Der Bundesverband RIAS dokumentiert in den letzten Jahren ein anhaltend hohes Niveau antisemitischer Vorfälle an NS-Gedenkstätten. Diese äußern sich seit dem 7. Oktober 2023 nach dem Angriff der Hamas und anderer Terrororganisationen auf Israel vermehrt, etwa als israelbezogener Antisemitismus.
Politische und militärische Auseinandersetzungen in Israel und in Gaza sowie dem Westjordanland werden auf NS-Gedenkstätten übertragen.
NS-Gedenkstätten sind auch zugleich mit dem Erstarken von rechtsextremen und demokratiefeindlichen Postionen konfrontiert – ein gesamtgesellschaftlicher politischer Wandel. Die Vorfälle reichen von Schoa-relativierenden Einträgen in Gästebüchern und antisemitischen Aussagen und Provokationen während Führungen über Schmierereien auf dem Gelände bis hin zu Drohungen gegenüber Mitarbeitenden. Sie zeigen, in welchem Ausmaß NS-Gedenkstätten im gesellschaftlichen Ringen um die Erinnerung an die Schoa Teil gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart sind.
Neben wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen an NS-Gedenkstätten, bringen auch Besucher_innen unterschiedliche Erwartungen, Perspektiven und Erfahrungen mit, geprägt durch eigene Vorstellungen, aber auch durch Vorurteile und Projektionen und die eigene Familiengeschichte.
Zugleich behandeln NS-Gedenkstätten als historische Orte meist Antisemitismus als zentrale Ideologie des Nationalsozialismus – darauf lag und liegt auch meist der Fokus der Vermittlung in Ausstellungen und pädagogischen Settings. Die Wandelbarkeit von Antisemitismus und aktuelle Erscheinungsformen stellen Mitarbeitende daher häufig vor große Herausforderungen. Gerade in historischen Orten müssen sie aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus angemessen begegnen.
Eine antisemitismuskritische Perspektive in der Gedenkstättenarbeit einzunehmen bedeutet daher, sowohl historische als auch gegenwärtige Erscheinungsformen von Antisemitismus in die Vermittlung einzubeziehen. Sie erfordert Wissen, Sensibilität für jüdische Perspektiven, Selbstreflexion in Bezug auf eigene (Berufs-) Biografien und die Fähigkeit, antisemitische Äußerungen oder Vorfälle zu erkennen, einzuordnen und darauf zu reagieren.
Diese Broschüre widmet sich den Herausforderungen und Chancen antisemitismuskritischer Zugänge für der Arbeit von NS-Gedenkstätten. Sie versteht sich als Beitrag zu einer Diskussion, die für die historischen Orte von zentraler Bedeutung ist.