Ein Bild?

Reflexionen über Bandbreite und Fehlstellen der fotografischen Überlieferung der NS-Deportationen
12/2025Gedenkstättenrundbrief 220, S. 30-41
Christoph Kreutzmüller

Es kann doch nicht sein, dass wir kein Foto haben! In den letzten Jahren haben wir im Rahmen des Kooperationsprojekts #LastSeen Bilder der NS-Deportationen, Fotos aus über 60 Städten, gesammelt und erschlossen – aber kein einziges Bild aus Berlin gefunden. Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz hatte schon 2020 mit einem öffentlichen Aufruf nach Fotos der Deportationen von Jüdinnen*Juden aus Berlin gesucht. Das Medieninteresse war groß; die Zahl der gefundenen Bilder jedoch: Null. Dasselbe Ergebnis hatte ein Aufruf, mit dem wir uns als Projekt zwei Jahre später an die Berliner Öffentlichkeit gewandt haben. Nun ist sicher davon auszugehen, dass sich noch irgendwo EIN Foto der fast ZWEIHUNDERT Deportationen aus Berlin befindet. Schriftlichen Quellen und Zeug*innenaussagen belegen, dass die Deportationen in aller Öffentlichkeit stattfanden. Vom Sammellager mussten sich die Jüdinnen*Juden teils viele Kilometer durch die Stadt schleppen. Und in der fraglichen Zeit hatten wahrscheinlich mehr als 400.000 Berliner*innen einen Fotoapparat. Fast ebenso sicher sind auch irgendwo noch Fotos der 23 Deportationen aus Frankfurt/Main, der Stadt mit der seinerzeit zweitgrößten jüdischen Gemeinde Deutschlands, überliefert. Wahrscheinlich haben wir auch deshalb noch nichts gefunden, weil wir falsch gesucht haben – bzw. die Suchenden auf eine falsche Fährte geschickt haben. Denn: was wir suchen, sieht auf den ersten Blick oft nicht so aus wie erwartet. Vor diesem Hintergrund möchte dieser Beitrag skizzieren, wie die Bilder der NS-Deportationen aussehen (könnten).

Die gängige Vorstellung der Deportationen ist stark von den ikonischen Fotos der Ankunft der Deportationszüge aus Ungarn in Auschwitz-Birkenau geprägt, die zwei Fotografen des Erkennungsdienstes als Leistungsnachweis für den langjährigen Kommandant des Lagerkomplexes Auschwitz und »Beauftragen für die Umsiedlung der Juden aus Ungarn« Rudolf Höss geschossen haben. Daneben ist auch der Film sehr wirkungsmächtig, den der jüdische Kameramann Walter Breslauer im Auftrag des Kommandanten von der Abfahrt eines Zuges aus dem Sammellager Westerbork drehte. Die vielfache Verwendung dieser historischen Aufnahmen aus Auschwitz und Westerbork – in Büchern, Filmen und Ausstellungen – haben bestimmte visuelle Assoziationen tief verankert: Vor unserem geistigen Auge sehen wir sterntragende (erschöpfte) Menschen, die unter der gewalttätigen Bewachung bewaffneter SS in überfüllte Güterwaggons ein- oder aussteigen müssen. 

Zeitliche Verkürzungen

Dieser Vorstellung der Deportationen wohnt eine zeitliche Verkürzung inne. Die beiden prägenden visuellen Referenzquellen stammen aus dem Sommer 1944, der Spätphase der Deportationen. Die Deportationen hatten aber bekanntlich im Deutschen Reich bereits im Oktober 1938 mit der »Polenaktion« begonnen und dort ihre mörderische Hochphase zwischen Oktober 1941 und März 1943 gehabt. 

Der Prozess begann zudem früher als die Fotos nahelegen. Denn jeder Deportation gingen Planungen und Vorbereitungen voraus: Sei es in Fahrplankonferenzen des Reich­sicherheitshauptamtes; in Ablauf- und Einsatzbesprechungen vor Ort; in Schreibstuben der Finanz- und Landratsämter, der Gestapo- oder Kripoleitstellen und lokalen Polizeiwachen; und natürlich bei den Betroffenen zu Haus, als sie Vermögenserklärungen ausfüllten, (Abschieds-)briefe schrieben, ihre Dinge packten und dann ihr Zuhause oder die ihnen zugewiesenen Zwangsräume verließen und zu dem Deportationssammellager oder Bahnhof gingen oder gebracht wurden. Dass ihre Wohnungen danach sehr rasch ausgeplündert wurden, konnten sie nicht mehr sehen, war aber ebenfalls Teil des Prozesses. 

Uns sind keine Bilder der planerischen Vorbereitungen der Deportationen bekannt. Das liegt auch daran, dass bürokratische Abläufe Routine sind und deshalb selten fotografiert werden. Das Tagtägliche wird seltener festgehalten als das Außergewöhnliche. Wenn bürokratische Vorgänge abgelichtet wurden, dann in der Regel die Registrierung der Deportierten. Eins dieser Bilder stammt von Kriminaloberassistent Hermann Otto, der die Deportationen im Zuständigkeitsbereich der Gestapo Würzburg ausführlich fotografisch dokumentierte. Hinter der Jüdin, die offenbar gerade ein Formular ausgehändigt bekommen hat, ist verdeckt und verschwommen zudem – an der Uniformmütze – Michael Völkl zu erkennen, der die Deportation vor Ort für die Gestapo koordinierte. Die Unschärfe des Fotos verweist ganz generell auf eine technische Schwierigkeit des Fotografierens bürokratischer Abläufe: Da diese in der Regel in geschlossenen Räumen (mit ungenügender Ausleuchtung) stattfanden, war es schwierig, sie auf den seinerzeit handelsüblichen, wenig lichtstarken Filmen in Szene zu setzen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass die oben skizzierte visuelle Fehlstelle natürlich Auswirkungen auf die Präsentationen in Ausstellungen hat. Allerdings fehlen nicht nur Bilder. Die überlieferten Fotos von Männern und Frauen vor oder hinter einer Aktenablage, an runden oder eckigen Tischen, mit oder ohne Stift, Stempel, Schreibmaschine und Telefon sind prima vista keine aufregenden Fotomotive. Diese Fotos erlauben allenfalls Aufschlüsse über Verantwortungsbereiche und Netzwerke, erzählen aber wenig über die am Schreibtisch oder im Sitzungssaal verhandelten oder veranlassten Maßnahmen. Die Kurator*innen all jener Gedenkstätten, die sich wie die Topographie des Terrors oder das Haus der Wannsee-Konferenz letztlich auf Orte der bürokratischen Organisation des Verfolgens und Mordens beziehen, kennen die Herausforderung der Visualisierung des Bürokratischen. Statt Bilder von Planungstreffen stellen sie Schriftverkehr, Protokolle oder Diagramme aus – oder aber Fotos der Umsetzung der veranlassten Maßnahmen.

Die Betroffenen (selbst wenn sie entgegen des Verbots noch eine Kamera besaßen) hatten wenig Zeit zu fotografieren – und kaum Gelegenheit, ihre Bilder dann auch noch zu entwickeln und sicher zu bewahren. So sind auch nur ganz vereinzelt Fotos der Vorbereitungen der Jüdinnen*Juden auf ihre Verschleppung überliefert bzw. identifiziert worden. In Kulmbach ließen sich Nathan und Selma Flöhrsheim fotografieren:

Allein die Zwangsmarkierung auf dem Jackett und das typische Gepäck (das nebenbei auch verrät, dass Nathan Flöhrsheim in der Armee gedient hatte) verweisen auf den Deportationszusammenhang. Nathan und Selma Flöhrsheim mussten zusammen mit den fünf anderen noch in Kulmbach wohnenden Jüdinnen*Juden am 24. April 1942 aus ihrer Zwangswohnung in einem ehemaligen Stall zum Güterbahnhof gehen. Dort erhielten sie vor-nummerierte »Anhängezettel« und bestiegen einen Zug nach Bamberg. Aus Bamberg wurde das Ehepaar mit dem Deportationszug DA 49 in die Nähe von Lublin deportiert und kurze Zeit später wahrscheinlich in Belzec ermordet.

Räumliche Verkürzungen

Neben der zeitlichen Verkürzung wohnt der oben skizzierten Vorstellung der Deportationen auch eine räumliche Begrenzung inne. Visuell unterschieden sich die Deportationen aus Deutschland von jenen aus Ungarn. Und: Deportationen begannen nicht (nur) in Lagern. Oft endeten sie nicht dort – schon gar nicht »nur« in Auschwitz-Birkenau. 

Im Bildatlas von #LastSeen sind zahlreiche Fotos gesammelt, welche den emotional aufwühlenden Moment des Verlassens des eigenen Zuhauses und den beschwerlichen Marsch der Deportierten zu Bahnhöfen und Sammellagern zeigen. Unter dem Titel »Exmittierung der Juden« hat der von der Stadt Eisenach beauftragte Fotograf Theodor Harder einen solchen Marsch am 9. Mai 1942 von einem Zwangshaus in der Goethestraße 48 zum Bahnsteig 3 des Hauptbahnhofs in 22 Fotos für die Chronik der Stadt festgehalten. Eins seiner Bilder verweist auf eine weitere Fehlstelle: 

Harder inszenierte die Deportation quasi als zivilen Akt und fokussierte kaum auf Polizisten oder Bewacher. Kurz vor 11.00 Uhr (der Zug fuhr fahrplanmäßig um 11.06 Uhr) fotografierte er die Menschen vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofs von der rechten Seite, sodass die auf der linken Seite angebrachten Zwangsmarkierungen nicht zu sehen sind. Einzig das schwere Gepäck und die winter­liche Kleidung an einem eher warmen Maitag lässt uns die verfolgten von den nicht-verfolgten Eisenacher*innen unterscheiden. Ohne die anderen Bilder der Serie und ohne den Eintrag in der Bildchronik der Wartburgstadt wäre dies Bild in der Forschung sicherlich »durch­gerutscht« und nicht als Deportationsfoto eingeordnet worden. Ganz ähnlich verhält es sich bei einem Foto, das der Polizeiassistent Georg Hübner ebenfalls für eine Stadtchronik – in diesem Fall von Bielefeld – gemacht hat. 

Dass ein Bild eine Deportation zeigt, ergibt sich nur in der Zusammenschau der Serie – und aus der Beschriftung der Albumseite. Es handelte sich um eine Deportation nach Riga, wo alle Insassen des Transportes ermordet wurden.

Die Serie aus Bielefeld wird in vielen Ausstellungen präsentiert. Freilich bieten insbesondere Dauerausstellungen wenig Platz für Ungefähres oder gar Ungewisses. In ihrem chronologischen Zugriff haben sich die Kurator*innen im Haus der Wannsee-Konferenz für das vierte Foto (in der dritten Reihe) entschieden, welches das Gewalthafte der Situation deutlicher zeigt. In der Gedenkstätte Topographie des Terrors hingegen ist das oberste Foto der Seite verwendet worden. Auch in anderen Ausstellungen sind Fotos zu sehen, die eher der oben skizzierten, vorgeprägten Vorstellung entsprechen. Dies sind kuratorisch sehr nachvollziehbare Entscheidungen. Sie verstärken gleichwohl das festgefahrene Bild und machen die Suche nach etwaig abweichenden Deportationsbildern nicht einfacher.

Inhaltliche Engführung

Die Serie aus Bielefeld belegt zudem eine inhaltliche Engführung des oben skizzierten, geläufigen Deportationsbildes. Die Deportationen aus dem Deutschen Reich wurden bis Mitte/Ende 1942 nicht in Güterwagen, sondern regelmäßig in regulären Waggons der Dritten Klasse abgewickelt. Die im Bildatlas gesammelten Serien – Fotos aus Brandenburg, Dortmund (1938), Eisenach, Fulda, Hanau, Hattingen, Kitzingen, München, Wiesbaden und Würzburg – zeigen dies. Allerdings bricht unsere Überlieferung nach dem Sommer 1942 ab. Wir haben kaum Fotos der späteren Deportationen, insbesondere keine der besonders brutal durchgeführten sogenannten Fabrikaktion. Aus dem Jahr 1943 liegt uns bislang im Wesentlichen eine kleine Serie vor, welche die Deportation von über 200 als Sinti:zze und Rom:nja verfolgte Menschen aus Remscheid zeigt, die mit in einem Gepäckwagen der Reichspost deportiert wurden.

Eine weitere inhaltliche Engführung liegt in der Erwartung, immer die Zwangskennzeichen zu sehen. Denn Sintizz*e und Romni*ja waren bekanntlich gar nicht gekennzeichnet. Settela Steinbach, das Mädchen aus dem oben genannten Film aus Westerbork, das aus der halb geschlossenen Waggontür direkt in die Kamera schaut, trägt als Sintiza kein Zwangskennzeichen. Selbst Jüdinnen*Juden wurden ja »erst« im Verlauf des Herbsts 1941 gekennzeichnet. Bilder der »Polenaktion« (1938) und der Deportation der südwestdeutschen Jüdinnen*Juden nach Gurs zeigen also Menschen, die als Jüdinnen*Juden verfolgt, aber noch nicht gekennzeichnet worden waren. Falls es Fotos der Deportationen aus Stettin und Schneidemühl in die Gegend von Lublin geben sollte, wären hier ebenfalls Menschen ohne Zwangsmarkierungen zu sehen.

Auf den drei Fotos der Deportation der Jüdinnen*Juden aus Hamburg vom 25. Oktober 1941 nach Litzmannstadt, die wir jüngst in enger Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen der Stiftung Hamburger Gedenkstätten identifizieren konnten, sind ebenfalls keine Zwangskennzeichen zu sehen. Selbst im November 1941 waren die gelben Stoffaufnäher offenbar noch nicht an all jene verteilt worden, die damit gekennzeichnet werden sollten. So sind auch auf zwei Fotos vom 17. November 1941 von einer Deportation aus Bremen keine Zwangskennzeichen zu erkennen. Auch sonst entsprechen die Aufnahmen aus Bremen so gar nicht unseren Erwartungen. Die Deportierten lachen teils in die Kamera – oder drehen dem/der Fotograf*in gar den Rücken zu. Die Aufnahme wurde höchstwahrscheinlich aus Verfolgtenperspektive aufgenommen – bieten also einen Perspektivwechsel an, der auch in dem Foto der Flöhrsheims aus Kulmbach angelegt ist und für die pädagogische Arbeit sehr gut nutzbar ist. 

Doch ein Bild aus Berlin?

Wie eingangs angeführt, ist eine der größten Fehlstellen in der Sammlung die Stadt Berlin. Im Archiv der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist ein sehr spannendes Foto von Walter Franck überliefert. Franck war Fotograf der BVG und durfte in dieser Funktion Motive ablichten, die für andere verboten waren: Er konnte Verkehrsanlagen ebenso ins Bild setzen wie deren Zerstörung. Im November 1943 wurden jedoch fast alle seiner Bilder im Archiv in der Köthener Straße bei einem Luftangriff vernichtet. Lediglich 1000 der rund 25.000 Glasplatten konnten gerettet werden. Von den geretteten Fotos sind im Archiv der BVG insgesamt nur 26 Fotos überliefert, die zwischen Oktober 1941 und November 1943 aufgenommen wurden. Diese zeigen vor allem technische Details und geben keinen Hinweis auf die zeitgleich laufenden Deporta­tionen. Nach der Zerstörung »seines« Archivs begann Franck sofort wieder zu fotografieren. Zu dieser Zeit war der grässliche »Höhepunkt« der Verschleppungen längst überschritten. Möglicherweise hat Franck gleichwohl ein Foto gemacht, das Vorgänge zeigt, die als Deportation anzusprechen sind.

Am 17. Februar 1944 – am Tag nach dem verheerenden Angriff von rund 900 Bombern der Royal Air Force und fünf Tage bevor der 49. Osttransport den Berliner Güterbahnhof Putlitzstraße mit Fahrziel Auschwitz-Birkenau verließ – nahm Franck dieses Bild im nördlichen Abschnitt der Potsdamer Straße auf: Trotz des Ascheregens ist deutlich zu erkennen, dass ein gedeckter Polizei-Lastwagen vor einem Hotel hält. Es ist das Hotel West in Potsdamer Str. 16 – in etwa in der Höhe der heutigen Philharmonie. An der Ladeluke drängt sich eine Gruppe von Menschen, teils in schwarzen Uniformen. Einer von ihnen mit einem Gefreiten-Winkel auf dem linken Arm hält einen Koffer. Die Geschehnisse werden von den Wartenden an der Straßenbahnhaltestelle genau beobachtet. Vor dem LKW geht derweil ein Polizist, der offenbar den Fotografen im Auge hat. Die Vielzahl der Uniformierten und das Interesse der Umstehenden lässt darauf schließen, dass es sich um eine Razzia gehandelt hat. Wahrscheinlich richtete sie sich gegen die Bewohner*innen des Hotels West an sich – und hatte möglicherweise eher die Verfolgung nicht angemeldeter Sexarbeiter*innen als vorrangiges Ziel. Nicht auszuschließen jedoch, dass auch untergetauchte Jüd*innen ins Netz der Kripo gegangen waren. Zwar war keiner der 34 Menschen des 49. Osttransports in der Potsdamer Straße oder gar im Hotel West gemeldet. Das muss aber wenig heißen, weil in den Transportlisten nur die offiziellen Meldeadresse vermerkt wurde. Auf der Liste ist beispielsweise der 27-jährige Jacob Tannenberg aus Frankfurt/Main verzeichnet, der in Madrid gemeldet war. Auch wenn noch unklar bleiben muss, ob hier eine Deportation zu sehen ist, zeigt das Foto in jedem Fall eine Situation, die für die Deportationen in der Spätphase –nach dem Sommer 1943 – typisch war. 

Fazit

Das komplexe System der Deportationen war ein zentraler Baustein der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitiken. Die oftmals öffentlich inszenierten Verschleppungsaktionen bildeten nicht nur den Abschluss eines jahrelangen Prozesses der Ausgrenzung. Ohne die Deportationen hätte der Vernichtungsprozess nicht in gleicher Weise stattfinden können. Die Analyse der Fotos entlarvt die jahrzehntelang aufrechterhaltene Schutzbehauptung, dass solche Aktionen gleichsam bei »Nacht und Nebel« fernab der Öffentlichkeit stattgefunden hätten. Sie erlaubt, ja fordert zudem eine Analyse der nationalsozialistischen Tätergesellschaft und lässt erkennen, wer an den Deportationen in welcher Form beteiligt war. Vom Kern der Tätergesellschaft führt die Frage zudem fast zwangsläufig an ihre Ränder. Denn allzu augenfällig ist die große Zahl derjenigen, die zusehen, wie ihre Nachbar*innen verschleppt werden.

Die Menge der bereits gefundenen Fotos zeigt, dass die Deportationen fast flächen­deckend fotografiert wurden. Ebenso groß wie die Bandbreite des Sujets der Deportations­fotografie ist wohl die Zahl der Fotos, die in privaten Alben und öffentlichen Sammlungen noch der Entdeckung harren. Die im Bildatlas #LastSeen gesammelten Fotos erlauben zwar schon jetzt ein umfassendes Bild der NS-Deportation aus dem Deutschen Reich zu zeichnen. Jedes neu gefundene Foto enthält jedoch auch neue Informationen. Viel mehr als nur ein Puzzlestück, das lokale Eigenheiten der Deportationspraxis belegt und Täter*innen zeigt, sind diese Fotos sehr häufig auch das letzte Bildnis der später Ermordeten und damit ganz besonders anrührende Fundstücke.

Ganz generell zeigt uns der Umgang mit den Deportationsfotos, wie wichtig es angesichts der auf uns einprasselnden Bilderflut ist, Fotos als historische Quelle ernst zu nehmen. Wir müssen lernen, immer wieder zurückzutreten und unser eigenes Bild historischer Ereignisse zu überprüfen. Fotos sind nicht immer das, was sie scheinen, und Sachzusammenhänge ergeben sich oft nicht in der fliehenden Hast des ersten, sondern der Ruhe des zweiten Blicks. 

 

Kooperationsprojekt #Lastseen

#LastSeen. Bilder der NS-Deportationen ist ein vielfach ausgezeich­netes Forschungs- und Vermittlungsprojekt, dessen Ziel die Sammlung, 

Erschließung und kontextualisierte digitale Veröffentlichung aller ­Deportationsfotografien aus dem Deutschen Reich 1938–1945 ist. 

Das Projekt sucht fortwährend nach noch nicht veröffentlichten Fotos! 

Das Verbundprojekt umfasst folgende Partner: Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, USC Dornsife Center for Advanced Genocide Research, Public History München, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Arolsen Archives. In der ersten Förderphase 2021–2023 wurde es im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft gefördert. Aktuell wird das LastSeen von der Alfred Landecker Foundation gefördert.

Der regelmäßige Newsletter des Projekts kann hier abonniert werden: www.lastseen.org/newsletter 

Projekt: lastseen.org 

Bildatlas: atlas.lastseen.org 

Entdeckungsspiel: game.lastseen.org 

Bildatlas #LastSeen

Im Bildatlas werden bis Mitte 2026 alle bekannten Fotografien von Deportationen aus dem Deutschen Reich zwischen 1938 und 1945 digital veröffentlicht. Dank der komplexen Filterstruktur und der Annotationen, die historisches Kontextwissen zu den Fotografien bieten, vereint der Bildatlas die Funktionen einer digitalen Edition und einer interaktiven Ausstellung.
 

Christoph Kreutzmüller ist Stellvertretender Projektleiter #LastSeen: Bilder der NS-Deportationen am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien, Berlin-Brandenburg.