richten soll, dann ist es sinnvoller das Anne-Frank-Zentrum oder die GHWK aufzusuchen und dort Seminare zu Kontinuitätslinien des Antisemitismus wahrzunehmen, als einen Besuch in einer KZ-Gedenkstätte und dort eine allgemeine Führung zu bekommen.
Trotz dieser Beispiele muss gesagt werden, dass es keine einfachen, eindeutigen oder allgemeingültigen Regeln gibt, welcher Gruppe von einem Besuch abgeraten werden sollte4. Deswegen beziehen sich die benötigten Ressourcen sich nicht nur auf die Dauer der Telefonate, sondern auch auf den Erwerb der nötigen inhaltlichen und methodischen Kompetenzen für eine qualifizierte Beratung.
Und es werden natürlich personelle und finanzielle Ressourcen gebraucht, um alle Bildungsveranstaltungen, gerade auch die methodisch und inhaltlich gut und sinnvoll vorbereiteten, den inzwischen in der Gedenkstättenlandschaft erarbeiteten Standards entsprechend durchzuführen. Nehmen wir ernst, dass wir den Teilnehmenden ermöglichen wollen, neben der Vermittlung der Geschichte der Orte und den Kontinuitätslinien nach 1945, einen Bezugspunkt für sich und eine Gegenwartsrelevanz zu dieser Geschichte zu erkennen, brauchen wir mehrheitlich zeitlich längere Formate als die aktuell stattfindenden Führungen und Workshops/Kleingruppenarbeiten. Selbst Tagesseminare reichen oft nicht aus, um intensiv mit einer Gruppe ins Gespräch zu kommen, ihre Bedürfnisse zu identifizieren und prozessorientiert zu arbeiten. Aber auch eine gute Führung, die die Bedürfnisse mancher Gruppe durchaus befriedigt, muss inhaltlich und methodisch sicher vorbereitet sein. So bezieht sich die Forderung nach Ressourcen durchaus auch auf den Bereich der Fortbildungsmöglichkeiten für feste und freie Mitarbeitende, die in den Gedenkstätten arbeiten.
Ein weiteres Desiderat im Hinblick auf die Diskussion stellt meines Erachtens die bleibende Unkenntnis wichtiger Institutionen dar, die unterschiedliche Besucherinnen und Besucher in die Gedenkstätten bringen. Nicht nur die Berliner Gedenkstätten klagen über die verschlechterten Bedingungen für Lehrkräftefortbildungen, seitdem das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) in die Peripherie gezogen ist. Die früher regelmäßig stattfindenden Seminare dienten nicht nur der Qualifizierung der Lehrkräfte. Sie waren auch ungemein wichtig für die Mitarbeitenden von Gedenkstätten, um etwas über die Arbeitsbedingungen in Schulen zu hören und gemeinsam zu diskutieren, wie Kooperationen zwischen Schulen und Gedenkstätten gestaltet werden könnten.
Angesichts des stattfindenden Generationenwechsels in den Schulen, wäre auch wichtig, eine kontinuierliche Kommunikation zwischen den Universitäten, Bereich Lehrkräfteausbildung, und den Gedenkstätten zu organisieren. Und es wäre ausgesprochen bedeutsam über die Organisation einer Zusammenarbeit zwischen gesellschaftlich relevanten Berufsgruppen nachzudenken5. Schließlich besteht in den Gedenkstätten ebenfalls Einigkeit darüber, dass wir nicht ausschließlich den Bereich Schule und schon gar nicht nur Jugendliche adressieren möchten. Wünschenswert wäre es, wenn diese Zusammenarbeit einher gehen würde mit einem Verständigungsprozess, welche Rolle Gedenkstätten zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Opfer in der Gesellschaft spielen sollen, wollen und können. Und wenn diese Diskussion fruchtbar geführt würde, und es einen wachsenden Konsens und ein wachsendes Bewusstsein über die Notwendigkeit spezifischer Bedingungen für gelingende Gedenkstättenbesuche gäbe, dann wäre ein Streit um die Empfehlung von verpflichtenden Besuchen der historischen Orte hinfällig.
Dr. Elke Gryglewski ist Leiterin der Bildungsabteilung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin.
1 Berliner Morgenpost, 7. 1. 2018
2 Jüdische Allgemeine, 9. November 2017
3 Beides sind Beispiele für Gruppen, für die bereits mehrfach Besuche gewünscht oder sogar durchgeführt wurden. In letzterem Fall wurde der Besuchskontext erst Vorort festgestellt.
4 Ein gutes Beispiel ist hier die Gruppe der Geflüchteten. In vielen Fällen kann es sinnvoll sein, einem Betreuenden von einem Besuch abzuraten, weil die Teilnehmenden extrem traumatisiert sind oder aber in völlig prekären Verhältnissen leben. Gleichzeitig zeigen viele inzwischen auf Wunsch von Geflüchteten durchgeführte Veranstaltungen, dass diese für beide Seiten bereichernd ablaufen können.
5 Seit 1992 kooperiert die GHWK erfolgreich mit der Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes. Um mehr Wirkung zu erzielen bedarf es einer viel größeren Regelmäßigkeit an Seminaren und eine größere -geografische Verteilung.