Julana Bredtmann (JB): Die AEJM wurde 1989 vor allem als Netzwerk für Museumsdirektor:innen in Europa gegründet. Ist das schon immer die Funktion der AEJM gewesen? Und wenn nicht, wie hat sie sich verändert?
Mirjam Wenzel (MW): Als die Association of European Jewish Museums gegründet wurde, gab es in Europa bedeutend weniger Jüdische Museen als heute. Und die existierenden Museen waren zudem deutlich kleiner. Die meisten Jüdischen Museen wurden damals von einem Verein oder einer jüdischen Gemeinde betrieben und waren nur bedingt öffentlichen Institutionen. Sie hatten meist zwischen drei und zehn Mitarbeiter:innen (hauptsächlich Kurator:innen und Handwerker:innen) sowie zahlreiche freie Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche. Ihre Struktur ähnelte in gewisser Weise den Jüdischen Museen, die es vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hatte. Der Direktor bzw. die Direktorin war wie damals eine Schlüsselfigur – und häufig die einzige Person, die für die Entwicklung des Museums insgesamt verantwortlich war. In den letzten 25 Jahren hat sich das mit der Entstehung größerer Jüdischer Museen, von denen einige sogar nationale Institutionen sind, geändert.
JB: Die AEJM ist mit etwa 70 Mitgliedsinstitutionen das größte europäische Netzwerk jüdischer Museen. Mit welchen gemeinsamen und unterschiedlichen Herausforderungen sind die Mitgliedsinstitutionen der AEJM konfrontiert?
MW: Die Association of European Jewish Museums ist nicht nur das größte, sondern auch das einzige Netzwerk Jüdischer Museen in Europa. Es wurde kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als themenspezifische Alternative zu ICOM, dem Internationalen Museumsrat, gegründet. Damit antwortete AEJM auf die Notwendigkeit einen Austausch zwischen Kolleg:innen Jüdischer Museen in ganz West- und Südeuropa über gemeinsame Aufgaben und Herausforderungen etwa in der Vermittlung jüdischer Kultur an vorwiegend nichtjüdische Zielgruppen. AEJM wollte auch Verbindungen mit Kolleg:innen und Institutionen in Osteuropa aufbauen, etwa mit dem Hungarian Jewish Museum and Archives, dem Jüdischen Museum in Prag oder dem Staatlichen Jüdischen Museum Gaon von Wilna in Vilnius.
Der größte Unterschied zwischen den verschiedenen Mitgliedern der AEJM war damals – und ist es bis heute – durch das Verhältnis zur jeweiligen jüdischen Gemeinde vor Ort geprägt. Jüdische Museen in Italien und Griechenland sowie in Budapest und Bratislava sind Teil der Infrastruktur der jüdischen Gemeinde vor Ort. In Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Tschechischen Republik und England sind die Gemeinden im Vorstandsgremium vertreten, wohingegen Jüdische Museen in Skandinavien von den Gemeinden weitgehend losgelöst sind. Diese Unterschiede haben Auswirkungen auf die Struktur der Museen und ihrer Zielgruppen. Während Jüdische Museen an Orten mit gar keiner oder einer kleinen jüdischen Gemeinde meist als Erinnerungsorte fungieren und sich auf Bildung konzentrieren – hauptsächlich für nichtjüdische Zielgruppen – handelt es sich bei Jüdischen Museen, die in der Struktur einer Gemeinde eingebettet sind, um Institutionen der Erinnerung für das lokale materielle Erbe. Daher sammeln sie hauptsächlich Judaika und richten sich mit ihrem Programm überwiegend an jüdische Zielgruppen.
JB: Warum hat die AEJM in den letzten Jahren ihr Weiterbildungsprogramm so stark ausgeweitet? Welche Rolle spielt die berufliche Fortbildung im Netzwerk, und welche Fähigkeiten sind am wichtigsten?
MW: In den letzten Jahren hat sich die Association of European Jewish Museums von einem familiären Netzwerk zwischen Kolleg:innen, die sich gut kennen, hin zu einer Organisation von professionellen Museumsmacher:innen gewandelt, die sich der Weiterentwicklung von Institutionen für das jüdische Kulturerbe insgesamt verschrieben hat. Das betrifft sowohl das Fachwissen der Kolleg:innen in den Museen wie auch die Lobbyarbeit für das jüdische Kulturerbe in Europa. Beide wurden ausgebaut und intensiviert. Diese Entwicklung ging u.a. auch mit dem Entstehen zahlreicher neuer Jüdischer Museen einher, darunter nationale Institutionen wie das Jüdische Museum Berlin, das POLIN Museum for the History of Polish Jews in Warschau und das MEIS Museo Nazionale dell’Ebraismo Italiano e della Shoa in Ferrara oder privat finanzierte Institutionen wie das Lost Shtetl Museum in Šeduva (Litauen) und das Jüdische Museum Schweiz in Basel. Das Arbeitsfeld der Jüdischen Museen hat sich mit diesen und anderen Institutionen immens verändert. Während die ersten Jüdischen Museen nach dem Holocaust in einer Nische tätig waren, sind die Jüdischen Museen heute im Zentrum fast aller europäischen Hauptstädte situiert und adressieren Schlüsselthemen unserer Zeit, etwa Migration, Vielfalt und Erinnerung. Die neue Relevanz Jüdischer Museen führte zu einem Anstieg des politischen Drucks sowie vielerorts auch zu vermehrten Angriffen auf Jüdische Museen in Folge des wachsenden Antisemitismus, so dass die Weiterbildung des Museumspersonals in den letzten Jahren immer wichtiger wurde.
JB: Die AEJM hat eine Befragung der Mitglieder zu den Auswirkungen der Angriffe des 7. Oktober 2023 auf ihre Institutionen durchgeführt. Die Ergebnisse weisen auf eine signifikante Zunahme antisemitischer Vorfälle hin, die viele Institutionen in ganz Europa betreffen. Welche Erkenntnisse sind für Sie besonders aufschlussreich?
MW: Die AEJM hat nach dem 7. Oktober 2023 zwei Befragungen unter den Mitgliedern durchgeführt, mit vergleichbaren Ergebnissen. Die zweite Befragung 2025 unterstrich erneut die tiefgreifenden strukturellen Auswirkungen der Gewalt und des Krieges in Israel und dem Nahen Osten auf die Arbeit der jüdischen Museen in Europa.
• 72 % berichteten von einer Zunahme negativer Darstellungen in den sozialen Medien;
• 60 % waren mit einem Anstieg digitaler Hetze konfrontiert;
• 60 % berichteten, dass Partnerschaften oder Kooperationsmöglichkeiten häufiger oder zum ersten Mal aufgekündigt wurden;
• 44 % waren mit einem Rückgang der Besucher:innenzahlen konfrontiert, wobei er in manchen Museen mehr als 30–40 % betrug.
Dem Vorstand von AEJM war es wichtig herauszufinden, wie Museen auf diese Entwicklungen reagierten:
• 64 % setzten verstärkte Sicherheits¬maßnahmen um;
• 44 % führten Personalschulungen ein;
• 40 % weiteten ihre Aufklärungsarbeit aus;
• 32 % gaben öffentliche Erklärungen ab.
Die verschiedenen Maßnahmen in Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus waren ¬Ausdruck von Bemühungen, die institutionelle Resilienz zu stärken und sich gleichzeitig weiterhin öffentlich zu präsentieren. Dennoch sind die Ergebnisse der Befragung insgesamt verstörend und machen betroffen – nicht nur mit Blick auf die Gedächtniseinrichtungen, die sich um das jüdische Kulturerbe in Europa kümmern …
JB: Wie sollten und wie können Museen und Netzwerke wie AEJM handeln, wenn es um antisemitische Vorfälle geht? Welche Reaktionen sind nötig?
MW: Im Vorstand von AEJM diskutieren wir ständig genau diese Frage. Wenn eins unserer Mitglieder unablässig Kritik, offenem Hass, Aufkündigungen ausgesetzt ist oder unter Druck steht, schreiben wir Briefe an dessen Stakeholder:innen und geben öffentliche Statements heraus. Kürzlich haben wir damit begonnen, diese Lobbyarbeit auf das breitere Feld der Museen in Europa auszuweiten. Dabei fordern wir von unseren Kolleg:innen in anderen Museen,
dass sie antisemitischen Narrativen in ihren Ausstellungsräumen keinen Vorschub leisten. Dies ist eine besonders herausfordernde, aber zugleich auch notwendige Aufgabe – insbesondere im Bereich der zeitgenössischen Kunst.
Gleichwohl konzentrieren wir uns hauptsächlich auf die Bedürfnisse unserer Mitglieder: was brauchen sie, um antisemitischen Narrativen entgegenzuwirken? Seit dem 7. Oktober bieten wir mehrere Kurse speziell für Museumskolleg:innen im Bereich Kommunikation und Bildung an, um sie zu befähigen, angemessene Strategien zu entwickeln, antisemitische Narrative sowohl zu erkennen als auch ihnen entgegen zu wirken.
JB: Die jährlichen Konferenzen und professionellen Programme von AEJM schaffen Räume für Austausch jenseits nationaler Grenzen. Aus Ihrer persönlichen Perspektive, welche Arten Wissen, Resilienz oder Solidarität können gerade durch transnationale Kooperation und Treffen in Präsenz entstehen?
MW: Seit ich 2007 beim Jüdischen Museum Berlin anfing, habe ich stets an internationalen Konferenzen teilgenommen, um aktuelle Projekte und Trends kennenzulernen. Das tat ich weiterhin, nachdem ich 2016 Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt geworden war. Leider aber habe ich nach dem 7. Oktober 2023 auf internationalen Konferenzen die Erfahrung gemacht, dass Kolleg:innen, die ich kaum kannte, das Bedürfnis verspürten, mit mir über Israel oder Gaza zu diskutieren oder laut das Wort »Genozid« auszusprechen, wenn ich einen Raum betrat. Offenbar genügt die Tatsache, dass ich Mitte der 1990-er Jahre zwei Jahre in Israel gelebt habe, aus, um mich mit dem Krieg und der derzeitigen israelischen Regierung zu assoziieren. Und offenbar existiert in den polarisierten Diskursen rund um Israel/Palästina in der Gegenwart der Unterschied zwischen Erfahrungen der jüdischen Diaspora und dem Konflikt im Nahen Osten nicht mehr. Deswegen meide ich derzeit breitere international Museumskonferenzen und freue mich über die Möglichkeit, unter dem Dach der EU-Strategie zur Bekämpfung von Antisemitismus und Förderung jüdischen Lebens mit anderen Kolleg:innen zum Thema jüdisches Erbe und jüdische Kultur zusammenzuarbeiten, auch mit jüdischen Organisationen. Die jährlichen Konferenzen, Online-Workshops und Vorstandssitzungen der Association of European Jewish Museums geben mir viel Kraft. Sie geben mir die Stärke, gemeinsam weiterzuarbeiten.
JB: Schließlich, was brauchen jüdische Museen heute am stärksten von politischen Entscheidungsträger:innen, Fördereinrichtungen und kulturellen Partnerorganisationen, auch von Gedenkstätten?
MW: Jüdische Museen haben die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, die für unsere heutige Zeit besonders bedeutsam sind – nicht nur hinsichtlich Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und Genozid (der thematische Fokus der meisten Gedenkstätten), sondern auch bezüglich des Kampfes für gleiche Rechte, der Migrationserfahrung, religiöser Traditionen und ethischer Werte einer Gemeinschaft, deren Geschichte und Kultur die europäische Zivilisation geprägt hat. Um diese Geschichte wirkungsvoll erzählen zu können, benötigen Jüdische Museen verlässliche Kooperationspartner in der nichtjüdischen Welt, wie etwa Gedenkstätten, Kunst- oder kulturhistorische Museen. Letztere können bei der Entwicklung von Wechselausstellungen sehr wichtig werden, aber wenn es um politische Themen geht, sind Holocaustmuseen und -gedenkstätten sozusagen »natürliche« Partnerorganisationen für Jüdische Museen. In den USA sind Holocaustmuseen sogar Mitglieder in unserem Partnernetzwerk CAJM, dem Council of American Jewish Museums. Wäre es nicht schön, wenn wir gelegentlich eine gemeinsame Konferenz organisieren könnten, um unsere Erfahrungen dazu zu teilen, welche Auswirkungen Veränderungen in der Gesellschaft auf unsere Arbeit haben?