Die IHRA-Charta zur Bewahrung historischer Stätten – Ein Dokument, das über 80 Jahre nach dem Holocaust notwendig ist

10/2026Gedenkstättenrundbrief 223, S. 42-54
Gilly Carr, Steven Cooke

Im Januar 2024 präsentierte die International Allianz für Holocaust-Gedenken (International Holocaust Remembrance Alliance, IHRA) ein Leitprojekt, an dem fünf Jahre lang gearbeitet worden war: die IHRA-Charta zur Bewahrung historischer Stätten. Im internationalen Einvernehmen werden darin sowohl die Bedrohungen aufgelistet, mit denen sämtliche Holocaust-Gedenkstätten konfrontiert sind, als auch bewährte Verfahren zur Bewahrung dieser Stätten genannt, Maßnahmen zur Schadensminderung beschrieben und Regierungen dazu aufgefordert, Verantwortung für ihre Geschichte zu übernehmen. Die Charta ist online in mehreren Sprachen verfügbar.

 

Vorgehensweise und Beobachtungen

Die bei der Erarbeitung der Charta angewandte Methodik bestand in der Zusammenarbeit mit Stätten, die mit der Geschichte des Holocaust im Zusammenhang stehen, sowie der Durchführung von Exkursionen, von Workshops und Konferenzen mit Fachleuten für Kulturerbe und dem Leitungspersonal der Stätten. Darüber hinaus wurden andere Gedenkstätten-Chartas analysiert, um herauszuarbeiten, welche Aspekte für unsere Bedürfnisse wichtig, relevant oder geeignet waren.

 

Geleitet wurde das Projekt von zwei Autor:innen in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen und IHRA-Delegierten aus verschiedenen Ländern, darunter Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Polen, Serbien, Ungarn und dem Vereinigten Königreich. Die Charta wurde in Absprache mit Fachleuten und Netzwerken erarbeitet, darunter dem Europarat, der Internationalen Studienzentrale für die Erhaltung und Restaurierung von Kulturgut (ICCROM), der International Coalition of Sites of Conscience, des Internationalen Museumsrats (ICMEMOHRI) und des Internationalen Rats für Denkmalpflege (ICOMOS).

 

Während der vorbereitenden Konzepterarbeitung zog die zwischenstaatliche Organisation verschiedene methodische Ansätze in Betracht. Einer der ersten Vorschläge war die Erstellung einer Europakarte, auf der anhand eines Ampelsystems der Erhaltungszustand von Stätten klassifiziert und angezeigt werden sollte. Nach weiteren Beratungen wurde dieser Ansatz jedoch als möglicherweise kontraproduktiv verworfen. Es stand die unbegründete – und wohl auch überhebliche – Befürchtung im Raum, dass osteuropäische Stätten im Vergleich zu westeuropäischen überproportional häufig als unzureichend erhalten klassifiziert werden würden. Anschließende Untersuchungen machten allerdings deutlich, dass die aktuellen Bedrohungen, Risiken und Herausforderungen, mit denen die Stätten konfrontiert sind, nicht an geographischen Grenzen Halt machen, sondern alle Regionen etwa gleich stark betreffen. Deshalb richtete die Organisation ihren Fokus auf die Erarbeitung einer Charta, mit der bewährte Verfahren zum Erhalt und Schutz der historischen Stätten ermittelt werden sollten, wobei der Schwerpunkt eher auf erstrebenswerten Standards als auf der Herausstellung von Mängeln liegen sollte.

 

Unser Ausgangspunkt war die Analyse vorhandener Gedenkstätten-Chartas und die Durchführung einer Lückenanalyse: Was fehlte und welche Aspekte aus anderen Chartas waren wertvoll und konnten in die IHRA-Charta übernommen werden? Anschließend erstellten wir eine Liste mit allen Arten von Bedrohungen, Risiken und Herausforderungen, vor denen die Stätten in ganz Europa stehen. Je mehr Stätten wir im Laufe des Projekts besichtigten, desto länger wurde die Liste. An allen Orten, die wir besuchten, lernten wir etwas dazu, was uns wertvolle Erkenntnisse lieferte und das Team dazu zwang, vorgefasste Meinungen zu überdenken, die sich im Rückblick weder als realistisch noch als umsetzbar oder pragmatisch erwiesen.

 

Bedrohungen, Risiken und Herausforderungen

In der IHRA-Charta wurden schließlich 16 verschiedene Bedrohungen, Risiken und Herausforderungen identifiziert, die sich auf die Stätten und ihre Bedeutung auswirken. Dazu gehören der Klimawandel, Zerstörungen aufgrund bewaffneter Konflikte, fehlende Gelder, politische widerrechtliche Aneignung und Verfälschung. Es zählen aber auch Dinge dazu, die traurigerweise 80 Jahre nach 1945 zu erwarten sind: Vernachlässigung und Verfall, Vandalismus, Plünderungen, Zerstörung aufgrund neuer Bauvorhaben und (unangemessene) Umnutzung. Andere Stätten sind noch nicht ausreichend erforscht oder unzugänglich, weil sie sich auf Privatgrundstücken befinden, oder sind nicht durch Denkmalschutz gesichert. Macht man sich bewusst, dass viele dieser Herausforderungen auf Entscheidungen beruhen, die vor Jahrzehnten gefällt wurden, oder dass es sich um Dinge handelt, für die die Verwaltung der Stätten nichts kann wie beispielsweise Klimawandel, ist klar, warum so viele dieser Probleme in ganz Europa verbreitet sind. Tatsächlich wurde im Laufe des Projekts deutlich, dass in Europa offenbar keine einzige Gedenkstätte derzeit voll und ganz geschützt ist. Selbst die »berüchtigtste« Stätte des Holocausts in Europa, die Gedenkstätte und das Museum von Auschwitz-Birkenau, hat Probleme: Übertourismus, Hochwasser, eine Reihe von Nebengebäuden außerhalb des Geländes, die nicht zum Besitz der Gedenkstätte gehören und daher auch nicht Teil des Managementplans sind und somit nicht von geschulten Fachkräften gepflegt werden.

 

Gedenkstättenbesuche und Austausch

In jedem Jahr des Projekts arbeiteten wir mit einer einzelnen Gedenkstätte zusammen, um deren Schwierigkeiten und Bereiche bewährter Verfahren zu verstehen und (wo nötig) die Hilfe zu leisten, zu der wir als Organisation in der Lage waren. Mitglieder des Teams besuchten die Stätte und weitere in der Gegend, um sich ein Gesamtbild der Region zu verschaffen. Die in den einzelnen Stätten gewonnenen Erkenntnisse wurden in die Charta aufgenommen, um diese nach und nach zu erweitern, zu verbessern und zu präzisieren. 

 

Als erstes befassten wir uns 2019 mit dem Konzentrationslager, den Zwangsarbeitslagern und dem mutmaßlichen Massengrab auf der Kanalinsel Alderney. Wir begannen mit einer britischen Stätte, weil wir aufgrund unserer britischen Projektleitung das Gefühl hatten, dieses Land müsse bereit sein, sich mit seiner eigenen schwierigen Geschichte und seinem Erbe auseinanderzusetzen. Hier hörten wir von dem Streit unter den Einheimischen über die Zahl der Toten; wir sahen, wie vernachlässigt die Stätte war, die sich zum größten Teil auf Privatgelände befindet. Zudem mangelte es erheblich an einer Deutung des historischen Erbes. Vieles davon – wenn auch nicht alles – wurde inzwischen angegangen.

 

Nach den pandemiebedingten Lockdowns 2020 arbeitete das Team 2021 mit der Gedenkstätte Mauthausen in Österreich zusammen. Wir sahen uns die neuen Ergänzungen zur ursprünglichen Anlage an: ein Aufzug, Rollstuhlrampen und Geländer an den Treppen. Wir erfuhren, dass die »Todesstiege« abgesperrt war, weil die Direktorin nach österreichischem Recht persönlich dafür haften müsste, wenn Besucher sich verletzen würden. Wir lernten viel über Barrierefreiheit und was sie in der Praxis für die historischen Stätten bedeutet. Zudem sahen wir einige bewährte Verfahren zum Umgang mit Graffiti sowie beeindruckende und vorbildliche Verfahren für den Aufbau guter Beziehungen zur lokalen Bevölkerung im nahegelegenen Ort des Zweiglagers Gusen.

 

Im Jahr 2022 arbeiteten wir mit dem Neunten Fort im litauischen Kaunas zusammen, einer Tötungsstätte mit Massengrab. Hier bemerkten wir, dass in den offiziellen Narrativen über die Geschehnisse die Nationalität einiger der Täter:innen verschwiegen wurde und in der Darstellung des Erbes in anderen Forts, die als Tötungsstätten genutzt wurden, sogar die Nationalität einiger Opfer. Zudem beobachteten wir Probleme bezüglich der Frage, was an Stätten wie diesen als »angemessenes Verhalten« (und angemessene offizielle Aktivitäten) zu erachten ist. Kinder, die mit ihren Rollern über Massengräber fuhren, und Menschen, die auf dem Gelände der Gedenkstätte joggten oder ihre Hunde ausführten, lösten wichtige Diskussionen darüber aus, was unter einer respektvollen Nutzung von Gedenkstätten zu verstehen ist.

 

Im Jahr 2023 besuchten wir und arbeiteten mit der Gedenkstätte Theresienstadt (Terezín) in Tschechien zusammen. Aufgrund der durch die Klimakrise bedingten Unwetter und Überschwemmungen war die »Dresdner Kaserne« im damaligen Ghetto in einem Zustand, der sich immer gefährlicher einem kompletten Zerfall näherte. Zwar wurde inzwischen ein Managementplan entwickelt, was bei Hochwasser zu tun ist, aber die Gedenkstätte ist – wie viele andere –Stürmen und Unwettern schutzlos ausgesetzt. Daraus haben wir die Lehre gezogen, dass es nicht nur wichtig ist, einen Aktionsplan zu haben, sondern ebenso wichtig ist, weniger dogmatisch hinsichtlich einer Umnutzung von Stätten zu sein.

 

Vielleicht wäre es uns allen lieber, wenn ehemalige Holocaust-Stätten heute ausschließlich der Bildung, der Erinnerungsarbeit und dem Gedenken dienen würden. Das ist jedoch finanziell nicht immer möglich und auch keine pragmatische Erwartung. Die Gedenkstätte Theresienstadt hat schon ein Museum und andere für das Gedenken und die Bildung notwendige Gebäude. Weitere werden nicht gebraucht, aber die kleine Einwohnerschaft Terezíns braucht jetzt bezahlbare Wohnungen, um junge Familien anzulocken. Ein Ausbau der Gedenkstätte wäre daher nicht unbedingt im besten Interesse der Gemeinde vor Ort. Das heißt, dass wir bereit sein müssen, auch über eine anderweitige angemessene Umnutzung restaurierter Stätten nachzudenken.

 

Um die Anwendbarkeit der Charta auf archäologische Stätten zu überprüfen, beschäftigten wir uns 2024 mit den Ausgrabungen des ehemaligen Warschauer Ghettos. Viele Holocaust-Stätten sind heute nur über Ausgrabungen zugänglich, weshalb es so wichtig ist, dass die Charta auch für diese Stätten von Nutzen ist. Wir erfuhren, dass es zwei gegensätzliche Ansichten zu der Stätte gibt: Einige sprechen sich dafür aus, die Ausgrabungsarbeiten abzudecken, andere sind dagegen der Meinung, dass sie offen bleiben und für die Menschen sichtbar sein sollten, damit die jüngere Generation einen Bezug zur Geschichte herstellen kann, und auch, um Geschichten zu erzählen, die von offiziellen Narrativen abweichen. Ein permanentes Besucherzentrum zu der Stätte bedeutet zwar einen erheblichen finanziellen Aufwand, aber die Ausgraben liefern sehr aufschlussreiche Erkenntnisse über das Leben im Ghetto und fördern Tausende gut erhaltener Artefakte zutage, die im Museum des Warschauer Ghettos ausgestellt werden können, sobald es fertiggestellt ist.

 

Grundsätze der Bewahrung

In ihrer endgültigen Fassung hat die Charta vier Artikel. In Artikel 1 werden die Grundsätze der Bewahrung angeführt und erklärt, warum vor allem die ethischen Grundsätze so wichtig sind. In Artikel 2 werden die Risiken aufgelistet, mit denen die Stätten heute in Bezug auf ihre Bedeutung konfrontiert sind, und die mit den Stätten befassten Personen zur Wachsamkeit aufgerufen. In Artikel 3 geht es um die Verantwortlichkeiten bei der Bewahrung historischer Stätten – um die Aufgaben und Pflichten all derjenigen, die diese Charta anwenden. Und Artikel 4 enthält schließlich Maßnahmen zur Bewahrung historischer Stätten – es werden praktische Schritte empfohlen, damit alle die ermittelten Risiken mit bewährten Verfahren angehen können.

 

Um den Zugang zur Charta noch weiter zu erleichtern, gibt es jetzt auch ein Tool zur Datenvisualisierung. Damit werden derzeit fast 50 Stätten präsentiert. Jede dieser Stätten ist mit kurzen Einträgen versehen, in denen ihre Geschichte und ihre »Biographie« zwischen 1945 und heute beschrieben sowie ihre aktuellen, Bedrohungen, Risiken und Herausforderungen genannt werden. Die Datenvisualisierung hat mehrere Ziele: Sie erleichtert den Einsatz der Charta in der Lehre an Universitäten; sie ermöglicht es den Stätten, untereinander Kontakt aufzunehmen und voneinander zu lernen; sie fördert einen offenen Umgang mit aktuellen Herausforderungen, was es anderen ermöglicht, in Kontakt zu treten und Hilfe anzubieten; und entstigmatisiert hoffentlich Probleme, mit denen leider viele Stätten zu kämpfen haben.

 

Warum ist die Charta so wichtig? Warum gerade jetzt – über 80 Jahre nach dem Holocaust? Gerade jetzt, zu einer Zeit, in der die letzte Generation der Überlebenden von uns geht, muss sich unsere Aufmerksamkeit und unser Fokus auf diese Stätten richten. Denn sie werden der nächsten Generation von der Vergangenheit berichten und haben auch uns noch viel zu erzählen, vor allem aus archäologischer Perspektive. Und doch scheinen gerade jetzt die Gesellschaften in aller Welt zu vergessen, wie es zum Holocaust kam, und die Gefahren für die Demokratie sowie den zunehmenden Nationalismus und Populismus zu ignorieren. Da wir für die Vermittlung historischer Lehren immer mehr auf diese Stätten angewiesen sind, müssen wir die verschiedenen Herausforderungen, vor denen sie stehen, ernst nehmen und ihnen entgegenwirken. Es ist unabdingbar, die Bedeutung, die Botschaft und den pädagogischen Wert dieser Stätten zu bewahren. Wir müssen sie schützen, um ihre dauerhafte Relevanz für künftige Generationen sicherzustellen.

 

 

 

Gilly Carr ist Professorin im Forschungsbereich Konfliktarchäologie und Holocaust-Erbe an der University of Cambridge.

 

Steven Cooke war Geschäftsführer des Melbourne Holocaust Museum und ist jetzt Exekutivdirektor der Royal Historical Society of Victoria, Australien. 

 

 

 

 

Über die IHRA

 

holocaustremembrance.com 

 

Die International Allianz für Holocaust-­Gedenken (International Holocaust Remembrance Alliance, IHRA) bringt Regierungen und Fachleute zusammen, um weltweit ­Bildung, Erinnerung und Forschung im Bereich des Holocausts zu stärken, voran­zubringen und zu fördern. Dabei folgt sie den in der Stockholmer Erklärung von 2000 und der Erklärung der Ministerkonferenz von 2020 vereinbarten Verpflichtungen.

 

Die IHRA ist eine zwischenstaatliche Organisation mit 35 Mitgliedstaaten, einem Partnerland und sieben Beobachterländern. Die 1998 auf Initiative des ehemaligen schwedischen Premierministers Göran Persson gegründete Allianz widmet sich Themen im Zusammenhang mit dem Holocaust und dem Völkermord an den Sinti und Roma.

 

Jedes Jahr übernimmt ein anderer Mitgliedstaat auf freiwilliger Basis den Vorsitz der IHRA. Menschen aus verschiedenen Ländern bei der Zusammenarbeit an Themen im Bereich des Holocausts und des Völkermords an den Roma zu unterstützen, ist eines der wichtigsten Ziele der Organisation. Das ganze Jahr hindurch arbeiten Delegierte gemeinsam an diesen Themen und berichten alle sechs Monate in einer Vollversammlung über ihre Fortschritte.

 

Das IHRA-Förderprogramm unterstützt die Arbeit anderer Organisationen durch die Finanzierung von Projekten, die der Geschichtsverfälschung entgegenwirken und die historische Dokumentation sichern.