Die Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus erinnert an zwei Arbeitskommandos, die während des Zweiten Weltkrieges im Quickborner Himmelmoor existierten. Bei den Kriegsgefangenen, die dort Torf stechen mussten, handelte es sich einerseits um Soldaten der Roten Armee, andererseits um Juden, die der französischen Armee angehörten. Mindestens 15 von bis zu hundert sowjetischen Kriegsgefangenen starben binnen eines Jahres in Quickborn. Im Gegensatz dazu überlebten – paradoxer Weise – alle etwa fünfzig jüdischen Kriegsgefangenen den Arbeitseinsatz im Himmelmoor.
Dieses lokale Beispiel ist Anlass und Ausgangspunkt, um die von Gegensätzen geprägte Behandlung der beiden Gruppen in den Blick zu nehmen. Darüber hinaus wendet sich die – mit Forscherinnen und Forschern aus Frankreich, Großbritannien, Polen, den USA und Deutschland besetzte – Tagung auch jüdischen Kriegsgefangenen aus anderen Herkunftsländern zu.
Während die Wehrmacht den sowjetischen Kriegsgefangenen eine menschenwürdige Behandlung generell und völkerrechtswidrig verweigerte, hing das Schicksal der jüdischen Kriegsgefangenen davon ab, in welcher Armee sie gekämpft hatten.
Jüdische Soldaten der Roten Armee sollten gar nicht erst gefangen genommen, sondern noch in Frontnähe ermordet werden. Juden, die der polnischen Armee angehört hatten, wurden vielfach in der Shoah ermordet. Hingegen bewahrte der Status als Kriegsgefangener Tausende Juden aus Frankreich vor der Deportation in die Vernichtungslager. In der Regel überlebten auch die US-amerikanischen und britischen sowie die jugoslawischen Juden, die sich als Kriegsgefangene in deutscher Hand befanden, den Holocaust.
Die Vortragenden fragen nach den politischen und ideologischen Hintergründen für die unterschiedliche Behandlung der Kriegsgefangenen, richten den Blick aber auch auf ihr Erleben und ihre Erinnerungen. Neue Forschungsergebnisse zu einzelnen Lagern und Arbeitskommandos sowie zu Grabstätten Kriegsgefangener, insbesondere in Norddeutschland, werden vorgestellt.
Ein öffentlicher Abendvortrag über die Arbeit von Kriegs- und Strafgefangenen im Quickborner Himmelmoor sowie ein Besuch der Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus runden das Programm ab.
Die Tagung findet in deutscher und englischer Sprache statt und richtet sich an Interessierte aus Forschung, Bildung und Öffentlichkeit.
Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung bitte bis 5. Juni 2026 an: tagung@henri-goldstein-haus.de
Programm
Samstag, 13. Juni 2026
ab 10.30 Ankommen
11.00 Begrüßung und Einführung
Jens-Olaf Nuckel (Träger- u. Förderverein Henri-Goldstein-Haus Quickborn)
Thomas Beckmann (Bürgermeister der Stadt Quickborn)
Helmuth Arens (Kreispräsident Kreis Pinneberg)
Marlies Fritzen (Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten)
11.30 – 13.00
Panel I: Jüdische Kriegsgefangene aus Westeuropa und den USA
Moderation: Janine Doerry
Survival of Jewish Prisoners of War in Nazi Captivity
Yorai Linenberg
French Jewish Prisoners of War on Trial in German Military Courts
Raffael Scheck
Jüdische Kriegsgefangene aus Frankreich: Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft im Deutschen Reich
Christophe Woehrle
13.00 – 13.30 Pause und Mittagsimbiss
13.30 – 15.00
Panel II: Sowjetische Kriegsgefangene in Norddeutschland
Moderation: Andreas Ehresmann
Arbeitskommando 5790 – Ein Lager des Forstamtes Rehburg mit 256 sowjetischen Kriegsgefangenen im Dienst der Klosterkammer Hannover
Regina Brunschön
Sowjetische Kriegsgefangene in Norddeutschland
Reimer Möller
Erinnerung an sowjetische Kriegsgefangene in Schleswig-Holstein
Lars Hellwinkel
15.30 – 18.00 Exkursion zur Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus
Amelie Berking, Träger- u. Förderverein Henri-Goldstein-Haus Quickborn e.V.
18.30 – 19.45 Abendvortrag: Torfabbau, unfreie Arbeit und Gewalt im Quickborner Himmelmoor von 1900 bis 1945
Karsten Wilke
Sonntag, 14. Juni 2026
9.00 – 11.00
Panel III: Polnisch-jüdische Kriegsgefangene
Moderation: Janine Doerry
In deutscher Gefangenschaft. Die Behandlung jüdischer Soldaten der Polnischen Armee durch die Wehrmacht
Renata Kobylarz-Buła
Zeitzeugen-Interviews polnisch-jüdischer Kriegsgefangener. Systematische Quellenkritik und analytischer Mehrwert
Antonius Schanderwitz
Von Moosburg nach Majdanek: Polnisch-jüdische Kriegsgefangene und der Holocaust
Dominik Reither
11.00 – 11.15 Kaffeepause
11.15 – 12.15
Panel IV: Jüdische Kriegsgefangene aus Jugoslawien und der Sowjetunion
Moderation: N.N.
Sowjetisch-jüdische Soldaten in deutscher, finnischer und rumänischer Gefangenschaft
Pavel Polian
Das Oflag VI C, Osnabrück: Krieg – Kriegsende – Nachkriegszeit
Rüdiger Overmans
12.15 – 12.30 Kaffeepause
12.30 – 13.30
Tagungsabschluss: Jüdische und sowjetische Kriegsgefangene des Deutschen Reiches – Geschichte und Erinnerungskultur
Moderation: Karsten Wilke
Beiträge von Janine Doerry, Andreas Ehresmann, Harald Schmid, N.N.
13.30 Mittagsimbiss und Ausklang