Bericht zur 12. GedenkstättenKonferenz

„Kulturkampf von Rechts: Gefahren und Gegenstrategien“ (September 2024, Weimar)

Vom 25. bis 27. September 2024 fand die 12. GedenkstättenKonferenz im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus in Weimar statt. Unter dem Titel „Kulturkampf von Rechts: Gefahren und Gegenstrategien“ trafen sich über 80 Vertreter:innen von Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Erinnerungsorten aus dem gesamten Bundesgebiet, um sich über die  Herausforderungen durch  Angriffe auf eine kritisch-reflexive Erinnerungskultur  auszutauschen. Das Thema gewann  durch die Wahlerfolge rechtsextremer und -populistischer Parteien bei den  Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zusätzlich an Brisanz.

Die Gedenkstättenarbeit ist zunehmend Angriffen ausgesetzt: NS-Verbrechen werden relativiert, die Erinnerungsarbeit als „Schuldkult“ diffamiert. Die öffentliche Förderung wird kritisch hinterfragt, Mitarbeitende werden bedroht, Bildungsprogramme gestört, Denkmäler und Gedenkzeichen beschädigt. Angesichts dieser Entwicklungen wurde diskutiert, wie sich die Gedenkstättenlandschaft  wappnen kann: Welche Erfahrungen werden an unterschiedlichen Orten gemacht, welche Gegenmaßnahmen ergriffen? Welche Ansätze gibt es bereits, um Gedenkstätten resilient(er) gegen rechtsextreme und -populistische Angriffe zu machen? Vor welchen Herausforderungen stehen demokratische Netzwerke und Bündnisse im Umfeld der Einrichtungen? Und was steht für Gedenkstätten und eine kritisch-reflexive Erinnerungskultur zu befürchten, wenn rechtsextreme und
-populistische Parteien staatliche Machtmittel in die Hand bekommen?

 

Foto der Konferenz: 2 Vortragende
Foto der Konferenz: Podiumsdiskussion

Standortbestimmung: Erfahrungen im Umgang mit Anfechtungen

Als Auftakt der Tagung dienten einen Impulsvortrag und eine Fishbowl-Diskussion zur Frage: »Wie gehen Gedenkstätten und Erinnerungsorte mit rechtsextremen und rechtspopulistischen Anfechtungen um?«. Julana Bredtmann und Cornelia Siebeck (Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors) präsentierten Schlaglichter aus einer vertraulichen Umfrage, die in Zusammenarbeit  mit Sabine Reimann (FORENA/Erinnerungsort Alter Schlachthof) entwickelt  wurde.

Die Ergebnisse boten  vielfältige  Einblicke in Herausforderungen und Lösungsansätze  an 58 Einrichtungen in 14 Bundesländern.  Zahlreiche Einrichtungen berichteten von Sachbeschädigungen und Bedrohungen, die zur Anzeige gebracht wurden. Die meisten überarbeiten aktuell ihre Hausordnungen und Sicherheitskonzepte. Vielfach  bieten sie ihren Mitarbeiter:innen kollegiale  Beratungen und professionelle  Fortbildungen an bzw. bereiten ein solches Angebot vor.  Häufig beteiligen sich Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Lenorte auch an regionalen  Bündnissen zur Verteidigung der demokratischen Kultur.

Erfahrungsaustausch und Diskussion

Vier parallele Workshops boten den Teilnehmer:innen im Anschluss die Möglichkeit, sich zu konkreten Themen und Fragestellungen auszutauschen. Oliver von Wrochem (Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte) und Jens Christian Wagner (Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) stellten ein Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft KZ-Gedenkstätten zum Umgang mit AfD-Funktionär:innen zur Diskussion. Sabine Reimann (FORENA/Erinnerungsort Alter Schlachthof) sammelte Feedback zu einer in Vorbereitung befindlichen Handreichung für Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen. Benjamin Kryl (Museum Parchim) präsentierte das „Netzwerk Halt!ung“, in dem sich Museen gegen politisch motivierte Angriffe zusammengeschlossen haben. Jonas Kühne (sLAG) und Felix Pankonin (Netzwerkstatt Hillersche Villa Zittau) öffneten einen Reflexionsraum zu  Herausforderungen in der regionalen Vernetzungsarbeit (nicht nur) in Sachsen.

Foto der Konferenz: Teilnehmende diskutieren im Stuhlkreis
Foto der Konferenz: Referentin hält einen Vortrag

Im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltungen diskutierten Felix Steiner (MOBIT),  Elke Gryglewski (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten), und Anne Kugler-Mühlhofer (Museum Zeche Zollern) anhand verschiedener Fallbeispiele,  wie Gedenkstätten und andere Kultureinrichtungen auf rechtsextreme und -populistische Angriffe reagieren können.

Am nächsten Morgen ging es um die Frage, was passiert, wenn autoritär-populistische Parteien staatliche Machtmittel in die Hand bekommen. Zum Auftakt stellte Maximilian Steinbeis (Verfassungsblog) einige zentrale Erkenntnisse aus dem „Thüringen-Projekt“ vor. Anschließend reflektierte Annegret Schüle (Erinnerungsort Topf & Söhne) politische Entwicklungen in Thüringen vor allem auf kommunaler Ebene. Im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion stand das Konzept des „zivilen Verfassungsschutzes“.

Auch bei einem abschließenden Gespräch mit Vertreterinnen der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien zu aktuellen erinnerungskulturellen Entwicklungen waren rechtsextreme und -populistische Angriffe auf die Gedenkstättenarbeit Thema.

Impulse zum Thema Zwangsarbeit

Ausgehend vom Tagungsort befassten sich die Teilnehmenden außerdem mit dem Thema Zwangsarbeit. Neben Rundgängen durch das neu eröffnete Museum standen Impulse aus Forschung und Vermittlung auf dem Programm:  Marta Pawlińska (Universität Warschau) und Gwendoline Cicottini (Gedenkstätte Lager Sandbostel) vermittelten Einblicke in ihre Forschungsprojekte zu Körperlichkeit und Maskulinität polnischer Zwangsarbeiter und Beziehungen deutscher Frauen zu französischen Kriegsgefangenen. Daniel Logemann (Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) und Rafael Jové (Funkhaus Ost) berichteten über den Podcast „NS-Musterstadt“ und Andreas Froese (Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) über die didaktische Neugestaltung der Stollenanlage in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Christine Glauning (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit) & Michael Gander (Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht) stellten das Netzwerk der Erinnerungsorte zur NS-Zwangsarbeit vor und skizzierten Projekte wie das Bildungsportal NS-Zwangsarbeit.

 

Foto der Konferenz: Teilnehmende im Publikum hören zu
Foto der Konferenz: Teilnehmende sitzen im Publikum

Fazit und Ausblick

Die Weimarer GedensktättenKonferenz bot den Teilnehmenden zahlreiche Anregungen für die weitere  Arbeit vor Ort. Der große Gesprächs- und Diskussionsbedarf zeigte, welche Bedeutung dem Thema Rechtsextremismus und -populismus beigemessen wird. Der kontinuierliche Austausch über konkrete Handlungsmöglichkeiten und die Vernetzung von Gedenkstätten und Kultureinrichtungen wurde als besonders wichtig erachtet, um gemeinsam besser auf die Herausforderungen reagieren zu können.

Die 12. GedenkstättenKonferenz wurde organisiert von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten, dem Verband der Gedenkstätten in Deutschland, Vertretungen der Landeszentralen für Politische Bildung sowie dem Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors. Die GedenkstättenKonferenzen richten sich an Leitungen von Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Lernorten; die Teilnahme erfolgt auf Einladung.

 

Alle Fotos: © Peter Hansen

Foto der Konferenz: Gruppenbild der Teilnehmenden