Roma-Geschichte, -Repräsentation und -Gedenken – ERIAC und neue Ansätze in der europäischen Erinnerungskultur

10/2026Gedenkstättenrundbrief 223, S. 6-22
Anna Mirga-Kruszelnicka, Emese Molnár

Obwohl Roma und Sinti seit Jahrhunderten Teil europäischer Gesellschaften sind, spielen ihre Erfahrungen, kulturelle Beiträge und Verfolgungsgeschichten seit langer Zeit in nationalen und transnationalen historischen Narrativen nur eine marginale Rolle – eine Leerstelle, die in Museen, Archiven, Bildungseinrichtungen und Orten öffentlichen Gedenkens besonders sichtbar ist. Die Frage lautet jedoch nicht nur, ob die Geschichte der Roma ausreichend repräsentiert ist. Es handelt sich vielmehr auch um die Frage, wer diese Narrative erzeugt, wessen Wissen anerkannt wird und wer die institutionelle Autorität innehat, die Geschichte der Roma zu bewahren, zu interpretieren und zu vermitteln.

 

Seit der offiziellen Anerkennung des 2. August als Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma durch das Europäische Parlament im Jahr 2015 hat es zweifellos Fortschritte gegeben. Heute erkennen mehr Länder den 2. August an und veranstalten institutionelle Gedenkveranstaltungen. Gedenkstätten sind expandiert, u. a. eine neue Gedenkstätte am ehemaligen Vernichtungslager in Lety u Písku, Tschechien – berüchtigt wegen der Schweinefarm, die sich bis zu ihrem Abriss 2022 dort befand. Die Zahl der Bildungsinitiativen ist ebenfalls stark angestiegen, teils aufgrund der Arbeit von Roma-Wissenschaftler:innen, -Aktivisti:innen und -Künstler:innen, die hartnäckig auf der Bedeutsamkeit bestanden, den Roma-Holocaust zu begehen, und teils durch institutionelle Antworten auf einen Bericht des Europarats, des Roma Education Fund und des Georg-Eckert-Instituts aus dem Jahr 2020, in dem festgestellt wurde, dass Roma in den Lehrplänen europäischer Schulen weitgehend fehlen – und wenn sie erwähnt werden, dann primär als passive Opfer, mit wenig Würdigung ihrer Handlungsmacht, ihrer Geschichte oder ihres Widerstands.

 

Diese Fortschritte reichen jedoch nicht aus. In den Mainstream-Narrativen über den Zweiten Weltkrieg wird der Roma-Holocaust weiterhin nur nebenbei erwähnt. Roma-Augenzeug:innenberichte und -Archive sind weit verstreut und häufig unzugänglich; Forschung ist weiterhin unterfinanziert; Hunderte Stätten von Massengräueltaten in ganz Europa sind immer noch nicht als solche gekennzeichnet. Der Antiziganismus – der den Genozid überhaupt erst ermöglicht hat – prägt weiterhin das Leben von Roma in ganz Europa und ist in den letzten Jahren intensiver geworden. Aufgrund des allgemeinen Klimas ist dieses Anliegen nicht allein eines der Roma: der historische Revisionismus und die Holocaustleugnung zweifeln das faktenbasierte Verständnis der Vergangenheit an, Nationalismus und autoritäre Politiken sind wieder Teil des Mainstream-Diskurses geworden, und die KI bedeutet neue Risiken für die Erinnerungskultur, deren Dimensionen noch unklar sind, von Deepfakes bis hin zur Verfälschung von Archivmaterial.

 

Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit des European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC) zum Thema Holocaustgedenken besonders bedeutend – nicht nur als Bestreben, die Roma zu einer bestehenden Erinnerungskultur hinzuzufügen, sondern als Versuch, neu zu gestalten, wer diese Erinnerungskultur überhaupt hervorbringt.

 

Geschichte, Repräsentation und institutionelle Grundlagen der Roma

ERIAC wurde 2017 in Berlin gegründet als gemeinsame Initiative des Europarats, der Roma Foundation for Europe (ehemals das Roma Initiatives Office of the Open Society Foundations) und der Alliance for ERIAC, eines informellen Netzwerks von Roma-Wissenschaftler:innen, -Künstler:innen und -Intellektuellen. Die Gründung von ERIAC ist innerhalb einer viel längeren Geschichte der Selbstorganisation und der kulturellen Emanzipation der Roma zu verstehen. Der Erste Roma-Weltkongress (First World Romani Congress) fand 1971 in London statt und markierte einen entscheidenden Moment: neben Forderungen nach politischer Anerkennung und gleichen Rechten spielten Fragen der kulturellen Repräsentation und Selbstdefinition eine zentrale Rolle, und die Einigung auf eine gemeinsame Flagge und Hymne signalisierte die Artikulation einer transnationalen Roma-Identität durch Roma selbst. In den folgenden Jahrzehnten bemühten sich Roma-Künstler:innen, -Intellektuelle und -Kulturschaffende, stereotype Darstellungen infrage zu stellen und nicht nur die Objekte von Narrativen zur Kultur und Geschichte zu sein, sondern deren Autor:innen zu werden.

 

Anstatt mit zeitlich begrenzten Projekten zu arbeiten, bietet ERIAC einen stabilen institutionellen Rahmen für kulturelle Produktion und Generierung von Wissen unter Leitung von Roma. ERIAC verfolgt zwei Ziele: den Antiziganismus in Mehrheitsgesellschaften zu bekämpfen und die Selbstachtung und das kulturelle Selbstbewusstsein der Roma durch Kunst, Kultur, Geschichte, Bildung, Medien und die Romani-Sprache zu stärken. Heute arbeitet das Institut als transnationaler Knotenpunkt mit einem Büro und einer Galerie in Berlin, einer Filiale in Belgrad (seit 2021) und einem neuen Büro in Bukarest und verbindet Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Gemeinschaften in ganz Europa. Als mitgliedschaftsbasierte Organisation, die in fünf thematischen Sektionen arbeitet – Kunst und Kultur, Geschichte und Gedenken, Forschung und Publikation sowie Medien und Information, mit der Romani-Sprache als Querschnittsthema – bündelt ERIAC die Expertise von 280 Roma- und Nicht-Roma-Mitgliedern und -Organisationen in seiner Arbeit und stellt direkte Verbindungen zu Roma-Gemeinschaften vor Ort her.

 

Ein konzeptioneller Ansatz zum Roma-Holocaust 

Gedenken und historische Gerechtigkeit bilden einen Grundpfeiler von ERIACs Arbeit, und eine zentrale Dimension betrifft Erinnerung, Repräsentation und kritische Interpretation des Roma-Holocaust – der systematischen Verfolgung und versuchten Ausrottung der Roma durch Deutschland unter dem Nationalsozialismus und seinen Kollaborateur:innen. ERIAC verwendet »Roma« als übergreifenden Begriff, der unterschiedliche Gruppen beinhaltet, darunter Sinti in deutschsprachigen Kontexten, und erkennt gleichzeitig die Bedeutung lokaler Selbstzuschreibungen an. Zudem beobachtet ERIAC aufmerksam laufende Debatten zu Romani-Begriffen, etwa Porajmos und Samudaripen, als Teil breiter angelegter Bemühungen, die Wissensproduktion zu dekolonisieren und sicherzustellen, dass Roma-Perspektiven weiterhin im Mittelpunkt stehen.

 

Der konzeptionelle Ansatz von ERIAC beruht auf mehreren Schlüsselprinzipien:

 

Erstens situiert ERIAC den Roma-Holocaust innerhalb einer langjährigen Geschichte des Antiziganismus und betont dabei, dass der Genozid nicht im luftleeren Raum stattfand, sondern die stärkste Ausprägung von über Jahrhunderte währenden Ausschluss, Rassifizierung und staatlicher Gewalt war – während es auch den Fortbestand des Antiziganismus nach 1945 unterstreicht und die historische Verfolgung mit der heutigen Ungleichheit verknüpft.

 

Zweitens stellt ERIAC Narrative infrage, die Roma ausschließlich als passive Opfer darstellen, und stellt Widerstand, Handlungsmacht und Überlebensstrategien sowohl während als auch nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vordergrund, um einen Beitrag zu einem komplexeren und inklusiveren Verständnis der Roma-Geschichte zu leisten.

 

Drittens fördert das Institut einen individualisierten, menschenzentrierten Ansatz zum Gedenken und unterstützt persönliche Augenzeug:innenberichte, Biografien und künstlerischen Ausdruck, um der Anonymisierung von Opfern entgegenzuwirken und historischen Narrativen wieder Würde und Individualität zu verleihen.

 

Dieses konzeptionelle Fundament prägt ­ERIACs Ansatz zum Gedenken, das nicht nur als Bewahren der Vergangenheit betrachtet wird, sondern auch als lebendige und partizipative Praxis, die historische Forschung mit zeitgenössischer Kunst, kultureller Produktion, Bildung und kritischer Wissenschaft verknüpft. Dabei ist es entscheidend, die Handlungsmacht, das Wissen und die intergenerationelle Erinnerung der Roma herauszustellen, um Narrativen, die die Roma-Geschichte allein auf die Opferrolle reduzieren, etwas entgegenzusetzen.

 

Wissensproduktion und politisches Engagement 

Obwohl ERIAC keine akademische Institution im konventionellen Sinne ist, ist die Wissensproduktion für seine Arbeit zentral. Dabei fördert ERIAC die interdisziplinäre Zusammenarbeit und unterstützt die Entwicklung der Kritischen Roma-Studien. Das Institut setzt sich für Methoden ein, die Roma nicht einfach als Forschungsobjekte positionieren, sondern als Personen, die Wissen generieren und mit schaffen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf mündlichen Überlieferungen, Mehrsprachigkeit, künstlerische Praxis und performative 

 

Formen von Wissen, die ausweiten, was als legitimes historisches und kulturelles Wissen anerkannt wird.

Diese Arbeit findet auch mittels institutioneller Kooperation in Europa statt. Im Zuge der Partnerschaft mit dem Europarat trägt ERIAC zum politischen Engagement und zu institutionellen Empfehlungen bezüglich der Roma-Geschichte und dem -Holocaustgedenken bei und arbeitet dabei in der Arbeitsgruppe mit, die ein Programm zum Kapazitätsaufbau vorbereitet, das die nationale Umsetzung der Empfehlung CM/Rec(2020)2 über die Aufnahme der Geschichte der Roma und Fahrenden in Schullehrpläne und Unterrichtsmaterialien unterstützt. Zudem hat ERIAC Anleitungen für die Beobachtungsstelle des Europarats für den Geschichtsunterricht in Europa entwickelt und u. a. zu den IHRA-Empfehlungen für das Lehren und Lernen über die Verfolgung der Sinti und Roma und den an ihnen begangenen Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus beigetragen.

Im Rahmen des gemeinsamen Programms Roma Memory, das mit dem Europarat und anderen internationalen Partnerorganisationen umgesetzt wird, organisiert ERIAC Gedenkveranstaltungen, Bildungsangebote und Programme zum Kapazitätsaufbau, mit besonderem Augenmerk auf dem 2. August – um der etwa 4.300 Sinti:zze und Rom:nja zu gedenken, die in der Nacht des 2. auf den 3. August 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden – und dem 16. Mai, dem International Roma Resistance Day, der zur wachsenden Aner­kennung der Handlungsmacht und des zivilen Widerstands der Roma beigetragen hat. Bildung ist für diese Arbeit grundlegend, denn die Marginalisierung der Roma-Geschichte ist nicht auf Museen oder Gedenkinstitutionen beschränkt: Geschichte und Kultur der Roma sind weiterhin in Schullehrplänen in ganz Europa 

 

uneinheitlich vertreten. Dies hat Auswirkungen auf die Mehrheitsbevölkerung, denen ein unvollständiges Verständnis der europäischen Geschichte vermittelt wird, sowie Roma-Kinder, die Bildungssysteme durchlaufen können, ohne ihrer eigenen Gemeinschaft als zur europäischen Geschichte und zum intellektuellen Leben aktiv Beitragende zu begegnen. Deswegen entwickelt ERIAC Bildungs- und wissenschaftliche Formate für verschiedene Zielgruppen, u. a. die Barvalipe Roma Online University und Trainingsprogramme für Lehrer:innen, Journalist:innen, politische Entscheidungsträger:innen und öffentlich Bedienstete – z. B. »If Only It Were History … Why Roma Holocaust Education Matters?« (»Wenn es sich nur um Geschichte handelte … Warum Roma-Holocaustpädagogik wichtig ist«) und die jährliche Veranstaltung »Roma(ni) Past, Europe’s Future« (»Roma(ni)-Vergangenheit, Zukunft Europas«). Diese Kurse adressieren Herausforderungen, u. a. die Leugnung, Verfälschung und Marginalisierung des Holocaust an den Roma im öffentlichen Diskurs, die Verknüpfung historischen Wissens mit praktischen Tools, um Roma-Geschichte in Lehrpläne zu integrieren, und die Darstellung in den Medien. In seinem Projekt ERIACNET4EU bündelt ERIAC die Expertise seiner Mitglieder in thematischen Positionspapieren zur Wissensproduktion über Roma und zu Geschichte und Gedenken, die politischen Entscheidungsträger:innen und Praktiker:innen anleiten.

 

Bildungspolitik und Aufnahme in Lehrpläne waren von 2021 bis 2025 für ERIAC besondere Schwerpunkte. Die Strategie für den Zeitraum 2026 bis 2030 baut auf dieser Arbeit auf, mit stärkerer Betonung auf Wissen in den Gemeinschaften, auf lokalen Initiativen und auf gemeinschaftsbasierter Bildung. Dies geschieht als Reaktion auf einen fortdauernden Widerspruch: auf der Ebene der europäischen Politik wird die Roma-Geschichte zunehmend anerkannt, während der Zugang zu dieser Geschichte in Klassenräumen, Kulturinstitutionen und öffentlichen Gedenkräumen weiterhin uneinheitlich ist.

 

 

Von der Theorie zur Praxis: Wie ERIAC neue Standards in der Erinnerungskultur fördert

 

Roma-Widerstand neu denken: von der Opferrolle zur Handlungsmacht

Eines der bekanntesten Projekte von ERIAC konzentriert sich darauf, Roma neu zu framen: nicht mehr allein als Opfer, sondern als Protagonist:innen der Geschichte. ERIAC fing an, im Projekt Re-thinking Roma Resistance (Widerstand der Roma neu denken) die Frage der Handlungsmacht der Roma systematisch zu adressieren. Das Projekt wurde zwischen Oktober 2019 und Dezember 2020 entwickelt und von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) finanziert. Zwölf Roma- und Nicht-Roma-Wissenschaftler:innen dokumentierten im Projekt zahlreiche Arten, wie Roma der Unterdrückung entgegentraten und zu breiteren europäischen Kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit beitrugen. Dabei ging ihr Verständnis von Widerstand über die bewaffnete Opposition hinaus und bezog Überlebensstrategien, Widerstandswillen, Solidarität und Akte der Menschlichkeit unter der Verfolgung mit ein. Die daraus resultierende Publikation, die von Anna Mirga-Kruszelnicka und Jekatyerina Dunajeva herausgegeben wurde, bündelte originäre Forschung und persönliche Geschichten des Widerstands, denen zuvor wenig Beachtung geschenkt wurde.

 

Diese Arbeit wird in den öffentlichen Masterclasses der Barvalipe Roma Online University weitergeführt – u. a. zur Revolte von Roma-Gefangenen in Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944 – und im Programm Roma Art of Resistance (Roma Kunst des Widerstands) in Berlin im Mai 2025. Im Jahr 2026 setzte die aktualisierte Wanderausstellung Roma Resistance (Roma-Widerstand), die in Kooperation mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, ternYpe, Fnasat Gens du Voyage, La Voix des Roms und der Médiathèque Matéo Maximoff entwickelt wurde, diese Forschungsarbeit in ein zugängliches pädagogisches Format für Schulen, Museen und Gedenkstätten um, und zwar auf Englisch, Rumänisch und Romani. Dies geschah als Reaktion auf einen besondere Herausforderung: die Geschichte der Roma ist zutiefst transnational, während die Institutionen, mithilfe derer europäische Geschichte unterrichtet und ihrer gedacht wird, weiterhin entlang nationaler Narrative strukturiert sind.

 

BARVALO: Verändern, wer in den Museen spricht 

Eine der bedeutendsten Beispiele von ERIACs institutioneller Zusammenarbeit war die Ausstellung BARVALO. Roma, Sinti, Manouches, Gitanos, Travellers …, die vom 10. Mai bis zum 3. September 2023 im Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (Mucem) in Marseille zu sehen war – die größte Ausstellung über Roma-Leben und -Kultur, die jemals von einem öffentlichen Museum in Europa organisiert wurde. Sie wurde von Roma- und Nicht-Roma-Expert:innen in siebenjähriger Zusammenarbeit entwickelt. Ihre Bedeutung hatte nicht nur mit ihrer Größe zu tun: die partizipative Entwicklung der Ausstellung stellte die herkömmlichen Vorgehensweisen in Museen dahingehend infrage, wer über die Autorität verfügt, das kulturelle Erbe der Roma zu erforschen, zu klassifizieren und auszustellen. Dieses Erbe war historisch in die Sammlungen von Museen durch ethnografische Praktiken aufgenommen worden, die von ungleichen Machtverhältnissen geprägt waren, häufig Stereotype reproduzierten und Sammlungsobjekte für die Gemeinschaften, aus denen sie stammten, unzugänglich machten.

 

Die Zusammenarbeit von Mucem und ­ERIAC trug dazu bei, dass die Vorgehensweisen für die Darstellung der Stimmen von Minderheiten geändert wurden. Dabei wurde ein zunächst ethnografischer Ansatz in einen Ansatz verwandelt, der die Würde und Komplexität der Geschichte und Kultur der Roma betont und den Anstoß für eine kritische Überprüfung der bestehenden Sammlungen von Mucem gab – u. a. den Schutz der Romani-Sprache. Anstatt Perspektiven der Roma für eine Ausstellung anzufragen, nachdem die konzeptionellen Grundlagen bereits etabliert waren, wurde Partizipation in die Methodologie integriert, mit der die Ausstellung selbst erstellt wurde. Wie der Künstler und Theoretiker Daniel Baker argumentiert, liegt der Wert der zeitgenössischen Kunst in ihrer Fähigkeit, Romani-Geschichten neu zu interpretieren und neue Möglichkeiten anzubieten, die Vergangenheit zu verstehen – und BARVALO legte dar, dass diese Art Intervention nicht nur ethisch notwendig ist, sondern auch kommerziell rentabel: die Ausstellung zog mehr als 100.000 Besucher:innen an und erhielt den 2023 Prix Historia für die beste historische Ausstellung in Frankreich.

 

CARGO: Erinnerungen über Generationen hinweg

Das Verhältnis zwischen künstlerischer Produktion und historischem Wissen war zentrales Thema der Ausstellung CARGO: of Dust and Ashes (FRACHT: aus Staub und Asche), die ERIAC 2024 aus Anlass des 80. Jahrestags des Europäischen Holocaust-Gedenktags für Sinti und Roma in Berlin organisierte. Die Ausstellung bündelte Arbeiten von Charly Bechaimont (Frankreich), Anita Horváth (Ungarn) und Lila Loisse (Belgien/Vereinigtes Königreich) – die alle den jüngeren Generationen von Roma-Künstler:innen angehören – und näherte sich dem Roma-Holocaust durch geerbte Erinnerungen, Familiengeschichten und Spuren von Erfahrungen, die die Künstler:innen nicht selbst erlebt hatten.

 

Diese generationelle Position wird für das europäische Gedenken zunehmend wichtig. In einer Zeit, in der die Zahl lebender Überlebender des Nazi-Genozids zurückgeht, sehen die dritte und vierte Generation Geschichten und Erinnerungen, die in ihren Familien weitergegeben wurden, zunehmend ins Auge. CARGO näherte sich diesem Übergang nicht nur als Aufgabe, bestehende Zeugnisse zu bewahren, sondern auch zu verstehen, wie das Erinnern sich von Generation zu Generation verändert.

 

Die Künstler:innen untersuchten, wie traumatische Erfahrungen über Generationen hinweg bestehen bleiben und wie die künstlerische Praxis Räume für gemeinsames Erinnern schaffen kann. Durch diese Werke wurde das kulturelle Erinnern zu einem Mittel, mit dem eine jüngere Generation ihr eigenes Selbstbild gestalten konnte, ein Selbstbild, das in persönlichen und kollektiven Geschichten verwurzelt ist und gleichzeitig neue Möglichkeiten eröffnet, sie zu erzählen.

 

Jenseits von 1945: You Are All Our Children in One

Wenn Roma Resistance fragt, wie Geschichten der Verfolgung sich ändern, wenn ihrer Erzählung wieder die Handlungsmacht gegeben wird, wirft die neueste Ausstellung von ERIAC folgende Frage auf: was geschieht, wenn Ideologien und institutionelle Praktiken, die der Verfolgung zugrunde liegen, über das Ende des für den Genozid verantwortlichen politischen Regimes hinaus fortbestehen? 

 

You Are All Our Children in One (Ihr seid alle unsere Kinder in einer Person), bei ERIAC Berlin im Zusammenhang mit dem 2. August 2026 ausgestellt, zeigt Werke von Lindy Larsson, Emília Rigová and Zsófia Takács, die das Fortbestehen eugenischen Denkens nach 1945 untersuchen und Praktiken der Zwangssterilisierung von Roma und Fahrenden in Europa nach dem Krieg adressieren – in der ehemaligen Tschechoslowakei, Schweden, Norwegen und Finnland.

 

Der chronologische Rahmen ist hierbei wichtig. Die europäische Erinnerungskultur hat sich notwendigerweise entlang historischer Wendepunkte entwickelt, wobei 1945 eine zentrale Stellung als Ende des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in Europa einnimmt. Die Geschichten von Roma-Gemeinschaften stellen jedoch die Annahme infrage, dass rassifizierte Politiken und institutionelle Praktiken gleichzeitig mit den Regimen, die sie radikalisiert hatten, verschwanden.

 

Die Ausstellung fordert Besucher:innen auf, neben dem Bruch auch die Kontinuität zu durchdenken. Eugenisches Denken, rassische Kategorisierung, medizinische Diskriminierung und Interventionen in die Reproduktion von Roma-Frauen dauerten nach dem Krieg unter anderen politischen Systemen und institutionellen Bedingungen an. Folglich erfordert das Gedenken an den Roma-Holocaust auch Aufmerksamkeit für die längeren Geschichten der Ideen und Strukturen, die die Verfolgung überhaupt möglich machten.

 

Diese Geschichten stellen Museen und Gedenkinstitutionen vor besondere Schwierigkeiten, weil sie in konventionellen Archiven nicht immer ausreichend wiedergegeben sind. Offizielle Unterlagen dokumentieren meist eher die Handlungen und die Sprache von Institutionen als die Erfahrungen derjeniger, die ihren Entscheidungen unterworfen waren. Leerstellen in einem Archiv bedeuten deswegen nicht notwendigerweise, dass etwas nicht geschehen ist. Sie können auch die Bedingungen aufzeigen, unter denen man Wissen für bewahrenswert hielt.

 

Die Arbeiten im Rahmen der Ausstellung nähern sich diesen Leerstellen durch künstlerische Praxis, persönliche und Familiengeschichten, Materialität und verkörperte Erfahrung. Die Kunst fungiert hier als eine Art Gegenarchiv, nicht indem sie historische Forschung ersetzt, sondern indem sie die Grenzen aufzeigt, was etablierte Archive uns mitteilen können und indem sie andere Formen des Wissens wahrnehmbar machen.

 

Den Zugang zur Geschichte und zu historischen Quellen demokratisieren 

Neben Ausstellungen produziert ERIAC Podcasts, Publikationen und Onlineressourcen, die Erinnerung und Widerstand erkunden. Die von der EVZ unterstützten Podcast-Serie »Echoes of Memory« (Echos der Erinnerung) aus dem Jahr 2025 lud Hörer:innen in intime intergenerationelle Gespräche über den Roma-Holocaust und sein lebendes Erbe ein. In zwölf Podcast-Episoden reflektierten Roma – Ältere, Künstler:innen, Aktivist:innen und Jugendliche – über Schweigen und Überleben, über die in Familien tradierten Geschichten und darüber, wie die Erinnerung sich immer weiter entwickelt, vom Aufdecken verschwiegender Geschichten zur Konfrontation generationellen Traumas. Der Podcast wurde mehr als 400.000mal aufgerufen und erreichte damit bedeutende neue Zielgruppen für die Geschichte des Roma-Holocaust. ERIAC führt diese Arbeit mit »Shared Histories, Shared Futures« (Geteilte Geschichten, geteilte Zukünfte) 2026 fort und baut damit ein Archiv der Roma-Geschichte aus dem Blickwinkel junger Menschen in Visegrád-Ländern auf.

 

ERIAC spielt zudem eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung innovativer Formate, die eine tiefergehende Auseinandersetzung mit histo­rischen Quellen ermöglichen. Ein wichtiges Beispiel ist ERIACs Partnerschaft mit dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Fortunoff Videoarchiv für Holocaust-Augenzeug:innenberichte) an der Yale University: seit 2024 unterstützt das gemeinsame Roma Holocaust Voices Fellowship (Stipendium für Stimmen zum Roma-Holocaust) Roma-Schaffende, die an die Öffentlichkeit gerichtete kreative Projekte entwickeln, die sich mit historischen Augenzeug:innenberichten kritisch auseinandersetzen. Dabei übersetzen sie sie in zeitgenössische Formen, die ihre Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und Relevanz für unterschiedliche Zielgruppen verbessern und zur weiteren Anerkennung und Weitergabe der Erinnerung an den Roma-Holocaust beitragen. 2026 wurde das Stipendium an die ungarisch-kolumbianisch-Roma Kuratorin und Künstlerin Clara Farkas und den slowakisch-Roma Theaterschauspieler, Bühnenautor, Regisseur und kultureller Wortführer František Balog vergeben. Sie werden sich in kreativen Projekten mit den Augenzeug:innenberichten von Roma- und Sinti-­Holocaustüberlebenden auseinandersetzen und dabei Stimmen aus dem Archiv mit heutigen kulturellen und sozialen Kontexten in Dialog bringen.

 

Von der Inklusion zur Partizipation 

Neun Jahre nach der Gründung von ERIAC legt seine Erfahrung nahe, dass die Herausforderung für die europäische Erinnerungskultur nicht einfach darin liegt, Roma-Geschichten zu bereits konstruierten Narrativen hinzuzufügen. BARVALO dachte neu, wie ein großes europäisches Museum mit dem Roma-Erbe und Roma-Gemeinschaften arbeitet. CARGO untersuchte, was mit der Erinnerung an den Holocaust passiert, wenn sie an Generationen weitergegeben wird, die die Geschehnisse nicht direkt erlebt haben. Re-thinking Roma Resistance und die Wanderausstellung Roma Resistance entdecken Geschichten der Handlungsmacht, der Opposition und des Überlebens neu. You Are All Our Children in One stellt 1945 als chronologische Grenze infrage und fragt, wie künstlerische Praxis Erfahrungen adressieren kann, die in institutionellen Archiven ungenügend repräsentiert sind. Keiner dieser Ansätze schlägt vor, historische Forschung oder etablierte Gedenkpraktiken zu ersetzen. Vielmehr erweitern sie die Quellen, Akteur:innen und Wissensformen, mittels derer die Geschichte verstanden werden kann. An dieser Stelle wird die Zusammenarbeit zwischen ERIAC und Museen, Gedenkstätten und Archiven besonders bedeutsam, da sie die Sammlungen und die Expertise von Institutionen mit ERIACs transnationalem Netzwerk von Roma-Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Gemeinschaften verknüpft.

 

In einer Zeit, in der ausschließende Narrative einmal mehr in ganz Europa an Sichtbarkeit gewinnen, darf die Erinnerung nicht einfach als die Bewahrung etablierten Wissens über die Vergangenheit aufgefasst werden – sie betrifft auch die Bedingungen, unter denen Gesellschaften entscheiden, wessen Geschichten Teil ihrer gemeinsamen Erinnerung sind. Für Roma ist dies mit der Geschichte der Repräsentation untrennbar verbunden. Daher lautet die Frage nicht nur, ob Roma in der europäischen Erinnerungskultur sichtbar sind, sondern ob Roma an ihrer Produktion teilhaben.

 

 

Dr. Anna Mirga-Kruszelnicka ist eine polnisch-Roma Anthropologin, Wissenschaftlerin und Aktivistin. Seit dem 1. Januar 2026 ist sie geschäftsführende Direktorin des European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC), wo sie seit 2017 stellvertretende Direktorin war. 

 

Emese Molnár ist Soziologin, Kuratorin und Leiterin der kulturellen Programmierung beim European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC).