Ideengeschichte der Rassenhygiene, Eugenik und „Euthanasie“ im internationalen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts

Schmuhl, Hanns-Walter

Ideengeschichte der Rassenhygiene, Eugenik und „Euthanasie“ im internationalen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts..(51. Bundesweites Gedenkstättenseminar, 18.6.2009, Bad Urach)..Hanns-Walter Schmuhl..In der Epoche des fin de siecle – also in den drei Jahrzehnten von Mitte der 1880er Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs – kam nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen Europas und Nordamerikas und mancherorts in Lateinamerika, Asien und Australien ein neuer Gedanke auf: die Eugenik oder – wie man im Deutschen sagte – die Rassenhygiene. In Großbritannien hatte Francis Galton, der Vetter Charles Darwins, ein genialer Privatgelehrter, der sich durch eine Reihe höchst origineller Einsichten, Erfindungen und Entdeckungen in der Statistik und Physik ebenso einen Namen machte wie in der Daktyloskopie, Meteorologie und Botanik, seit Mitte der 1860er Jahre die Grundzüge einer neuen Lehre entworfen, die sich – so Galtons klassische Definition – mit „allen Einflüssen“ beschäftigte, „denen es möglich sei, die angeborenen Eigenschaften einer Rasse zu verbessern und zu höchster Vollkommenheit zu entwickeln.“ Für diese neue Lehre prägte er im Jahre 1883 den Begriff national eugenics. In Deutschland bildete sich – weitgehend unabhängig von Galtons Eugenik – in den 1890er Jahren die Rassenhygiene heraus: Wilhelm Schallmayers 1891 veröffentlichtes Buch „Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit“ und vor allem Alfred Ploetz’ Werk „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen“, erschienen im Jahr 1895, legten den Grund dazu. . Zu dieser Zeit setzte der Siegeszug der eugenischen Idee rund um den Erdball ein – die britische Eugenik, die sich 1908 unter dem Vorsitz Galtons zur Eugenics Education Society formierte, und die deutsche Rassenhygiene, seit 1905 in der Berliner, seit 1910 in der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene organisiert, waren von Anfang an international vernetzt. Schon seit 1907 existierte, von den deutschen Rassenhygienikern initiiert, eine Internationale Gesellschaft für Rassenhygiene. Bei einem Treffen, das dieser internationale Zusammenschluss am Rande der Dresdner Hygieneausstellung von 1911 veranstaltete, kamen bereits Eugeniker aus acht Ländern zusammen – Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei, den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Großbritannien und den USA. Man darf sich indes nicht täuschen lassen: Das internationale Netzwerk der Eugeniker und Rassenhygieniker umfasste am Vorabend des Ersten Weltkriegs nur wenige hundert Männer und Frauen – zu dieser Zeit war die Eugenik eher noch die Sache sektiererischer Grüppchen am Rande der Gesellschaft.. Das änderte sich nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs von Grund auf. Seit 1918 rückten Eugenik und Rassenhygiene in die Mitte der Gesellschaft. Sie hinterließen ihre Spuren in Forschung und Lehre der Wissenschaften vom Menschen, in juristischen, philosophischen, theologischen und medizinischen Diskursen, in der öffentlichen Meinung, in den Programmen politischer Parteien und den Forderungskatalogen einflussreicher gesellschaftlicher Interessengruppen, in der staatlichen Gesetzgebung zur Bevölkerungs-, Einwanderungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik. Dieser Trend gilt, wohlgemerkt, nicht nur für Deutschland. Die deutsche Rassenhygiene hatte in der internationalen eugenischen Bewegung zwar großes Gewicht, bis 1933 galten den deutschen Rassenhygienikern jedoch die Vereinigten Staaten von Amerika wegen ihrer Vorreiterrolle bei der eugenischen Sterilisierung als gelobtes Land.. Bereits 1897 hatte sich das Parlament des US-Bundesstaates Michigan mit der eugenischen Sterilisation befasst, diese aber noch abgelehnt. Den Anfang der Sterilisierungsgesetzgebung in den USA hatte dann ein Gesetz des Bundesstaates Indiana aus dem Jahre 1907 markiert, das die Unfruchtbarmachung von in Anstalten untergebrachten „Gewohnheitsverbrechern, Idioten, Imbezillen und Sexualverbrechern“ aus eugenischen Gründen legalisierte. Weitere US-Bundesstaaten zogen nach. Besonders bedeutsam war in diesem Zusammenhang Kalifornien, das 1909 ein eugenisches Sterilisationsgesetz verabschiedete, das so rigoros wie nirgendwo sonst umgesetzt wurde – bis 1928 waren im Staate Kalifornien bereits über 6.000 Menschen sterilisiert worden. Am Ende des Ersten Weltkriegs existierte bereits in 16 US-Bundesstaaten ein Sterilisierungsgesetz. Weitere folgten in den 1920er Jahren, auch wurden in vielen Bundesstaaten eugenisch motivierte Eheverbote eingeführt. Sterilisierungsgesetze wurden zwischen 1928 und 1933 auch in anderen Ländern verabschiedet: im Schweizer Kanton Waadt (1928), in Dänemark (1929), in den kanadischen Provinzen Alberta (1928) und British-Columbia (1933) sowie im mexikanischen Bundesstaat Vera Cruz. Anderswo wurden zwar keine Sterilisierungsgesetze verabschiedet, wohl aber eugenisch motivierte Eheverbote gesetzlich verankert, so etwa in den Niederlanden. Die Entwicklung im Ausland – insbesondere die Sterilisierungsgesetzgebung in den USA – wurde in Deutschland aufmerksam verfolgt und zur Legitimation des eigenen Programms benutzt. Großbritannien, das Mutterland der Eugenik, blieb übrigens hinter der Entwicklung in den USA weit zurück: Nach dem frühen Erfolg des „Mental Deficiency Act“ von 1913, der die zwangsweise Anstaltsunterbringung aus eugenischen Motiven legalisierte, scheiterte ein 1930/31 unternommener Vorstoß zur Legalisierung der eugenischen Sterilisation im britischen Unterhaus ziemlich sang- und klanglos.. In den 1930er Jahren, auf dem Höhepunkt der Entwicklung, hatten sich in allen Teilen der Welt – von Norwegen bis Italien, von Kanada bis Brasilien, von Japan bis Indien – eugenische Bewegungen herausgeformt. Die Eugenik gedieh in demokratischen Systemen wie Großbritannien, den USA oder den skandinavischen Staaten ebenso wie in autoritären Systemen wie den baltischen Staaten Estland und Lettland und sogar – zumindest eine Zeitlang – in der stalinistischen Sowjetunion. Mittlerweile hatte das nationalsozialistische Deutschland mit dem Erlass des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die USA in der internationalen eugenischen Szene als „Modellstaat“ abgelöst. Eugeniker in aller Welt forderten nun unter Verweis auf das Deutsche Reich die gesetzliche Regelung der eugenischen Sterilisierung. Tatsächlich wurden in den 1930er Jahren – nicht zuletzt unter dem Eindruck der massenhaften Zwangssterilisierungen im NS-Staat, denen bis 1945 etwa 400.000 Menschen zum Opfer fallen sollten – in mehreren europäischen Staaten Sterilisierungsgesetze verabschiedet: in Norwegen (1934), Finnland (1935), Schweden (1935), Estland (1936), Lettland (1937) und Island (1938). 1940 folgte – als wichtiges überseeisches Schwellenland – Japan. Und: Nach dem Erlass des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses stieg die Zahl der Sterilisierungen in den USA im Jahresdurchschnitt von knapp 700 auf knapp 2.700. Waren bis 1933 in den USA insgesamt etwa 16.000 Menschen unfruchtbar gemacht worden, so stieg diese Zahl bis 1941 auf über 38.000 an. Die Zahl der US-Bundesstaaten, die über ein Sterilisierungsgesetz verfügten, erreichte 1937 mit 32 ihren Höhepunkt, 41 US-Bundesstaaten verfügten in den 1930er Jahren über gesetzliche Eheverbote für geistig behinderte und psychisch erkrankte Menschen.. Gehen wir wieder zurück in die Epoche des fin de siecle. In den 1890er Jahren formierte sich im wilhelminischen Deutschland – parallel zur Grundlegung der Rassenhygiene – ein auf vielfältige Weise mit dieser verflochtener, aber doch eigenständiger Diskurs um Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen und Tötung von nicht einwilligungsfähigen Patienten, z.B. Menschen im Koma, schwer geistig Behinderten oder psychisch unheilbar Erkrankten. 1895 forderte Adolf Jost in einer – so wörtlich – „sozialen Studie“ so klar und eindeutig wie kaum je zuvor ein „Recht auf den Tod“ nicht nur für Todkranke auf deren Verlangen, sondern auch für „geisteskranke Anstaltsinsassen“ – bei diesen sprächen „das Mitleid und das Interesse der Gesellschaft“ dafür, ihr Leben zu beenden. Auch dies war kein singulär deutsches Phänomen – ein ähnlicher Diskurs lässt sich etwa auch in den USA nachweisen. Dort propagierte W. Duncan McKim im Jahre 1899 die „Euthanasie“ nicht nur als „sanften Tod“ für unheilbar kranke, Schmerz leidende Menschen, sondern auch als „künstliche Selektion“, „um die menschliche Rasse umzuzüchten“. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten solche Forderungen weder diesseits noch jenseits des Atlantik eine Chance. So beschloss der sächsische Landtag 1901 einstimmig, eine entsprechende Petition „auf sich beruhen zu lassen“, und ähnlich erging es einem Gesetzentwurf im US-Bundesstaat Ohio im Jahre 1905. Doch stieß diese Gesetzesinitiative in den USA eine anhaltende Debatte über die „Gnadentötung“ geistig behinderter Menschen und insbesondere behinderter Neugeborener an. Sie kulminierte 1915 in einem spektakulären Fall unterlassener ärztlicher Hilfeleistung für ein neugeborenes behindertes Kind, dem so genannten „Haiselden-Bollinger-Fall“, der sogar verfilmt wurde. Der Arzt Haiselden rechtfertigte seine Entscheidung, das Baby der Bollingers sterben zu lassen, als „angewandte Eugenik“. Dieses Beispiel verweist darauf, dass die Diskurse um Eugenik und „Euthanasie“, wenn sie auch in weitgehend getrennten Zirkeln, Foren und Kontexten geführt wurden, sich doch vielfach berührten. Das gilt auch für Deutschland, wo der früheste und wohl bekannteste Exponent der „Früheuthanasie“, der Zoologe Ernst Haeckel, ebenfalls das Motiv des Tötens aus Mitleid mit eugenischen Gesichtspunkten der „Aufartung“ in Verbindung brachte. Die „Euthanasie“-Diskussion wurde maßgeblich von dem von Haeckel gegründeten Deutschen Monistenbund getragen.. Dabei ist eine begriffsgeschichtlich höchst spannende Verschiebung des Wortfeldes „Euthanasie“ zu beobachten. Bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts meinte der Begriff „Euthanasie“ nämlich Sterbebegleitung ohne Lebensverkürzung, er stand vielmehr für die Lehre von der Pflege sterbender Menschen wie etwa die sachgemäße Lagerung, Körperpflege und Ernährung Sterbender und ärztliche Tätigkeiten am Sterbebett wie das Verabreichen schmerzstillender Mittel – zu dieser Zeit deckte der Begriff „Euthanasie“ mithin ungefähr das ab, was wir heute als Palliativmedizin und palliative care bezeichnen. Der Gedanke der Sterbehilfe, also der Tötung auf Verlangen oder der gezielten Anwendung lebensverkürzender Mittel, wurde in den ärztlichen Standeslehren des 19. Jahrhunderts ausdrücklich zurückgewiesen (auch wenn es in der Praxis durchaus Fälle von Sterbehilfe gegeben zu haben scheint). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – so ergibt eine Analyse der Artikel in den gängigen Konversationslexika – weitete sich das Bedeutungsfeld des Begriffs „Euthanasie“ so stark aus, dass es – was das Recht des Arztes über Leben und Tod anging – geradezu zu einer Umkehrung kam. Gegen Ende der 1920er Jahre war das Wort zu einem Synonym für schmerzlose Tötung geworden. Diese Verschiebung des Wortfeldes ist eine unmittelbare Folge der moralphilosophischen Diskussion um Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen und „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.. Dieser zuletzt genannte Begriff wurde durch die richtungweisende Schrift des Strafrechtlers Karl Bindung und des Psychiaters Alfred Hoche über „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ aus dem Jahre 1920 geprägt. Er meinte die Tötung von geistig schwer behinderten oder unheilbar psychisch erkrankten Menschen aus wirtschaftlichen Gründen. Dass dieser Aspekt in Deutschland derart in den Vordergrund rückte, hatte mit der besonderen Situation des Deutschen Reiches nach dem verlorenen Weltkrieg zu tun, doch spielte er auch anderswo in den Debatten um die „Euthanasie“ durchaus eine Rolle. Insgesamt wird man sagen können, dass die Akzeptanz der Sterbehilfe, der Tötung auf Verlangen und der „Früheuthanasie“, der Tötung behinderter Neugeborener in der Zwischenkriegszeit nicht nur in Deutschland stetig zunahm. Eine Gallup-Umfrage aus dem Jahre 1937 ergab, dass 45 Prozent der befragten Amerikaner die „Früheuthanasie“ befürworteten. Und die US-„Euthanasie“-Debatte strahlte auch international aus: So plädierte der französische Medizin-Nobelpreisträger Alexis Carrel, der lange in den USA gelebt und gearbeitet hatte und sich später dem Vichy-Regime zur Verfügung stellen sollte, 1935 für eine „Einrichtung zur Euthanasie, die mit geeignetem Gas ausgestattet“ werden sollte, um abnormale Menschen „auf menschliche und wirtschaftliche Weise“ zu beseitigen. Ein 1938 von der amerikanischen „Euthanasie“-Gesellschaft vorgelegter Gesetzentwurf zur Freigabe der Tötung auf Verlangen hatte in den Parlamenten verschiedener US-Bundesstaaten angesichts des massiven Widerstandes katholischer und konservativ-protestantischer Kreise keine Chance. Mit einem noch radikaleren Gesetzentwurf zur Tötung von „Idioten, Imbezillen und kongenitalen Monstrositäten“ wagten sich die „Euthanansie“-Aktivisten gar nicht erst an die Öffentlichkeit, doch berieten sie noch 1943 darüber. Mittlerweile hatte das nationalsozialistische Deutschland den ersten und bislang einzigen systematischen Massenmord an geistig behinderten und psychisch erkrankten Menschen in der Weltgeschichte ins Werk gesetzt..Die Einbettung der deutschen Rassenhygiene und „Euthanasie“-Debatte in einen internationalen Kontext wirft mehrere Fragen auf:.• Erstens: Wie kommt es, dass ungefähr zur selben Zeit – in der Epoche des fin de siecle zwischen der Mitte der 1880er Jahre und dem Beginn des Ersten Weltkriegs – sich in verschiedenen Staaten parallel Diskurse um Eugenik und „Euthanasie“ entfalteten? „Diskurs“ sei hier im engeren Sinne verstanden als eine „herrschende Redeweise“, die festlegt, über welche Themen in welcher Form und in welchen Begriffen gesprochen werden kann – und worüber geschwiegen werden muss. Wenn sich in unterschiedlichen politischen Systemen Diskurse parallel entwickeln, deutet dies darauf hin, dass hier gleiche – oder doch vergleichbare – wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen wirken. Zu fragen ist demnach nach der besonderen Signatur jener „Sattelzeit“ des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die gemeinhin unter dem Begriff fin de siecle gefasst wird. Welche Grundzüge dieser Zeit schufen die Bedingungen der Möglichkeit, dass sich die Diskurse um Eugenik und „Euthanasie“ herausformen konnten?.• Zu fragen ist auch, zweitens, wie es kommt, dass die Eugenik mit ganz unterschiedlichen politischen Systemen kompatibel ist. Wo liegen die tieferen Ursachen dieser politischen Polyvalenz?.• Drittens wird hier noch einmal die Frage nach den tiefer liegenden Dispositiven berührt, welche den Diskursen um Eugenik und „Euthanasie“ zugrunde lagen und zu vielfältigen Berührungspunkten und Schnittflächen führten..• In den Blick zu nehmen ist, viertens, auch die Zeit zwischen den Weltkriegen, als sowohl die eugenische Idee als auch die Idee der „Euthanasie“ einen Popularisierungs- und zugleich auch einen Radikalisierungsschub erlebten. Welches war der wirtschaftliche, soziale und kulturelle Nährboden, auf dem Eugenik und „Euthanasie“ gediehen?.• Fünftens ist schließlich zu fragen, an welchem Punkt der „deutsche Sonderweg“ einsetzte. Wie eben skizziert, bewegte sich sowohl die eugenische Bewegung wie auch die „Euthanasie“-Debatte in Deutschland grosso modo bis 1933 in denselben Bahnen, die sie auch in anderen Staaten eingeschlagen hatte. Wie kam es, dass ab 1933 bzw. ab 1939 die Entwicklung in Deutschland „aus dem Ruder lief“, sich eine Erbgesundheitspolitik etablierte, die selbst die radikalsten Entwürfe der Eugeniker und „Euthanasie“-Propagandisten übertraf?..Beginnen wir also damit, die Sattelzeit des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die Epoche des fin de siecle und ihren „Zeitgeist“ genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich möchte einen kurzen Exkurs vorausschicken, der verdeutlichen soll, was ich mit „Zeitgeist“ meine. Der Begriff wird häufig benutzt – was er aber eigentlich bedeuten soll, bleibt zumeist unklar. Oft ist er kaum mehr als die bündige Umschreibung der geballten Vorurteile des Betrachters über seine eigene oder eine vergangene Zeit. Die Geschichtswissenschaft hat den Begriff „Zeitgeist“ daher lange Zeit gleichsam mit spitzen Fingern angefasst – solange sich Geschichtswissenschaft in strengem Sinne als Historische Sozialwissenschaft verstand, hielt sie sich lieber an scheinbar handfeste soziale Strukturen und Prozesse, die menschliche Handlungen bestimmen. Nun sind soziale Strukturen und Prozesse aber keine unabhängig von Menschen existierenden Entitäten, soziale Strukturen sind vielmehr Knotenpunkte in Netzwerken zwischen Menschen, soziale Prozesse entstehen aus der Bündelung menschlicher Handlungen. Jeder einzelne Mensch wirkt an der Formierung sozialer Strukturen mit, er ist zugleich aber auch in die entstehenden Beziehungsgeflechte fest eingebunden, aus denen er sich nur schwer lösen kann. Jeder einzelne Mensch trägt sein Teil zu sozialen Prozessen bei, die Bündelung gleichgerichteter sozialer Handlungen zieht den Einzelnen jedoch auch in ihren Sog und setzt seiner Handlungsfreiheit Grenzen – deshalb erscheinen soziale Strukturen und Prozesse dem Einzelnen zumeist als anonyme Mächte, die sein Leben beherrschen. Wie nehmen Menschen nun diese Prägung durch die Gesellschaft wahr? Welche Bedeutung schreiben sie ihr zu? Mit welchen Gefühlen betrachten sie die in der Gesellschaft vorherrschenden Tendenzen, die das eigene Leben so nachhaltig prägen? Mit Unbehagen, Zweifel, Widerstreben, Angst, dem Gefühl, anonymen Mächten hilflos ausgeliefert zu sein, mit Wut und Auflehnung? Oder umgekehrt: mit Zustimmung, Zuversicht, dem Gefühl, mit der Zeit zu marschieren, gar mit Euphorie? Aus den Gefühlslagen der vielen Zeitgenossen formt sich ein mentales Klima heraus, das Denken und Handeln der Menschen beeinflusst – und damit auf die sozialen Strukturen und Prozesse zurückwirkt, aus dem es hervorgegangen ist. Der „Geist“ einer Zeit ist etwas Flüchtiges und schwer Greifbares – um ein Bild zu gebrauchen, so etwas wie eine vorherrschende Windrichtung oder eine Meeresströmung, die – mit den Sinnen kaum wahrnehmbar – eine Küstenlandschaft nachhaltig prägen. Die methodische Schwierigkeit besteht darin, dass eine einzelne Quelle – ganz gleich, ob es sich um eine Schriftquelle, ein mündliches Zeugnis, ein Bild, einen materiellen Überrest handelt – kaum Spuren jener geistigen Grundströmung an sich trägt. Erst eine Fülle von Quellen unterschiedlicher Gattungen, interdisziplinär interpretiert – mit den Methoden der historischen Hermeneutik, der Volkskunde, der Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte usw. – lässt ein klareres Bild hervortreten.. Dies vorausgeschickt, fragen wir nach dem „Zeitgeist“ des fin de siecle. Greift man auf das eben benutzte Bild einer Windrichtung oder Meeresströmung zurück, so könnte man sagen, dass die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg von zwei gegenläufigen Strömungen geprägt war, so dass es zu starken Verwirbelungen, Strudeln, Turbulenzen kam. Eine tief greifende Ambivalenz war für den „Zeitgeist“ dieser Epoche grundlegend.. Auf der einen Seite war der Geist des 19. Jahrhunderts noch immer wirkmächtig. Das 19. Jahrhundert – so könnte man grob vereinfachend sagen – war das Zeitalter des zukunftsgewissen Glaubens an die Naturwissenschaften. Auf allen Gebieten der Mathematik, der exakten Naturwissenschaften wie Physik, Chemie, Astronomie, Geologie, Geographie, Meteorologie, der Biologie, der Medizin, der Psychologie, der Anthropologie verzeichnete das 19. Jahrhundert gewaltige Wissenszuwächse – und da die naturwissenschaftliche Forschung zu dieser Zeit noch anwendungsnah arbeitete, konnten ihre Ergebnisse unmittelbar nutzbringend angewendet werden. Forscher, Entdecker, Erfinder, Ingenieur und Techniker waren noch in einer idealtypischen Gestalt vereint, Naturwissenschaft und Technik noch eng verzahnt. „Leitfossilien“ des 19. Jahrhunderts sind die Dampfmaschine und die Lokomotive, Gusseisen und Stahl, Gaslicht und Dynamo. Hier schwingt noch ein mechanistisches Weltbild mit – denkt man an Naturwissenschaft und Technik des 19. Jahrhunderts, so fallen einem Begriffe wie Masse, Kraft, Druck, Geschwindigkeit, Hebel, Impuls, Reiz und Reaktion ein, Zahnräder, Hebel und Transmissionsriemen. Dieses mechanistische Weltbild bezieht sich, wohlgemerkt, mehr auf die Außendarstellung und Außenwahrnehmung der Naturwissenschaften – in der Forschung selbst wurde je länger, desto deutlicher klar, dass die Natur keine Maschine ist, sondern ungleich komplexere Strukturen aufweist. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung aber überwog das naive Verständnis der Natur als Maschine. Daraus folgte, dass die Natur prinzipiell bis in die letzten Details erforschbar, nutzbar, beherrschbar war. Entdeckung, Eroberung, Entschlüsselung, Entzauberung war die Devise des 19. Jahrhunderts. Die weißen Flecken auf der Weltkarte schrumpften rapide zusammen, nur noch wenige Regionen der Erde – die tropischen Regenwälder oder die arktischen Zonen – waren noch zu erkunden, und auch hier drangen die Forscher rasch vor. Die neu entstehende literarische Gattung der Science Fiction brachte dieses Denken auf den Punkt: Warum sollte man nicht auf das Dach der Welt gelangen können, auf den Boden der Tiefsee, zum Mittelpunkt der Erde, in die Lüfte, zum Mond oder zur Sonne? Warum sollte man nicht die Geheimnisse des Weltalls, der Materie, des Lebens, der menschlichen Psyche entschlüsseln können? Letztlich schien es im 19. Jahrhundert so, als entziehe sich kein Bereich, keine Schicht, keine Dimension der Natur dem menschlichen Verstand, als sei Natur nahezu unbegrenzt gestaltbar, fast jede Utopie machbar – und dass es keinen vernünftigen Grund gab, diesem Streben nach Naturerkenntnis und Naturbeherrschung Grenzen zu setzen. Als deutlicher Grundzug zeichnet sich hier die Selbstermächtigung des Menschen ab, der sich anschickte, den biblischen Auftrag, sich die Welt untertan zu machen, endlich, wenn auch seines religiösen Aspekts entkleidet, auf die menschliche Vernunft gestützt, zu erfüllen. Dabei schien der unaufhaltsame Fortschritt der Forschung sich unmittelbar in einen Fortschritt der Kultur umzusetzen, in Gesundheit, gewonnene Lebenszeit, Arbeitsersparnis, Wohlstand, Bequemlichkeit, Sicherheit, Gesittung. Die Vorwärts- und Aufwärtsentwicklung der Zivilisation schien gleichsam ein Naturgesetz zu sein. Die junge Anthropologie entwarf ein Stufenschema, das den zwangsläufigen Aufstieg aller menschlichen Gesellschaften von der savagery über den barbarism zur civilisation postulierte. Ja, die Natur selbst schien – nach der Darwinschen Revolution – dem Naturgesetz des Fortschritts zu unterliegen. Es liegt auf der Hand, dass in einem Zeitalter, in dem solche Vorstellungen en vogue sind, eine Stimmung vorherrscht, die der Zukunft zugewandt ist, an den Fortschritt glaubt, optimistisch, ja geradezu euphorisch, voller Erwartungen und Hoffnungen, in der Gewissheit des Gelingens nach vorne blickt. Hindernisse und Rückschritte können diesen Optimismus lange nicht erschüttern. Den „Kräften der Beharrung“, die sich dem Fortschritt entgegenstellen, gibt man keine Chance, weiß man doch das Naturgesetz auf seiner Seite. Entsprechend selbstbewusst – und auch intolerant – geht man in die Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen „Aberglauben“, den man vor allem im Katholizismus wittert. Der Glaube an eine metaphysische Entität wird, als empirisch unbeweisbar, nach den Maßstäben der Vernunft verworfen, Religion als Werkzeug böswilliger Dunkelmänner denunziert. Die Vernunft wurde als Religionsersatz, manchmal auch als Ersatzreligion propagiert. Hier begegnen sich bürgerlicher Liberalismus und der erstarkende Sozialismus, wie überhaupt diese beiden politischen Richtungen, die sich aufgrund unterschiedlicher Klasseninteressen erbittert bekämpften, in ihrer Grundauffassung vom unaufhaltsamen Fortschritt der Natur und der Menschheit erstaunlich ähnelten.. Wenn man einen Hang zu dramatischen Effekten hat, könnte man sagen, das „lange 19. Jahrhundert“, dessen Signatur ich soeben mit groben Strichen gezeichnet habe, sei in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 zu Ende gegangen, als die „Titanic“ einen Eisberg rammte und im Atlantik versank. Tatsächlich hat wohl kein anderes Einzelereignis dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts einen derart schweren Schlag versetzt wie der Untergang des Schiffes, von dem die Ingenieure behauptet hatten, es sei unsinkbar. Andererseits pflegen Epochen nicht so bündig zu enden – so auch hier. Das gesellschaftliche Großklima hatte sich – nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen westlichen Welt – gewandelt. Seit der Mitte der 1880er Jahre hatte der wissenschaftsgläubige Fortschrittseuphorie Risse bekommen, Ernüchterung, Zweifel, Angst, Enttäuschung, Überdruss und Ablehnung nisteten sich darin ein. Ebendies – das Nebeneinander des hoch gespannten Fortschrittsdenkens, das sich in den Jahrzehnten zuvor aufgebaut hatte, und der Angst, dass die so wohl geordnete Welt des 19. Jahrhunderts aus den Fugen geraten, dass der Boden, auf dem man stand, hohl sein, dass man am Ende eines klassischen Zeitalters in die Dekadenz abgleiten könnte – ebendies ist die besondere Signatur des fin de siecle.. Woher rührten nun die Zweifel? Viele Faktoren trugen zu der um sich greifenden Verunsicherung bei. Die Bevölkerungsexplosion, die im Zuge des Demographischen Übergangs die westlichen Staaten überrollte, die ungeheure Steigerung räumlicher und sozialer Mobilität, die gewaltigen Migrationsströme zerrissen die gewachsenen gesellschaftlichen Beziehungsnetze. Die Zerschlagung der alten Ständegesellschaft führte nicht zur bürgerlichen Gesellschaft selbständiger und unabhängiger bürgerlicher Existenzen, sondern mündete in die moderne Klassengesellschaft mit ihren schroffen sozialen Gegensätzen und Konflikten. Das Individuum ist in der modernen kapitalistischen Industriegesellschaft aus seinen sozialen Bezügen herausgelöst und auf sich allein gestellt. Dabei kann es sich nicht mehr auf die Zugehörigkeit zu gewachsenen Gemeinschaften oder auf Traditionen berufen, sondern muss sich immer wieder aufs Neue selbst erfinden. Der moderne Mensch muss in einer pluralisierten Welt seinen individuellen Lebensstil entwickeln. Industrialisierung und Urbanisierung ließen zudem völlig neue, künstliche Lebenswelten entstehen, die die Zeitgenossen sichtlich überforderten. Anonymität und Vermassung, die Vervielfältigung der Rollenanforderungen, die ungeheure Beschleunigung des Lebens, der Siegeszug der physikalischen Zeit, die Geometrisierung der Welt, der Lärm der Großstadt, die Reizüberflutung – heute würden wir sagen: der Stress – in der urbanen Lebenswelt führten dazu, dass die Zeitgenossen sich in einem „Zeitalter der Nervosität“ wähnten. Die Säkularisation brach sich Bahn – nicht zu verstehen als Verschwinden des Religiösen, sondern vielmehr als Ende unhinterfragter religiöser Überzeugungen, als allmähliche Entkirchlichung, als Absinken des Religiösen zu einer Provinz des Lebens unter anderen, als Individualisierung der Religion und Übergang zu einer frei flottierenden Religiosität, die sich auf die eigene Körperlichkeit, Gesundheit und Lebensführung ebenso richten konnte wie auf Esoterik, Spiritualismus oder politische Ideologien. Das gilt auch – und in einem ganz dramatischen Ausmaß – für den Religionsersatz oder die Ersatzreligion der Wissenschaft. Die Fortschritte der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert haben letztendlich einen paradoxen Effekt – sie stellen je länger je mehr das naive Verständnis von einem linearen Erkenntniszuwachs in Frage, es wird zusehends klarer, dass es die wissenschaftliche Wahrheit nicht gibt, sondern lediglich wissenschaftliche Paradigmen, die einander ablösen und das System der Gewinnung wissenschaftlichen Wissens neu ordnen. Auch in der Wissenschaft kann demnach nichts als sicher und gewiss gelten – ja die Unschärfen wissenschaftlicher Erkenntnis werden selbst in den Blick genommen (Quantenphysik und Relativitätstheorie bahnen sich an). Überhaupt gibt es in der modernen Welt keine Gewissheiten mehr – zu jeder Meinung existiert eine Gegenmeinung, alle Erkenntnis ist relativ, standortgebunden, vorläufig. Unter diesen Umständen ist es sehr schwer, einen Wertehimmel für sich zu entwerfen. Auffällig häufen sich um die Jahrhundertwende die Klagen über einen Verlust an Idealen, der Lebensstil in der modernen Massenkonsumgesellschaft erscheint verflacht, materialistisch und hedonistisch. Die grundlegenden Veränderungen der Arbeitswelt – die Durchsetzung der Lohnerwerbsarbeit, aber auch die Durchsetzung der Fabrik, die Einführung der Fließbandarbeit – stellen auch diesen Identitätspol in Frage, wie auch die Familie als letzter Anker des eigenen Selbstverständnisses in der modernen Welt neu erfunden werden muss. Ich kann all diese komplexen Prozesse hier nur andeuten, möchte aber nochmals darauf hinweisen, dass sie alle zugleich innerhalb eines engen Zeitfensters von den damals lebenden Menschen bewältigt werden mussten. Hier lag die Versuchung nahe, sich neue Gewissheiten zu schaffen, neue Gemeinschaften zu imaginieren, denen man sich zugehörig fühlen konnte.. Wir scheinen uns mittlerweile weit von unserem Thema entfernt zu haben. Was hat das alles mit der Ideengeschichte der Eugenik und „Euthanasie“ zu tun? Ich denke, eine ganze Menge. Denn die Diskurse der Eugenik und „Euthanasie“ sind Erzeugnisse jenes zutiefst ambivalenten „Zeitgeistes“ des fin de siecle. . Im Zuge der Säkularisierung waren religiöse Vorstellungen von der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens, auch des menschlichen Körpers – das biblische Tötungsverbot, die Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen oder der Heiligkeit des Lebens – weitgehend obsolet geworden. Solange sie gesellschaftlich wirkmächtig gewesen waren, hatte man über die ersten und die letzten Dinge, über Geburt und Tod, auch über Krankheit, Behinderung und Leiden nicht anders sprechen können als über etwas Gegebenes, Unbeeinflussbares, Hinzunehmendes, dem ein geheimer, das menschliche Verständnis übersteigender Sinn innewohnte: Dass das Leben nur eine begrenzte Zeitspanne dauerte, dass es behindertes Leben gab und unheilbare Krankheiten, die keine Aussicht auf Besserung boten, aber unerträgliche Schmerzen und Leiden verursachten – das durfte man nicht hinterfragen, denn dahinter stand ein Plan Gottes, der dem Menschen nicht zugänglich war. Damit konnte sich der Geist der Moderne nicht abfinden – konnte man den Vorgang des Geborenwerdens und des Sterbens beeinflussen, steuern und gestalten, konnte man Krankheiten nicht nur heilen, sondern ihrer Entstehung vorbeugen und sie so zum Verschwinden bringen, konnte man verhindern, dass Kinder mit Behinderungen zur Welt kamen, konnte man die Qual Sterbender abkürzen, dann musste man miteinander darüber nachdenken, wie dies vernünftig zu tun wäre. Noch einmal: Der Umgang mit Krankheit und Gesundheit unterlag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einem weitreichenden und tiefgreifenden Wandel. Hatte Krankheit bis dahin zu jenen Schicksalsschlägen gehört, die man demütig hinnahm, so wurde sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu etwas, was man mit Hilfe der Medizin bekämpfen, durch gesunde Lebensführung vermeiden, durch öffentliche Vorsorgemaßnahmen an der Ausbreitung hindern, am Ende sogar ausrotten konnte. Umgekehrt wurde Gesundheit zu etwas, was man erhalten und wiederherstellen konnte, worauf man achten musste und wofür man verantwortlich war. Die Ideen der Machbarkeit von Gesundheit, des Rechts auf Gesundheit wie auch der Pflicht zur Gesundheit nahmen in dem Maße Gestalt an, wie sich der ungebrochene Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts dem Thema zuwandte. Krankheit und Gesundheit wurden zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, zum sozialen Konfliktstoff, zum Politikum, zum Verwaltungsbereich, zum Wirtschaftssektor, zu einem Fixstern am bürgerlichen Wertehimmel, zum Objekt eines veritablen Kultes. Medizinalisierung wurde zu einem säkularen Prozess, eng verschränkt mit anderen Basisprozessen der Moderne wie Industrialisierung, Urbanisierung, Bürokratisierung, Professionalisierung, Ökonomisierung, Rationalisierung, Verwissenschaftlichung oder Säkularisierung.. Der „Zeitgeist“ des 19. Jahrhunderts schlug sich in den Diskursen über Eugenik und „Euthanasie“ auch insofern nieder, als diese potentiell und prinzipiell an der Utopie einer von Schwäche und Hinfälligkeit, Schmerz und Leiden, unheilbarer Krankheit und Behinderung freien Menschheit festhielten, ja mehr noch; dass sie fest an die Möglichkeit der Fortentwicklung der Menschheit im kulturellen wie im biologischen Sinn glaubten. Im kulturellen Sinn, indem sie – auf der Grundlage eines utilitaristischen Denkens in Nutzen und Werten – unbeirrt auf die Verwirklichung des größten Glücks der größten Zahl zusteuerten und von einer Ethik auf der Grundlage der wissenschaftlichen Vernunft eine Veredelung menschlicher Gesittung erhofften, im biologischen Sinn, indem sie fest an der Vorstellung festhielten, es sei möglich, auf den Genpool menschlicher Großgruppen dergestalt einzuwirken, dass erblich bedingte Krankheiten, Behinderungen oder charakterliche Abnormitäten in der Generationenfolge ausgemerzt werden könnten. Hier sollte die menschliche Natur radikal (im Wortsinne: von der Wurzel her, von ihrem in den Genen liegenden Bauplan) umgemodelt werden. Die hier zu Tage tretende Überschätzung der Vererbung war dem tendenziell mechanistischen Ingenieursgeist des 19. Jahrhunderts geschuldet, der sich zur selben Zeit, etwa durch Fechners Psychophysik oder auch durch Freuds Psychoanalyse, dann durch Kraepelins Konzept psychischer Krankheit der menschlichen Seele näherte, vom Zugriff auf den menschlichen Körper durch die moderne Medizin ganz zu schweigen. „Eugenics ist the Self Direction of Human Evolution“ – „Eugenik ist die Selbststeuerung der menschlichen Evolution“. Dieses Motto des Dritten Internationalen Kongresses für Eugenik, der 1932 in New York stattfand, bringt den frohgemuten Ingenieursgeist des 19. Jahrhunderts, zum Machbarkeitswahn des 20. Jahrhunderts mutiert, zum Ausdruck.. Das Fortschrittsdenken des 19. Jahrhunderts war aber bereits erschüttert. Charles Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie der Biologie ein gleichsam geschichtliches Moment gegeben hatte, und die frühen Sozialdarwinisten, hatten – dem Geist der Zeit folgend – in der eugenischen Kernfrage kurzerhand Veränderung, Wandel, Entwicklung mit Fortschritt gleichgesetzt. Darwin hatte zwar eingeräumt, dass die moderne Zivilisation die Mechanismen der natürlichen Zuchtwahl möglicherweise außer Kraft setzte, die menschliche Evolution sah er aber nicht in Gefahr. Er vertraute auf die Selbstheilungskräfte der Natur. Galton sah das frühzeitig anders, und seit Mitte der 1880er Jahre folgten ihm immer mehr Zeitgenossen in verschiedenen Staaten. Es gab keine neuen wissenschaftlichen Einsichten, die diesen Stimmungsumschwung stichhaltig erklären könnten. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Fortschrittsskepsis mochte man der Vorstellung des selbstläufigen Fortschritts nicht mehr unhinterfragt folgen. Zwar ging man nicht von der Gedankenfigur ab, dass sich die biologische Evolution der Menschheit nach Naturgesetzen vollzog, doch rückte es in den Bereich des Vorstellbaren, dass gesellschaftliche Verhältnisse und Entwicklungen die biologische Evolution konterkarieren könnten. Wenn dem so war, dann musste man die gesellschaftlichen Verhältnisse zu gestalten, dass soziale und biologische Entwicklung wieder im Einklang standen. Tat man dies nicht, riskierte man die biologische Degeneration. Diese wurde im fin de siecle zunehmend als reale Gefahr gesehen – der ältere psychiatrische Degenerationsbegriff erhielt eine neue Wendung: War man bis dahin davon ausgegangen, dass Familien, in denen sich psychische Degenerationserscheinungen zeigten, innerhalb von zwei bis drei Generationen aussterben würden, stellte man nun die gegenteilige These auf, dass „biologisch minderwertige“ Menschen eine höhere Fortpflanzungsrate aufwiesen als „biologisch höherwertige“ und dass deshalb das Erbgut einer gegebenen Bevölkerung unter modernen, genauer: städtischen Lebensverhältnissen innerhalb weniger Generationen genetisch degenerieren müsse – wenn nicht energisch entgegengesteuert würde. Hier machte sich bereits eine selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit bemerkbar. Denn die These von der drohenden biologischen Katastrophe stützte sich auf sozialhygienische Studien in großstädtischen Slums und vor allem auf das explosionsartige Wachstum totaler Institutionen für psychisch erkrankte, epilepsiekranke, geistig und körperlich behinderte, sozial abweichende und delinquente Menschen in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Diese Entwicklung konnte man so oder so deuten: Heute betrachten wir sie als das Ergebnis einer rigorosen sozialen Raumordnung, die mit der Durchsetzung des modernen Interventionsstaates zusammenhing, damals sah man darin ein Zeichen für das explosionsartige Umsichgreifen von Degenerationserscheinungen. Das Zusammenwirken der positiven Zielutopie der Schaffung eines Neuen Menschen mit dem pessimistischen Untergangsszenario einer massenhaften Degeneration verlieh der Eugenik eine radikalisierende Dynamik. Um die Begrifflichkeit der Theologie aufzugreifen, könnte man sagen, der Eugenik haftete ein eschatologisches und ein apokalyptisches Moment an.. Als ein weiteres radikalisierendes Element ist ein Wandel in der wichtigsten Referenzwissenschaft der Eugenik zu nennen: Der Übergang zu „harten Vererbungstheorien“ in der Genetik, für den die Formulierung der so genannten „Keimplasmatheorie“ August Weismanns im Jahre 1885 steht. Vorher waren Konzepte einer gesellschaftlichen „Erbpflege“ denkbar, die auf die Vererbung erworbener Eigenschaften setzten und durch Individualhygiene, medizinische Vorsorge, Ernährung, Bildung, Sport und gesunde Lebensweise den Genpool einer Population positiv zu beeinflussen zu können hofften. Die Vorstellung geschlossener Keimbahnen machte solchen Formen eines social engineering ein Ende – Einfluss auf die Erbgesundheit konnte man nur noch indirekt nehmen, indem man die gesellschaftlichen Bedingungen der „Auslese“ und „Ausmerze“ entsprechend gestaltete. Das legte Maßnahmen negativer Eugenik nahe – das Wegsperren, Unfruchtbarmachen oder Töten von Menschen mit unerwünschtem Erbgut – und es verstärkte den Ruf nach dem Staat.. Der Aufstieg des modernen Interventionsstaates gehört zu den Basisprozessen der Übergangsphase vom 19. zum 20. Jahrhundert, und dieser Prozess findet seinen Niederschlag auch in den Diskursen über Eugenik und „Euthanasie“, wird doch in beiden ganz selbstverständlich der Staat als die Instanz gesamtgesellschaftlicher Globalsteuerung herausgestellt – das war, vom 19. Jahrhundert her gedacht – keineswegs eine Selbstverständlichkeit. (In der deutschen Rassenhygiene lagen die Dinge anfangs nicht ganz eindeutig, sie schwankte, ob sie sich als Teil der „Lebensreformbewegung“ konstituieren sollte, als freier Zusammenschluss von Menschen, die sich gegenseitig zu einer erbgesunden Lebensführung verpflichteten und anhielten – das ist von der Gesellschaft her gedacht – oder aber als Wissenschaft, die auf dem Wege wissenschaftlicher Politikberatung den Staat zur Übernahme der „Erbgesundheitspflege“ als öffentliche Aufgabe bewegen wollte – das ist etatistisch gedacht. Einen letzten Punkt möchte ich noch erwähnen: Bezugspunkt der beiden Diskurse waren überindividuelle, organisch gedachte Gemeinschaften – das „Volk“ und/oder die „Rasse“, zwischen beiden Begriffen gab es fließende Übergänge. Hier tauchen neue, in dieser Zeit vielerorts sichtbar werdende Bezugsgrößen jenseits der überkommenen und im Modernisierungsprozess überwundenen Vergesellschaftungsformen auf. Paradox: Die neuen Ideen der Eugenik und „Euthanasie“ entstehen auf dem Nährboden der Moderne, die zu einer Individualisierung der Lebensentwürfe zwingt, der individuelle Aspekt tritt aber sogleich zurück zugunsten einer imaginierten Gemeinschaft, zu der das heimatlos gewordene Individuum der Moderne seine Zuflucht sucht: zum Volk oder zur Rasse.. Ich kann das Bild hier nur in groben Strichen umreißen. Es dürfte indessen klar geworden sein, dass die Diskurse um Eugenik und „Euthanasie“ – übrigens zusammen mit einer ganzen Reihe anderer geistiger Strömungen, welche die Ambivalenzen und Antinomien der Zeit auf ganz unterschiedliche Weise aufzulösen versuchten – in der Epoche des fin de siecle, von der Grundströmung des damaligen „Zeitgeistes“ wesentlich beeinflusst, Gestalt annahmen – und zwar, da dieser „Zeitgeist“ in allen okzidentalen Gesellschaften wirksam war, ungefähr zeitgleich in verschiedenen Staaten der westlichen Welt. Betrachtet man die Tiefendimension der beiden Diskurse um Eugenik und „Euthanasie“, so werden die gemeinsamen Grundannahmen, auch die gemeinsame Grundstimmung deutlicher, durch die die beiden Diskurse enger verklammert sind als durch die Überschneidungen an der Oberfläche. Die Einbettung in größere Zusammenhänge macht auch verständlicher, warum die Eugenik an ganz verschiedene politische Systeme und Strömungen, an kapitalistische wie an sozialistische Regierungsformen, an Demokratien wie an Diktaturen andocken kann – denn diese Systeme, so unterschiedlich sie sich auch darstellen, weisen doch alle die grundlegende Tendenz zum social engineering im Geist des fin de siecle auf.. Bleibt die Frage, warum die Diskurse um Eugenik und Euthanasie im 20. Jahrhundert von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft rückten, und zwar insbesondere in Deutschland. Hier erwiesen sich die vernichtende Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Zusammenbruch der alten staatlichen Ordnung, die Novemberrevolution, die anschließenden Bürgerkriegswirren und die Hyperinflation als idealer Nährboden für das Wachstum der rassenhygienischen Bewegung. Die gesellschaftlichen Umbrüche und Verwerfungen – dazu die gewaltigen Verluste an Menschenleben, der durch den Krieg verursachte Geburtenausfall, der schlechte Gesundheitszustand breiter Schichten der Bevölkerung und die wirtschaftliche Not der Nachkriegszeit – schufen ein Klima der Angst, Verstörung und Gewalt, das sich sehr schnell auch gegen jene Menschen richtete, die während des Krieges über den Rand der Gesellschaft hinausgedrängt worden waren. Denn im Verlauf des Ersten Weltkriegs waren soziale Gegensätze aufgebrochen, die quer zu den Klassenstrukturen der wilhelminischen Gesellschaft lagen. Vor allem hatte sich ab 1916, als die von der Entente gegen das Deutsche Reich verhängte Hungerblockade ihre volle Wirkung entfaltete, eine neue, auf dem Zugang zu Lebensmitteln beruhende soziale Schichtung herausgebildet, die man als „Ernährungshierarchie“ bezeichnen kann. Auf deren unteren Stufen standen die Bevölkerung der Großstädte, Angestellte und Beamte, Kleinrentner und Pensionäre, Familien von Frontsoldaten, alleinstehende ältere Menschen und – ganz unten – Menschen in totalen Institutionen, in Kriegsgefangenenlagern, Gefängnissen und Zuchthäusern, Fürsorgeerziehungsheimen, Alters- und Siechenheimen, Heil- und Pflegeanstalten. Obwohl im Zeitraum von 1914 bis 1918 in geschlossenen Anstalten mehr als 70.000 behinderte und kranke Menschen verhungerten, erfroren oder ansteckenden Krankheiten erlagen, wurden gerade sie nach dem Krieg zur Zielscheibe einer biologistischen Version der Dolchstoßlegende – und, schrecklich zu sagen, man hatte im Krieg gelernt, wie einfach es war, die in totalen Institutionen lebenden Menschen durch die Manipulation ihrer Lebensverhältnisse massenhaft zu töten. Darin lag eine große Versuchung. Mit der Stabilisierung des neuen politischen Systems kehrte erst einmal Ruhe ein. In den „Goldenen Zwanzigern“, dem Jahrfünft relativer Stabilität zwischen 1924 und 1929, erlahmten die Diskurse um Eugenik und „Euthanasie“ in der Weimarer Republik, um dann mit Beginn der Weltwirtschaftskrise umso vehementer wieder aufzubrechen.. Was sich am Beispiel Deutschlands besonders deutlich zeigen lässt, gilt mutatis mutandis auch für andere Staaten. Auch sie erlebten die Zeit zwischen den Weltkriegen als eine Zeit schwerer wirtschaftlicher, sozialer und politischer Krisen, und auch hier profitierten die eugenischen Bewegungen von der ausgeprägten Krisenmentalität. Insofern belegt der internationale Vergleich, dass man von einem „deutschen Sonderweg“ vor 1933 kaum sprechen kann. Erst die Installation eines völlig neuartigen politischen Systems durch die Nationalsozialisten, eines Systems, bei dem sich im Gehäuse des gewachsenen Normenstaates ein zweiter, auf Gewalt und Willkür basierender, ein Maßnahmenstaat herausbildete, führte zur Entfesselung der destruktiven Potentiale in den Diskursen um Eugenik und „Euthanasie“. Die gesellschaftlichen checks and balances funktionierten nicht mehr, wissenschaftliche Funktionseliten konnten ihre Vorstellungen eines social engineering wie in keinem anderen politischen System umsetzen, hatte das System doch den Primat der Rassen- und Erbgesundheitspolitik als Staatsdoktrin festgeschrieben. Das Neue am Nationalsozialismus war das Drängen auf eine Lösung, die Bereitschaft zur praktischen Umsetzung der Gedankenspiele, welche die Eugeniker und „Euthanasie“-Propagandisten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert an ihren Schreibtischen ausgeheckt hatten..

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