Im Urlaub, beim Sport, selbst auf der Flucht und nach der Ankunft im Exil: Während der Zeit des nationalsozialistischen Terrors hielten Jüdinnen und Juden ihren Alltag fotografisch fest. Ihre Bilder bewahrten sie oft in selbst gestalteten Alben und nahmen diese mit in die Emigration, auch wenn sich ihr Gepäck auf nur einige Koffer beschränkte. Die Fotos und Alben wurden so zu Trägern persönlicher Geschichte zwischen Vertreibung und Exil.
In der öffentlichen Erinnerung ist die private Fotografie lange außen vor geblieben. Die herausgestellte Leichtigkeit und die Normalität der Bilder stehen quer zum Wissen um die Anfeindung und Entrechtung, die die Abgebildeten als Juden erfuhren. In einer Zeit, in der ihre gesamte Lebenswelt zutiefst erschüttert wurde, gewinnen sie aber eben dadurch an Bedeutung. Die Fotos und Alben eröffnen sie einen neuen Blick auf die jüdische Geschichte der Zeit.
Anhand einer sensiblen Analyse von mehr als hundert größtenteils unbekannten Sammlungen zeigt Robert Mueller-Stahl, wie die private Fotografie für Jüdinnen und Juden zu einem Medium der Selbstbestimmung wurde. Kamera und Album ermöglichten es ihnen, sich so zu sehen und zu erinnern, wie sie selbst es wollten. Die Fotos widersetzen sich nicht nur den Blicken der Tätergesellschaft, sie fordern auch die heutigen Vorstellungen über das jüdische Leben der Zeit heraus.