Drei Jahre Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine
Wie Erinnerungsarbeit zu verantwortungsvollem Handeln wird
Der vollumfängliche russische Angriffskrieg gegen die Ukraine – ein später Beginn für solidarisches Handeln
»Durch den aktuellen Krieg in der Ukraine sind viele Menschen in große Not geraten. Unter den Leidtragenden sind auch die Überlebenden nationalsozialistischer Verfolgung. Sie brauchen jetzt mehr denn je unsere Hilfe, damit lebenswichtige Grundlagen wie Wärme, Nahrung und medizinische Versorgung sichergestellt, aber auch Wiederaufbauarbeiten unterstützt werden können. Mit Hilfe von Spenden möchten wir eine koordinierte und unbürokratische Unterstützung von ehemaligen NS-Verfolgten, ihrer Angehörigen und den Netzwerkpartner*innen vor Ort und auf der Flucht realisieren. Helfen Sie mit Ihrer Spende den Überlebenden der NS-Verfolgung in der Ukraine!«
Mit diesem Aufruf startete am 17. März 2022 unser Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine spontan seine Arbeit. Es hatte sich zuvor am 9. März in einem Online-Treffen gegründet, zu dem der Berliner Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI gemeinsam mit Prof. Dr. Jens-Christian Wagner (Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora) und Dr. Jörg Morré (Museum Berlin-Karlshorst) eingeladen hatte. Dank der unbürokratischen Unterstützung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) konnte schnell eine Koordinierungsstelle geschaffen und von KONTAKTE-KOHTAKTbI ein Spendenkonto eingerichtet werden.
Heute gehören dem Hilfsnetzwerk 47 Organisationen – Gedenkstätten, Stiftungen und zivilgesellschaftliche Erinnerungsinitiativen – an. Alle engagieren sich für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen und die Erinnerung an diese in Deutschland. Viele von ihnen pflegen seit Jahren enge Kontakte zu ehemaligen NS-Verfolgten und Partner:innen in der Ukraine, darunter Historiker:innen und Museumsbetreiber:innen, Mitarbeiter:innen und Freiwillige von Opferverbänden, jüdischen Gemeinden oder Roma-Organisationen, die teilweise seit Jahren mit Überlebenden zusammenarbeiten.[1]
Das Ziel des Hilfsnetzwerks war es, Überlebende der NS-Verfolgung und ihre Familien schnell und unbürokratisch zu unterstützen – ohne Antragstellung, ohne Fristen sollten unsere Partner:innen in der Ukraine in die Lage versetzt werden, in der eingetretenen Ausnahmesituation humanitäre Hilfe zu leisten. Spätestens jetzt war solidarisches Handeln für die Überlebenden – darunter ehemalige Häftlinge zahlreicher deutscher Gedenkstätten – gefragt.
Laut Schätzungen waren zu dem Zeitpunkt über 40.000 hochbetagte Überlebende der NS-Verbrechen in der Ukraine durch den russischen Angriffskrieg existenziell bedroht. Zum zweiten Mal in ihrem Leben sind sie mit einem Krieg konfrontiert, der traumatische Erinnerungen wachruft. Aufgrund ihres Alters und ihrer gesundheitlichen Einschränkungen können oder wollen viele von ihnen nicht mehr fliehen und sind von den Kriegsfolgen besonders betroffen.
Seitdem haben wir gemeinsam mit unseren Partner:innen vor Ort in über 7.000 Fällen NS-Überlebende und ihre Familien mit humanitärer Hilfe erreicht. Von den anfangs spontanen und auf Anfragen reagierenden Hilfsmaßnahmen sind wir zunehmend zu wiederkehrenden Hilfsformaten übergegangen, die eine stabile Unterstützung für unsere Partner:innen und die Überlebenden gewährleisten.
»Wir können uns die Zeit und das Land, in dem wir leben, und die Umstände, die uns umgeben, nicht aussuchen. Wir können nur die besten menschlichen Eigenschaften zeigen: Menschlichkeit und Mitgefühl. Besonders schmerzlich spüren wir das jetzt, wenn täglich die Sirenen des Luftalarms ertönen, Drohnen und Raketen über uns fliegen.« Petro Bulawinets (1937–2024), Dubno, überlebte als Kind das KZ Ravensbrück
Unsere Aktivitäten für die Überlebenden in der Ukraine und in Deutschland
In den vergangenen drei Jahren haben die Mitglieder sowie die Koordinierungsstelle des Hilfsnetzwerks bei KONTAKTE-KOHTAKTbI mit vielfältigen Maßnahmen konkrete Hilfe möglich gemacht: Spendenboxen vor Ort, gemeinsame Spendenkampagnen, Veranstaltungen wie die bundesweiten Aktionstage sowie das Einwerben von Fördermitteln tragen zu Spendeneinnahmen von nunmehr insgesamt über einer Million Euro bei.
Diese Mittel werden direkt gemeinsam mit unseren Partner:innen in der Ukraine für verschiedene Formen der humanitären Hilfe eingesetzt: Durch finanzielle Soforthilfen können Überlebende in akuten Notsituationen direkt und unbürokratisch unterstützt werden. Mit den ausgezahlten Beträgen können sie dringend benötigte medizinische Behandlungen, Medikamente oder Hilfsmittel wie Rollstühle finanzieren. In anderen Fällen wurden zerstörte Fenster, die durch Explosionen zu Bruch gingen, mit den Soforthilfen ersetzt.
Aufgrund des Krieges sind Medikamente, ärztliche Behandlungen und Pflege schwer zugänglich oder unbezahlbar. Viele ältere Menschen in der Ukraine haben außerdem nur schwer Zugang zu Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, Strom und Heizmaterial. Renten und Unterstützungsleistungen reichen oft nicht aus, um in der andauernden Krise zu überleben. Die NS-Überlebenden haben bereits im Zweiten Weltkrieg unermessliches Leid erfahren und erleben nun erneut Gewalt, Angst und Vertreibung. Daher ist auch das Bedürfnis nach psychosozialen Angeboten besonders ausgeprägt. Viele Überlebende leben allein oder erhalten selten Besuche von weit entfernt lebenden Familienmitgliedern. Einige von ihnen haben im aktuellen Krieg den Verlust von geliebten Menschen erfahren. Ohne Angehörige oder soziale Unterstützung sind sie auf Hilfe von außen angewiesen. Zudem wirkt sich die soziale Isolation negativ auf die psychische Gesundheit aus und kann zu Depressionen führen. Um der Isolation und Einsamkeit zu begegnen, die auch noch nach dem Kriegsende anhalten wird, unterstützen wir unsere Partner:innen darin, Treffen für die NS-Überlebenden durchzuführen. Wir legen daher einen Schwerpunkt auf diejenigen Formen der Hilfe, die mit einem Besuch durch die Partner:innen und ihre freiwilligen Helfer:innen verbunden sind.
Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich bei vielen der NS-Überlebenden die Mobilität, der Bedarf an Pflege wächst stetig. Gleichzeitig steigen die Preise für Hygieneartikel infolge der Inflation massiv. Jede einzelne Lieferung bedeutet daher eine spürbare Entlastung und konkrete Verbesserung der Lebenssituation. Schnelle humanitäre Unterstützung kann akute Not lindern und helfen, das Überleben dieser Menschen zu sichern. Die Spenden aus Deutschland zeigen den Überlebenden außerdem, dass sie nicht vergessen werden, und senden eine starke Botschaft der Menschlichkeit und Erinnerung.
Unsere ukrainischen Partner:innen verbinden teils langjährige Beziehungen mit den NS-Überlebenden. Der Großteil der Hilfe erreicht die Betroffenen daher über unsere ukrainischen Partner:innen vor Ort: Sie beschaffen wichtige Güter wie Lebensmittel, Medikamente, warme Kleidung, Decken, Notlampen oder Heizmaterial – und bringen sie oft direkt zu den Überlebenden nach Hause. Ljudmila Sukowata von der regionalen Filiale der Stiftung »Verständigung und Toleranz« im Gebiet Riwne skizziert die gemeinsame humanitäre Hilfe und den andauernden Bedarf durch die Überlebenden wie folgt:
»Die Sorge um den möglichen Verlust von Angehörigen bei Raketen- und Drohnenangriffen, die ständigen Sirenenmeldungen bei Luftalarm, das tägliche Leben in einem stressigen Informationsfeld, negative Emotionen wie Traurigkeit, Angst, Frustration, Leiden an Einsamkeit usw. – All dies hat die Gesundheit dieser Menschen sowohl physisch als auch psychisch erheblich beeinträchtigt und wird dies auch weiterhin tun. Derzeit ist in der Ukraine ein rapider Anstieg von Schlaganfällen, Herzinfarkten und anderen Erkrankungen des Herzens und des Nervensystems zu verzeichnen, insbesondere bei Menschen im Rentenalter. Gleichzeitig reichen die Rentenzahlungen nicht aus, um die Kosten für Medikamente, Hygieneartikel und Lebensmittel zu decken.
Das Wichtigste, was sie brauchen und worum sie selbst ständig bitten, sind Lebensmittelpakete, Medikamente, Hygieneartikel, Bettwäsche. Vor allem Binnenvertriebene, die Überlebenden, die ohne Zuhause und ohne irgendetwas geblieben sind.
Die durchgeführten Hilfsmaßnahmen sind zu Lebens- und Hoffnungsprojekten für die in unseren Regionen lebenden Opfer des Nationalsozialismus und Kriegskinder geworden. Sie tragen wesentlich zur Verbesserung des psychologischen und moralischen Zustands der Begünstigten bei.«
Darüber hinaus unterstützt das Netzwerk auch Kolleg:innen und Partner:innen, die in der Ukraine im Bereich Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der NS-Verbrechen beschäftigt sind oder Überlebende betreuen. Einige von ihnen setzen ihre Arbeit unter schwierigsten Bedingungen fort – andere kämpfen nun an der Front. Viele ihrer regulären Projekte stehen durch den russischen Angriffskrieg still: Gehälter können nicht mehr regelmäßig gezahlt werden, Archive und Museumsbestände sind akut bedroht und müssen gesichert werden – oftmals unter lebensbedrohlichen Umständen. Auch hier hat das Hilfsnetzwerk bereits auf vielfältige Weise konkrete Hilfe geleistet. Die folgenden zwei Beispiele verdeutlichen die enge Zusammenarbeit im Bereich der Erinnerungskultur:
1. Druschkiwka: Fortsetzung der Erinnerungsarbeit mit Jugendlichen unter Beschuss
Druschkiwka ist während des gesamten Krieges eine Frontstadt: Russische Luft- und Bodenangriffe sowie Raketen- und Drohnenbeschuss gehören hier zum Alltag. Die Geschichtslehrerin Nina Makarova blieb trotz der Gefahr in der Stadt und führt ihre Projekte der Erinnerungsarbeit mit Jugendlichen fort. Wir unterstützen Nina Makarova mit Spenden in dieser Arbeit.
Mit ihren Schüler:innen nimmt sie an den Programmen des Ukrainian Center for Holocaust Studies teil und engagiert sich aktiv im Gedenken vor Ort. Gemeinsam brachten sie eine Gedenktafel an einem Gebäude an, das durch russische Angriffe zerstört wurde. Die Tafel erinnert an die Jüdinnen und Juden und politischen Gegner:innen, die während der deutschen Besatzung in diesem Haus gefangen gehalten und später ermordet wurden.
2. Odesa: Unterstützung zum Holocaust-Gedenktag
Unsere Partner:innen der Rom:nja Organisation Bachtalo Drom im Gebiet Odesa engagieren sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges nicht nur in der humanitären Hilfe für NS-Überlebende, sondern setzen auch ihre wichtige kulturelle und erinnerungspolitische Arbeit fort. Mit von uns eingeworbenen Spenden konnten wir eine Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar 2025 unterstützen.
Ein kleines Stück Sicherheit im Kriegsalltag – Das Patenschaftsprogramm
Im Juni 2022 entstand im Rahmen einer vom Hilfsnetzwerk organisierten Online-Veranstaltung »Helfen im Krieg. Perspektiven auf die Unterstützung Überlebender der NS-Verfolgung in der Ukraine« die Idee, Patenschaften einzuführen. Ziel war es, über einmalige Soforthilfen hinauszugehen und langfristiges Engagement aus Deutschland zu fördern. Mit regelmäßigen kleinen Beiträgen sollte eine längerfristige Unterstützung eingerichtet werden, die vorrangig für ehemalige Zwangsarbeiter:innen und KZ-Überlebende geleistet wird. Durch unsere ukrainischen Partnerorganisationen wurden besonders dringende Fälle identifiziert. Das Patenschaftsprogramm wird seither von wiederkehrenden Spenden aus Deutschland und dem Einsatz ukrainischer Partner:innen getragen und zahlt monatlich 40 Euro an mittlerweile 200 Überlebende aus.
»Selbst 40 Euro im Monat können das Alltagsleben älterer Menschen spürbar verbessern – für Medikamente, Lebensmittel oder zum wiederholten Mal zerstörte Fensterscheiben. Es ist ein wichtiges Signal und weit mehr als eine symbolische Unterstützung aus Deutschland. Solange dieser verfluchte Krieg andauert, dürfen wir diejenigen nicht im Stich lassen, die uns einst vor den Schrecken des Krieges gewarnt haben.«
Ljubow Danylenko (Expertin zur NS-Zwangsarbeit in der Ukraine und Partnerin des Hilfsnetzwerks)
Mit den Patenschaften unterstützen wir auch mehrere NS-Überlebende, die durch den russischen Angriffskrieg zu Binnenvertriebenen geworden sind. Flucht ist für ältere Menschen eine besondere Herausforderung: Das Verlassen ihres Zuhauses und der gewohnten Umgebung stellt eine enorme finanzielle und psychische Belastung dar. Die Patenschaften schaffen eine spürbare Entlastung für die NS-Überlebenden.
Wer sind die Überlebenden der NS-Verfolgung in der Ukraine? Ein Blick auf unsere Zielgruppe
In der Auseinandersetzung mit der Frage, wer eigentlich als Überlebende der NS-Verfolgung heute noch erreicht werden kann, zeigt sich häufig eine Leerstelle: Die NS-Verbrechen in der Ukraine haben bis heute keinen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur. Auch im öffentlichen Bewusstsein sind die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen und die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt in Osteuropa nur wenig präsent: Über wen sprechen wir eigentlich, wenn wir von Überlebenden der NS-Verfolgung in der Ukraine berichten? Um welche Opfergruppen des Nationalsozialismus handelt es sich und wer kann heute noch durch die Spenden erreicht werden?
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind nun 80 Jahre vergangen. Ein großer Teil der Überlebenden der NS-Verbrechen lebt inzwischen nicht mehr oder ist hochbetagt und gehört zu den am meisten gefährdeten Menschen im Kriegsgebiet.
Heute erreichen wir vor allem Überlebende, die damals Kinder oder Jugendliche waren. Unter ihnen befinden sich Holocaust-Überlebende, Überlebende der NS-Zwangsarbeit, Überlebende des NS-Völkermords an den Rom:nja sowie weitere Personen, die den NS-Terror überlebt haben, deren Dörfer niedergebrannt oder deren Familienangehörige ermordet wurden.
Ein großer Teil der Menschen, die wir erreichen, sind Überlebende der NS-Zwangsarbeit: Zwischen 1941 und 1945 mussten etwa 2,4 Millionen Menschen aus der Ukraine Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Deutschland leisten. Viele der heute noch lebenden Überlebenden waren damals minderjährig, wurden mit ihren Eltern verschleppt oder während der Zwangsarbeit ihrer Eltern geboren.
Als Minderjährige zur Zwangsarbeit verschleppt wurde auch Isabella Jelnikowa (geb. 1927). Sie war 16 Jahre alt, als sie zur Zwangsarbeit nach Dresden musste. Lange engagierte sie sich in der Ukrainischen Union der Häftlinge –
Opfer des Nationalsozialismus (USVZhN) und setzte sich für die Belange der NS-Überlebenden in der Ukraine ein. Heute ist sie 98 Jahre alt und auf Unterstützung angewiesen. Im Rahmen der Patenschaften des Hilfsnetzwerks erhält sie monatlich 40 Euro.
»Ich wurde am 16. Februar 1927 in der Familie eines Angestellten in Dnepropetrowsk geboren. Ich war die Jüngste von acht Kindern in der Familie. Als der Krieg begann, war ich 14 Jahre alt, und die Deutschen schickten mich zur Arbeit in die Fabrik, wo ich als Hilfsarbeiterin tätig war. Am 2. September 1943, früh am Morgen, holte mich ein deutscher Vorarbeiter aus der Fabrik und brachte mich direkt zur Kommandantur. Mit mir waren noch andere junge Frauen. Dort wurden wir alle einer kurzen medizinischen Untersuchung unterzogen und erhielten Vorladungen, dass wir vom Bahnhof Dneprowsky aus zur Arbeit nach Deutschland geschickt werden sollten. Im Falle von Ungehorsam gegenüber den deutschen Behörden würde meine ganze Familie verhaftet und alle würden ins Gefängnis kommen. Unter schwerer Bewachung durch Deutsche wurden ich und meine 16-jährigen Altersgenossen in Güterwaggons zur Arbeit nach Deutschland geschickt. Zuerst brachte man uns nach Polen, in das Lager Peremyschl. Dann wurden wir in das nächste Lager, nach Dresden, gebracht, wo wir von Fabriken, Geschäftsleuten und Besitzern zur Arbeit geholt wurden. Ich landete bei der Familie Schweigort, im Dorf Turm, die ein Hotel betrieb. Ich habe anderthalb Jahre für sie gearbeitet und bin dann geflohen. Ich kam in ein sowjetisches Filtrationslager, wo Leute wie ich überprüft und nach Hause geschickt wurden. Bei meiner Rückkehr nach Hause erkrankte ich schwer und war 4 Monate lang krank.
Ich arbeitete 40 Jahre lang in einer Fabrik und ging 1992 in den Ruhestand. Jetzt bin ich 96 Jahre alt und muss noch einmal einen zweiten Krieg durchleben. Ich bin sehr krank. Ich wohne im fünften Stock in einem Haus ohne Aufzug, und ich kann nicht allein hinausgehen. Wenn die Alarme ertönen, was mehrmals am Tag der Fall ist, bin ich sehr angespannt und ich kann nachts nicht schlafen. Mein Enkel kümmert sich jetzt um mich, und Freiwillige kommen mich besuchen.«
Auch Rom:nja waren Opfer der NS-Besatzungsherrschaft in der Ukraine. Zehntausende wurden ermordet, verfolgt und zur Zwangsarbeit verschleppt. Doch bis heute gibt es nur wenige Zeugnisse über die Verfolgung von Rom:nja in der Ukraine. Auch Überlebende und ihre Nachkommen wissen oft nichts oder nur wenig über den Kontext der eigenen Verfolgungsgeschichte, aus Scham wurde nur selten darüber gesprochen. Die Überlebenden erfahren immer noch Diskriminierung, ihre Lage ist prekär und von Armut geprägt.
Kateryna Koldorar wurde 1934 in Irpin in der Region Kyjiw geboren. Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie als Kind in Mariupol, das von 1941 bis 1943 unter nationalsozialistischer Besatzung stand. Wie in allen durch die Nationalsozialisten besetzten Gebieten fand auch hier eine systematische Ermordung der Rom:nja statt. Auch Kateryna Kolodrars Eltern wurden ermordet. Katerynas Verwandte nahmen sie nach dem Tod ihrer Eltern in ihre Obhut. Heute ist Kateryna Koldorar 90 Jahre alt und lebt wieder in Irpin. Unsere Partnerin Marina Kasanskaja besucht sie regelmäßig.
Netzwerkarbeit und Synergien
Das Hilfsnetzwerk versteht sich auch als Vermittler und Brückenbauer zwischen den deutschen Mitgliedseinrichtungen und ukrainischen Partnerorganisationen. Auf drei Beispiele entstandener Synergien soll im Folgenden näher eingegangen werden.
Ein konkretes Beispiel für diese Zusammenarbeit ist die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen (SHGL). Vor dem Hintergrund des Angriffskrieges wandten sich Angehörige ehemaliger KZ-Häftlinge aus der Ukraine – häufig über das Hilfsnetzwerk vermittelt – mit der Bitte um Unterstützung an die Stiftung. Mithilfe des Netzwerks konnte gezielt die benötigte humanitäre Hilfe geleistet werden. Aus den ersten Kontakten sind inzwischen dauerhafte Verbindungen entstanden: Die Angehörigen werden regelmäßig zu Gedenkveranstaltungen eingeladen und sind aktiv in das partizipative Denkmalprojekt »Ort der Verbundenheit« eingebunden.
Die Geschichten und Lebensrealitäten heute noch lebender Überlebender der NS-Verfolgung in der Ukraine wurden auf vielfältige Weise vermittelt und sichtbar gemacht. Dabei konnten neue Verbindungen zwischen einzelnen Überlebenden und Städten, Initiativen sowie Gedenkstätten in Deutschland geknüpft oder bereits bestehende Kontakte vertieft werden. Diese Verbindungen führten auch zu neuen Impulsen für lokale Erinnerungsarbeit und Möglichkeiten der Anerkennung des erlittenen Unrechts. Das folgende Beispiel aus Villingen-Schwenningen zeugt davon. Hier entstand durch den Kontakt zu einem ehemaligen Zwangsarbeiter eine neue Initiative zur Erforschung der lokalen Geschichte der Zwangsarbeit.
Im Dezember 2022 stieß ein Mitarbeiter der Stiftung Topographie des Terrors auf einen Bericht des Hilfsnetzwerks über den 96-jährigen Wolodymyr Shcherbina (geboren 1926, in Mykolajiw wohnend), der während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit nach Schwenningen verschleppt worden war. Dies war ein unerwarteter Schock für den engagierten Historiker Florian Kemmelmeier: Obwohl ihm die weite Verbreitung der NS-Zwangsarbeit bekannt war, hatte er diese nicht mit konkreten Personen und seinem Heimatort verbunden.
Kemmelmeier betont:
»Ein Spendenbericht des Hilfsnetzwerks für NS-Verfolgte in der Ukraine stand am Anfang all dessen, was wir in den letzten beiden Jahren zur Auseinandersetzung mit der Lokalgeschichte der NS-Zwangsarbeit bei uns im Schwarzwald-Baar-Kreis an neuen Erkenntnissen, Vernetzungen und öffentlicher Aufmerksamkeit erreicht haben und künftig auch noch weiter erreichen werden. […] Der Kontakt und die Begegnung mit einzelnen Menschen und ihren Erzählungen, wie er in unserem Fall durch das Hilfsnetzwerk möglich war, ist eine große Chance und etwas sehr Besonderes.«
Der direkte Kontakt zu Wolodymyr Shcherbina, der trotz des Kriegs in zwei Telefonaten seine Erlebnisse schilderte, kam dank des Hilfsnetzwerks zustande. Durch dessen Tod im Februar 2023 konnte ein Treffen in Präsenz nicht mehr verwirklicht werden. Aus dem Kreis der lokalen Unterstützer:innen in Villingen-Schwenningen entstand daraufhin eine Initiative zur Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit vor Ort, die sich mittlerweile landes- und bundesweit vernetzt hat. Inspiriert durch Shcherbinas Geschichte schrieb eine 16-jährige Schülerin darüber hinaus das Theaterstück Vergessene Schicksale, das im November 2024 mit dem Geschichtspreis des Oberbürgermeisters ausgezeichnet wurde und im März 2025 zur Aufführung kam.
Und nicht zuletzt plant der Verein KONTAK-TE-KOHTAKTbI ein umfangreiches Projekt in Kooperation mit der ukrainischen Roma-Jugendorganisation ARCA zum Thema »Safeguarding Oral History of the Genocide of Roma«. Dabei knüpft er an die erfolgreiche Zusammenarbeit im Rahmen des Hilfsnetzwerks an. Im Zentrum des Projekts stehen Oral-History-Interviews mit über 30 Überlebenden des Genozids an den Rom:nja in der Ukraine. Diese Zeitzeugnisse werden archiviert und gezielt für Workshops sowie Ausstellungsmaterialien aufbereitet, die sich an zivilgesellschaftliche und kommunale Akteure richten. Ziel des Projekts ist es, durch die langfristige Archivierung der Interviews eine nachhaltige Grundlage zu schaffen, auf die zukünftige Forscher:innen und Pädagog:innen zurückgreifen können.
Erfolge und aktuelle Herausforderungen
Bei der Gründung gingen wir von einer kurzfristigen Notsituation aus, doch schnell wurde deutlich: Der russische Angriffskrieg dauert an – und mit ihm der Unterstützungsbedarf von NS-Überlebenden. Für uns war klar: Die Arbeit unter diesen Bedingungen zu beenden, wäre verantwortungslos. Davon zeugt auch die Spendenbereitschaft in der deutschen Gesellschaft: Nach der Hochphase der Spendeneingänge direkt nach dem Überfall auf die Ukraine haben sich die Einnahmen über die drei Jahre auf einem hohen Niveau stabilisiert. Monatlich unterstützen wir rund 400 NS-Überlebende,
davon 200 durch feste Patenschaften. Insgesamt leistete das Hilfsnetzwerk in den letzten drei Jahren wie folgt Hilfe:
Schwieriger stellt sich die Finanzierung der Koordination des Hilfsnetzwerks dar. Die jährlichen Kosten für die Koordinierung und Verwaltung des Hilfsnetzwerks betragen knapp 90.000 Euro. Sie wurden bisher durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), Beiträgen von Mitgliedseinrichtungen und eine weitere Stiftung getragen. Daneben stehen jährliche Spendeneingänge in Höhe von insgesamt über 300.000 Euro pro Jahr, die vollständig an unsere Zielgruppen in die Ukraine weitergleitet wurden. Über die Förderung, besonders durch die Stiftung EVZ, sind wir sehr dankbar. Leider haben wir von der Stiftung keine Zusage für die Weiterförderung erhalten. Damit stehen wir trotz aller Erfolge aktuell vor großen Herausforderungen bezüglich der Finanzierung unserer Struktur.
Für das Hilfsnetzwerk bedeutet dies, dass unserer Arbeit auf ein Minimum reduziert werden muss. Gerade die schnelle und unkomplizierte Soforthilfe – auch in Einzelfällen – war das besondere Kennzeichen unserer Arbeit. Dies ist jetzt nur noch in einem kleinen Umfang möglich.
Wir sind nun gezwungen, die Arbeit mit einem deutlich reduzierten Budget, getragen durch die Förderung einer Stiftung und die freiwilligen Mitgliedsbeiträge der im Netzwerk vertretenen Einrichtungen, fortzuführen. Konkret heißt dies, dass kaum noch Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit vorhanden sind und humanitäre Hilfe fast nur noch im Rahmen des Patenschaftsprogramms für etwa 200 Überlebende monatlich geleistet werden kann. Durch den Wegfall der kontinuierlichen Öffentlichkeitsarbeit fürchten wir, dass auch die Spendeneingänge zurückgehen werden. Das ist eine bittere Zäsur für uns und unsere Partner:innen in der Ukraine – hatten sich doch gerade regelmäßige Hilfsmaßnahmen etabliert, die ihnen und den Überlebenden ein Stück Sicherheit gaben.
Die Unterstützung durch das Hilfsnetzwerk hat für unsere Zielgruppe eine elementare Bedeutung für das alltägliche Überleben in Zeiten des Krieges erlangt. Die NS-Überlebenden drücken häufig ihre Dankbarkeit dafür aus, dass sie sich nicht allein gelassen und vergessen fühlen und heben hervor, dass ihnen diese Aufmerksamkeit neben der materiellen Hilfe sehr viel bedeutet. Auch für viele Spender:innen ist das Engagement mehr als nur eine Geldspende – es ist eine Form, historische Verantwortung ganz konkret zu übernehmen.
Der Krieg dauert an, die NS-Überlebenden werden immer älter und Tag für Tag weniger. Umso größer ist unsere Verantwortung, diese letzte Möglichkeit der aktiven Unterstützung und des solidarischen Handelns nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.
Helfen Sie uns und unterstützen Sie NS-Überlebende in der Ukraine mit einer Spende!
Spendenkonto bei der Berliner Volksbank:
Empfänger: Kontakte-Kontakty
IBAN: DE59 1009 0000 2888 9620 02
BIC: BEVODEBB
Stichwort: Rundbrief Hilfsnetzwerk
[1] www.hilfsnetzwerk-nsverfolgte.de