Präsenztreffen 2023

„Vor Ort!? – Wozu ´authentische Orte´ in der Bildungsarbeit?“

Topographie des Terrors, 13.-14. November 2023

Im Mittelpunkt des zweitägigen „Jugend erinnert“-Präsenztreffens im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Impulse//Resonanzen“ stand die Bedeutung und Rolle der Orte für die Bildungsarbeit. In einem Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aller Jugend erinnert“-Programmlinien sowie weiterer Netzwerke (z.B. „Erinnern vor Ort“) ging es dabei einerseits um den Blick auf außerhalb von Gedenkstätten realisierte Bildungsformate, etwa in Schulen oder bei lokalen Spurensuchen. Zugleich ging es aber vor allem um die Spezifik des Gedenkstättenbesuchs für die Bildungsarbeit.

Beim Auftakt-Podium wies Corinna Jentzsch (Stiftung EVZ) auf die in den MEMO-Studien klar zum Ausdruck kommende hohe Bedeutung von Gedenkstätten für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hin. Gedenkstättenbesuche berührten emotional und vermittelten auch Wissen. Sie fänden bei Jugendlichen  vergleichsweise selten statt, während sich zugleich aber gerade bei jungen Menschen ein großes Interesse für die Geschichte des Nationalsozialismus feststellen lasse. Burak Yilmaz (Duisburg) machte deutlich, dass die Erinnerungskultur nach wie vor stark von ambivalenten Zuschreibungen geprägt ist: So sei einerseits etwa der Ausschluss muslimischer Jugendlicher von Gedenkstättenfahrten an einer Schule in Duisburg initial für sein bis 2019 durchgeführtes Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ gewesen, andererseits gebe es ein seit 2015 dominantes Narrativ, wonach gerade Geflüchtete und Immigrierte Gedenkstätten aufsuchen sollten. Dennis Forster (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) wies beim Blick auf das „Jugend erinnert“-Projekt ReMember. Deine Geschichte zählt wie Burak Yilmaz auf die Bedeutung von Biographiearbeit mit Teilnehmenden hin. Die Erinnerungskultur könne man dann ernst nehmen, wenn die Erinnerungskultur die Menschen, die sich mit ihr beschäftigten ernst nehme. Er räumte ein, dass das größtenteils außerhalb der Gedenkstätte durchgeführte Theater-Projekt ReMember im Prinzip auch ohne Gedenkstättenbesuch vorstellbar sei. Zugleich werde der historische Ort aber durch Teilnehmende als „Beweis“ wahrgenommen und sei als „Ankerpunkt“ wichtig, gerade auch für die Wissensvermittlung.

Auf die Rolle von Gedenkstättenbesuchen als „Kulminationspunkte“ von Bildungsformaten kam in ihrem Impuls-Vortrag auch Verena Haug (Anne Frank Zentrum) zu sprechen, die Forschungsergebnisse ihrer bereits 2015 erschienen Dissertation Am authentischen Ort. Paradoxien der Gedenkstättenpädagogik erläuterte. Dabei wies sie auf die seit den 1990er gewachsene Bedeutung des Begriffs der „Authentizität“ hin, der zunehmend mit einer Erwartungshaltung einhergegangen sei, wonach die Orte an Stelle der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die Erinnerung wachhielten. Zugleich machte sie deutlich, dass in der gedenkstättenpädagogischen Bildungspraxis den aufgerufenen Orten oft eine „Disziplinierungsfunktion“ zugeschrieben wird.

Neben einer kurzen biographischen Reflexion zur prägenden Wirkung von Orten zu Beginn der Veranstaltung sowie einer Arbeitsgruppen-Phase mit Projektvorstellungen von in- und außerhalb der „Jugend erinnert“-Förderung stellte insbesondere das World Café am zweiten Veranstaltungstag eine Möglichkeit der vertieften Reflexion und Diskussion in kleineren Gruppen dar. Während dabei unstrittig war, dass der Besuch von Gedenkstätten und anderen historischen Orten ein vielschichtiges Potenzial für die Bildungsarbeit hat, wurden gleichzeitig auch durchaus unterschiedliche Ansätze und Schwerpunktsetzungen diesbezüglich deutlich.

Die Auseinandersetzung mit dem konkreten historischen Ort „Topographie des Terrors“ bildete im Rahmen eines Mini-Workshops den Abschluss des Präsenztreffens. Dabei wurden etwa heute kaum mehr sichtbare Spuren früherer Planungen für das Gestapo-Gelände erkundet, sowie die Fragen diskutiert, was ein der „historischen Bedeutung des Ortes“ entsprechendes Verhalten beim Besuch umfasst und wieviel Informationsvermittlung durch pädagogisch Tätige für eine Spurensuche nötig ist. Ein Stück weit konnte der abschließende explorative Teil – im Kontrast zum übrigen Tagungssetting in Konferenz- und Seminarräumen – noch einmal praktisch die besonderen Chancen und Herausforderungen eines „Lernens am Ort“ verdeutlichen.

Florian Kemmelmeier

Fotografische Impressionen

Fotos 1, 9-30: Jürgen Sendel/ Stiftung Topographie des Terrors
Fotos 2-8: Jürgen Kramer/ Stiftung Topographie des Terrors

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