In die Zeit des Nationalsozialismus fällt das dunkelste Kapitel der deutschen Psychiatrie: Jüdisch und politisch missliebige Psychiater wurden verfolgt und aus Deutschland vertrieben. Dazu waren Psychiater maßgeblich an der Zwangsterilisierung von mehr als 360.000 vor allem psychisch kranken Menschen beteiligt. Die finanziellen Ressourcen für die Unterbringung und Behandlung von chronisch psychisch Kranken wurden drastisch reduziert. Zwischen 1939 und 1945 fielen mindestens 250.000 psychisch Kranke und Behinderte dem sogenannten Euthanasieprogramm zum Opfer. Welche Rolle die psychiatrischen Fachgesellschaften in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft spielten, ist bislang noch viel zu wenig problematisiert, aufgearbeitet und diskutiert. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde stellt das Thema in den Mittelpunkt ihrer Jahrestagung, die vom 24. vom 27. November 2010 im Internationalen Congress Centrum (ICC) in Berlin stattfindet. So widmet sich am Freitag, den 26. November 2010, eine Reihe von Veranstaltungen dem Thema Psychiatrie im Nationalsozialismus:
Damit möchte die DGPPN die Thematik einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen und bekennt sich zu ihrer besonderen Verantwortung, die der Fachgesellschaft „aus der Beteiligung ihrer Vorläuferorganisationen an den Verbrechen des Nationalsozialismus, an massenhaften Krankenmorden und Zwangssterilisierungen erwachsen“, so die Satzung der DGPPN. Auf dem Kongress werden mehr als 8.000 Teilnehmer erwartet. Dieser zählt inzwischen in Europa zu den größten wissenschaftlichen Tagungen auf dem Gebiet der psychischen Störungen.
Die Veranstaltungen zum Thema Psychiatrie im Nationalsozialismus sind Ausdruck des gegenwärtigen Aufarbeitungs- und Diskussionsprozesses, der innerhalb der Fachgesellschaft stattfindet. So soll ein laufendes Forschungsprojekt klären, inwieweit die Vorläuferorganisationen der DGPPN und ihre Repräsentanten am sogenannten Euthanasieprogramm, an der Zwangssterilisation psychisch Kranker, an der Vertreibung von jüdischen und politisch missliebigen Psychiatern sowie an weiteren Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes mitgewirkt haben. Den Prozess der wissenschaftlichen Aufarbeitung wird eine unabhängige Kommission aus vier namhaften internationalen Medizin- und Wissenschaftshistorikern begleiten. Nach Abschluss des Projekts im Jahr 2012 soll der Forschungsauftrag auf die Zeit nach 1945 ausgeweitet werden, um die Auswirkungen der Zeit des Nationalsozialismus auf die Psychiatrie im Nachkriegsdeutschland in Ost und West festzustellen.
Weiterführende Informationen:
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Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider
Tel. 030/2404 772-0
Fax 030/2404 772-29
Email: sekretariat[at]dgppn.de
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