Die dritte Workshop-Austauschplattform im laufenden Programmjahr widmete sich am 30. April 2026 einem Thema, das in der historisch-politischen Bildungsarbeit oft als Querschnittsanforderung mitgedacht, aber selten in der eigenen Praxis trainiert wird: der inklusiven Gestaltung von Projekten und der barrierearmen Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen.
Geleitet wurde der Workshop von Constanze Stoll (IBB gGmbH) und Linn Bade (IN-Gesellschaft e.V.), die in ihrer gemeinsamen Projektarbeit – vom Kooperationsprojekt „Erinnern – inklusiv" über „Inklusion – einfach machen!" bis zum aktuell laufenden „Erinnerungs-DING" – einen reichen Erfahrungsfundus aus der inklusiven Bildungs- und Erinnerungsarbeit mitbrachten. „Erinnerungs-DING" ist ein im Rahmen von JUGEND erinnert engagiert gefördertes Projekt, in dem fünfzehn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam einen Podcast in einfacher Sprache zur Geschichte des Hannoverschen Bahnhofs in Hamburg und zu den dort verübten NS-Deportationen produzieren. Die Erfahrungen aus diesem Projekt dienten den beiden Referentinnen jedoch ausdrücklich nur als Ausgangspunkt. Der eigentliche Workshop verschob den Fokus konsequent auf die eigene Praxis der Teilnehmenden.
Inhaltlich bewegte sich der Workshop entlang mehrerer Begriffe, die in der Diskussion immer wieder aufgegriffen wurden. Ein zentrales Konzept war die sogenannte Crip-Time – ein aus den Disability Studies stammender Begriff, der die selbstverständliche Vorstellung von linearer, eng getakteter Projektzeit infrage stellt. Inklusive Bildungsarbeit, so der Hinweis der Referentinnen, braucht andere Rhythmen: mehr Pausen, mehr Spielräume für individuelle Tempi, weniger Druck zu sichtbaren Etappenergebnissen. Ein zweiter Schwerpunkt lag auf der Haltungsarbeit als kontinuierliche Aufgabe im Projektteam. Gemeinsam Kommunikationsregeln zu entwickeln, diese regelmäßig zu überprüfen und unterschiedliche Bedürfnisse ernsthaft einzubeziehen, wurde als grundlegender und kein einmal abzuschließender Prozess beschrieben. Wer etwas nicht versteht, muss nachfragen dürfen – und wer etwas erklärt, muss bereit sein, das Erklärte je nach Adressat:in anders zu formulieren.
In zwei praktischen Breakout-Sessions arbeiteten die Teilnehmenden anschließend selbst. Die erste Übung diente der Sensibilisierung für Ableismus: in welchen alltäglichen Formulierungen, Selbstverständlichkeiten und Projektroutinen finden sich Vorannahmen, die Menschen mit Behinderung als „andere" markieren oder die Teilhabe erschweren, ohne dass dies beabsichtigt wäre? Die zweite Übung verlagerte die Perspektive in die Projektpraxis: Wie wird eine Zielgruppe so definiert, dass auch tatsächlich erreicht wird, wer erreicht werden soll? Wie sieht ein Einladungstext aus, der nicht nur formal barrierearm ist, sondern signalisiert, dass die Teilnahme erwartet, gewollt und vorbereitet ist? Die Teilnehmenden erprobten konkrete Formulierungen und gaben sich gegenseitig Rückmeldung – ein Format, das nach den Rückmeldungen aus der anschließenden Plenumsdiskussion gerade deshalb wirksam war, weil es das Ungeübte spürbar werden ließ.
In der abschließenden Diskussion wurde gemeinsam reflektiert, was an den Übungen einfach gewesen war und was nicht, welche Fragen offen blieben und an welchen Stellen die Teilnehmenden den Wunsch nach Vertiefung formulierten. Mehrfach genannt wurde, dass Inklusion in der eigenen Projektpraxis bisher häufig erst nachträglich als Anforderung mitgedacht worden sei – und dass es einer bewussten Verlagerung an den Anfang des Projektzyklus bedürfe, um wirklich inklusiv planen zu können. Sichtbar wurde auch die Erleichterung darüber, dass Fehler im Lernprozess der Gruppe ausdrücklich erlaubt waren: Inklusion, so eines der wiederkehrenden Stichworte des Tages, ist kein erreichbarer Zustand, sondern eine Haltung, die sich im Tun verfeinert.
Kurzbiografien
Constanze Stoll arbeitet seit Oktober 2022 als Referentin für Internationale Historische Projekte bei der IBB gGmbH. Sie ist Slawistin und Historikerin und war über viele Jahre als freiberufliche Facilitatorin und Projektentwicklerin tätig. Bei der IBB verantwortet sie inklusive Bildungsformate zur Auseinandersetzung mit NS-Geschichte, darunter das Podcast-Projekt „Erinnerungs-DING".
Linn Bade ist Inklusionsberaterin, Aktivistin und Referentin mit den Schwerpunkten Behinderung, Inklusion und Queerness. Nach einer Weiterbildung zur Inklusionsberaterin bei der Kopf, Hand und Fuß gGmbH gründete sie den Verein IN-Gesellschaft e.V. sowie die Selbsthilfegruppe „RadAb" für Menschen mit Körperbehinderung. Als Selbstständige verbindet sie Schauspiel und Aktivismus – unter anderem über einen Instagram-Kanal, der innerhalb des ersten Jahres mehr als 40.000 Follower erreichte. Heute liegt ihr Arbeitsschwerpunkt auf Vorträgen und Workshops zu Inklusion und gesellschaftlicher Teilhabe.