Der 1897 in Darmstadt geborene Maschinenbauingenieur Karl Plagge wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen und 1941 als Reserveoffizier im Rang eines Majors mit der Leitung des Heeres-Kraftfahrparks 562 Ost im litauischen Wilna (Vilnius) beauftragt. Angesichts der brutalen Verfolgung und Ermordung litauischer Juden durch Einsatzkommandos der SS sowie deren litauischen Hilfstruppen bot er über die Einrichtung eines Arbeitslagers im Werkstattbereich des Kraftfahrparks Juden und ihren Angehörigen Schutz. Plagge deklarierte die Menschen unabhängig von ihren tatsächlichen technischen Fähigkeiten als „kriegswichtig“, kümmerte sich um Nahrungsmittel wie um medizinische Hilfe. Angesichts des Rückzugsbefehls im Sommer 1944 warnte Plagge die jüdischen Zwangsarbeiter verschlüsselt, aber unmissverständlich vor der bevorstehenden Übernahme des Lagers durch die SS und deren Konsequenzen. Etwa 250 Juden gelang es, die Massenerschießungen durch die SS in diversen Verstecken zu überleben.
Plagge sah sein Tun wohl als selbstverständlichen Akt der Menschlichkeit, ohne sich nach dem Ende des Krieges in irgendeiner Weise damit zu rühmen. Im Jahr 1957 starb er verarmt in Darmstadt. Erst etwa 40 Jahre später suchten Überlebende von Wilna nach ihrem Retter und brachten so das Geschehen an die Öffentlichkeit. Auf Initiative von Überlebenden und deren Angehörigen verlieh der Staat Israel 2005 Karl Plagge posthum den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“. Plagge gehörte zu den wenigen „Rettern in Uniform“, denen die eigenen moralischen Werte und Normen wichtiger waren als die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, und die sich deshalb mit Mut und Zivilcourage aufmachten, die ihnen zur Verfügung stehenden Spielräume zu nutzen.
Die Darmstädter Geschichtswerkstatt e.V. erarbeitete 2007 eine Wanderausstellung für Schulen und Bildungseinrichtungen, die über die Verfolgung der litauischen Juden und das rettende Verhalten von Karl Plagge informiert.