Mit einem inhaltlich dichten Online-Workshop knüpfte das Vernetzungsprogramm JUGEND erinnert vernetzt am 19. Februar 2026 an einen Themenwunsch an, der von den Projekten im Dezember 2025 mit besonderer Dringlichkeit formuliert worden war: den Umgang mit rechtsextremen Inhalten im digitalen Raum. Von 12:00 bis 15:00 Uhr trafen sich die Projektträger:innen der Förderschienen JUGEND erinnert vor Ort und engagiert , um sich gemeinsam mit zwei wissenschaftlichen Referentinnen mit den Mechanismen, Codes und Ästhetiken rechtsextremer Online-Kommunikation auseinanderzusetzen – und mit der Frage, wie pädagogische Praxis darauf reagieren kann.
Den ersten Vortrag hielt Dr. Azade Kakavand vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut, wo sie im Social Media Observatory am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt zu Polarisierung in digitalen Ökosystemen forscht. Sie zeichnete nach, wie rechtsextreme Akteur:innen auf verschiedenen Plattformen unterschiedlich agieren und wie sich diese Plattformlogiken auf Form, Adressierung und Reichweite ihrer Inhalte auswirken. Im Zentrum stand die Frage, wie Jugendliche überhaupt mit solchen Inhalten in Kontakt kommen – häufig nicht durch gezielte Suche, sondern über algorithmisch vermittelte Empfehlungen, über Schnittstellen zu Mainstream-Themen wie Fitness, Gaming, Kochen oder Lifestyle-Inhalten und über die Vernetzung rechtsextremer Profile untereinander, die ein dichtes interaktives Geflecht bilden. Kakavand zeigte anhand konkreter Beispiele, wie der Übergang von der Begegnung mit einzelnen Inhalten in eine zunehmend geschlossene Bubble verlaufen kann und welche Rolle algorithmische Verstärkungsmechanismen dabei spielen.
Im Anschluss übernahm Veronica Bezold von der Universität Passau, die im Teilprojekt RexMemes des Forschungsverbunds ForGeRex zu rechtsextremen Internet-Memes forscht. Ihr Vortrag rückte die ästhetische und semiotische Ebene in den Vordergrund: Welche Codes, Symbole und sprachlichen Verkürzungen sind derzeit in rechtsextremen Online-Räumen gebräuchlich, wie schnell verändern sie sich, und wie werden bestehende Moden, popkulturelle Versatzstücke und visuelle Trends übernommen, umgedeutet und für die eigenen Zwecke nutzbar gemacht? Bezold legte besonderen Wert auf den dynamischen Charakter dieser Codes: Ohne Kenntnis des jeweils aktuellen Stands rechtsextremer Debatten und Werbestrategien laufen pädagogische Reaktionen Gefahr, ins Leere zu greifen. Im selben Atemzug thematisierte sie die ethischen Herausforderungen, die mit dem Sichten und Zeigen rechtsextremer Materialien einhergehen – sowohl in der Forschung als auch in der Bildungsarbeit.
Beide Vorträge wurden jeweils durch eine Diskussion in der Gesamtgruppe ergänzt, in der konkrete Rückfragen aus der Projektpraxis aufkamen. Im Anschluss wechselten die Teilnehmenden in Breakout-Rooms, in denen sie eigene Erfahrungen austauschten: Welche Situationen gab es in der pädagogischen Arbeit, in denen Jugendliche rechtsextreme oder schwer einzuordnende Inhalte mitbrachten? Wie wurde reagiert, welche Strategien haben sich bewährt, wo bleiben Unsicherheiten? Mehrere Projekte berichteten von Begegnungen mit Codes, die in der Gruppe nicht sofort als rechtsextrem erkennbar waren, sowie von der Schwierigkeit, in solchen Momenten zwischen pädagogischer Intervention und Bloßstellung des einzelnen Jugendlichen zu navigieren.
Die anschließende Abschlussdiskussion verlagerte den Fokus auf die institutionelle Ebene. Diskutiert wurde, wie gut die eigenen Projekte und Trägerinstitutionen auf den Umgang mit rechtsextremen Online-Inhalten vorbereitet sind, ob es interne Absprachen oder Leitlinien gibt und welche Unterstützung gewünscht wäre. Sichtbar wurde dabei ein gemeinsamer Bedarf: Pädagogische Fachkräfte stehen oft alleine vor diesen Situationen, ohne klar formulierte institutionelle Rückendeckung. Der kollegiale Austausch im Netzwerk wurde wiederholt als entlastend und orientierungsstiftend hervorgehoben.
Rechtsextreme Online-Kommunikation ist kein Phänomen, das sich von außen statisch beschreiben ließe. Sie passt sich an, mutiert, verschiebt sich zwischen Plattformen und Ästhetiken – und genau diese Beweglichkeit muss die Bildungsarbeit in ihrem eigenen Selbstverständnis abbilden. Aufnahmen der beiden Vorträge wurden den Projekten zur internen Nutzung bis Mitte April zur Verfügung gestellt, ergänzt durch eine Materialsammlung mit weiterführenden Hinweisen auf Projekte, Videos, Podcasts und Texte zum Thema.
Referent:innen
Dr. Azade Kakavand ist Postdoktorandin für computerbasierte Methoden im Social Media Observatory am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt und im Media Research Methods Lab am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut. Sie forscht zu sozialen Medien und Polarisierung im digitalen Raum, mit Schwerpunkten auf Multi-Plattform-Analysen und digitalen Ökosystemen. Promoviert hat sie an der Universität Wien zu technologischen Affordanzen, sozialen Medien und rechten Netzwerken.
Veronica Bezold ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Passau. Sie forscht im Teilprojekt RexMemes des Forschungsverbunds für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus in Bayern (ForGeRex) zu rechtsextremen Kommunikationsstrategien im digitalen Raum, mit besonderem Fokus auf Internet-Memes. ForGeRex wird durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert.