Bericht 69. Gedenkstättenseminar (September 2025, Hameln/ Bückeberg)

69. Bundesweite Gedenkstättenseminar | 10.–12. September 2025 | Hameln/Bückeberg

Das 69. Bundesweite Gedenkstättenseminar fand vom 10. bis 12. September 2025 in Hameln und am Dokumentations- und Lernort Bückeberg statt. Rund 150 Teilnehmer:innen aus ganz Deutschland kamen für Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer zusammen. Veranstaltet wurde das Seminar von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, dem Dokumentations- und Lernort Bückeberg, der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors.

Die Bundesweiten Gedenkstättenseminare richten sich an Mitarbeiter:innen von Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Lernorten zu den NS-Verbrechen sowie an Multiplikator:innen der historisch-politischen Bildungsarbeit. Sie verbinden theoretische Impulse mit praktischen Ansätzen und zielen auf Austausch, Wissens- und Erfahrungstransfer und (Selbst-)Reflexion.

Das 69. Gedenkstättenseminar fragte nach (Dis)Kontinuitäten völkischen Denkens seit 1945: Was sind zentrale begriffliche und visuelle Elemente der „Blut und Boden“-Ideologie in Geschichte und Gegenwart? Von wem und auf welche Weise wurden völkische Selbst- und Weltverständnisse auch nach Ende des NS-Regimes weiter tradiert? Welche Angebote machen Gedenkstätten ihren Besucher:innen für eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Traditionslinien und wie kann es in der Vermittlungsarbeit gelingen, sie nicht unfreiwillig fortzuschreiben, sondern konsequent mit ihnen zu brechen? Welche Erfahrungen und Handlungsoptionen bestehen mit Blick auf die aktuelle Renaissance völkischen Denkens?

Foto des 69. Gedenkstättenseminars: Exkursion am Ort Bückeberg
Foto des 69. GedenkstättenSeminars: fotos des programms

Tag 1: Partizipativer Auftakt, Kontaktbörse und Filmgespräch

Der erste Seminartag begann mit einer interaktiven Begegnungsübung unter Leitung von Vatan Ukaj (WERTansich(t)), die ein dynamisches Kennenlernen und Ankommen im Raum ermöglichte. Es folgte eine kurze Begrüßung durch die Veranstalter Jan Waitzmann (Dokumentations- und Lernort Bückeberg), Frederik Schetter (Bundeszentrale für politische Bildung), Julana Bredtmann (Gedenkstättenreferat, Stiftung Topographie des Terrors) und Elke Gryglewski (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten).

Der partizipative Auftakt diente der thematischen Einführung: In einem moderierten Podiumsgespräch mit digitaler Beteiligung des Publikums reflektierten die Veranstalter:innen lokale, regionale und bundesweite Bezüge sowie Assoziationen und Erwartungshorizonte der Teilnehmer:innen. Deutlich wurde, dass für die Teilnehmer:innen insbesondere der Wunsch nach kollegialer Vernetzung und neuen Kontakten sowie nach inhaltlichem Fachwissen und neuen Perspektiven im Vordergrund stand. In der „Praxis trifft Praxis“-Börse stellten verschiedene Einrichtungen – darunter beispielsweise die Gedenkstätte Sachsenhain, das Kreismuseum Wewelsburg und der Lernort Obersalzber – ihre Arbeit vor. Die Kurzpräsentationen boten Raum für Austausch und Vernetzung sowie Einblicke in die Arbeit an Orten der NS-Propaganda.

Am Abend hielt die Film- und Medienwissenschaftlerin Borjana Gaković einen Vortrag, in dem sie historisches Filmmaterial vom Bückeberg und aus Kinokontexten analysierte. Sie kontextualisierte explizite und subtile Stilmittel, Entwicklungen der NS-Filmpropaganda und damalige Aufführungspraktiken. Als Praxistipp empfahl sie das Filmportal mit weiterführenden Informationen zu NS-Propagandafilmen, Filmschaffenden, Emigration und dem Umgang mit dem Filmerbe.

foto des 69. Gedenkstättenseminars: Gruppenfoto einer session mit kurzpräsentationen
Foto des 69. Gedenkstättenseminars: Umfrage zu Erwartungen der Teilnehmenden

Tag 2: Exkursionen und Workshops

Der zweite Tag begann mit einer Einführung des Historikers Bernhard Gelderblom zu den historischen Orten Bückeberg und Friedhof am Wehl. Die anschließenden Exkursionen führten zu beiden Orten. Besichtigt wurden Ausstellungen und Informationstafeln, diskutiert wurden Entstehungskontexte, lokale Topographien des (Nicht-)Erinnerns sowie Pläne für zukünftige Vermittlungsangebote. Im Mittelpunkt stand der Dokumentations- und Lernort Bückeberg, der nach einer langjährigen und kontroversen Entstehungsgeschichte seit 2021 am historischen Ort über die „Reichserntedankfeste“ informiert – Massenveranstaltungen der NS-Propaganda, die zwischen 1933 und 1937 jährlich stattfanden.

Foto des 69. Gedenkstättenseminars: führung am Lernort bückeberg
Foto des 69. Gedenkstättenseminars: Historische stadtführung in Hameln

Am Nachmittag fanden fünf parallele Workshops statt, die zentrale Begriffe und Narrative der völkischen Ideologie in den Blick nahmen. In einem der Workshops erörterten Jan Waitzmann (Dokumentations- und Lernort Bückeberg), Wilfried Duckstein (Sachsenhain Verden) und Uwe Danker (Europa-Universität Flensburg) die ideologischen Funktionen der Begriffe „Volk, Raum und Gemeinschaft“ und diskutierten deren Wirkmächtigkeit in heutigen Kontexten. Im Workshop „Hermann Löns – Die Heide brennt“ beleuchteten Elke Gryglewski (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), Jens-Christian Wagner (Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora) und Martin Raabe (Gruppe beherzt – für Demokratie und Vielfalt e.V.) Facetten der Heideromantik im Nationalsozialismus und verfolgten Kontinuitätslinien bis hin zu aktuellen Protestformen. Parallel dazu setzten sich Marcus Meyer (Denkort Bunker Valentin, Bremen) und Maike Weth (Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte, Salzgitter) im Workshop „Deutsche Arbeit, Zwangsarbeit und Volksgemeinschaft: Die Ideologie des Arbeitsbegriffs im Nationalsozialismus“ mit den Inklusions- und Exklusionsmechanismen des Selbstbildes „deutscher Arbeit“ auseinander. Im Workshop „Nachwirkungen der NS-(Rassen-)Ideologie am Beispiel von Antisemitismus und Antiziganismus“ analysierten Katrin Unger (Gedenkstätte Bergen-Belsen), Enno Stünkel (Celler Netzwerk gegen Antisemitismus) sowie Andrea Wierich und Bernd Grafe-Ulke (Kompetenzstelle gegen Antiziganismus – KogA) unterschiedliche Wirkungsweisen von Antisemitismus und Antiziganismus und stellten aktuelle Fortbildungsprogramme vor. Im Workshop „Ausschluss und Abtransport der Jüdinnen und Juden im NS“ analysierte Christoph Kreutzmüller (#LastSeen: Bilder der NS-Deportationen) gemeinsam mit den Teilnehmer:innen Fotografien vom Bückeberg sowie Bildmaterial aus dem Forschungs- und Dokumentationsprojekt #LastSeen.

Der Tag endete mit einem gemeinsamen Stadtspaziergang sowie kollegialem Ausklang, der Gelegenheit zum informellen Austausch bot.

Foto des 69. GedenkstättenSeminars: Kleingruppe diskutiert in einem Workshop
Foto des 69. Gedenkstättenseminars: Kleingruppe eines Workshops diskutiert im sitzen

Tag 3: Geschichtspolitik und Handlungsstrategien

Der Freitag begann mit einem Rückblick auf die Workshops, moderiert von Cornelia Siebeck  (Gedenkstättenreferat, Stiftung Topographie des Terrors). Dabei wurden zentrale Erkenntnisse und offene Fragen zusammengetragen. Im anschließenden Vortrag sprach Fabian Virchow (FORENA, Hochschule Düsseldorf) über „Historische Narrative und Geschichtspolitik der extremen Rechten nach 1945“. Er zeichnete zentrale Erzählstrukturen, Organisationsformen und Publikationsorgane nach und beleuchtete deren geschichtspolitische Strategien.

In der anschließenden Fishbowl-Diskussion, moderiert von Tenja Lenuweit (Minor – Projektkontor), brachte Erfahrungen aus der Praxis zusammen: Stefan Wilbricht (Gedenkstätte Moringen) und Stina Barrenscheen-Loster (Gedenkstätte Schillstraße) berichteten über Erfahrungen mit Anfechtungen und Angriffen an ihren Gedenkstätten. Michael Sturm (Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Münster), Uta George (Verunsichernde Orte) und Jakob Schergaut (Friedrich-Schiller-Universität Jena) diskutierten Handlungsstrategien und stellten Angebote vor, darunter über das Weiterbildungsangebot Verunsichernde Orte „Umgang mit rechten Positionen“, über die Handreichung „Positionierte Orte. Impulse zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus,. Rassismus und Antisemitismus in NS- Gedenkstätten und -Erinnerungsorten” und das Informationsportal „GeschichtestattMythen“. 

Den Abschluss bildete eine kurze Reflexions- und Feedbackübung unter Leitung von Elke Gryglewski. Eine Tagungsreflektion wird im GedenkstättenRundbrief veröffentlicht.

Foto des 69. Gedenkstättenseminars: Foto des Publikums im Saal
Foto des 69. Gedenkstättenseminar: vortragender fabian virchow auf der bühne

Alle Fotos: Martin Bein/ Stiftung niedersächsische Gedenkstätten